Die Popbeauftragte

Irgendwann im Oktober 2007 steuerte ich meinen Smart Richtung Münster. Im dortigen Prinzipalsaal bereitete sich Sarah Kuttner auf eine Lesung vor. Ich durfte sie vorher für den WAZ-„Mantel“ interviewen, für die Seite „Menschen“.

Wir trafen uns im sehr kleinen Künstler-Vorbereitungsraum des Prinzipalsaals, saßen gemeinsam nur bei Kerzenlicht auf der Couch, ich war – als ganz frischer Volo – etwas nervös. Einen Text habe ich doch noch hinbekommen.

Und zwar diesen hier am 27. Oktober 2007:

„Es klack, klack, klackt im Prinzipalsaal in Münster. In Schuhe mit hohen Absätzen hat Sarah Kuttner ihre kleinen Füße gepresst, die Zehennägel rot lackiert. In 45 Minuten wird sie hier aus ihrem aktuellen Buch „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ lesen. Sie setzt sich auf einen Stuhl auf der Bühne. „Ich hab‘ hier ganz viel Kram auf dem Tisch. Stört das? Bin ich auch zu sehen?“ Ja, ja, ja. Lichtprobe für die Queen des Schnellsprechens, für eine der umstrittensten Figuren der Popkultur.
Noch 40 Minuten. Probe vorbei. Sie ist die Sarah, siezen unmöglich. Die Zeit bis zum Auftritt verbringt die 28-Jährige in einem kleinen Zimmer in der ersten Etage, mit Blick auf den Saal. Säfte, Wasser, eine Dose Red Bull stehen auf einem Tisch. Sarah setzt sich auf eine Couch, kramt eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche. Vor 80 000 moderierte sie im August in Rostock das „Deine Stimme gegen Armut“-Konzert. In Münster werden’s 500, im Zimmer ist sie allein. Der Saal füllt sich, Sarahs Fans sind überwiegend unter 30. Ist sie, die 1,60 Meter kleine Plaudertasche, eine Leitfigur?

Sie zieht lang an ihrer Zigarette. „Ich hab‘ mir das nicht ausgesucht“, sagt sie. Bei Viva und MTV bestimmte die Sarah zwischen 2001 und 2006 die Trends der alternativen Jugend mit. Doch jetzt? „Ich bewege mich in einem musikalischen Dämmerschlaf.“ Die Ballade „Hey there Delilah“ von den Plain White T’s hörte sie neulich im Radio, kaufte sich den Song im Internet. Und stellte erst dann fest, dass er seit Wochen in den Charts ganz oben steht. Sarah ist im Moment raus aus dem Geschäft. Im August 2006 lief ihre eigene Show bei MTV aus. Sie hält sich außerhalb des Bildschirms fit. Auf Bühnen.

Denn trotz ihrer TV-Abstinenz ist sie populär. Pop. „Ich bin so Pop, wie man Pop sein kann. Und weniger indie als alle glauben.“ Indie heißt Independent, das steht für kreative Ausdrucksformen aller Art. Sarah kann kreativ reden. Schlagfertig quatschen, labern. Labern und labern und sabbeln und immer schnell, schneller, am schnellsten. Ist die Kamera aus oder liegt eine Etage zwischen dem Publikum und Sarah, überlegt sie, was sie sagt. Zieht an der nächsten Zigarette vor der Antwort. „Ich mache erst wieder TV, wenn ich glaube, dass es gut wird – ich bin da pingelig“, sagt sie. Sie taucht vergleichsweise selten auf. Zum Beispiel wenn es um ihr Buch geht.

Das ist kein Roman, sondern eine Kolumnensammlung. „Eine ganz gute S-Bahn- und Klo-Lektüre.“ Sagt Sarah selbst. Es geht um Mode, Musik, Menschen. Sie redet viel von Liebeskummer, von eigenen Erfahrungen – nennt aber keine Namen. Sie ist privat, aber nicht persönlich. Es bleibt oberflächlich, meist ohne Tiefsinn. Sie verstelle sich vor der Kamera nicht. Nur wenn es ihr persönlich schlecht ginge . . .

Schlecht kommt bei Sarah das Ruhrgebiet weg. „Liegt Mannheim dort? Mir ist das Ruhrgebiet egal.“ Am 30. Oktober liest sie in der Essener Zeche Carl und verschwindet schnell wieder. Zurück nach Berlin, in ihre Heimat. „Ich bin froh, dass wir die Loveparade abgegeben haben.“

Wir heißt Berlin. Geboren ist die Tochter des Radioreporters Jürgen Kuttner 1979 im Osten Berlins, in einem „intellektuell-alternativen Elternhaus“. Kolumnen über diese Zeit würde sie nicht hinbekommen. Weil sie sich nicht für eine Romanschreiberin hält. Und weil sie kaum noch Erinnerungen hat. Nur eine – an den Frühstückstisch einer Freundin. „Mir lief einmal“, erzählt sie, „vom Toast der Honig runter. Da habe ich gesagt: Der läuft nach Hamburg.“ Der Vater ihrer Freundin schaute böse. „Höchstens nach Dresden“, sagte er. – „Dabei haben die West-Fernsehen geguckt.“

Zu sehen ist sie erst einmal nicht. Aber ab 9. November zu hören – mit ihrem Vater in der Radiosendung „Kuttner und Kuttner“ im RBB. Die beiden reden übers Leben. Reden hat sie beliebt gemacht. Und unbeliebt. „50 Prozent finden mich top. Die andere Hälfte hasst mich aus Leidenschaft. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, habe es nie drauf angelegt. Ich bin nicht unanständig gekleidet, ich provoziere nicht bewusst.“
Noch fünf Minuten. Sie drückt die letzte Zigarette aus, setzt ihre Sarah-Öffentlichkeits-Popmine auf, klackt Richtung Bühne. Der Prinzipalsaal ist pickepackevoll. Bis auf den letzten Platz.

Spot an.“

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