27. Januar 2010. 6. Urlaubstag. Seattle. San Francisco.

Im Januar 2010 bereiste ich mit dem Rucksack die US-Westküste und sah mir Seattle im pazifischen Nordwesten sowie San Francisco und Los Angeles in Kalifornien an. Traumhaft! Ein Tagebuch führte ich nicht „live“, sondern „nur“ in einer Word-Datei. Deshalb sind diese Zeilen noch nirgendwo erschienen. Es war ein sehr intensiver zweieinhalbwöchiger Trip, da ich ohne meine Liebste, sondern ganz allein reisen musste und in dieser Zeit mein schwer kranker Onkel starb, 10.000 Kilometer entfernt.

Am 27. Januar 2011, meinem sechsten Reisetag, flog ich von Seattle nach San Francisco. Ich nannte diesen Eintrag „WITH OR WITHOUT FLOWERS IN MY HAIR“

Meine Fresse schwitze ich. So habe ich zuletzt im Jahrhundert-Sommer geschwitzt, als ich bei 40 Grad das VfL-Spiel gegen den HSV gesehen habe. Hammerhart. Dass das wirklich so hügelig ist in San Francisco. Ham-mer! Un-glaub-lich! Nein, ich singe noch nicht Scott McKenzie. Nicht heute. Ich will erzählen, wie die drei Kapitel meines heutigen Tages aussahen.

Kapitel 1. Die letzten Momente in Seattle.

usa_homepage24_tag2andivorspaceneedleAm frühen Morgen verschwindet die Skyline Seattles im Nebel, als ich gegen halbzehn in der Link Light Rail Richtung SeaTac-Airport sitze, mich frage, ob ich alles eingepackt habe und sehr traurig bin. Eine freundliche Stimme (nicht so mechanisch wie bei uns) sagt die einzelnen Haltestellen an, ein zweites Mal geht es quer durch Downtown (mit den ersten fünf Stationen kann ich nun sogar etwas anfangen) und dann durch Vororte wie „Mount Baker“, „Rainier Beach“, „Columbia City“ und „Othello“.

Viel abgewinnen kann ich diesen Flecken zwischen Straßenbahn und Freeway immer noch nicht, aber direkt an der A40 stehen ja auch nicht die schönsten Häuser Essens. Nach der „Tukwila International Boulevard Station“ sattele ich auf. „Next stop SeaTac-Airport“, sagt die junge Dame, „doors to my left.“ Ich gestehe, ein bisschen nervös, ja sogar angespannt zu sein. Bin ich pünktlich? Klappt alles mit dem Check-In? Was erwartet mich in San Francisco? Kann mich nicht erinnern, in Vietnam mit einem solchen Bauchgrummeln von Station zu Station gereist zu sein. Werd älter, ich sag’s ja.

Aber alles passt wunderbar, die Kontrollen hier in Seattle sind so viel entspannter als in Frankfurt. Anderthalb Stunden vor der geplanten Abflugzeit sitze ich (jetzt gerade) am Gate N1, blicke in die Sonne auf das „Alaska Airlines“-Schild (Alaska!!). Und im TV präsentiert Steve Jobs auf CNN gerade das „ipad“, die nächste Apple-Revolution. Wenn ich in fünf Jahren noch einmal dieses Tagebuch durchlese, lache ich vermutlich darüber und halte selbst ein solches Ding in der Hand, aber jetzt gerade ist’s eine große Nummer. Bild.de schreibt seit Tagen drüber, auch der Spiegel, wir und die anderen. Wie witzig, dass die Präsentation live in San Francisco stattfindet, die Stadt, in der ich in vier Stunden landen werde. Hätte ich ja fast noch arbeiten können, wenn ich das gewusst hätte.

Der Duft von Burger King steigt mir in die Nase, als ich noch ein letztes Mal über die Zeit hier in Seattle nachdenke. „Excellent“ habe ich auf die obligatorische „How are you?“-Frage am Vormittag geantwortet. Die Liebste hat sehr gefehlt. Hätte ich etwas anders entscheiden sollen? Ein anderer Hotel-Standort vielleicht? Nein, ich denke nicht. Für die Sehenswürdigkeiten gibt es kaum einen besseren Ort, obwohl – keine Frage – es sehr schwierig ist, in einer solchen Hotelkette coole Leute kennenzulernen. Abends ist auch tote Hose und Einheimische halten sich an der Space Needle, in den Museen, in Downtown, am Pioneer Square oder an der Waterfront auch nicht wirklich auf. Aber ich wollte das alles sehen, habe das auch geschafft, bin viel gelaufen. Und zu einem kleinen Abstecher ins In-Viertel Capitol Hill

hat es ja doch gereicht. Als zuweilen schissiger Alleinreisender bin ich sowieso nicht wirklich der Partygänger. Typfrage.

Der pazifische Nordwesten bietet so viele andere Typen als Florida. Hier ist es jung, mild und es gibt kein Disneyland, Springbreak in Fort Lauderdale oder die pralle Sonne in Miami Beach. In der Elliott Bay beträgt die Wassertemperatur das ganze Jahr über maximal zehn Grad. Baden ausgeschlossen. Witzig, dass ich ursprünglich überlegt habe, die zwei Wochen in Florida zu verbringen. Das wäre die falsche Entscheidung gewesen, definitiv. Seattle würde ich gern noch einmal wiedersehen. Vielleicht als Startpunkt einer Great-Lakes-Coast-to-Coast-Tour. Von Seattle dann nach Vancouver – und über die Rockies, den Lake Winnipeg, Lake Erie, Lake Michigan, Chicago und die Niagara Falls nach Montreal. Gern wäre ich auch zu den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver gereist. Die beginnen ja schon in drei Wochen. Und Seattle rüstet sich ein bisschen. Die Stadt will auch ein paar Touristen abgreifen, da Vancouver genauso weit von Seattle entfernt ist wie Frankfurt vom Ruhrgebiet. Aber die Stadt putzt sich nicht etwa besonders heraus. Hat sie auch nicht nötig. In der „Seattle Times“ (die jeden Morgen – Luxus – an meiner Türklinke hing) gab’s neulich einen Aufmacher, dass jeder Amerikaner seinen Reisepass mitnehmen muss, wenn er nach Kanada will. Mehr auch nicht.

Und jetzt werde ich vor dem Abflug meine Liebste anrufen, hab ich versprochen und will ich auch – und dann warten, bis die „Boarding Time“ beginnt. Im Flieger schaue ich mir die San-Francisco-Unterlagen an. Am Airport bin ich dann wieder nervös, angespannt, bekomme Bauchgrummeln. Wie ist das Einreiseverfahren, wenn ein Inland-Flug hinter mir liegt? Kommt mein dicker Rucksack an? Wie lange dauert das alles? Wie komme ich zu meinem Hostel?

Ach, das wird schon. Stelle gerade fest: „Werd älter“ trifft’s doch nicht so ganz. War’s einfach nur nicht mehr gewöhnt.

Kapitel 2. Flug.

„Warten, bis die „Boarding Time“ beginnt“, habe ich geschrieben. Und das war ein ziemlich langes Warten. Als ich mein Netbook gerade zugeklappt hatte, als ich gerade das erste Tages-Kapitel abgeschlossen hatte, meldete sich ein Mitarbeiter von „Alaska Airlines“ und sagte irgendetwas (nicht verstanden, schlechte Soundanlage). Auf jeden Fall änderte sich die „Boarding Time“ von „11.50 am“ auf „1.15 pm“. Super. Verlassen habe ich Seattle dann schließlich um 14.15 Uhr, 20 Minuten später sollte der Flieger eigentlich landen. Auf Sitzplatz 24A verbringe ich nun die 90 Minuten bis zur Ankunft. Wir fliegen über die komplette Westküste, das Wetter ist nach wie vor blendend, fast die ganze Zeit gibt’s die perfekte wolkenlose Aussicht auf Berge, Wasser und Wüste. Nur über San Francisco Downtown liegt leider eine Wolkendecke, so dass ich auf einen Blick auf die Golden Gate Bridge noch bis morgen werde warten müssen. Ziemlich genau 16 Uhr ist es, eine Stunde vor der Dämmerung, als ich erstmals in meinem Leben kalifornischen Boden betrete. Bis zur Gepäckausgabe, der „Baggage Claim“, ist es nicht weit, mein Rucksack kommt auch ruck, zuck – da muss ich jetzt nur noch auf die Einreisekontrolle und den Zoll warten.

Warten?

Nein! Bei Inlandsflügen gibt es keine Kontrollen. Das ist mir neu. Für Inlandsflüge gibt es scheinbar ein Extraterminal. Du holst deine Tasche ab und gehst raus, ohne einmal deinen Reisepass zu zeigen. Krassomat. Muss schon sagen, dieser Flughafen ist – trotz seiner Größe – perfekt organisiert. Zur Air-Train-Haltestelle geht’s drei Etagen nach oben, dann zwei Minuten bis zur Bahn-Haltestelle. Noch schnell 8,10 Dollar für eine Fahrt abdrücken (Meilen billiger als eine Taxifahrt) und rein ins BART.

Nicht Simpson. BART gleich Bahn.

Kapitel 3. San Francisco.

Ich merke schon jetzt, um 16.30 Uhr, dass ich heute nicht alt werde. Erstens werde ich erst eingecheckt haben, wenn es stockdunkel ist, zweitens war’s heute morgen früh. Schade, weil meine Zeit hier begrenzt ist, aber gegen meinen Körper gewinne ich nur selten. Nach der Abfahrt sehe ich aus dem Fenster, dass wir scheinbar durch South San Francisco düsen. „The Industrial City“ nennt sich dieser Stadtteil. Wir fahren noch an weniger perlenartigen Vororten wie „Daly City“ vorbei und die finsteren Bahnhöfe machen eher Angst als Mut. Als es dämmert, erreiche ich meine Zielstation „Powell Street Station“ direkt am Union Square im Zentrum von Downtown. Wow.

San Francisco. Flowers. Hair. Going. Direkt vor der Haltestelle hat eine Gang ihre Soundmachine aufgestellt und hüpft zu Hip-Hop-Beats. Eine Cable-Car hat gerade ihre End-Haltestelle erreicht. Ich bleibe stehen und staune.

Auch über die Berge der Stadt. Dass San Francisco hügelig ist, habe ich überall gelesen. In jedem Reiseführer steht das. Aber so hügelig? Das ist dann doch etwas sehr hart! Ich sattele 20 Kilo auf meinen fast 32 Jahre alten Rücken und laufe Block für Block ab. Das Stadtviertel „Union Square“ grenzt an das zwielichtigste Nuttenviertel San Franciscos, „The Tenderloin“. Gerade in Dämmerung und Dunkelheit, sagt selbst der Lonely Planet, sollte jeder Tourist hier besonders achtsam sein. Bin ich auch.

Ohne mich zu verlaufen und ohne ausgeraubt zu werden, klopfe ich in der Dunkelheit an die Tür des „Amsterdam Hostels“, wieder in einer Taylor Street. Ist so eine Lonely-Planet-Empfehlung. Auch für diese Entscheidung habe ich zu Hause ewig gebraucht. Wieder eine Kette – oder diesmal ein Hostel? Ich habe mich für die hippere Hostel-Gegend entschieden. Mal schauen, was hier so geht. Das Amsterdam Hostel hat jedenfalls, wie ich erfahre, eine Küche, ein TV-Raum, sogar einen „Movie Room“. Leider ist auch hier scheinbar nichts los. Ich höre gar nichts, als ich mein Zimmer betrete.

Und staune, als ich es sehe. Eigentlich dachte ich an „Shared WC“, aber ich habe ein Riesenbett, TV, Kühlschrank, Mikrowelle, Badezimmer, Toilette – für den gleichen Preis. Nebensaison, ich sag’s ja. Ich recke einmal kurz meine müden Knochen und trockne meine verschwitzte Haut und breche – obwohl es schwer fällt – noch einmal auf. Um am Geldautomaten erstmals ein paar Dollar zu ziehen, um ein bisschen was zu knabbern einzukaufen und um mich in der Union-Square-Gegend ein bisschen umzusehen. Naja, etwas essen muss ich auch noch. Eine amerikanische Pizza wird’s, wieder ist sie exzellent – hat aber viel Knoblauch geladen. Während ich langsam Stück für Stück verdrücke, senden CNN, ABC und Fox „The State of the Union“, Präsident Obamas jährliche Ansprache im Kapitol an die amerikanische Bevölkerung. Es ist seine erste. Egal, in welchen Laden ich schaue, ob in meinen eigenen oder die benachbarten. Hier interessiert sich niemand dafür. Nur ich. Komisch.

Den Tag beende ich schon um kurz nach 20 Uhr. Nein, ich gehe nicht in den Movie Room, in den TV-Raum. Ich sinke auf mein Bett, schaue Obama zu Ende und dann Serena Williams im Halbfinale der Australian Open und schlafe.

Morgen sehe ich Golden Gate. Yeah!!!

Aber erst morgen. Heute bin ich noch without flowers in my hair.

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