9. / 10. Tag – Von Seattle nach Mülheim – 17. / 18. November 2018

Am letzten Tag, ausgerechnet am letzten Tag, hält Seattle noch einmal wunderschönes Wetter für mich bereit, nachdem es gestern den ganzen Tag bewölkt war. Diesmal: blauer Himmel, Sonnenschein, schon am Vormittag elf Grad. Die Fernsicht dürfte perfekt sein – doch ich, ja ich muss diese Stadt, dieses Land ja verlassen, um 10 Uhr checke ich aus, verlasse mein Hotel Richtung Bahn-Haltestelle „Westlake Center“, das sind etwa zehn Minuten.

Und es geht zurück :-(

Und es geht zurück :-(

Aber wie ich gestern schon schrieb: Jetzt reicht es auch. Super Bowl im Februar, London im Oktober, jetzt die USA-Tour im November – ich habe meiner Familie viel, fast zu viel zugemutet in diesem Jahr; jetzt ist erst einmal Ruhe angesagt.

Während ich das schreibe, sitze ich am SeaTac-Airport (steht für Seattle-Tacoma-Airport) vor Gate S15 am Terminal für die internationalen Flüge. Die Reise vom Hotel bis zum Airport hat genauso lange gedauert wie der Fußweg von der Haltestelle bis zu S15…

Der letzte Blick auf Seattles Zentrum.

Der letzte Blick auf Seattles Zentrum.

In der Metro „Link Light Rail“ (so heißt die hier) Richtung „Angle Lake“ ging es vorbei an Rainier Beach, Othello, Columbia City, mit einem letzten Ausblick auf die Skyline der Stadt, inklusive Space Needle am Rand. Und ich blicke zurück auf neuneinhalb großartige Tage mit zwei wundervollen NFL-Spielen, Sonne in Santa Barbara und eben… Seattle.

Jetzt versuche ich zu schlafen; mein Körper hat 18 Uhr, in Deutschland ist‘s aber drei Uhr nachts. Aus Frankfurt melde ich mich nicht mehr. Ich werde zu müde sein. Deshalb: Vielen Dank fürs Mitlesen! Bis zum nächsten Tagebuch kann’s etwas dauern.

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8. Tag – Seattle – 16. November 2018

Ja, Ihr kennt das von meinen früheren Reise-Tagebüchern – deshalb schreibe ich auch diesmal den folgenden Satz: Letzte Tage sind immer scheiße…

… aber nicht in Seattle!

Pike Place Market - erster Gang des Tages.

Pike Place Market – erster Gang des Tages.

Okay, das ist natürlich nur die halbe Wahrheit – Seattle ist super und ich genieße jede Sekunde hier. Und doch schwindet mein Entdeckergeist spürbar, zumal ich die Höhepunkte der Reise hinter mir habe. Ich freue mich einfach nur, meine Familie in zwei Tagen wiederzusehen, neuneinhalb Tage Abwesenheit sind wirklich mehr als genug. Ist die letzte Reise dieser Art für eine lange Zeit; eine Steigerung ist beruflich nach diesem herausragenden NFL-Jahr ohnehin kaum noch möglich.

Und was natürlich immer nervt: der Online-Check-in für den Flug am nächsten Tag. Koffer packen. Früher schlafen gehen, um auf den Flug vorbereitet zu sein. Dazu die Grundnervosität, ob auch wirklich alles gut geht und pünktlich ist, denn ein über zehn Stunden dauernder Transatlantik-Flug ist nie komplett risikolos. Es nervt auch, die Termine für die Tage nach der Rückkehr im Hinterkopf durchzugehen. Am Sonntag kehre ich zurück, am Montag muss ich schon wieder in Essen sein; die Vorweihnachtszeit wird sowieso immer besonders stressig.

Frischer Fisch?

Frischer Fisch?

Letzte Tage sind eben immer scheiße.

*

Oft werde ich gefragt, warum ich gerade Seattle mag. Oder die Seahawks. Manchmal auch in umgekehrter Reihenfolge.

Ich weiß nicht genau, wann ich begonnen habe, mich mit dieser faszinierenden Stadt zu beschäftigen; natürlich kam es zuerst (wie bei allen Alternativen meiner Generation) Ende der 90er über den Grunge; über Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains, Soundgarden, die Bands meiner Oberstufen-Zeit zwischen 1994 und 1997. Smells like Teen Spirit, Alive, Black Hole Sun, Jeremy, In Bloom, Heart-Shaped Box, Nothingman und, und, und. Grunge, auch Seattle-Sound genannt. Irgendwann dann spielte Detlef Schrempf, Deutschlands Nowitzki-Vorgänger, für die Seattle Supersonics Basketball; was mir aber recht wenig bedeutete. Und dann war da noch Sam. Mit Sam und ein paar anderen stand ich Ende der 90er, Anfang der Nuller Jahre regelmäßig beim VfL Bochum in der Kurve; wir bildeten eine echte VfL-Clique. Sam, Amerikaner, wuchs bei einer Familie in Seattle auf und bei nahezu jeder Gelegenheit lobte er diese, seine Stadt. Erzählte von ihr, der Landschaft, den coolen Leuten.

LOL

LOL

Und dann hörte ich bei einer NFL-Übertragung im Vorfeld des Super Bowl XL im Jahr 2005, die Seattle Seahawks seien so etwas wie der VfL Bochum der NFL. Interessante Mannschaft in einer attraktiven Stadt, völlig verrückte Fans, gute Mannschaft – wird aber nie etwas gewinnen. Da begann ich mich, auch mit den Seahawks auseinanderzusetzen.

So weit die Ursprünge.

Im November, Dezember 2009, mein Volontariat hatte ich gerade beendet, bekam ich die Chance, als damals begeisterter Backpacker, 14 Tage meiner Zeit an irgendeinem Fleck der Welt zu verbringen; von den ersten Gehältern als Redakteur hatte ich etwas angespart. Und noch Rest-Urlaub für Ende Januar, Anfang Februar 2010. Zusätzlich eine noch frische Beziehung, die mich nicht hinderte, auf Reisen zu gehen. Ich entschied mich für die Westküste der USA, dort steckte noch kein Fähnchen auf meiner Korkwand-Landkarte.

Blick auf die Seattle Waterfront

Blick auf die Seattle Waterfront

Und vom ersten Moment stand fest: Ich beginne in Seattle. Scheiß auf San Diego, Las Vegas, Tijuana, den Yosemite Nationalpark, das Death Valley – da komme ich schon noch irgendwann hin, später im Leben. Seattle war sicher auf meinem Reiseplan, dazu sollten zwei andere Städte kommen; es wurden dann San Francisco und Los Angeles.

Ich will nun nicht die inzwischen fast neun Jahre alten Tagebuch-Einträge aus dem Archiv hervorkramen; doch so viel sei gesagt: Während meiner Vorbereitung auf die Reise fand ich Seattle schon so geil, dass ich nicht mehr ganz neutral den SeaTac-Airport verließ, als ich dort angekommen war.

Die „Gum Wall“

Die „Gum Wall“

Es brauchte nur ein paar Momente, damit aus meiner extremen Vorfreude Verliebtheit wurde. Ausführlich will ich hier nicht werden, meine Seite ist ja kein Reiseführer. Ich verliebte mich zuerst in das Stadtbild, und der erste Eindruck ist ja nicht der Unwichtigste. Der Puget Sound liegt auf der einen Seite, die Seen Lake Union und Lake Washington auf der anderen. Wasser mag ich. Die Space Needle hat als Wahrzeichen höchsten Wiedererkennungswert – doch wirkt die Stadt nicht zu metropolig, sondern auch niedlich. Individuell, ohne aufdringlich zu sein; hat ja auch „nur“ 720 000 Einwohner. Am Horizont thront dann auch noch Mount Rainier in den Cascades mit seinen vielen Skigebieten. Vancouver in Kanada ist nur etwa 150 Kilometer weit weg – noch eine Stadt, die bei der Wahl zur „lebenswertesten Stadt der Welt“ nie ganz schlecht abschneidet.

Ein Museumstyp bin ich ja nicht, aber das „Experience Music Project“, heute „Museum of Pop Culture“ genannt, ursprünglich konzipiert als Jimi-Hendrix-Museum (ich vergaß zu erwähnen, dass der auch aus Seattle stammt) fand ich auch klasse. Welche andere Stadt in den USA beschäftigt sich so wissenschaftlich mit Rockmusik? Und dann – hauptsächlich – die Menschen. Seattle ist so herrlich unaufgeregt, freundlich, tolerant, liberal, politisch, regenbogenfarbig – was ich schon 2010 in so vielen Stadtvierteln erfuhr, vor allem im jungen „Capitol Hill“ als Zentrum der LGBT-Szene. Die Szene muss sich aber dort nicht etwa abschotten, Aufrufe gegen Hass hängen in jedem Metro-Waggon. 2010 schlenderte ich einen Nachmittag durch Capitol Hill mit dem Campus der University of Washington, weil ich die Zeit hatte, die mir jetzt fehlt. Von Touristen überlaufen war Seattle nie; und wer hierher kommt, entscheidet sich bewusst dafür und nimmt es nicht einfach nur mit, wie es in Kalifornien so oft passiert.

CenturyLink Field - Riesenrad-Sicht.

CenturyLink Field – Riesenrad-Sicht.

Ich schloss Seattle in mein Herz – und dann war auch noch Pete Carroll ab 2010 neuer Headcoach der Seahawks. Die Ergebnisse der Seahawks hatte ich mir immer schon angeschaut seit 2005, mich dazu je nach Bundesliga-Spielplan mit NFL-Football mal mehr, mal weniger beschäftigt; zu NFL-Europe-Zeiten war ich jedenfalls auch mal im Stadion. Doch kurz nach meiner Reise begannen die Seahawks auch noch, gut zu spielen. Die „Legion of Boom“ mit Richard Sherman, Kam Chancellor, Earl Thomas, guter Defense-Football, dazu Zauberer Russell Wilson als Quarterback und ein Runningback spitznamens „Beastmode“, ja, das packte mich richtig, auch wenn ich wegen meiner Verpflichtung als Schalke-Online-Reporter und ohne TV-Übertragung in Deutschland zwischendurch auch mal gar nicht gucken konnte und die NFL auch mal links liegen ließ. Doch zuerst kam der Super Bowl im Februar 2014, dann fast genau ein Jahr später der versaute mit dem miesen Pass-Playcall kurz vor Schluss… SEA! HAWKS!

Aus all diesen Gründen ist Seattle aus meinem Leben kaum wegzudenken. Und die App der „Seattle Times“ öffne ich täglich. Auch wenn es nur um Verkehrsprobleme und Baustellen auf dem Interstate 5 geht.

*

Riesenrad-Sicht: Skyline mit Space Needle (l.).

Riesenrad-Sicht: Skyline mit Space Needle (l.).

Diesmal bleibt mir nur ein halber Tag, um meine Seattle-Liebe noch etwas auszubauen – siehe oben: ausschlafen, da es gestern etwas länger gedauert hat, Koffer packen, früh schlafen gehen…

Ich entscheide mich für einen Spaziergang zum „Pike Place Market“, jaaaaa, der gehört doch immer dazu bei einem Seattle-Besuch. Im Ohr: Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden, Alice in Chains, die Foo Fighters mit Ex-Nirvana-Drummer Dave Grohl. Seattle eben. Auch das gehört dazu. Der Pike Place Market ist Seattles meistbesuchte Attraktion (weil: kostenfrei), noch vor der etwas außerhalb liegenden Space Needle. Seit 1907 wird dort auf vielen verschiedenen, verschachtelten Ebenen allerlei Nippes angeboten – und dazu noch frisches Obst, frisches Gemüse und viel mehr frischer Fisch von den Farmern und Fischern der Region. Dafür war dieser Markt vor über 110 Jahren gedacht.

Gegenüber des Haupteingangs liegt dann auch noch der allererste „Starbucks“-Laden, was dieses Market-Viertel erst recht zur Attraktion für die Stadtbesucher macht. Die Schlange dort ist so lang, dass ich mich nicht für Souvenirs oder ein Getränk anstelle. Nicht, wenn mir nur ein halber Tag bleibt… (sorry, Tanja) …

Über den Dächern der Stadt.

Über den Dächern der Stadt.

Mein zweiter Weg an diesem bewölkten, regendrohenden Tag, führt mich bei neun Grad und leichtem Wind 15 Minuten weiter zum touristischen Teil der Seattle Waterfront. Das dort vorzufindende Seattle Aquarium habe ich mir 2010 schon angeschaut, eine erneute Hafenrundfahrt schenke ich mir diesmal ebenfalls. 30 Dollar für eine Stunde auf einem Schiff finde ich zu happig, die Space Needle war schon so teuer.

Dann lieber 14 Dollar für das „Seattle Great Wheel“ ausgeben. Das verschönert die Skyline seit 2012 und erinnert extrem an das „London Eye“ an der Themse: ein Riesenrad in exponierter Lage am Wasser. Ich drehe meine Rad-Runden, sehe das CenturyLink Field aus der Ferne, die Space Needle lugt zwischen den Hochhäusern der Stadt hervor, ich knipse so viel und schnell wie Austin Powers als Model-Fotograf im zweiten Teil dieser Trilogie, die ich auswendig kann. Und doch kriege ich „Koffer packen“, „Transatlantik-Flug“ und „Montag arbeiten“ nicht aus dem Schädel. Oh behave.

Nach einem interessanten, aber nicht übermäßig sensationellen Riesenrad-Erlebnis laufe ich noch zur „Gum Wall“. Seattle geht mit Kaugummis recht pragmatisch um und bittet, sie an eine Wand in der Nähe des „Pike Place Market“ zu kleben. Gum Wall eben; kurios.

Ich spaziere noch die 1st, 2nd und 3rd Avenue etwas auf und ab, lande im historischen Viertel „Pioneer Square“. Das ist das ursprüngliche Seattle, hier siedelten die ersten Einwohner. Trinke hier einen Kaffee, da einen Latte Macchiato, lausche den Menschen. Irgendwann gegen 16.15 Uhr dämmert es schon wieder, ich muss doch noch Souvenirs kaufen!

Motto.

Motto.

Jetzt ist es 21.30 Uhr und ich muss gleich schlafen. Ich habe noch einige Momente auf dem Dach meines Hotels verbracht. Da stehen viele Sofas und jeder Hotelgast hat einen tollen Blick auf den Stadtteil Belltown (benannt nach der „Bell Street“, an der auch das Hotel liegt), Downtown und das International District.

Und wie schon in Los Angeles bleiben am Ende meine Erkenntnisse des halben Seattle-Tages:

1. Love Seattle.

2. Bei allem Lob will ich aber nicht verschweigen, dass es sich bei Seattle natürlich immer noch um eine Stadt in den USA handelt – und Probleme wie Obdachlosigkeit und Armut auch um den pazifischen Nordwesten keinen Bogen machen. Vor allem, da die Mieten durch den Start-up-Boom zuletzt offenbar explodiert sind; auch die Seattle Times berichtet stets davon, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird. Aber bei lediglich knapp drei Prozent Arbeitslosigkeit ist dieses Problem überschaubarer als in allen anderen Metropolen der USA – und auch in der Dunkelheit ist es nicht außergewöhnlich gefährlich in Nebenstraßen.

3. Die üblichen Fressketten machen um Seattles Kern einen großen Bogen, wenn ich das korrekt beobachtet habe. Pizza Hut (gerade bei Google Maps nachgeschaut, weil ich gestern einen Stand im Stadion gesehen habe) gibt’s erst 6,5 Kilometer außerhalb des Zentrums; ich habe nur einen McDonalds-Laden gesehen (der nicht übermäßig voll war), aber keinen Burger King oder etwa KFC. Okay, eine Kette ist dann doch omnipräsent, und zwar Starbucks. Aber wenn die in Seattle nicht omnipräsent wäre, würde ja etwas falsch laufen, denn Starbucks (keine Ahnung, ob ich das schon erwähnt habe) hat ebenfalls seinen Hauptsitz hier.

Ältestes Viertel: Pioneer Square.

Ältestes Viertel: Pioneer Square.

4. Im Gegensatz zu L.A., wo sich offensichtlich kaum jemand für die NFL-Teams der Stadt interessiert, ist hier gefühlt jeder Dritte ein Seahawk – heißt: trägt Fan-Utensilien oder hat welche im Fenster hängen. Erinnert mich sehr an Gelsenkirchen, wo auch viele Häuser königsblau geflaggt ist und sich die Stadt sehr mit der Mannschaft identifiziert.

5. Interessanterweise gehören Fanartikel des Fußballteams „Seattle Sounders“ (waren 2016 Meister) auch zum Repertoire ALLER Souvenir-Läden. Und ich habe einige Leute mit Sounders-Hoodie gesehen.

6. Ich werde zurückkehren! Es gibt noch so viel zu sehen hier, vor allem die Landschaft um Seattle herum. Das ist mein nächstes Ziel.

7. Go Hawks.

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7. Tag – Seattle – 15. November 2018

Ich habe die Seahawks im CenturyLink Field siegen sehen – gegen Aaron Rodgers, einen der besten Quarterbacks der Football-Geschichte.

Schöner hätte ich den Tag nicht träumen können.

*

Ich erwache früh, kein Wunder, dass ich nicht so hammermäßig geschlafen habe – bei dem Ereignis, das heute vor mir liegt… Ich schmeiße schnell ein Starbucks-Kaffeepad in die Maschine in meinem Zimmer, trinke zwei Tassen, duschen, anziehen und raus, raus, raus; die Uhr schlägt gerade halb zehn. Um 14.30 Uhr muss ich in der Südwest-Ecke des CenturyLink Field meine Karte abholen, ich will zum Stadion laufen (ganz einfach, nur 35 Minuten die 3rd Avenue entlang) – also: 13.30 Uhr los.

Space Needle - im Januar 2010 (r.) und knapp neun Jahre später (l.).

Im Januar 2010 (r.) und knapp neun Jahre später.

Mit einem in einem Mini-Supermarkt erworbenen kleinen Frühstück in der Hand – Schokodonut, belegtes Brot mit Schinken und Cheddar-Käse, Cola Zero, 0,5 Liter – mache ich mich auf den Weg zur Space Needle. Ich will auch diesmal einmal über meine Stadt schauen. Die Sonne scheint, gut möglich, dass die Fernsicht ganz okay ist. Auf dem Fußweg durch mein Viertel „Belltown“ muss ich an das Lufthansa-Magazin denken, das ich beim Hinflug noch las. In der großen Aufmacher-Reportage geht es um … tataaa… Seattle. Tenor des Textes: Die Stadt boomt zum zweiten Start-up-Silicon-Valley und behält doch den coolen, hippen Punk-Charme – im Gegensatz zum „echten“ Silicon Valley in der Nähe von San Francisco, das inzwischen weder besonders cool oder hip noch etwa persönlich oder bezahlbar sei. Amazon und Microsoft haben in Seattle oder Umgebung ihren Hauptsitz.

Die Space Needle.

Die Space Needle.

Auf dem Weg zur Space Needle im „Seattle Center“ am Rande des Wohnviertels „Lower Queen Anne“ – aufgebaut zur Weltausstellung 1962 – fallen mir Dutzende „Cheeseheads“ auf. So werden die reiselustigen Fans der Green Bay Packers aus dem Bundesstaat Wisconsin genannt. Würden sie die „Toten Hosen“ kennen, wäre „Auswärtsspiel“ ihr Lieblingslied. Denn sie sind auswärts so erfolgreich wie der VfL Bochum in der Abstiegssaison unter Ralf Zumdick. Vier Spiele, vier Niederlagen – und das trotz Aaron Rodgers.

30,50 Dollar kostet der Eintritt inzwischen, puh, aber okay, bin ja nicht jede Woche hier. Zusammenfassen will ich die Momente auf der Space Needle nicht, jeder empfindet jedes Reiseerlebnis ohnehin extrem individuell. So viel: Es fühlt sich verdammt gut an, auf meine Stadt zu schauen. Ja, meine Stadt, so weit gehe ich inzwischen. Bestimmt fünfmal umrunde ich das Außendeck, um fast jedes Haus einzeln zu entdecken. So richtig überragend ist die Fernsicht leider nicht; der Stadt-Berg bzw. Stadt-Schichtvulkan (so ist es geologisch richtig) Mount Rainier ist am Horizont durch Nebel verdeckt. Schwamm drüber, muss ich leider noch einmal wiederkommen.

Blick über Seattle mit Puget Sound.

Blick über Seattle mit Puget Sound.

Ich spaziere ein wenig über den Campus des Seattle Center, schlendere über die Wiesen, an den Museen vorbei, die ich bei meinem ersten Besuch hier im Januar 2010 besuchte. Ich sehe der Monorail-Bahn zu, die mich immer an eine Simpsons-Folge erinnert, in der Homer sich als Monorail-Fahrer bewirbt, das Konzept in Springfield aber scheitert und Homer die Stadt vor einer Katastrophe retten muss. Ich schenke sie mir diesmal, eine Fahrt (die zwei Minuten dauert) kostet inzwischen 2,25 Dollar. Muss ja nicht sein.

Die Key Arena auf dem Gelände des Seattle Center wird bald plattgemacht und neu gebaut – um dann ein NHL-Team hier unterzubringen. Nach Profi-Football mit den Seahawks, Profi-Baseball mit den Seattle Mariners, Profi-Fußball mit den Seattle Sounders und College-Sport aller Art mit den Washington Huskies endlich auch Eishockey in dieser sportverrückten Stadt. Und über eine Rückkehr der Basketball-Liga NBA wird auch schon diskutiert.

CenturyLink Field am Tag.

CenturyLink Field am Tag.

Ich schweife ab. Denn inzwischen ist es Zeit dafür, die Space-Needle-Kluft gegen ein Hemd und einen seriösen Schal zu tauschen. Ist ja ein Feiertag.

*

13.40 Uhr, schick bin ich. Und lasse mich über die 3rd Avenue treiben. Vorbei an großen Kaufhäusern wie Macys oder Target, vielen kleinen Bars, Pubs, Restaurants. Je näher das Stadion rückt, desto mehr Seahawks- und Packers-Fans schlendern ebenso gemütlich wie ich.

14.20 Uhr, 2:55 Stunden vor dem Kick-off sind die Stadiontore noch geschlossen. Voll ist es schon, um eine kleine Bühne auf Vorplatz sammeln sich besonders viele Fans. „SEA! HAWKS!“- und „GO PACK GO!“-Sprechchöre wechseln sich ab. Ich sehe: Auf dieser Bühne sitzen die vier Moderatoren und Experten von Fox. „Thursday Night Football“ ist in den USA etwas ganz Besonderes. An der Ostküste, die für diese Übertragung maßgeblich ist, beginnt das Spiel zur Prime Time um 20.15 Uhr. Eine überragende Einschaltquote ist garantiert. Die Seahawks haben in der Ära von Quarterback Russell Wilson eine phänomenale Bilanz an Donnerstagen: 11:2.

Drin!

Drin!

Zunächst gehe ich zum falschen „Will-Call“-Schalter, im zweiten Versuch habe ich Glück. Karte abholen, Taschenkontrolle – und: REIN! CenturyLink Field; eins der drei lautesten Stadien der NFL. 72.000 Plätze, zwei riesengroße, überdachte Flügel mit drei Rängen, unüberdachte Tribünen an den Längsseiten. Alles sehr eng. Legendär.

Im Bauch der Arena befindet sich kein Rundlauf – wie zum Beispiel auf Schalke, sondern eine große, überdachte „Halle“ mit Zugang zum Fan-Shop und endlos vielen Fressständen. Ich suche „meinen“ Eingang zum Medienbereich, es geht ab in den Fahrstuhl und hoch unters Dach. Zweieinhalb Stunden verbleiben noch bis zum Kick-off.

Duell des Tages.

Duell des Tages.

Auch hier muss ich feststellen: Die Presseplätze befinden sich nicht unter freiem Himmel auf der Tribüne, sondern mit Dach überm Kopp hinter Fensterglas. „Press Box“ ist auch in diesem Fall wörtlich zu nehmen und in der NFL offenbar Regel und nicht Ausnahme. Hintergrund ist zum Beispiel, dass die Ergebnisse der komplizierten Spielzüge in der „Press Box“ per Mikrofon verkündet werden (Beispiel, übersetzt: „20-Yard-Pass von Wilson auf Baldwin zum First Down, Tackle von x, assistiert von y.“), was jeder verstehen soll. Auch der Blick auf die zahlreichen Bildschirme soll nicht gestört werden. Schade, dass dann von der Atmosphäre im Stadion ein wenig verloren geht. Ich sitze aber in Reihe eins.

Die Hawks kommen!

Die Hawks kommen!

Mit Ausnahme einer kurzen Esspause bleibe ich auf meinem Stuhl sitzen. Schaue ein wenig in das Stadionmagazin, studiere das Packers-Roster (das der Seahawks kenne ich inzwischen); auch in Seattle füllt sich das Stadion extrem gemächlich. Ab etwa 20, 25 Minuten vor dem Kick-off beginnt das Rahmenprogramm in der Dämmerung des pazifischen Nordwestens mit Blick auf die Skyline der Stadt – und erst jetzt kommen die Fans ins Stadion. Ein dressierter Seeadler dreht seine Runde im Stadion, ein 91-jähriger Weltkriegs-Veteran (auch hier ist Salute-to-Service-Spieltag) darf die Fahne der Seahawks-Fans mit einer „12“ (steht für den zwölften Mann, genannt „Twelves“) hissen, mit Pyro-Show betritt die Mannschaft das Spielfeld – und dann geht‘s mit (wie immer) Nationalhymne und Münzwurf („Coin Toss“) rein.

Das Spiel wird der nächste Thriller, wie schon vor vier Tagen im L.A. Coliseum. Gleich beim allerallerersten Spielzug nach vier gespielten Sekunden rutscht Runningback Chris Carson nach einem Tackle der Ball aus der Hand – ist ihm noch nie passiert. FUMBLE! Die Packers-Defense erobert den Ball, nur eine Minute später läuft Aaron Jones in die Endzone. Touchdown. 7:0 Packers. Schockstarre bei den Hawks-Fans unter den 69.000 Anwesenden. Es sind nur „Go Pack Go!“-Rufe zu vernehmen.

Nationalhymne!

Nationalhymne!

Wilson bleibt geschockt, versemmelt die ersten drei Spielzüge. Ballbesitz-Wechsel. Rodgers startet überragend, die Packers kommen zu einem Field-Goal-Versuch. Gerade einmal vier Minuten sind da gespielt. Mason Crosby setzt den Schuss neben die Stangen, hätte das 10:0 sein müssen. Glück gehabt. Wieder Ballbesitz Seahawks. Wilson sieht in der Endzone den ganz freistehenden Doug Baldwin, wirft den Ball aber weit über ihn hinweg. Unglaublicher Fehler; Kopfschütteln bei allen. „Nur“ ein Field Goal von Janikowski, 3:7 noch.

Doch Rodgers bleibt in traumhafter Form. Einen magischen 54-Yards-Hammer fängt Davante Adams in der Seahawks-Endzone, innerhalb von Sekunden ist die Menge ganz, ganz still. 14:3 für die Green Bay Packers nach etwa zehn Minuten – und NICHTS geht bei den Seahawks. Die Form ist schlecht, die Playcalls passen nicht, die Fehler sind vermeidbar. Jeder im Stadion merkt das, es wird leiser und leiser.

Klare Aufforderung!

Klare Aufforderung!

Erst im zweiten Quarter bessert sich die Form. Wilson führt die Seahawks erstmals langsam nach vorn, findet Baldwin in der Endzone – Touchdown zum 10:14. Endlich kann die Hawks-Defense danach einmal Rodgers stoppen, erneuter Ballbesitz. Carson läuft in die Endzone – Touchdown zum 17:14. Hoppla, auf einmal eine Führung. Das hatte sich lange nicht abgezeichnet. Doch es gibt ja noch Rodgers; der wirft den Ball in die Arme von Jones – 21:17 für die Packers zur Pause. Verdient.

Ich muss mich bei so vielen Ereignissen erst einmal schütteln, gönne mir einen Hot Dog, doch die Wege sind so weit, dass es direkt weitergeht, als ich zum Platz zurückkehre.

Vor dem entscheidenden Touchdown.

Vor dem entscheidenden Touchdown.

Und nach so vielen Highlights in der ersten Hälfte wird die zweite von den Abwehrreihen dominiert. Die Seahawks bringen Rodgers insgesamt fünfmal zu Fall („Sack“ nennt sich das), die Packers Wilson zweimal – nach schon einem Sack vor der Pause. Oft müssen die Angriffsreihen nach nur drei Spielzügen wieder runter vom Feld („Three and out“). Der deutsche NFL-Profi EQ St. Brown fällt bei den Packers kaum auf.

Das dritte Quarter endet – unerwartet – 0:0, es bleibt beim 21:17 für die Packers. Es folgen zwei Field Goals, zunächst für die Seahawks (Janikowski zum 20:21), dann für die Packers (Crosby zum 24:20). Viertes Quarter, Crunchtime, die Entscheidung naht. Und kaum ein Quarterback ist so nervenstark in der Schlussphase wie Russell Wilson.

Und das bestätigt er auch diesmal. Mit zwei Superpässen auf Tyler Lockett führt er die Hawks kurz vor die Packers-Endzone, dann überwindet er mit einem Pass durch die Mitte auf Ed Dickson die Blitz-Verteidigung – Touchdown! 27:24, sechs Minuten vor Schluss.

Wie wird Rodgers reagieren? Nach drei durchschnittlichen Versuchen sind noch zwei Yards für ein neues First Down zu überwinden, „4th and two“ wird in der „Press Box“ verkündet; die Packers stehen aber noch in der eigenen Hälfte, 4:20 Minuten vor Schluss. Rodgers und Packers-Coach McCarthy diskutieren: den riskanten vierten Versuch wagen oder den Seahawks den Ball per Punt schenken? Es gibt einen Punt, eine Entscheidung, die McCarthy sicher gut wird begründen müssen.

Doug Baldwin in der Kabine.

Doug Baldwin in der Kabine.

Denn das Zeitmanagement der Seahawks ist großartig. Sie geben den Ball nicht mehr her. Gewonnen! 27:24! Feuerwerk!

*

Ich packe meine Sachen zusammen und stelle fest: Ich kehre mit so vielen NFL-Reportagen aus den Staaten zurück, nur geht es leider in keiner um die Seattle Seahawks. Die Hawks haben mit fünf Siegen und fünf Niederlagen nur noch vage Play-off-Hoffnungen, die Saison läuft nicht deutlich schlechter oder deutlich besser als erwartet. Jetzt mal nüchtern formuliert.

Durch die Katakomben des großen Stadions bewege ich mich wie eine Ameise, die am LAX von Terminal 1 zu Terminal 7 will. Ich lande in der riesengroßen Kabine der Seahawks und in der kreisligakleinen der Packers; bassbetonte Musik überall, die Stimmung aber höchst verschieden, natürlich. Ich verfolge die Pressekonferenzen, notiere alles für meine Geschichten, die in den kommenden Wochen folgen – will ja nicht jeder jeden Tag was über die NFL lesen im Ruhrgebiet.

CenturyLink Field in der Nacht.

CenturyLink Field in der Nacht.

Gegen 21 Uhr ist dann leider wirklich alles gesagt und erledigt. Die Zugänge zu den einzelnen Blöcken des Stadions sind längst abgesperrt, die Kollegen verschwinden allmählich – und ich dann auch. Natürlich kann ich mir vornehmen, noch einmal ein Spiel im CenturyLink Field zu verfolgen, und doch weiß ich: Das wird schwierig. Ich atme ein, aus – und spaziere dann in der Dunkelheit über die 3rd Avenue Richtung Hotel und in die Nacht. Wow.

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6. Tag – Mit dem „Coast Starlight“ nach Seattle – 14. November 2018

Als ich aufwache geht gerade die Sonne auf in Oregon.

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Der Upper Klamath Lake in Oregon.

Der Upper Klamath Lake in Oregon.

Ich könnte ganze Seiten vollschreiben oder auch nicht. Ich könnte Euch vorschwärmen, wie schön das hier ist, oder einfach nur schweigen. Es passiert eigentlich nichts, da ich nur im Zug sitze, und doch sehr viel, weil ich die Faszination der ganzen Pazifikküste aufsaugen kann.

*

Geschlafen habe ich angesichts der schwierigen Bedingungen ganz ordentlich, nicht mehr, aber auch nicht weniger, danke der Nachfrage. Meine Film-Wahl fiel auf „Interstellar“, siehe Blog-Eintrag zum zweiten Tag, ich wollte nicht bis zum Rückflug warten.

Da bin ich aufgewacht.

Da bin ich aufgewacht.

Doch schon nach 25 Minuten war klar: Das wird nichts mehr – so wie mit dem 49ers/Giants-Spiel in Santa Barbara. Sofort rumdrehen, schlafen, um drei Uhr wachwerden, anziehen, Treppe runter, auf Toilette gehen, zurück, ausziehen, Schlafklamotten an, weiterratzen. Sehr kompliziert. Um kurz vor sechs war dann aber Schluss mit Schlaf – passend zum Sonnenaufgang um 6.15 Uhr.

Oregon Coast Range

Oregon Coast Range

Wir haben gerade Dunsmuir hinter uns gelassen, unseren letzte Haltepunkt in Kalifornien, und die Bundesgrenze zu Oregon überschritten. Es geht in die Trinity Mountains auf eine Höhe von 1000 bis 1500 Meter, einige Berggipfel am Horizont sind von Schnee überdeckt und mir wird bewusst: Ich fahre vom Sommer in den Spätherbst. Schnell krame ich aus dem Koffer meinen Hoodie hervor.

Beim Frühstück entscheide ich mich für das „Continental Breakfast“ mit Special-K-Cornflakes, einem großen Croissant, Kaffee, griechischem Joghurt und eine Schale mit frischem Obst. Ich muss aber regelmäßig aus dem Fenster sehen. Auf die Wälder, die Kühe am Wegesrand, auch mal einen bei einem früheren Waldbrand zerstörten Abhang.

Der Bahnhof von Portland, der Hauptstadt des Bundesstaates Oregon.

Der Bahnhof von Portland, Oregon.

In Klamath Falls, beim nächsten Halt, will ich mir kurz die Füße vertreten. Ganz theatralisch, um den Boden Oregons zu betreten und einen Bundesstaat-Punkt zu sammeln, aber auch, um endlich frische Luft zu schnappen. Frische, amerikanische Bergluft nach der Lungenzerstörung in Santa Monica. Ich steige aus und … und … kippe fast um. Alter! Kalt! Gerade einmal ein Grad sind’s hier, nach zwei Minuten steige ich wieder ein.

*

Wie gestern bereits angedeutet, ist diese Fahrt herrlich geeignet, um mit Amerikanern ins Gespräch zu kommen. Vor allem beim Essen.

Beim Abendessen saß ich mit einem Familienvater und seinen beiden Kids an einem Tisch, die Legoland in San Diego besucht haben und nun nach Hause Richtung Portland, Oregon, düsen. Vorgestellt haben sie sich, die Namen habe ich mir aber nicht gemerkt. Shit. Auch er kam schnell aufs Thema Politik – europäische Armee, Merkel, Macron, Trump. Auch er: ein strammer Trump-Gegner. Hätte mich gern länger mit ihm unterhalten, doch nachdem die Kids ihren Teller mit Pasta beiseite geschoben hatten und anfangen wollten, den Tisch zu bemalen, zog er von dannen.

Zug Nr. 14!

Zug Nr. 14!

Wo sind denn hier die Trump-Wähler? Einen finde ich am Tag darauf beim Frühstück. Ich sitze einem Pärchen gegenüber, beide 79 Jahre alt. Schnell erfahre ich die Lebensgeschichte, sie wohnen fünf Stunden Autofahrt westlich von Eugene, Oregon, entfernt, im Bundesstaat Idaho. Fünf Stunden, das ist einmal Mülheim/Augsburg, nur hier völlig normal. In ihrem Kleinstädtchen, sagen sie, liegen zehn Zentimeter Schnee, sie zeigen mir Bilder.

Beide finden meine Geschichte ganz wunderbar, ein junger Mann, ein Deutscher, und dann noch im Zug! Gibt‘s ja gar nicht. Aber auch sie interessieren sich sehr für Politik – sage noch einer, die Amerikaner wollen nichts darüber hören oder wären nur oberflächlich.

Der Fahrplan!

Der Fahrplan!

„Wir sind da unterschiedlicher Meinung“, sagt Mary und zeigt auf ihren Mann Bob, der nicht mehr so gut hören kann. „Gut, er müsste häufiger seinen Mund halten und sich bei Twitter abmelden – aber er ist ein Macher! Er packt die Dinge an!“, sagt Bob und nickt zufrieden, während Mary den Kopf schüttelt. Bob hinterfragt nichts von dem, was Trump tut, getan hat – und ich fange damit auch nicht an.

Am Ende schenkt er mir eine sehr seltene Zwei-Dollar-Banknote. „Hüte die gut“, sagt Bob und verabschiedet sich. Ich stehe ebenfalls auf und treffe auf dem Rückweg zu meinem „Roomette“ das Pärchen von gestern, die ich nach dem Namen fragen wollte. Sie fragen mich, ob ich mit Ihnen frühstücken möchte.

*

Was sind eigentlich die Highlights dieser Tour? Drei will ich nennen.

Da ist die Fahrt an der Pazifikküste entlang – etwa von Los Angeles drei Stunden bis San Luis Obispo. Und selbst, wer auf der „falschen“ Seite des Zuges sitzt – es gibt Panoramawagen, die Lounge oder das „Dining Car“, da ist immer was frei.

Da ist der Upper Klamath Lake, kurz hinter Klamath Falls in Oregon, der zum ersten Mal mit der kalifornischen Küste und später der Ödnis bricht.

Und da sind die Oregon Coast Range, eine Gebirgskette – nahezu ohne Straße, nur mit Schienen.

*

Doch jetzt, 300 Kilometer vor Seattle, wird es zäh, öde, langweilig, bäh – bei den Mahlzeiten habe ich auch keine Lust mehr, irgendwen kennenzulernen. Allen geht das so. Ich will mich bewegen, laut iPhone waren es bisher 600 Schritte heute statt sonst 5.000 bis 7.000 am Tag – oder 25.000 wie in L.A.. Stattdessen schließe ich die Tür zu meinem Mini-Abteil, schließe die Vorhänge, nee, will jetzt keinen sehen.

Der erste Blick in Seattle!

Der erste Blick in Seattle!

31 Stunden auf vier Quadratmetern, kein TV-Gerät, extrem wackeliges Internet (im Oregon Coast Range mal drei Stunden gar keins, nicht einmal Netz), gleiches Essen, Buch schon gelesen – ich hab mir sogar doch noch „Interstellar“ angeschaut, der dauert ja knapp drei Stunden. Doch danach waren immer noch fünf Stunden zu fahren – einmal Mülheim / München bitte.

Ich will jetzt einfach nur noch raus.

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Jetzt sitze ich schon in meinem Hotelzimmer im „Belltown Inn“, benannt nach dem Stadtteil, in dem ich mich untergebracht habe. Um 19.25 Uhr erreichten wir den Hauptbahnhof Seattles, die „King Street Station“ – und das 31 Minuten ZU FRÜH! ZU FRÜH! Stellt Euch das mal vor; undenkbar in Deutschland…

Vom Bahnsteig konnte ich einen Blick auf das Stadion der Seahawks erhaschen, das „CenturyLink Field“, das ich morgen endlich von innen sehen werde. Entschädigt für die Langeweile der letzten Stunden im Zug!

Für 9,20 Dollar ging’s mit dem Taxi ins Hotel, ja, mit einem richtigen Taxi, sonst fährt hier jeder Uber. Aber Uber wäre nur zwei Dollar günstiger gewesen; und das gelbe Taxi stand schon da. Heute mache ich nichts mehr. Trinke einen Kaffee, schalte das TV-Gerät an.

Eine Mütze Schlaf, ganz ohne Geschaukel, ist bestimmt nicht die schlechteste Idee.

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5. Tag – In Santa Barbara in den „Coast Starlight“ – 13. November 2018

Das war‘s dann also auch für mich mit dem Sommer. Diesmal endgültig, also endgültig endgültig – schon im September und Oktober hörte ich mich das oft sagen, bevor dann das nächste 25-Grad-Wochenende kam.

Deshalb stehe ich gerade um kurz nach 12 Uhr am kleinen Bahnhof von Santa Barbara und blinzle ein letztes Mal in unseren hellen Freund, setze die Sonnenbrille auf und ab und auf und ab, weil ich‘s kann und mich gerade keiner beobachtet (muss bescheuert aussehen).

Der Bahnhof von Santa Barbara!

Der Bahnhof von Santa Barbara!

Und ich warte auf den „Coast Starlight“, der mich 31 Stunden lang 1.800 Kilometer in den Nordwesten der USA nach Seattle bringen wird. Die Strecke soll zu den spektakulärsten weltweit gehören, wie fantastisch sie ist, habe ich gestern schon erahnen können – mal sehen.

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Geschlafen habe ich übrigens wie ein Baby. Vom 49ers/Giants-Spiel habe ich nicht besonders viel mitbekommen; mein schöner Gedanke, dass ich‘s mir auf dem Zimmer gemütlich mache und in Ruhe schaue, funktionierte nicht lang. Um kurz nach acht, Mitte des letzten Quarters, schlummerte ich beim Stand von 23:23 ein und wachte in voller Montur gegen 23 Uhr im Sessel auf. Zähne putzen, rüber ins Bett, sofort. Erst nach zehn Stunden Schlaf wachte ich auf, die Tage in Los Angeles waren offenbar doch anstrengender als ich vermutet hatte.

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht schreiben: Den Vormittag nutzte ich zu ausgiebiger Kommunikation mit meiner großartigen Familie, einem sensationellen Buffet-Frühstück mit Blick auf den Hafen von Santa Barbara und ein bisschen, kleines bisschen Arbeitskram: Ich fragte bei den Kollegen die neuesten Infos ab (mein Los-Angeles-Text wurde groß in der Print-Ausgabe abgedruckt, siehe Bild gestern) und die Dienstplan-Wünsche für die kommende Woche (jetzt schon daran denken; bäh!) musste ich abgeben.

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Mist, ich hätte sie nach ihrem Namen fragen sollen.

Hab ich einen Hunger. Der Zug hatte knapp 40 Minuten Verspätung, warum soll es in den USA anders laufen als in Deutschland – aber das ist schon der einzige negative Punkt. Gebucht (besser: Mir gegönnt) habe ich eine „Roomette all inclusive“; ohne genau zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Nun gut, „all inclusive“, das weiß ich schon.

„Morton Bay Fig Tree“ - seit 1867 in Santa Barbara.

„Moreton Bay Fig Tree“ – seit 1867 in Santa Barbara.

Ein Schaffner begrüßt mich mit Vornamen, ich bin offenbar der einzige Roomette-Buchende, der in Santa Barbara den Zug betritt, und führt mich im doppelstöckigen Waggon in die obere Etage. „Room seven, on the left“, gibt er mir mit auf den Weg – und DAS ist also meine Behausung für knapp 31 Stunden.

Kurz zusammengefasst: Es ist ein abschließbares Zwei-Mann-Abteil, vier Quadratmeter vielleicht, mit zwei gemütlichen Sitzen, ordentlich vielen elektrischen Anschlüssen und ausklappbarem Stockbett. Zwei Flaschen Wasser stehen bereit. Schon nach einer Minute werde ich zum Lunch, also zum Mittagessen, gebeten.

Als Alleinreisender ist es üblich, zu einem Pärchen, und die reisen hier meist, gesetzt zu werden. Schnell beginnt das Gespräch, so weit, so gewöhnlich. Die Beiden sind zwischen 60 und 70 und das Eis bricht schnell, da der Mann sich als Seahawks-Fan outet. Großgeworden sind sie auf Hawaii, haben sich dort kennengelernt. Nun haben sie Kinder, eine Tochter studiert in Seattle, und Enkelkinder, wohnen sechs Monate im Jahr in einem Haus in Mexiko und sechs Monate daheim in einem kleinen Kaff viereinhalb Autostunden westlich von Seattle. Deshalb nutzen sie den Zug oft, sehr oft. Kreuzfahrten lieben sie auch, haben halb Europa umrundet und sind sich sicher, dass Hamburg im Westen Deutschlands liegt. Nun ja.

Auch über Politik reden wir ausführlich, während wir einen Burger mit Cheddarkäse und einem Gartensalat mit Balsamico-Dressing verputzen – und es stellt sich heraus: Im Gepäck haben sie, wie sie verraten, Anti-Trump-Shirts für Weihnachten, alle in der Familie würden diesen Präsidenten verabscheuen. Gekauft in Mexiko. Nach den „Midterms“, so hoffen sie, beginnen die Demokraten ein Amtsenthebungs-Verfahren („Impeachment“). Für die Präsidentschaftswahl 2020 wünschen sie sich Joe Biden als Kandidat, das ist der ehemalige Vizepräsident unter Barack Obama. Wir bleiben noch lange sitzen, auch als die Speisen längst abgeräumt sind.

Santa Barbara - wie ein Nordsee-Badeort.

Santa Barbara – wie ein Nordsee-Badeort.

Mist, ich hätte nach ihrem Namen fragen sollen.

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Kurz hinter Salinas in Kalifornien verabschiedet sich die Sonne für heute, nach einigen wundervollen Kilometern am Pazifik entlang; wow, was für eine Strecke! Mittlerweile ist es halb neun, ich liege schon auf dem Stockbett und zugegeben, eine Luxusunterkunft ist das nicht gerade, im Liegen merke ich, dass es schaukelt wie ein Kreuzfahrtschiff auf dem Hochatlantik bei Windstärke sieben. Mit ein paar Beulen werde ich schon in Seattle aussteigen. Die Gemeinschaftsbäder für alle haben zudem Hostel-Charakter. Aber sind das Beschwerden? Come on, oh nein. Es bleibt ein wundervoller Trip mit dem Zug!

Noch höre ich nun Musik, alles von den Chili Peppers bis Kettcar – gleich knipse ich das Licht aus und schaue mir einen Film an. Mal sehen, was ich auf meinem iPad so finde. Fünf Tage sind nun rum, die Hälfte also.

An der Pazifikküste entlang!

An der Pazifikküste entlang!

Ich freue mich schon jetzt auf meine Familie. Morgen ist im Kindergarten der St. Martin-Umzug. Ohne mich. Es ist zum Heulen.

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Die Zugabe für alle Interessierten – diese 30 Haltepunkte gibt es auf der 2.200 Kilometer langen und 35 Stunden dauernden Tour von Los Angeles nach Seattle:

Meine Behausung für 31 Stunden.

Meine Behausung für 31 Stunden.

1. Los Angeles, Kalifornien – Abfahrt am 10.10 Uhr
2. Burbank / Bob Hope Airport, Kalifornien
3. Van Nuys, Kalifornien
4. Simi Valley, Kalifornien
5. Oxnard, Kalifornien
6. Santa Barbara, Kalifornien
7. San Luis Obispo, Kalifornien
8. Paso Robles, Kalifornien
9. Salinas, Kalifornien
10. San José, Kalifornien
11. Oakland, Kalifornien
12. Emeryville, Kalifornien – 30 Bus-Minuten von San Francisco entfernt
13. Martinez, Kalifornien
14. Davis, Kalifornien
15. Sacramento, Kalifornien
16. Chico, Kalifornien
17. Redding, Kalifornien
18. Dunsmuir, Kalifornien
19. Klamath Falls, Oregon
20. Chemult, Oregon
21. Eugene-Springfield, Oregon
22. Albany, Oregon
23. Salem, Oregon
24. Portland, Oregon
25. Vancouver, Washington – nicht das in Kanada!
26. Kelso-Longview, Washington
27. Centralia, Washington
28. Olympia-Lacey, Washington
29. Tacoma, Washington
30. Seattle, Washington – Ankunft um 19.56 Uhr des Folgetages

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