Super Bowl – nächster Teil – ein Interview fürs Funke-Intranet – 22. Februar 2018

Einmal noch quäle ich Euch mit Geschichten vom Super Bowl. Auch die Kommunikationsabteilung der FUNKE Mediengruppe hat sich für meine Geschichten aus Minneapolis interessiert und ein Interview mit mir geführt. Es erschien im Intranet – und war damit für alle FUNKE-Mitarbeiter in Deutschland zugänglich. Es erschien am 20. Februar.

Was war Ihr persönliches Highlight beim Super Bowl?

Das ist gar nicht so einfach, sich da auf ein Highlight festzulegen. Der Super Bowl ist ein Megaevent und für jeden Sportjournalisten ist es allein schon ein großes Highlight in seiner Karriere, live von diesem Ereignis berichten zu dürfen. Dass ich dabei dann auch noch bundesweit für alle FUNKE-Zeitungen schreiben durfte, stellte eine besondere Herausforderung dar und hat sehr viel Spaß gemacht. Aber natürlich steht der sportliche Sonntag, an dem das Spiel dann stattfindet, im Mittelpunkt, und ich habe das Spiel und den ganzen Tag auch sehr genossen, gerade weil es auch ein sehr außergewöhnlicher Super Bowl war, den es so noch nie in der Geschichte gegeben hat mit sehr vielen offensiven Aktionen. Aber der Super Bowl ist viel mehr als nur eine Tagesveranstaltung. Er hat viel mehr schon Festivalcharakter. Das habe ich so vorher auch nicht erwartet. Rund um den Super Bowl hat sich eine richtige Tourismusindustrie entwickelt. Schon neun Tage vor dem großen Spiel wird eine riesige Fan-Meile eröffnet. Mit zahlreichen Großveranstaltungen und Bandauftritten. Die ganze Stadt ist im absoluten Super-Bowl-Fieber. Kaum ein Haus kommt ohne Flaggen mit der Aufschrift „Super Bowl LII“ aus. Zahlreiche Freiwillige nehmen ihren Jahresurlaub, um anderen Fans ihre Stadt zu zeigen. Eine weitere Besonderheit bei meiner Reise stellte dieses Jahr auch das Wetter dar. Knackige -20 Grad machten das Erlebnis zu einem ganz besonderen. Doch zum Glück mussten wir zumindest im Stadion nicht frieren, da eine Heizung vorhanden war, die das Stadion auf +20 Grad heizte.

Am Governmant Plaza in Minneapolis, Minnesota.

Am Governmant Plaza in Minneapolis, Minnesota.

Doch fangen wir mal chronologisch an. Nicht schon aufregend genug, dass man zum ersten Mal in seinem Leben zum größten Sportereignis der Welt reist, sondern dann auch noch von diesem Sportereignis bundesweit für alle FUNKE-Zeitungen berichtet und individuelle Beiträge verfasst. Wie bereitet man sich überhaupt auf solch eine spannende Reise vor?

Natürlich bedarf dieser Trip einer guten Vorbereitung. Doch das Gute am Sportjournalisten-Dasein ist ja auch, dass man schon ein sehr hohes Grundinteresse und Wissen für Sport und auch American Football hat. Dann verfolgt man natürlich auch vor allem sonntags, nachdem die Bundesliga gelaufen ist, die Play-offs. In der Redaktion hat sich da auch eine kleine Clique gebildet, mit der man die Spiele zusammen schaut. Ab dem Zeitpunkt, ab dem feststeht, welche beiden Teams sich im Super Bowl gegenüberstehen werden, befasst man sich dann noch intensiver mit diesen. In diesem Jahr waren es die New England Patriots und die Philadelphia Eagles. Vor Ort wird man durch zahlreiche Journalistentermine und Broschüren und den ständigen Austausch mit anderen Journalisten so sehr mit Informationen schon fast überschüttet, dass es eigentlich unmöglich ist, nicht gut vorbereitet zu sein. Ansonsten war es natürlich auch schon allein durch die Zeitverschiebung eine besondere Herausforderung, alle Tageszeitungen pünktlich mit den gewünschten Beiträgen zu beliefern. Aber es hat unheimlich Spaß gemacht und nach ein, zwei Tagen hat man schnell seinen Rhythmus gefunden.

American Football ist so ein komplexer Sport und obwohl fast jedem der Super Bowl ein Begriff ist, kennt sich keiner so wirklich mit der Sportart aus. Können Sie einmal die wichtigsten Fakten kurz zusammenfassen?

Das wichtigste Ziel beim American Football ist das Erreichen der Endzone. Auf jeder Seite gibt es eine Endzone und das Spielfeld ist 100 Yards, etwa 91 Meter, lang. Gelingt es einem Team, den Ball in die Endzone zu tragen, erhält es sechs Punkte. Das ist der sogenannte Touchdown. Nach jedem Touchdown erhält das Team die Möglichkeit, einen weiteren Punkt zu erzielen, indem sie den Ball per Kick zwischen die Torstangen befördert. Schafft eine Mannschaft es nicht, innerhalb von drei Versuchen den Ball zehn Yards Richtung Endzone zu tragen, in die Endzone zu bringen, hat sie die Möglichkeit, in einem vierten Versuch ein Field Goal zu erzielen. Hierbei muss der Ball per Kick in die obere Hälfte des Tores befördert werden. Dafür erhält man drei Punkte. Das sind grob die drei wichtigsten Regeln, um Punkte im American Football zu erzielen. Dabei gibt es noch zahlreiche Spielzüge und Taktiken, die aber auch wirklich sehr komplex sind, und den Rahmen hier sprengen würden, alle zu erklären.

Die Tickets für den Super Bowl sind ja heiß begehrt und auch sehr hochpreisig, wer schaut sich den Super Bowl im Stadion an? Wie waren Ihre Plätze?

Es sind natürlich schon weitgehend Leute, die sich das erlauben können. Eine der günstigeren Karten liegt bei etwa 800 Euro, die Ränge nach oben sind dabei sehr offen. Doch so wirklich kann man das nicht überblicken. Es sind wahrscheinlich auch Leute, die sehr lange sparen, um sich einmal den Traum erfüllen zu können, beim Super Bowl dabei zu sein. Ich selbst saß ganz oben unterm Dach hinter einer Endzone, sodass ich die andere Seite des Spielfelds eigentlich gar nicht so gut einsehen konnte. Doch zum Glück hängt im Stadion eine Anzeigetafel, die ungefähr so groß ist wie ein Fußballfeld, sodass man nichts vom Spielgeschehen missen muss.

Party im US Bank Stadium: Die Philadelphia Eagles haben gewonnen.

Party im US Bank Stadium: Die Eagles haben gewonnen.

Was sagen Sie zum Ausgang des Spiels? Die Patriots sind ja quasi die Bayern der NFL und hatten die Chance, zum sechsten Mal den Super Bowl zu gewinnen, was dann nicht geklappt hat.

Das Spiel war sehr spannend und auch gespickt von vielen offensiven Spielzügen. Es hätten natürlich beide Mannschaften den Sieg verdient gehabt, aber dass die Underdogs, die Philadelphia Eagles, eine kleine Sensation geschafft haben, ist doch auch sehr schön. Das war übrigens auch die allgemeine Stimmung vor Ort. Natürlich waren alle Spieler und Fans der Patriots sehr enttäuscht, aber Missgunst und Häme sind auch generell beim Super Bowl nicht so zu beobachten wie zum Beispiel teilweise im Fußball.

Was passiert, wenn das Spiel zu Ende ist? Wird noch weiter gefeiert oder leert sich das Stadion dann relativ schnell?

Der Ablauf nach Abpfiff unterscheidet sich auch sehr zu unserem Fußball. Natürlich wird noch mit den Fans ein wenig gefeiert, aber dann leert sich das Stadion relativ schnell. Die eigentliche Siegesfeier findet dann auch erst in den nächsten Tagen in der Stadt des jeweiligen Siegers statt. Was sehr beachtlich ist: Alle Sportler stehen direkt nach dem Spiel für Interviews bereit. Während man hierzulande als Journalist gerne mal länger warten muss und sich dann ein vielleicht etwas unwichtigerer Spieler den Fragen der Journalisten stellt, stehen dort wirklich alle Spieler und Trainer für ein Interview bereit. Auch schon in der Woche vor dem Super Bowl werden jeden Tag Pressekonferenzen gegeben, in denen sich Spieler und Trainer geduldig den Fragen der Presse stellen.

Die Pressekonferenzen laufen aber sonst wahrscheinlich genauso, wie in Deutschland ab?

Ja genau, an sich ist das gleiche Prozedere wie auch bei uns. Jedoch hatte ich auch eine sehr kuriose Pressekonferenz. So eine Pressekonferenz wie die mit Justin Timberlake, der für die Halbzeitshow in diesem Jahr gesorgt hat, habe ich so auch noch nie erlebt. Bei dem ganzen Ablauf und der strengen Regelung, wer Fragen stellen darf, nämlich ausschließlich amerikanische und mexikanische Kollegen, entstand bei mir schnell der Eindruck, dass das Ganze stark gescriptet ist. Doch schon der Beginn der Pressekonferenz war gewöhnungsbedürftig: Wohingegen bei den meisten Pressekonferenzen eine eher nüchterne Atmosphäre vorherrscht, wurde hier, sobald Justin Timberlake die Bühne betrat, laut applaudiert. Als dann die erste Frage gestellt werden durfte, stimmte die Journalistin erstmal ein Geburtstagsständchen für Herrn Timberlake an, und der ganze Saal sang „Happy birthday“. Als nächstes kam eine Frage von der natürlich rein zufällig anwesenden Miss America, die auch recht belanglos war. Anschließend durften noch Kinderreporter von FOX und ESPN und vielleicht zwei amerikanische und zwei mexikanische Journalisten eine Frage stellen und das war’s. Europäische Journalisten hatten keine Chance, eine ihrer Fragen an Justin Timberlake zu richten. Immer wenn sie den Finger hoben, um eine Frage stellen zu wollen, kam eine Dame, hörte sich die Frage leise an, gab sie durch ein Headset weiter und lehnte die Frage dann ab. Das war schon alles wirklich so kurios, wie es sich anhört und definitiv auch ein Highlight dieser Reise.

Wie ist die Stimmung beim größten Sportereignis der Welt, und wer macht eigentlich mehr Stimmung? 67.000 Fans beim Super Bowl oder 87.000 Bundesliga-Fans im Stadion?

Das sind definitiv die Fußballfans bei uns im Stadion. Doch auch hierfür gibt es mögliche Gründe: Die Fankultur in Amerika oder besonders beim American Football und dem Super Bowl ist eine ganz andere als die in Deutschland. Schon allein durch die ganzen Spielunterbrechungen im Football kommt es immer wieder zu Pausen. Natürlich wird bei einem guten Spielzug ordentlich gejubelt, und ein Touchdown bringt die Meute erst recht in Stimmung, es ist aber einfach nicht zu vergleichen mit dem Fußball. Es gibt auch viel weniger Rivalität zwischen den Fanlagern, und untereinander ist die Häme deutlich geringer als bei uns.

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Das Bochum-Beben – 12. Februar

Ich kenne Kollegen, die es geschickter gemacht haben als ich. Die noch ein paar Tage länger in Minneapolis geblieben sind, um die Super-Bowl-Erlebnisse zu verarbeiten. Die noch nach Chicago weitergereist sind, um sich die Stadt in Illinois anzuschauen. Die danach ein paar Tage Urlaub genommen haben, um den Jetlag auszukurieren.

Glück kann der VfL Bochum gebrauchen.

Glück kann der VfL Bochum gebrauchen.

Bei mir war das anders.

Eigentlich hätte ich auch am liebsten ein paar Tage in Miami drangehängt, aber das hätte ich ohne meine Familie wirklich nicht ausgehalten. So landete ich – siehe Blog-Eintrag – nur zwei Tage nach der Übergabe der Vince Lombardi Trophy am 6. Februar um 14.05 Uhr in Düsseldorf, war eine Stunde später endlich wieder zu Hause bei Frau und Tochter in Mülheim-Broich, schlief in der Nacht so lange wie zuletzt als Baby, 14,5 Stunden von 20.15 am Abend bis 10.45 Uhr am nächsten Morgen. Und nach nur einem freien Tag ging es dann am 8. Februar in der Redaktion direkt weiter. Kaum Zeit für Erzählungen von Super-Bowl-Erlebnissen, wenig Sentimentalitäten – sondern Alltag: 1000 Mails abarbeiten, Ruhrgebiets-Fußballnews aus knapp zwei Wochen nachlesen, zahlreiche Konferenzen und vor allem: Olympia-Vorbereitungen abschließen.

Sebastian Schindzielorz (v.l.), Robin Dutt und Heiko Butscher.

Schindzielorz (v.l.), Dutt und Butscher.

Doch in den ersten Tagen der Olympischen Winterspiele konnte ich mich kaum auf Biathlon, Rodeln und Co. konzentrieren – was an einem kompletten Führungswechsel beim VfL Bochum lag. Trainer weg, Sportvorstand weg. Also fuhr ich zu zwei Pressekonferenzen; zunächst mit Aufsichtsratsboss Hans-Peter Villis und dem neuen Sportvorstand Sebastian Schindzielorz und dann mit dem neuen Trainer Robin Dutt. Olympia und Fußball statt Football, Bochum statt Minneapolis, 2. Bundesliga statt Super Bowl – eine harte Landung…

Diese Texte und Beiträge entstanden dabei:

Hier geht es zu meinem Live-Ticker, den ich während der Pressekonferenz zur Vorstellung von Sebastian Schindzielorz für WAZ.de, DerWesten und RevierSport führte (8. Februar)

Die Helden von früher auf einem Bild im Foyer.

Die Helden von früher auf einem Bild im Foyer.

Hier geht es – ebenfalls bei der ersten Pressekonferenz am 8. Februar – zu einer kurzen Meldung, die ich über Co- und Interimstrainer Heiko Butscher verfasst habe.

Hier geht es zu meinem Live-Ticker, den ich während der Pressekonferenz zur Vorstellung von Robin Dutt für WAZ.de, DerWesten und RevierSport führte (12. Februar).

Gemeinsam mit meinem erfahrenen und tollen Kollegen Peter Müller nahm ich via „Facebook live“ ein Video aus dem Bochumer Presseraum auf, das Ihr hier auf der Facebook-Seite der WAZ nachlesen könnt.

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Super Bowl 52 – 10. Tag – 6. Februar

Während ich in Amsterdam am Flughafen sitze und nach einem extrem ereignis- und leider auch weitgehend schlaflosen Flug darauf warte, dass mein Anschlussflieger nach Düsseldorf endlich abhebt, bleibt mir nur ein ganz, ganz großes DANKE!

Meine Super-Bowl-Seite in der WAZ!

Meine Super-Bowl-Seite in der WAZ!

DANKE an meine Familie, dass sie die zehn Tage ohne mich so bravourös gemeistert hat; dass sie es mir überhaupt gestattet hat, diese wahnsinnige Erfahrung mitzumachen. Dass sie mir meinen Traum gegönnt hat. DANKE!

DANKE an meine Kollegen in Deutschland, die aus meinen Texten wundervolle Print-Seiten und tolle Online-Texte gebaut haben.

DANKE an alle, die sich via Facebook, Twitter, Instagram oder WhatsApp bei mir gemeldet oder einfach nur ein Like hinterlassen haben. Dass meine Reise auf so viel Resonanz stößt, hätte ich nie im Leben vermutet. Jede einzelne Reaktion hat mich sehr, sehr gefreut.

Ankunft in Amsterdam in 3, 2, 1 ...

Ankunft in Amsterdam in 3, 2, 1 …

DANKE an die Kollegen, die ich in Minneapolis kennenlernen durfte. Schaut nach beim ersten Tag, als ich schrieb, dass es blöd sei, allein zu fahren – aber irgendwie auch nicht. Deshalb DANKE an Tobi, der u. a. für die WZ schreibt, und mir nicht nur die Fanmeile zeigte. Oder Stefan vom Huddle, mein erster Gesprächspartner nach dem Spiel (Danke fürs Lob nochmal). Oder Patrick, der für die Ruhr Nachrichten kam und ganz routiniert schon seinen zehnten Super Bowl erlebte. Oder die Sky-Kollegen Moritz und Marc; Moritz saß ebenfalls in Reihe 13. Grüße! Oder Stephen Foster aus Texas, den ich als Running Gag immer wieder mal traf. Der mir immer wieder erzählte, dass er die Familie von Nick Foles kennt. Oder natürlich die Jungs von ProSieben, allen voran Icke und Coach Esume. Wenn bei den Jungs nichts hängengeblieben wäre, hätte mich der Coach vor Gate F12 sicherlich nicht angesprochen.

Oh, der Flug wird aufgerufen. Eine Bitte habe ich nur noch zum Schluss: Bitte kein Schnee mehr in diesem Jahr.

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Super Bowl 52 – 9. Tag – 5. Februar

Am Ende habe ich sogar noch einmal Coach Esume getroffen – und wie es sich für echte Männer gehört, natürlich am Pissbecken. Am Flughafen von Minneapolis war das, etwa um 18 Uhr; knapp 45 Minuten bevor unser Flug nach Amsterdam zum Einsteigen bereit sein sollte. Und so saßen danach zwei Männer mittleren Alters irgendwo am Gate F12 träge herum, redeten über den Super Bowl, unsere wundervollen Frauen und Kinder, darüber, was wir zuerst tun, wenn wir unseren Zielort erreicht haben und wie die kommenden Wochen aussehen. Müde Krieger nach acht anstrengenden Super-Bowl-Tagen.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

So richtig gut geschlafen hatte ich in der Nacht nicht. Um 0.30 Uhr knipste ich zwar die Lichter meines Zimmers aus, wie gestern geschildert, und schaltete brav „Sleep Cycle“ an; zwischen 6.45 und 7.15 Uhr sollte mich die App wecken. Ich schlief jedoch erst um eins ein, immer wieder waren mir die Bilder aus dem US Bank Stadium durch den Kopf gegangen. Um vier Uhr war ich für zehn Minuten hellwach und schaute unmotiviert aufs Handy, und dann klingelte „Sleep Cycle“ auch noch um 6.45 Uhr. Halleluja. Nur knapp fünf Stunden unruhiger Schlaf statt sonst siebeneinhalb bis achteinhalb Stunden Baby-Schlaf, und das am letzten Tag… Vielleicht würde ich dann im Flieger ratzen können.

RT von LeGarrette Blount!

RT von LeGarrette Blount!

Beim ersten Blick aufs iPhone fiel mir dann aber auf: Ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich früh wach bin. Zuerst sah ich, dass Eagles-Runningback LeGarrette Blount persönlich einen Tweet von mir geteilt hatte. Dann hatten mich Dutzende Facebook-Nachrichten erreicht und viele, viele WhatsApps. In Deutschland war es schon 13.45 Uhr – und zahlreiche Forderungen konnte ich ebenfalls nachlesen: 4500 Super-Bowl-Zeichen für die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt, 4050 für die NRW-Titel und die Braunschweiger Zeitung, 3000 für Thüringen. Und das bis 11 Uhr US-Zeit. Puh. Ein kurzes Telefonat mit dem Chef; das wird keine einfache Aufgabe, ohne Schlaf, mit einem Check-out um 11 Uhr und einem 28-Stunden-Tag vor der Brust. Und den Koffer hatte ich auch noch nicht gepackt.

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Ich hockte mich an den Schreibtisch und tippte, was meine müden Finger um diese Uhrzeit hergaben – und natürlich klappte es irgendwie. Leider war ich mit den zahlreichen Super-Bowl-Textvarianten am unzufriedensten in dieser Woche; aber so ist das manchmal. Die Umstände waren nun wirklich nicht perfekt. Um 10.05 Uhr hatte ich dann offiziell Feierabend für heute, die Redaktionen in Deutschland waren zufrieden und ließen mich meine Abreise vorbereiten. Schnell schmiss ich alle Sachen in den Koffer, eilte hurtig unter die Dusche, schrieb ein wenig (zu wenig) mit den Liebsten zu Hause! Ich freue mich so darauf, meine wundervolle Frau, meine zauberhafte Tochter wiederzusehen!!! Um punkt 10.50 Uhr stand ich schließlich an der Rezeption des Hotels und hörte mich die Worte sagen: „Check-out please!“

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Das Problem des Tages: Mein Rückflug bis Amsterdam war auf 19.38 Uhr angesetzt. Warum die krumme Uhrzeit? Keine Ahnung. Jedenfalls würde ich vor 16 Uhr nicht am Flughafen sein müssen, und schon das wäre zu früh. Wie kriege ich also die Zeit zwischen 10.50 und 16 Uhr rum? Ich parkte meinen Koffer im Foyer des Marriott-Hotels (auf die Idee kamen viele, die erst am Abend flogen) und ging zum Hardcore-Shopping ein letztes Mal in die Mall of America. Ein Kollege wollte ein Patriots-Shirt für seine Frau (als ich das kaufte, fühlte ich mich unter lauter Eagles-Fans wie auf dem Weg zur Schlachtbank), eine supergute Freundin eine Starbucks-Tasse. Dann noch was für Frau und Tochter, inklusive Umweg über den Disney Store – und irgendwas musste ich ja auch noch essen.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Ich entschied mich für eine echte amerikanische Pizza mit extrem scharfer BBQ-Soße und zum Dessert zwei Kugeln Häagen-Dasz-Eis. Dabei beobachtete ich die Arbeiter, die bereits am Montagmittag, kaum 14 Stunden nach der Siegerehrung, die Spuren des Großereignisses beseitigten. Vom Medienzentrum war (glücklicherweise) nur noch funktionierendes WLAN übrig. Die Patriots hatten das Teamhotel JW Marriott noch in der Nacht verlassen, ebenso die Dutzenden Sicherheitskräfte und Polizisten, die so grimmig gucken können. Die Radio Row mit den vielen Sitzplätzen der Radiomoderatoren, war längst abgebaut, die Plakate in der ganzen Mall wurden sukzessive abgerissen, sehr humorlos. NFL Network sendete längst nicht mehr aus dem eiskalten Minneapolis. Bloß weg da. Dachte sich auch Eagles-Quarterback Nick Foles. Der flog nach der Pressekonferenz am Montagmorgen direkt ins sonnige Florida – Disney World. Die Super-Bowl-MVPs machen das so. Die Parade in Philadelphia ist auf Mittwoch angesetzt. Nur einige Fans im Eagles-Trikot und der übervolle NFL-Fanshop (50 Prozent auf Super-Bowl-Fanartikel) deuteten darauf hin, dass etwas Großes stattgefunden haben muss.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Um 14.45 Uhr rettete ich mich und meine Kreditkarte und verließ die Mall of America. Vorerst, für immer, wer weiß das schon. Ich habe spontan keine Idee, warum ich so schnell nach Minnesota zurückkehren sollte. Viel zu kalt! Viel zu viel Schnee! Und wenn ich im Sommer ein Land mit 10.000 Seen sehen will, dann fahre ich nach Schweden oder Finnland. Ist sowieso näher. Im Marriott-Hotel schraubte ich ein wenig an meinen letzten Blog-Einträgen herum, auch hier mochten mir die richtigen Ideen nicht mehr einfallen nach inzwischen achteinhalb Tagen Kreativität. Um 15.15 Uhr entschied ich dann: Scheiße, was soll’s!? Lieber zu früh am Flughafen sein als rennen zu müssen – wie zum Beispiel beim Hinflug. Meine innere Uhr stellte ich schon auf Europa um. Da ist’s jetzt 22.15 Uhr, eigentlich muss ich in zwei Stunden schlafen gehen. Hilfe, der USA-Europa-Rückflug-Jetlag ist nicht meiner. Das kann heiter werden. Nach meiner Rückkehr aus Vegas vor ein paar Jahren schlief ich von zehn bis 17 Uhr durch und hatte sieben Tage Schwierigkeiten…

Am Flughafen Minneapolis erlebte ich dann aber direkt eine Premiere. Gut, dass ich so früh aufgebrochen war. Zum ersten Mal in meinem Leben – und, liebe Freunde, ich bin wirklich oft geflogen – hatte ich Übergepäck. Sogar fast ein Kilo. Fuck. Entweder ich würde meinen Koffer umräumen, sagte die Dame von Delta Airlines, oder ich müsste 106 Dollar zahlen. 106 fuckin‘ Dollar. Also öffnete ich meinen mühevoll zubekommenen Koffer, packte das Coach-Esume-Buch, das dicke Super-Bowl-Programmheft und weitere Papiere in mein Handgepäck, schmiss einige verzichtbare Journalistengeschenke weg (leider) – und zack, 20 Gramm zu wenig. Punktlandung. High-Five mit der Delta-Dame.

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Der Rest klappte einwandfrei, und so saß ich schon um 16.10 Uhr auf einem Sitzplatz vor Gate F12. Klingt nach einem Lied von Element of Crime: „Kurz nach 16 Uhr vor F12“. Über drei Stunden vor dem Abflug jedenfalls. Zum Glück war ich mit meinen letzten Blog-Einträgen noch nicht weit gekommen. Mit ein bisschen Grips und WLAN schaffte ich es aber, bis 17.45 Uhr immerhin den Super-Bowl-Tag zu schildern – und dann traf ich Coach Esume. Selten gingen dreieinhalb Stunden am Flughafen deshalb schneller um.

Beim Boarding trennten sich aber unsere Wege: Der Coach hatte einen wirklich genialen Liegeplatz in der Business Class. Ich, nun ja, nicht. Holzklasse, hello again. Die Flugzeit wurde nicht wie auf dem Hinflug mit neun Stunden berechnet, sondern nur mit 6:50 Stunden! Abzüglich der Zeit für Start und Landung plus Abendessen und Frühstück würden mir vielleicht zwei, drei Stunden für ein Nickerchen bleiben. Ach du Scheiße.

Poker - und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Poker – und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Und ich war ganz und gar nicht müde. Ich holte mein iPad heraus, schrieb an den nun wirklich allerletzten Blog-Einträgen herum, entschied mich gegen Käse-Tortellini und für gebratene Hühnerbrust mit Champignon-Rahmsoße und Wildreis. Flugzeugessen eben. Hatte aber auch Hunger wie ein Bär. Nach knapp zwei Stunden Flug legte ich, knapp über Labrador City in Kanada, kurz vor dem Atlantischen Ozean, mein iPad zur Seite. Mein neunter Tag endete über den Wolken, wo die Freiheit, wo die Erinnerungen grenzenlos sind.

Ach wisst Ihr: Abschiedstage sind einfach immer Mist, wenn die Reise vorher so unvergesslich war.

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Super Bowl 52 – 8. Tag – 4. Februar

Ich bin drin! Wirklich drin!

Ich bin drin! Wirklich drin!

Lange habe ich überlegt, wie ich Euch den schönsten Tag meines Berufslebens, oh ja, das war er, schildern soll: Mit Bildern? Einem durchgeschriebenen Text? Stichworten?

Am besten geht das, wie ich finde, mit einem Zeitraffer. Und so nehme ich Euch mit auf die Reise nach Minneapolis, ins US Bank Stadium, zum Super Bowl LII. Zur 52. Auflage des größten Einzelsportereignisses der Welt. Ich hoffe, die Schilderung der Ereignisse ist annähernd so kurzweilig wie das Ereignis selbst für mich.

11.40 Uhr: Am frühen Morgen habe ich getrödelt. Wieder ausgeschlafen, danach wahllos YouTube-Videos angeschaut, ein paar Spielchen gespielt, doppelt so lang geduscht. Ich verlasse erst spät mein Hotelzimmer. Hatte gehofft, bis zwölf Uhr noch ein Frühstück im Hotel-Bistro zu bekommen – vergeblich. Also noch schnell in die Mall of America, bei Carlos Bäckerei zwei Croissants und eine Flasche Wasser für den Weg kaufen. Schlange, hilfe. Sechs Dollar. Noch knapp fünfeinhalb Stunden bis zum Kick-off.

Ein unfassbares Stadion!

Ein unfassbares Stadion!

12.30 Uhr: Pünktlich sitze ich im Shuttlebus. Selbstverständlich im ersten Richtung US Bank Stadium – man kann nie früh genug dran und drin sein. Eine halbe Stunde Busfahrt nach Minneapolis Downtown, das bedeutet: Einmal noch ins endlose Weiß schauen; draußen sind‘s wieder knackige minus 20 Grad. Coach Esume von Pro7 sprach in seinem endlosesten Facebook-live-Video am Vormittag sogar von minus 26 Grad. Ohne Balsam würden die Lippen explodieren. Nanaaa, das ist dann doch übertrieben.

Nur damit es jeder weiß!

Nur damit es jeder weiß!

13 Uhr: Oder doch nicht? Die 50 Meter von der Bushaltestelle zum Security-Check für Journalisten fühlen sich an wie 5000. Und dann ist da auch noch eine Riesenschlange wie vor der Achterbahn im Phantasialand bei 25 Grad. Plus wohlgemerkt. Die Erleichterung kommt nach drei Minuten in der Schlange. Nur die Fotografen und TV-Teams müssen länger stehen bleiben, die „Normalos“ können links vorbei. Sorry, tut mir leid, sorry, sorry, excuse me. Noch viereinhalb Stunden bis zum Kick-off.

13.15 Uhr: Ein Mann, der so aussieht wie der Sänger von ZZ Top, filzt mich von oben bis unten – schlimmer als in der Gästekurve vor einem Revierderby. Verwunderlich, dass ich mich nicht entkleiden muss. Okay, ich nehme es hin, ist ja für einen guten Zweck. Nach knapp drei Minuten Check erfahre ich, dass der Mann aus Tampa kommt, ihm schnurzpiepegal ist, wer gleich das Spiel gewinnt, und darf rein. Rein! Das Spiel rückt näher. Mittlerweile bin ich sogar wieder etwas skeptisch geworden. Irgendwas muss doch noch schief gehen.

Das Überlebenspaket!

Das Überlebenspaket!

13.25 Uhr: In einem Nebengebäude des Stadions ist das große Super-Bowl-Medienzentrum untergebracht, noch viel größer als das Zentrum in der Mall of America. Ich bin wirklich einer der ersten Journalisten hier. Die TV-Teams haben bereits ihre Boxen im Stadion bezogen, von den Fotografen und „Schreibenden“ schlafen viele offenbar noch. Das finde ich saugut, denn am Journalisten-Büffet kann ich mich reichlich bedienen. Und, liebe Freunde, ein solches Büffet habe ich bei einem Sportereignis noch NIE gesehen. Station eins: Pulled-Pork-Burger. Station zwei: Self-Service-Wraps mit Zutaten aller Wahl. Station drei: Salat und Soße, ob nur als Salat oder für den Wrap. Station vier: Süßigkeiten. Station fünf: Getränke aller Art. Junge! Hab mich erst einmal satt gegessen. Das würde bis zum Kick-off genügen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

14 Uhr: Noch dreieinhalb Stunden bis zum Kick-off. Ich bin satt und könnte ein Schläfchen vertragen. Inzwischen ist es etwas voller geworden, gegenüber sitzen TV-Reporter aus Philadelphia, die offenbar nicht so ganz glauben können, dass sie wirklich hier sind. Viele, viele Fernseher laufen selbst in den verwinkeltsten Ecken nonstop und zeigen – natürlich – NFL Network. Bin schon froh, zu Hause wieder ganz normale Netflix-Sendungen schauen zu dürfen. Hall-of-Famer Michael Irvin, im NFL Network die ganz große Nummer, diskutiert mit Arizona-Cardinals-Receiver Larry Fitzgerald (der aus Minneapolis kommt), was die größten Problemzonen der beiden Teams sind. Als ob er das nicht acht Tage lang mit 200 anderen Experten schon gemacht hätte. Trotzdem hören viele zu. Ich auch.

14.02 Uhr: Breaking News. Die Patriots treffen am US Bank Stadium ein! Dreieinhalb Stunden vor dem Kick-off. Wäre in der Bundesliga unmöglich. Da öffnen die Stadiontore ja erst zwei Stunden vor dem Anpfiff.

Der blinkende Budweiser-Becher!

Der blinkende Budweiser-Becher!

14.40 Uhr: Die Zeit verfliegt mit bloggen, Michael Irvin zuhören, Unterhalten mit Kollegen und Kekse essen wie im Flug. Ich bemerke, dass Irvin und Fitzgerald nur im Anzug im Stadion sitzen. Hatte gedacht, dass das Dach die Temperatur von minus 20 auf minus zwei Grad runterheizt – aber so warm? Ich erkundige mich und erfahre: Nee, eine Heizung, die Wärme von 67.000 Zuschauern und noch ein paar Tricks sorgen für angenehme 20 Grad plus. Haha, dann hätte ich die lange Unterwäsche gar nicht anziehen müssen. Fuck, sind zwar noch 2:50 Stunden bis zum Kick-off, aber ich gehe jetzt rein und suche meinen Platz. Keine Ahnung, wie lang das dauert.

15.05 Uhr: Ich! Bin! Drin!!! Ich sitze in Sektion 327, Reihe 13 auf Platz 6. Jaaaaa! Der Traum ist in Erfüllung gegangen, der kleine Andi Ernst aus Mülheim-Broich hat‘s zum Super Bowl 52 nach Minneapolis geschafft. Niemand nimmt mir das mehr! Niemand! Jaaaaaa! Zeitmaschine: Ein paar Minuten vorher. Der Weg vom Presseraum bis zum Platz ist nicht ganz unproblematisch. Ihn zu finden: kein Problem. Raus aus dem Medienzentrum, rein ins Stadion. Nur zehn Meter durch minus zwanzig Grad, auszuhalten. Doch dann beginnt das Warten. Waaarten. Waaaaaaarten. Doch der Aufzug kommt einfach nicht. „Du kannst auch die Treppe nehmen“, sagt ein freundlicher Mann in einem sündhaft teuren Anzug. Alles klar, wird schon nicht weit sein. Wo geht‘s entlang? Ach, da geht‘s entlang. Und wer schon einmal im Mönchengladbacher Stadion vom Presseraum bis zur Pressetribüne die Treppen benutzt hat, der weiß, warum ich jetzt sage: ALTER, WAR DAS STEIL! Mein konditionell desaströser Zustand gab mir natürlich den Rest. Und als ich Section 327 erreichte, war ich erst einmal eins: nee, nicht glücklich, sondern außer Puste. Doch mein Dopaminspiegel war noch hoch genug, um endlich DAS Stadion sehen zu wollen. Also ging ich rein und …

Pink singt die Nationalhymne.

Pink singt die Nationalhymne.

15.05 bis 16.15 Uhr: … genoss erst einmal. Ich setzte mich auf meinen Platz, zwischen chinesischen und italienischen Reportern, und schaute über eine Stunde in dieses Wahnsinnsteil. Erst einmal musste ich mich in der Tat meiner Jacke und meines Schals entledigen. Die Kollegen hatten nicht gelogen. Angenehme 20 Grad machten die Super-Bowl-Arbeit zu einem Vergnügen. In Deutschland hatte ich noch von „Ice Bowl“ gesprochen und wie schlimm doch alles wäre. Ein Stadion mit vier Rängen – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion mit einer Glasfront und zur Hälfte einem Glasdach – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion, das so steil ist – hab ich schon gesehen, damals am alten Bökelberg. Ein Stadion mit zwei Anzeigetafeln, die so groß sind wie ein Fußballfeld – hab ich noch nie gesehen. Der Moderator unternimmt immer wieder Fan-Soundchecks – und direkt der erste ergibt: Die Fans der Philadelphia Eagles werden in der Überzahl sein. „Fight Eagles fight“, „Fly Eagles fly“ – im Wechsel, immer wieder, laut. Schon ab 15.30 Uhr wärmen sich die ersten Spieler, nach welchem System auch immer. Als Tom Brady kommt, buhen viele Fans.

Touchdown - oder nicht?

Touchdown – oder nicht?

16.15 bis 17.15 Uhr: Okay, genug geschwärmt. Ist ja auch Arbeit hier. Gefordert ist ein aktueller Super-Bowl-Bericht möglichst mit Spielende – und beim American Football mache ich das nicht oft. Also durchforste ich die zahlreichen Unterlagen, die vor mir liegen. Da wäre der Aufstellungsbogen – darauf stehen nicht 18 Spieler pro Mannschaft, wie beim Fußball, sondern 53. Mit Aussprachehilfe. Das twittere ich, kommt gut an. Das dicke Super-Bowl-Programmheft kann ich bei der Vielzahl der Informationen nur durchblättern. Zwischendurch unterhalte ich mich Kollege Patrick von den Ruhr Nachrichten, der auch in Reihe 13 sitzt, verputze ich einen Apfel und ein Sandwich. Ein Survivalpack steht ebenfalls für jeden bereit. Soll ja niemand umfallen. Für zwei kühle Getränke muss ich aber einmal die Treppe hinunter – doch da stehen zwei Eistruhen bereit. Zwei Dosen Pepsi – bitte, danke, wieder hinauf.

Timberlake - und ein Prince-Hologramm.

Timberlake – und ein Prince-Hologramm.

17.15 bis 17.30 Uhr: In Minneapolis geht die Sonne unter. Das ergibt ein prächtiges Farbenbild auf dem Glasdach. Pünktlich dazu fällt das Presse-WLAN aus – doch das ist mir scheißegal. Es wird ernst. Beide Mannschaften stürmen den Platz, HILFE, ist das laut. Die Eagles-Fans haben immer noch ganz eindeutig die Oberhand. Leslie Odom betritt das Feld. Stille. Alle stehen auf. Der Grammy-Gewinner singt formidabel „America the beautiful“. Die Gewissheit zu haben, dass da draußen 900 Millionen Menschen weltweit dieses Ereignis sehen, und ich zu den 67.000 im Stadion gehöre – das ist unbezahlbar. Der Applaus für Odom ist kaum verstummt, da wird es noch lauter. Pink betritt den Platz. „Oh say can you seeee…“ Die amerikanische Nationalhymne. Mehr Pathos geht nicht. Ja, es gibt viel zu kritisieren an der amerikanischen Politik, an Trump, an den Leuten hier, jajaja, ich weiß das doch alles. Doch scheiße nochmal, sowas ist ein Gänsehaut-Moment – und ja, ich muss schwer schlucken. Die Gewissheit, das miterleben zu dürfen: Dieses Gefühl geht nie wieder weg. Ein Veteran des zweiten Weltkrieges übernimmt den „coin toss“, also den Münzwurf, der bestimmt, welches Team zuerst den Ball erhält. Naja.

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

17.30 bis 19 Uhr: Auch wenn vor dem TV Football-Spiele wegen der vielen Pausen manchmal etwas langatmig erscheinen: Ich genieße jeden Moment und will am liebsten, dass es endlos weitergeht. Dazu trägt natürlich ein sensationell geiles Spiel bei. Noch nie in einem NFL-Spiel wurde der Ball über so viele Yards bewegt – es sind 1151. Tom Brady knackt seinen eigenen Super-Bowl-Rekord mit 505 erworfenen Yards – und das mit 40. Nick Foles schreibt seine eigene Cinderella-Story, ist der erste Quarterback, der einen Touchdown wirft und selbst fängt. Doch der Reihe nach – erst einmal zur ersten Hälfte: Es beginnt ausgeglichen. Ein Field Goal für die Eagles, eins für die Patriots – 3:3 nach acht Minuten. Dann kann die Show starten. Wahnsinnspass von Foles, Wahnsinnscatch von Alshon Jeffery – Touchdown. Jake Elliott verpatzt den Extra Kick, egal. Einen Drive später verschießt Stephen Gostkowski ein Field Goal – 9:3 nach dem ersten Viertel. Dabei bleibt es nicht: LeGarette Blount läuft in die Endzone – es steht aber nur 15:3, da die Two-Point-Conversion der Eagles nicht sitzt. Brady, wo bleibt Brady? Ja, man, Brady kommt und liefert. Zuerst gelingt Gostkowski ein Field Goal, dann läuft James White zum Touchdown. Philadelphia führt mit 15:12 und hat nur noch zwei Minuten, um zu erhöhen. Da gibt Headcoach Doug Pederson einen riskanten Playcall aus – die Eagles tricksen. Foles fängt den Ball selbst in der Endzone: 22:12 zur Pause. Damit hatte Titelverteidiger New England nicht gerechnet.

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

19 bis 19.30 Uhr: Puh, Pause. Durchatmen. Langsam ein und aus. Spinne ich oder ist das hier ein Offensiv-Feuerwerk? Ich klappe mein iPad auf, tippe ein paar Zeilen für den Spielbericht – doch keine Chance: Das Licht geht aus. Hunderte Helfer haben die Spielfläche in eine Riesendisko verwandelt. Justin Timberlake kommt, 30 Minuten Pepsi-Halftime-Show mit allem Brimborium. Ist nicht meine Musik, aber das Prince-Hologramm als Hommage an den berühmtesten Sohn der Stadt Minneapolis ist schon ganz schick.

19.30 bis 20.45 Uhr: Zweite Halbzeit. Es wird episch. Die bei jedem Touchdown blinkenden Becher von Budweiser, die auch jeder Journalist erhalten hat, leuchten ununterbrochen. Brady findet Rob „Gronk“ Gronkowski – 19:22. Die Zuschauer denken an ein Revival des Super Bowl 51, als die Patriots ein 3:28 gegen die Atlanta Falcons noch aufholen konnten. Doch weit gefehlt: Foles ist während der Pause nicht eingeschlafen. Ein 22-Yards-Pass auf Corey Clement – schon sind es wieder zehn Punkte Vorsprung: 29:19. Der Schiedsrichter überprüft den Touchdown am Bildschirm – und auch die Zuschauer sehen alle Zeitlupen. Interessantes Konzept. Müsste man mal in der Bundesliga bei Schalke gegen Dortmund ausprobieren. Und weiter im Punkte-Fest: Brady auf Hogan – Touchdown. Gegenzug: Elliott – Field Goal. Es wird knapper, die Eagles führen nur noch mit 32:26. Wird Brady wieder der Held? Sieht so aus: Nur Augenblicke später findet Brady Gronk zum zweiten Mal, Gostkowski trifft souverän den „Point after Touchdown“ – die erste Patriots-Führung. 33:32. Neun Minuten sind noch zu spielen. Es ist laut, keiner steht mehr, die Eagles-Fans zittern: Für sie wäre es der erste Super-Bowl-Sieg! Die 53 Spieler und der Coaching Staff wären Könige von Pennsylvania. Das weiß Foles, doch nervös wird er nicht. Geduldig führt er die Eagles Stück für Stück an die Patriots-Endzone heran – und findet dann Tight End Zach Ertz. TOUCHDOWN, 2:21 Minuten vor dem Ende. Der Versuch einer Two-Point-Conversion misslingt erneut; trotzdem führen die Eagles mit 38:33.

MVP Nick Foles

MVP Nick Foles

20.45 bis 21.55 Uhr: Die letzten zweieinhalb Minuten netto dauern 30 Minuten brutto. Es ist ein Spielverlauf wie für den Hollywood-Helden Brady gemacht. In 141 Sekunden das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, den sechsten Ring holen. Die meisten im Stadion und die meisten der 900 Millionen Zuschauer wünschen sich, dass die „Pats“ einmal nicht gewinnen, aber klappt das auch? Twitter explodiert. Und Brady? Bisher spielt er, das bezweifelt niemand, sensationell gut, doch dann… lässt er sich den Ball von Brandon Graham aus der Hand schlagen. FUMBLE! Irre Szenen spielen sich ab, die Eagles laufen kreuz und quer über den Platz. War‘s das? Jake Elliott trifft zum Field Goal; jetzt steht‘s 41:33. In 58 Sekunden muss Brady das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, mit anschließend gelungener Two-Point-Conversion. Wer wenn nicht Brady sollte dieses Wunder schaffen? Und mit dem letzten Wurf bekommt Brady die Chance einer „Hail Mary“. Das ist die Verzweiflungs-Bogenlampe in die Endzone – Tausend Arme strecken sich in die Luft, und irgendeiner fängt. Das führt schon mal zu einem Touchdown.

Diesmal nicht.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Ende. Die Eagles gewinnen. Fly Eagles fly. Konfettiregen, Jubel, noch mehr Jubel, Tom Brady schleicht geschlagen vom Feld. Nick Foles, dieser schüchterne, unscheinbare Typ, ist der Held. Er wird zum most valuable player (MVP), also zum wertvollsten Spieler, gewählt. Verdient. Ich genieße die Augenblicke der Siegerehrung, hören mir die ersten Interviews an, sammle alle Momente ein und verstecke sie für dunkle Arbeitsstunden. Dann schicke ich meinen Spielbericht um 21.53 Uhr amerikanischer Zeit – also um 4.53 Uhr deutscher Zeit. Das wundervolle Stadion ist da schon wieder halbleer.

21.55 bis 22.45 Uhr: Durchs Treppenhaus geht‘s hinab auf Rasenebene zu den „Postgame Interviews“. Eagles-Trainer Pederson und MVP Foles bekommen eine eigene Pressekonferenz, die wichtigsten sechs Spieler sitzen auf einem Podium. Feuer frei für alle Fragen, kein Aufpasser einer Presseabteilung sitzt daneben. LeGarette Blount hat seine Kinder dabei. Ich switche von Spieler zu Spieler, schreibe nichts mit – das Wichtigste bekomme ich ohnehin online bzw. kann es mir merken. Brandon Graham, der Mann, der Brady schlug, steht unmittelbar neben mir. Als der wirklich letzte Spieler wieder im Kabinengang verschwindet, einen Zugang zur Umkleide habe ich leider nicht, treffe ich Kollege Stefan vom Huddle. Schön, ein bekanntes Gesicht zu sehen und über das gerade Geschehene zu reden. Ich plaudere vor mich hin, er ist da gelassener. Für ihn war es der vierte Super Bowl. Aber auch er muss gestehen: Stadion großartig, Spiel großartig – unvergesslich.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

22.45 bis 23 Uhr: Für ein Kaltgetränk in Minneapolis Downtown habe ich aber keine Zeit mehr. Stefan und ich schlendern ein wenig ums Stadion herum, journalistisch gibt es jetzt nichts mehr zu holen. Dann gehen wir unserer Wege. Ich ziehe mir meinen Kragen nach ganz oben, aus plus 20 sind wieder minus 20 Grad geworden und laufe etwas verwirrt, weil geflasht, durch die Gegend. Schließlich finde ich den Busshuttle, steige ein und verabschiede mich leise vom US Bank Stadium. Mag sein, dass die NFL eine Krise hat. Mag sein, dass die TV-Quoten sinken. Mag sein, dass die Anti-Rassismus-Diskussionen die Mehrheit der US-Bürger nervt, die schweren Kopf-Verletzungen abschrecken – ja, erwähne ich alles in meinen Artikeln, wenn ich mich wieder gefangen habe. Jetzt bin ich emotional aufgeladen.

23 bis 23.30 Uhr: Im Shuttlebus zurück zum Hotel versuche ich bereits, meine Emotionen zu kanalisieren. Geschichten gibt es genug zu erzählen. Die große Frage ist: Welches Funke-Haus will welche geliefert bekommen? Ich schnappe mir mein iPad, notiere mir erste Formulierungen – und dann schmeißt mich der Busfahrer auch schon vor dem Marriott-Hotel am Airport hinaus.

23.30 bis 0.30 Uhr: Auf Zimmer 216 checke ich erst einmal alle sozialen Netzwerke. Wer hat wie auf meine Einträge bei Twitter, Facebook und Instagram reagiert? Steht mein Text schon online? Steht er, gut. Dann schnappe ich mir mein iPad, klappe es auf – und direkt wieder zu. Ich drücke den „Stopp“-Knopf. Wenigstens für heute. Jetzt will ich emotional ins Bett gehen, nicht nüchtern. Der schönste Tag meines Berufslebens geht vorbei. Um halb eins knipse ich das Licht aus.

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