28. Januar 2010. 7. Urlaubstag. San Francisco.

Im Januar 2010 bereiste ich mit dem Rucksack die US-Westküste und sah mir Seattle im pazifischen Nordwesten sowie San Francisco und Los Angeles in Kalifornien an. Traumhaft! Ein Tagebuch führte ich nicht “live”, sondern “nur” in einer Word-Datei. Deshalb sind diese Zeilen noch nirgendwo erschienen. Es war ein sehr intensiver zweieinhalbwöchiger Trip, da ich ohne meine Liebste, sondern ganz allein reisen musste und in dieser Zeit mein schwer kranker Onkel starb, 10.000 Kilometer entfernt.

Am 28. Januar 2011, meinem siebten Reisetag, spazierte ich in San Francisco über die Golden Gate Bridge – Lebenstraum erfüllt. Ich nannte diesen Eintrag „DIE GRENZENLOSE FREIHEIT”:

Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein? Womöglich. Aber sie ist es auch bei einem Spaziergang über die Golden Gate Bridge.

Die Stadt San Francisco wäre selbst dann eine einzigartige Sehenswürdigkeit, wenn sie noch den Naturzustand hätte. Wenn kein Mensch jemals hier gewesen wäre. Die Bucht auf der einen Seite, der Pazifik auf der anderen und dazwischen 40 Hügel garantieren spektakuläre Ausblicke an jeder Ecke. Aber was die Einwohner San Franciscos in all den Jahrzehnten aus dem natürlichen Rohmaterial geschaffen haben, ist auch so beeindruckend, so überwältigend, so schön. An meinem ersten vollen Tag hier habe ich mir eine Menge davon angeschaut. Eine Menge.

Morgens will ich mich als allererstes eigentlich um mein Busticket nach Hollywood kümmern. Stehe deshalb extra sehr früh auf, dusche, bin enttäuscht über das angebotene Frühstück im Hostel (auf dem Herd in der Küche steht eine Pfanne – und auf dem Tisch daneben Pfannkuchenteig, wenigstens ist der kostenlos) – und gehe um kurz vor halbzehn los. Schaue zum Himmel und stelle fest: Hammer! Traumwetter! Blauer Himmel! Sonnenschein! Wer will denn da die Zeit mit Bustickets vertrödeln?

usa_homepage131_tag5waytogoldengate14andiIch jedenfalls nicht! Ich schaue auf die Stadtkarten, die ich habe (so einige: Lonely Planet, Baedeker, Auslage im Hostel), erblicke die unterschiedlichsten Stadtviertel (die ich alle sehen will), aber klar ist: Der Weg ist das Z… ich schreib’s nicht weiter, kostet sonst fünf Euro. Die Golden Gate Bridge ist der große Aufhänger dieser Reise, und Golden Gate will ich sehen. Jetzt. Sofort. Kann’s nicht erwarten, auch noch bei dem Wetter. Das ist Adrenalin, das ist Euphorie, das ist Entspannung, das ist Urlaub, ein bisschen von allem. Jaaaaa. Lebensträume erfülle ich mir nicht jeden Tag. Und deshalb sind die Emotionen kurz davor ganz besonders.

Ich beschließe, standesgemäß mit einem Cable Car die Tour von meiner Heimat im belebten Union-Square-Hotel-District bis zur Küste zurückzulegen. Von da ist’s noch ein kleiner Fußmarsch bis zur Brücke. Kaufe für 20 Dollar einen Drei-Tage-Pass des örtlichen VRR-Verschnitts und werde die Powell-Hyde-Linie bis zur Endhaltestelle benutzen. Die Fahrt ist ein Traum. Ich weiß, kein normaler Einwohner von San Francisco wird noch mit einem Cable Car fahren (eine Single-Fahrt kostet fünf Dollar), aber an jeder Straßenkreuzung gibt’s eine Sicht auf die Hügel, die Hollywood schon für so viele Verfolgungsjagden nutzte. Schnell wird auch die Bucht mit der Insel Alcatraz am Horizont sichtbar. Gleich. Gleich bin ich da. Am Ziel.

Der/das Nordkapp, die Brooklyn Bridge, das Weiße Haus, der Eiffelturm – solche Bauwerke waren Ziele. Aber keins stand in meiner „Da will ich hin“-Liste so weit oben wie die Golden Gate Bridge. Jeder, der mir, wenn ich zurückkehre, antwortet: Och, ist doch langweilig – den lache ich aus. Das ist nicht langweilig. Das ist traumhaft. Das ist die Freiheit. San Francisco schläft noch, als ich um kurz nach 10 Uhr die Küste erreiche. In Deutschland ist’s gerade 19 Uhr – und es schneeregnet, wie mir meine Liebste am Telefon berichtet. Ich mache sie neidischer von Tag zu Tag, was schmerzt. Ich kann die Brücke schon sehen.

Puh, ist aber doch noch ganz schön weit. Ich sehe, wie jemand in der kalten Bucht schwimmt (brrr…) und frage mich: Miete ich mir ein Rad oder laufe ich das kurze Stück? Ich laufe! Kopfhörer ins Ohr, die feinste Musik, die mein iphone hergibt („Everlong“, „Where is my mind“ und so) und los. Schon nach ein paar Metern entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift „6 km“. Huii. Die Straße am Strand entlang heißt „Marina“. Hier sieht nichts so belebt aus wie am Union Square. Das ist relaxtes Strandfeeling. Ein paar Schilder weisen auf Volleyballfelder (und -verbote) hin und sonst sind um diese Uhrzeit wenige Touristen und viele Fitnessfreaks unterwegs. Viele Hunde aller Rassen und massig Jogger. Stimmt, gibt keine bessere Kulisse auf der ganzen Welt. Da würde selbst ich zum begeisterten Jogger werden. Die „Marina“ führt in den kleinen Stadtteil „The Presidio“, der kurz vor der Golden Gate liegt. „Presidio“ heißt nichts weiter als „Militärposten“, und deshalb besteht der Teil überwiegend aus Garten und ein bisschen Schnickschnack, der Touris wie mich vor dem anstrengenden Spaziergang über Golden Gate (hätte ich nicht doch eher radeln sollen *schwitz* ?) ablenkt. Nach Abermillionen Fotos ist die Brücke bei „Fort Point“ (filmisch verewigt von Hitchcock in „Vertigo“ 1958) ganz, ganz nah. Muss nur noch viele Treppen hinaufsteigen und …

… DA … DA! DAAAAAAAAA!!!

Meter für Meter erfülle ich den Traum. Diesen Traum. Vergesse die sechs Kilometer, die schon in meinen Knochen stecken, den Schweiß. Das Ziel ist erreicht. Da. Alles andere, was jetzt noch kommt, Zugabe. Der Blick geht rein in die San Francisco Bucht, auf die Insel Alcatraz, auf die Skyline mit der berühmten Transamerica Pyramid. Bleibe stehen, immer mal wieder, schalte mein iphone aus, weil ich den Verkehr der sechs Spuren hören möchte. Und den Wind, der vom Ozean in die Bucht weht und jeden Fußgänger mitzureißen droht. Nach 2,4 Kilometern bin ich am Nordende der Brücke angekommen, dem „Vista Point“. Abermals ein sensationeller Ausblick. Ich setze mich hin, lese im Baedeker die wichtigsten Fakten und die Entstehungsgeschichte der Brücke nach. Es ist schon zwischen halbeins und eins, verdammt, hab noch so viel Programm.

Schweren Herzens entscheide ich mich, husthust, für 35 Dollar ein Zwei-Tages-Ticket bei einem dieser eigentlich unsäglichen Hop-on-hop-off-Doppeldecker-Busse zu kaufen. Scheiße touristisch, aber jetzt einfach die schnellste und praktischste Variante. Ich hoppe auf, und wir fahren an der Ozeanseite zurück. Der Pazifik! Die Felsen!

Die Pflanzen bei „The Presidio“. Golden Gate. Ich glaube es erst, wenn ich zu Hause bin und mir die Fotos anschaue, die mich vor dieser Brücke zeigen. Im absoluten Schnelldurchgang will ich nun die nächsten Must-looks dieser Stadt abhaken. Ich fahre mit dem Bus bis zu „Fisherman’s Wharf“, einem Vergnügungsviertel als Verlängerung der „Marina“. Früher, ganz früher, verkauften die Fischer dort am frühen Morgen den Fang der Nacht. Heute ist der Wharf ein mieses Happening für Pauschal-Touristen. Unverzichtbare Sehenswürdigkeiten an jeder Straßenseite werden vorgegaukelt, doch von den Museen – sagen alle Reiseführer – ist höchstens das Aquarium sehenswert. Selbstredend sind alle wichtigen Fressketten und Souvenirshops hier vertreten (samt Neonwerbung), was dieses Viertel zwar bunter, aber nicht besser macht. Ich schaue mir am „Pier 39“ an, wie die berühmten Seelöwen von San Francisco um die Wette brunzen – und gucke schonmal, wo morgen das Schiff nach Alcatraz ablegt. Pier 33. Danach verschwinde ich schnell wieder, hoppe on.

Und wieder off im Stadtviertel „North Beach“. Ganz früher lebten dort die italienischen Fischer, ein kleines bisschen hat italienische Kultur überlebt, rund um den zentralen „Washington Square“ sieht alles recht hip und schick aus. Ich halte mich trotz des guten Wetters dort nur kurz auf und steige hoch zum Coit Tower, der einen ganz netten Blick auf Wharf, Alcatraz und Bucht bietet. Naja, wieder zwei Kilometer mehr gelaufen (auch noch krass bergauf), aber ganz umsonst war’s nicht. Da ich die Muskelkater ohnehin haben werde, setze ich meine Tour zu Fuß fort. Mehr geht in meinen Schädel ohnehin kaum rein, aber ein bisschen was nehme ich noch mit. Zum Beispiel einen kleinen Touch „Chinatown“ – eins der größten der Welt außerhalb Chinas. Ich spaziere bis zum „Financial District“ mit der stilbildenden „Transamerica Pyramid“. Ägypten im 21. Jahrhundert. Zwischen den Hochhäusern liegt die Endhaltestelle der Cable-Car-Linie „California Street“.

Ich steige ein und lasse mich wieder einen Hügel hinauf kutschieren. Steige um in die Powell-Hyde-Linie und bin gegen 16.30 Uhr wieder am Union Square. Glücklich.

Schaue mich um. Habe inzwischen meinen iphone-Kopfhörer komplett geplättet. Was liegt näher, als im original Apple-Store Nachschub zu holen!? Ich entscheide mich gegen die 129,99-Dollar-Ohrstecker – und nehme die 29,99-Dollar-Variante. Gäb’s bei ebay oder bei billiger.de günstiger. Aber hey: Apple! Store! Am Union Square suche ich ein bisschen Ruhe. Trinke ein Wasser. Blättere in den Reiseführern. Prüfe, ob ich mich an alles noch erinnern kann. Stelle dann fest, dass die Lombard Street gar nicht so weit entfernt liegt. Also rein ins Cable Car und wieder die Hügel hinauf Richtung Küste. An der „Lombard“ steige ich aus und gehe die weltberühmte Serpentinen-Straße hinunter. Leider sind die Pflanzen noch nicht bunt. Leider! Als ich nach heute insgesamt zwölf Kilometern zu Fuß wieder in der Cable Car zurück Richtung Union Square fahre, ist es schon lange dunkel.

It’s a beautiful day.

Einkaufen muss ich noch. Morgen zum Frühstück gibt es einen Chocolate-Chip-Muffin und stilles Evian-Wasser. Aufstehen muss ich recht früh, um pünktlich um 10.15 Uhr am Alcatraz-Pier-33 zu stehen. Dick bepackt gehe ich zum Italiener, freue mich des Lebens, bestelle einmal Lasagne und eine Diet-Coke (0,5 Liter für 1,75 Dollar) und schaue mir die Fotos auf meiner Digitalkamera noch einmal an. Union Square, Cable Car, Marina, Presidio, Golden Gate, Fisherman’s Wharf, Pier 39, Coit Tower, North Beach, Washington Square, Chinatown, Financial District, Transamerica Pyramid, Lombard Street. San Francisco ist auch bebaut ein einziges großes Fotomotiv. Eine der Top-Sehenswürdigkeiten auf der ganzen Welt. Die schönste Stadt der USA – da gibt es nicht den geringsten Zweifel. Weitere spannende Stadtviertel und bekannte Museen habe ich noch nicht einmal gesehen. Was macht San Francisco aus? Die Mischung aus Natur, Metropole und Kalifornien. Die lockere Risikofreude der Bewohner – schließlich steht jede Sekunde ein schweres Erdbeben bevor. Und die beispiellos tolerante Bevölkerung erst. Na klar liegt das an der Geschichte der Stadt, an den 60ern, als Janis Joplin und die Grateful Dead in der Stadt wohnten. Als der „Summer of love“ im Stadtteil Haight-Ashbury stattfand. Als sich Bob Dylan und Jimi Hendrix hier sehen ließen. Als von San Francisco die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung ausging. Na klar liegt das an der Akzeptanz der Homosexuellen-Bewegung, die vor allem in den Stadtvierteln The Castro und The Mission sichtbar sein soll. Doch nicht nur dort gibt es Regenbogenfarben.

Das Leben des ersten bekennenden schwulen Stadtrats Harvey Milk wurde erst 2008 verfilmt („Milk“ mit Sean Penn). Seit 1956 hat San Francisco keinen republikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr mehrheitlich gewählt. Und als einzige Metropole in den USA hat San Francisco den Besitz von Handfeuerwaffen ohne Schein verboten. „Be sure to wear some flowers in your hair“. Ja, da habe ich es doch noch geschrieben. Wäre die Welt doch überall so friedlich.

Weit nach 21 Uhr schließe ich kaputt, übermüdet, aber nicht hungrig und durstig, mein Hostelzimmer auf. Es dauert nicht lang, bis ich in einen ganz, ganz tiefen Schlaf sinke. Und träume. Von diesem Tag. Aber das werde ich nicht nur heute.

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