12. April 2002 – VfL-MSV 3:0 – „Die schwere Geburt“

23 Tage vor der unglaublichen Aufstiegsparty 2002 in Aachen stand der MSV Duisburg dem VfL im Weg. Wenn Bochum gegen Duisburg spielt, sind das Feiertage in meinem Freundeskreis – so auch diesmal, auch wenn mich niemand begleitete. Denn für die Zebras, trainiert von Litti, ging´s um nichts mehr. Dementsprechend ernst nahm der VfL das Spiel, wartete geduldig auf die Chancen und siegte am Ende verdient mit 3:0.

Und so geht der viel gelesene Text, den ich „Die schwere Geburt“ nannte – versehen mit der Unterzeile „Tja meine Zebra-Freunde … war wohl nix!“

Wenn das viel, gern und oft gebrauchte geflügelte Wort der „schweren Geburt“ nicht nur bildlich gemeint, sondern auch noch sachlich korrekt ist… manoman, jetzt kann ich Frauen noch besser verstehen, warum die Stunden im Kreißsaal nicht gerade als die angenehmsten gelten. Der Sieg lag schwer im Bauch, schwer im Magen, die Minuten verrannen und verrannen; diese verflixten Tore fielen einfach nicht. 58 quälende Minuten dauerte es, dann, ja dann endlich… 1:0 und alles nahm seinen Lauf.

Doch halt! Es wäre fahrlässig, erst beim 1:0 einzusetzen, wenn es um das Spiel VfL gegen MSV geht. Nein. Gerade dieses Spiel hat eine besondere Vorgeschichte. Wenn Ihr aufmerksam meine VfL-Statistik verfolgt habt, dann wisst ihr, dass ich kein Spiel so oft sah wie VfL gegen MSV. Meistens kam dabei ein unvergleichliches Gegurke heraus, aber naja… aus meinem Bekanntenkreis gehören (aus welchen Gründen auch immer) einige dem Zebrastall an, und schon oft mutmaßte ich, dass ich alle fünf treuen MSV-Fans persönlich kenne (gehen da mehr hin?)! Jedes Jahr, in dem der VfL und der MSV derselben Liga angehören, ist daher ein Festjahr. Es gibt zwei Highlights, die jeweiligen Spieltage werden schon Monate vorher rot umkreist, die Termine dick eingetragen. Diesmal also der 12. April. Die SMS kursieren schon seit mehreren Wochen. Selbst wenn ich es wollte; ich könnte Euch nicht sagen, wie oft ich den Spruch „Wir versauen Euch den Aufstieg“ gehört und gelesen habe. Hätte ich Strichliste geführt, selbst ein frisch gekaufter 1000-Blatt-Stapel hätte nicht gereicht. Na wie dem auch sei. Die Umfrage vor 14 Tagen ergab, dass vielevieleviele Leute mitkommen wollten. Das Präteritum ist mit Absicht gewählt. Denn weder mein Bruder Thommy (zog eine Harry-Rowohlt-Lesung vor…), noch Zander (flog lieber mit Freundin nach Mallorca…), noch mein Onkel (ich vergaß, ihn anzurufen…), noch Arbeitskollege Marcus (feierte den 1. Geburtstag seines Sohnes…), noch Marc+Freundin (DJ bei einer Mallorca-Party) noch Tina+Helmut (beruflich verhindert), noch Kollege Alex von der Post (weilt in Köln) usw. waren tatsächlich am Start (Anmerkung: In der Kurve traf ich nicht mal die üblichen Gesichter…) Also traf mich wieder das Schicksal eines einsam-treuen Bekloppten. Damit wären wir dann bei der üblichen Bahn-Hinreise, die diesmal eine selten gewordene Besonderheit bereit hielt: Der NRW-Express kam aus Duisburg – sprich: war voller Zebra-Fans. Also lieber mal die Schnauze halten… Friedlich sahen die Jungs in meinem Abteil jedenfalls nicht aus.

Na dann mal rein ins Stadion: Um 18.10 Uhr ist es noch leer; ist aber auch ne Scheiß-Zeit, um 19 Uhr müssen die meisten noch schuften oder kommen gerade erst nach Hause. 15 500 werden es dann doch noch – und je näher das Saisonende rückt, desto mehr steigt mein Adrenalinspiegel. Das Zittern hat dann nichts mehr mit der Kälte zu tun, sondern mit der Anspannung. Ich gebe es zwar nur ungern zu – aber genauso lang, wie ich große Töne spucke (mit Vorliebe: „Wir hauen Euch sowieso die Bude voll“) habe ich einen Riesenbammel vor diesem verflixten Spiel. Diese Duisburger sind zu allem fähig, vor allem im Ruhrstadion. Ich weiß zu gut, dass dieses Spiel für viele MSV-Fans das Auswärtsspiel des Jahres ist und alle ganz besonders heiß nach Bochum kommen.

Meine Befürchtungen werden bestätigt. Siehe oben. Schwere Geburt. Mühsamer von Minute zu Minute. Es tut teilweise richtig weh, mit anzusehen, wie vergeben und dumm doch die Bochumer Bemühungen sind. Um es mal analytisch in einem Satz formulieren: Die erste Halbzeit ist scheiße-langweilig. Um es aufzudröseln: Die Duisburger schaffen es mit dem klassisch-modernen und gut umgesetzten 4-4-2-System, die Bochumer in Schach zu halten. Die Zebras spielen verhalten, bauen das Spiel langsam auf, lassen Bochum kommen. Aber dann das typische 4-4-2: Hinten dicht stehen, die Stürmer übergeben. Dann die Räume erst eng machen, mit allen Spielern Richtung Ball verschieben, dann – nach Balleroberung – mit langen Pässen Räume öffnen, schnell und direkt nach vorne spielen. Das alles mit einer gehörigen Portion Zweikampfstärke und mit weiten Drsek-Einwürfen gewürzt ergibt – ratlose Bochumer Angsthasen, denen kaum mehr einfällt, als den Ball dauernd irgendeinem Duisburger in die Füße zu spielen. Peter Neururer versucht´s mit der antiquierten Manndeckung; Fahrenhorst folgt Ebbers zum Beispiel auf Schritt und Tritt. Naja, richtig modern ist´s nicht, dafür aber die Offensivtaktik mit drei Stürmern. Wenn´s wenigstens was bringen würde. „Nichts geht“ hätte Boris Becker in seinen besten Zeiten in einer ähnlichen Leistungssituation gebrüllt. Als der Schiedsrichter zum Pausentee bittet, bibbere ich immer noch vor Anspannung. Meine 15 000 Kollegen zittern nicht, pfeifen aber aus voller Überzeugung. Und ich sagte noch: Riesen-Schiss. Halbzeit zwei beginnt; die SMS „Sieht nicht gut aus. Duisburg ist klar besser“ versende ich nur an meinen VfL-Kollegen Dirk nach München. Den Duisburgern verschweig ich diesen Anlass zur Schadenfreude. Und das ist gut so.

Denn in der 58. Minute – und hiermit sind wir wieder beim Berichtsbeginn angekommen – versenkt Hashemian die Kugel zum 1:0. Verdient? Naja, Duisburg hatte zwar die bessere und modernere Spielanlage, war aber doch zu defensiv eingestellt. Als der MSV versucht, offensiver zu werden, geht das gehörig nach hinten los. Christiansen zum ersten, zum zweiten; dazu noch weitere Chancen. Ein Super-Slawo-Freier, dazu Thomas-Seitfallzieher-Christiansen – 3:0. Superduper.

Jaaa, hipphipphurra, jetzt kann ich endlich die (ich gebe zu, schon vorbereitete) SMS „Ein virtuelles Taschentuch an meine Zebra-Freunde. Wir sehen uns höchstens noch im DFB-Pokal… Nie mehr 2. Liga“ an die MSV-Fans in meinem Freundeskreis verschicken. Welch Freude!

Die Rückfahrt in einem mit MSV-Fans prallgefüllten NRW-Express überstehe ich dann auch noch. Die Verspätung beträgt zwar 15 Minuten, aber es sind halt Fußball-Fans… „Ein Wagen voller Eishockey-Fans wäre mir lieber. Da habe ich wenigstens meine Ruhe“, grummelt der Schaffner vor sich hin. Geh doch in Rente, Du Langweiler! Zwei Rollstuhlfahrer sezieren das Spielgeschehen – der eine mit VfL-, der andere mit MSV-Schal. Ein versöhnliches Bild, da fallen die paar Dutzend Vollidioten nicht auf, die nur Unsinn in der Birne haben.

Mir ist´s eh schnurz. Leider muss ich nur jetzt nach Fürth fahren. Das hat mein Engelchen mit meinem Teufelchen auf der Schulter so abgesprochen. Aber das nächste ist mein 200. VfL-Pflichtspiel. Da ist eine weite Auswärtsfahrt doch gerade gut genug, oder?

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