Oh wie ist das schön!

Am 5. Mai 2002 bloggte ich über das Zweitliga-Spiel zwischen Alemannia Aachen und dem VfL. Der VfL siegte nach denkwürdigen 90 Minuten mit 3:1, überholte in letzter Sekunde den FSV Mainz 05 und stieg in die Bundesliga auf. Dieses Spiel gehört zu meinen „Top 5“ in bisher 24 Jahren VfL, vielleicht sogar zu den „Top 5“ der Vereinsgeschichte. Ein unglaublicher, unfassbarer Tag.

Den Text zum Spiel nannte ich „Unbelievable – Oh wie ist das schön!“ – und so geht er:

Jetzt, da ich diese Zeilen hellschwarz auf hellgelb (Layout meiner ersten Homepage, Anmerkung im Januar 2012) auf dem Bildschirm verewige, ist es acht Stunden her. Ich bin alleine, laufe in der Wohnung auf und ab. Keine Stimmen, die mir ins Ohr brüllen, keine Arbeitskollegen, die sich nach meinem Befinden erkundigen. Nur die Bilder vom Videoband, viel mehr noch die Bilder in meinem Kopf und ich. Es kommt höher und höher, eine Träne kullert meine Wange herunter; langsamer und langsamer rinnt sie über meine Haut. Meine Hand formt sich zur Faust, und genau JETZT habe ich es begriffen. Aufgestiegen! WIR SIND WIEDER DA! Es ist wirklich wahr, was ich zum 16.48 Uhr erlebt, was ich gefühlt habe. Das Spiel vorbei, herzinfarktgefährdet, 3:1 gewonnen. Und dann die goldene Nachricht vom Nebenmann. Der verharrt, erstarrt, drückt den Radio-Kopfhörer durch sein Ohr bis zum Trommelfell. Dann strapaziert er seine Stimmbänder wie nie zuvor: „AUUUUUUS! AUUUUS!!! 3:1 FÜR UNION!!!!!!“ JAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!! JAAAAAAAAAAAA!!!!

Hüpfen, hochspringen, Sergej Bubka Konkurrenz machen!!! Kommt in meine Arme, allesamt! Ich umarme den Nebenmann mit dem Radio, den Vordermann mit dem Schnäuzer, den anderen Nebenmann, der mehrfach den Sanitäter holen wollte, weil er kurz vor dem Nervenkollaps stand. Die Tore öffnen sich, rauf auf den Rasen, auf den goldenen Rasen, der uns die 1. Liga brachte. Hier werde ich so schnell nicht mehr hinkommen; tschüss Aachen, wir haben´s gepackt! Wie Beckenbauer 1990 in Rom schlurfe ich übers grüne Geläuf.

Durchquere es im Quadrat, nehme Platz auf der Trainerbank, springe auf, spaziere von Eckfahne zu Eckfahne. Die Hände sind ganz tief in der Hosentasche vergraben, ich spüre nur noch, dass mein Handy im Sekundentakt vibriert. Meine Gedanken sind ganzganzganzganz weit weg. Woanders, in einer anderen Galaxie. Mein 202. Bochum-Spiel; eins, dass in die Geschichte eingeht als das mit dem größten Nervenkitzel, als das mit dem schönsten Aufstieg. Die Mannschaft kommt nochmal raus, Peter Neururer, gezeichnet von einer tränenreichen und feucht-fröhlichen Kabinenparty, strippt vor den Fans, entledigt sich seines Aufstiegs-T-Shirts – das wird ne ganz lange Nacht in Bochum. Nur widerwillig verlasse ich den Ort des Triumphes. Zurück zum Bahnhof. Ich glaub im Bus sitzen nur Aachener. Egal. Ich lese zahlreiche SMS. Alle gratulieren, sogar die Duisburger Fans, die seit Monaten sticheln. Mein Bruder Thommy ruft an, aus Hannover, dort hält er eine Lesung.

– Ist es wahr, was ich hier gerade eben gehört habe?

Ja, ist es. Ich versuche, alle Ereignisse in einer Minute zu rekonstruieren. Meine Gedanken überschlagen sich vor Glück, es sprudelt alles nur so aus mir heraus. Dass ich bei Oddset gewonnen habe, zum sechsten Mal in Folge; selbstverständlich! In Trance führe ich zwei dienstliche Gespräche, heiser, im blauen Himmel fliegend, mich in der Sonne bratend, mit einer schönen Frau liebend; sprich: immer noch in der anderen Galaxie. Ich arbeite noch zwei Stunden, irgendwie, mein Trikot bleibt an, mein Schal bleibt um, jeden, den es gar nicht interessiert, konfrontiere ich mit meinem unbeschreiblichen Gefühl, es ist schließlich lange her, dass ich so richtigrichtig glücklich war.

Tja, um 10.25 Uhr war das noch gar nicht so klar. Da waren es noch vier Stunden und 35 Minuten bis zum Anpfiff und ich verließ gerade meine Wohnung!

Mülheim, 10 Grad, strömender Regen, die Frisur hält. Oh je, das erinnert stark an das Union-Berlin-Spiel. Der April ist zwar vorbei, aber das Wetter lässt dennoch enorm zu Wünschen übrig. Okay, wenn das Spiel so ausgeht wie letzte Woche, kann ich damit leben. Aber wer gibt mir die Garantie? Wie es um meine Gefühle steht? Die Zweifel wachsen. Wir sind zwar punktgleich mit Bielefeld und nur einen hinter Mainz, aber  istdoch so unrealistisch. Das ist kein Kribbeln mehr im Bauch, das sind schon Bauchschmerzen. Als ob ich das Guten-Morgen-Müsli mit längst verschimmelter Milch verspiesen hätte. Der Regen durchnässt meine Lockenpracht, meine Trekking-Schuhe – die ich erstmals seit dem Nordkapp-Urlaub trage – schützen meine Füße vor der Nässe. Meine Brille ist voller Regentropfen. Ich sehe aus wie eine schlechte Karikatur eines Nachwuchs-Cartoonisten. Im Regionalexpress um 10.46 Uhr hocken wenige Bochumer – es ist noch früh. Huh, denen geht’s ähnlich wie mir, nämlich nicht sonderlich gut. Zweckoptimismus nennt man das wohl. Auch die „Lacherei“, wie mein VfL-Kumpel Stefan immer sagt, ist nicht so wie sonst. Gut, dass Alster (Pils/Fanta) für einen Bochumer „Leberverarschung“ ist, das habe ich noch nie gehört und zaubert ein Lächeln auf meinen Lippen hervor. Aber für den Schmunzler der Zwei-Stunden-Fahrt muss der Schaffner sorgen, der bei der Einfahrt nach Leverkusen Mitte über die Lautsprecher bekanntgibt: „Jetzt bitte ich alle Fahrgäste aufzustehen – und eine Gedenkminute für Bayer Leverkusen 04 einzulegen!“ Sensationeller Spruch! Die Uhr schlägt 12.50 Uhr, Aachen Hauptbahnhof, ein paar von den Bochumern sind doch lauter geworden, die „Ostwestfalen-Idioten“-Sprechchöre feiern ein unverhofftes Revival. Ohjemine, es pisst immer noch in Strömen, ich glaub, Petrus hat ne ziemlich üble Blasenentzündung. Das Miteinander mit den Aachener Fans ist wirklich phantastisch. Sie geleiten uns durch die Innenstadt, am Stadttheater vorbei, zum Bushof. Das dauert zu Fuß geschlagene 15 Minuten, und einen Eindruck von Aachen konnte ich nicht sammeln. Vielmehr war ich bemüht, den Regen von meinen Haaren fernzuhalten. Rein in den Bus, ab zum Stadion, schnell ein Würstchen essen; beim Frühstück habe ich nicht ganz so viel runtergekriegt.

Einen Stehplatz suchen, finden, und die Gedanken sortieren. Wie war das noch mit Tabellensituation? Wenn die unentschieden machen und wir… ach scheiß drauf! Wir müssen gewinnen und dann mal schauen.
Die Spieler kommen zum Warmlaufen, Applaus. Die Aachener Fans jubilieren schon jetzt: „Die Alemannia wird niemals untergehen“ und dann immer wieder „Bochum – Bochum – 2. Liga“, „Schade Bochum alles ist vorbei!“ Und niemand vermag zu widersprechen. Dariusz Wosz, wieder dabei, und Christiansen veranstalten schon weit vor dem Anpfiff jenes Arm-Gefuchtel, das den Fans symbolisieren soll: Gebt alles! Wir werden es auch tun! Und schwuppdiwupp sortieren 5000 der 8000 Bochumer ihre Radios und Handys, besorgen sich Ergebnis-Informanten, und da laufen sie ein. Das Spiel beginnt, 15.01 Uhr, und jetzt ist klar: Wenn jetzt Abpfiff wäre, wären wir raus. Berlin gegen Mainz 0:0, Bielefeld gegen Ahlen 0:0, Aachen gegen Bochum 0:0.

Es geht nicht gut los. Angriffswirbel der Aachener, der Daun wird zum besten Bochumer Abwehrspieler, vernagelt drei Chancen in zehn Minuten. 15.10 Uhr – Mist, Bielefeld 1:0. 15.15 Uhr – gelbe Karte Schindzielorz. 15.23 Uhr – gelb-rote Karte Schindzielorz! Lähmendes Entsetzen. 8000-facher Schlaganfall am Aachener Tivoli. Siehe Union-Berlin-Spiel! Wieder ein früher Platzverweis. Alles ist vorbei! Soll ich lieber schon jetzt nach Hause fahren und mir weiteren Ärger ersparen? Bielefeld gegen Ahlen 2:0, oh je, auf die könnnen wir wohl nicht mehr setzen. Die Idioten steigen auf. Also alles auf „EISERN UNION“! Letzte Woche waren die ja auch gar nicht so schlecht. 15.26 Uhr; Colding im Strafraum, FOUL! Elfmeter!!! Christiansen läuft an, verlädt Straub, DRIN!!! 1:0! Christiansen sprintet direkt weiter, raus, Dickhaut kommt rein! Schon jetzt das Ergebnis sichern. Aachen ist verunsichert, wir setzen nach. Buckley auf Freier, 2:0! Das Ding ist gelaufen, der Käse gegessen, der Drops gelutscht, das Kaugummi gekaut, das Schnitzel gebraten. Der Dreier ist im Sack, doch von ausgelassener Kirmes-Stimmung keine Spur. Zu dünn ist der Faden, an dem ein möglicher Aufstieg hängt. Und noch sind wir auf Platz vier.

Es wird putzmunter auf dem Platz. Bediako von Aachen fliegt nach einem Boeing-747-Foul an Wosz vom Platz. Meine Fresse, der kam mit einem Tempo angeflogen, meiomei. Neururer und Berger prügeln sich fast, die Nerven liegen sowas von dermaßen blank. Halbzeit. Die Bilanz: drei Tode gestorben.

16.02 Uhr, der Stadionsprecher verkündet die Uhrzeit, als der Schiri zum Showdown bittet. In der Pause haben zwei Alemannia-Fans ihren Frauen Heiratsanträge übers Mikro gemacht (und die haben sogar mit „JA“ geantwortet; vor so einer Menschenmenge ist ein Antrag wirklich Erpressung…). Um mir die Zeit zu vertreiben, habe ich an schöne Frauen gedacht, an solche, die wenig reden, an solche, die gar nicht reden, an solche, die viel reden; habe festgestellt, dass ich der lebende Gegenbeweis für solche Sätze wie „Es kommt immer dann, wenn du gar nicht damit rechnest“ bin. Indes: Es hilft nur wenig. Das Realität ist weiß auf grün, rund auf eckig. Keine 120 Mal habe ich nach der „einundzwanzig“-Methode die Sekunden gezählt, da klingelt’s; im falschen Tor. Caillas 1:2. Tod Nummer vier. Ahlen hat auf 1:2 aufgeholt, aber wen juckt das schon. Um mich herum das blanke Grausen. Alle 30 Sekunden brüllt jemand „1:0 für UNION BERLIN“ und ständig will einer alle verarschen. Tod Nummer fünf!

Führen die wirklich, oder nicht? Aachen wirft alles, aber auch alles nach vorn. Der van Duijnhoven hält internationale, nein welt-, nein galaxieklasse. Zwei Dinger, die selbst der Kahn nicht hält, fischt der aus dem Giebel. 2:1, aber wie lange noch? JUNGS, HALTET DURCH, BITTE! Um die Situation zu beruhigen (und die eigenen unglaublich-dummen Komplexe abzureagieren) zünden Idioten aus dem Ultra-Kreis zwei Rauchbomben. Der Schiri droht mit Abbruch, Wosz klettert auf den Gitterzaun. 2:1 für uns, Bielefeld führt 3:1, ist durch. Berlin gegen Mainz 0:0. „Schade Bochum alles ist vorbei“ hallt es durchs Rund, ja sogar „Bochum wir hören nichts!“ „Aachen wir sagen nichts“ will ich antworten. Ich kann nicht reden. Kriege keinen Ton raus. Tod Nummer sechs.

Immer wieder: Augen zu, wegdrehen, durchatmen. Weitere Herzinfarkte hinnehmen! Und dann diese Sekunde um 16.23 Uhr. Einer der zahlreichen Radio-Männer schreit laut auf: „1:0 für Berlin! 1:0 für Berlin! 1:0 für Berlin!“, immer wieder von vorne. Der Jubel kennt keine Grenzen. Ersatzspieler springen auf und ab. V – f – L, V – f – L ! Steht auf für den V – f – L ! Kann das die Möglichkeit sein? Und wir führen noch! Sieben Minuten später jubeln die Schwarz-Gelben. Sogar der Stadionsprecher will da mithalten. „Zwischenergebnis aus der 2.Bundesliga: Berlin gegen Mainz 1:1“ brüllt er. Und wieder „Schade Bochum alles ist vorbei“. Wer glaubt jetzt noch an das Wunder? Immerhin, die Mannschaft wird besser. Meichelbeck für Ristau, Toplak für Buckley. Dann ein Konter über Wosz, Freier marschiert auf und davon, 3:1! Wir haben’s gepackt, der Dreier ist unser. Jetzt noch Union Berlin. Bittebittebittebittebittebitte! Tod Nummer sieben!

Der Blick zu den Radioleuten. Was ist los? „Hab nur die Käsesender drauf“ charakterisiert einer die holländischen Funkstationen. „Läuft nur Musik“ schreit ein anderer, „Wer will denn was über die Scheiß-Dortmunder hören“, trompetet der nächste. Nichts und wieder nichts. Es wird 16.32 Uhr, 16.33 Uhr, 16.34 Uhr. Sekunden verrinnen, die imaginäre Sanduhr fließt schneller und schneller. Jemand durchbricht die Stille: „HURRAAAAAAAAAAAAAAAAAA! 2:1 IN BERLIN!!!!!!!“ Die Nachricht macht so schnell die Runde wie ein Feuer in einem staubtrockenen Wald nach einem Hochsommer. Haltet durch, Union! Haltet durch! Die Ersatzspieler drehen am Rad, umarmen sich, genauso wie die Dortmunder vor dem Gewinn der Meisterschaft, V – f – L, V – f – L ! Dann die Gewissheit: 3:1 für Union Berlin – wir sind aufgestiegen. 16.48 Uhr: zwei kurze und ein langer Pfiff – AUS!

AUFSTIEG!

So ist´s gewesen! Die Zeilen sind hellschwarz auf hellgelb auf den Bildschirm gebannt. Soeben habe ich alle anderen Tagebucheinträge aus dieser Saison nochmal überflogen – und obwohl die Erinnerung natürlich noch frisch ist, kann ich ohne Frage behaupten: Das war der mit Abstand schönste Aufstieg – noch nie habe ich so sehr mitgezittert, meine ganze Umgebung in meine Emotionswelt eingeweiht. Bin nach Mannheim gefahren, nach Bielefeld, nach Fürth, nach Aachen. Vom Nervenkostüm her war ich der Calmund von Bochum, wenngleich ich doch ein paar (hundert) Kilo weniger wiege… „Oh wie ist das schön! Sowas hat man lange nicht gesehen!“ und „So ein Tag so wunderschön wie heute!“ rufe ich in mich hinein (und nicht laut heraus; die Nachbarn schlafen!) Es ist ruhig geworden um mich herum. Listening to the sound of silence. Ich schecke es. Wir haben es geschafft. Wir sind wieder da. Nicht Burghausen, nein, Bayern München kommt ab dem 10. August ins Ruhrstadion. Feeling so real. Ein nicht endender Orgasmus. Einer nach dem anderen, immer wieder. Unbelievable!

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