Super Bowl 52 – 9. Tag – 5. Februar

Am Ende habe ich sogar noch einmal Coach Esume getroffen – und wie es sich für echte Männer gehört, natürlich am Pissbecken. Am Flughafen von Minneapolis war das, etwa um 18 Uhr; knapp 45 Minuten bevor unser Flug nach Amsterdam zum Einsteigen bereit sein sollte. Und so saßen danach zwei Männer mittleren Alters irgendwo am Gate F12 träge herum, redeten über den Super Bowl, unsere wundervollen Frauen und Kinder, darüber, was wir zuerst tun, wenn wir unseren Zielort erreicht haben und wie die kommenden Wochen aussehen. Müde Krieger nach acht anstrengenden Super-Bowl-Tagen.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

So richtig gut geschlafen hatte ich in der Nacht nicht. Um 0.30 Uhr knipste ich zwar die Lichter meines Zimmers aus, wie gestern geschildert, und schaltete brav „Sleep Cycle“ an; zwischen 6.45 und 7.15 Uhr sollte mich die App wecken. Ich schlief jedoch erst um eins ein, immer wieder waren mir die Bilder aus dem US Bank Stadium durch den Kopf gegangen. Um vier Uhr war ich für zehn Minuten hellwach und schaute unmotiviert aufs Handy, und dann klingelte „Sleep Cycle“ auch noch um 6.45 Uhr. Halleluja. Nur knapp fünf Stunden unruhiger Schlaf statt sonst siebeneinhalb bis achteinhalb Stunden Baby-Schlaf, und das am letzten Tag… Vielleicht würde ich dann im Flieger ratzen können.

RT von LeGarrette Blount!

RT von LeGarrette Blount!

Beim ersten Blick aufs iPhone fiel mir dann aber auf: Ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich früh wach bin. Zuerst sah ich, dass Eagles-Runningback LeGarrette Blount persönlich einen Tweet von mir geteilt hatte. Dann hatten mich Dutzende Facebook-Nachrichten erreicht und viele, viele WhatsApps. In Deutschland war es schon 13.45 Uhr – und zahlreiche Forderungen konnte ich ebenfalls nachlesen: 4500 Super-Bowl-Zeichen für die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt, 4050 für die NRW-Titel und die Braunschweiger Zeitung, 3000 für Thüringen. Und das bis 11 Uhr US-Zeit. Puh. Ein kurzes Telefonat mit dem Chef; das wird keine einfache Aufgabe, ohne Schlaf, mit einem Check-out um 11 Uhr und einem 28-Stunden-Tag vor der Brust. Und den Koffer hatte ich auch noch nicht gepackt.

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Ich hockte mich an den Schreibtisch und tippte, was meine müden Finger um diese Uhrzeit hergaben – und natürlich klappte es irgendwie. Leider war ich mit den zahlreichen Super-Bowl-Textvarianten am unzufriedensten in dieser Woche; aber so ist das manchmal. Die Umstände waren nun wirklich nicht perfekt. Um 10.05 Uhr hatte ich dann offiziell Feierabend für heute, die Redaktionen in Deutschland waren zufrieden und ließen mich meine Abreise vorbereiten. Schnell schmiss ich alle Sachen in den Koffer, eilte hurtig unter die Dusche, schrieb ein wenig (zu wenig) mit den Liebsten zu Hause! Ich freue mich so darauf, meine wundervolle Frau, meine zauberhafte Tochter wiederzusehen!!! Um punkt 10.50 Uhr stand ich schließlich an der Rezeption des Hotels und hörte mich die Worte sagen: „Check-out please!“

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Das Problem des Tages: Mein Rückflug bis Amsterdam war auf 19.38 Uhr angesetzt. Warum die krumme Uhrzeit? Keine Ahnung. Jedenfalls würde ich vor 16 Uhr nicht am Flughafen sein müssen, und schon das wäre zu früh. Wie kriege ich also die Zeit zwischen 10.50 und 16 Uhr rum? Ich parkte meinen Koffer im Foyer des Marriott-Hotels (auf die Idee kamen viele, die erst am Abend flogen) und ging zum Hardcore-Shopping ein letztes Mal in die Mall of America. Ein Kollege wollte ein Patriots-Shirt für seine Frau (als ich das kaufte, fühlte ich mich unter lauter Eagles-Fans wie auf dem Weg zur Schlachtbank), eine supergute Freundin eine Starbucks-Tasse. Dann noch was für Frau und Tochter, inklusive Umweg über den Disney Store – und irgendwas musste ich ja auch noch essen.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Ich entschied mich für eine echte amerikanische Pizza mit extrem scharfer BBQ-Soße und zum Dessert zwei Kugeln Häagen-Dasz-Eis. Dabei beobachtete ich die Arbeiter, die bereits am Montagmittag, kaum 14 Stunden nach der Siegerehrung, die Spuren des Großereignisses beseitigten. Vom Medienzentrum war (glücklicherweise) nur noch funktionierendes WLAN übrig. Die Patriots hatten das Teamhotel JW Marriott noch in der Nacht verlassen, ebenso die Dutzenden Sicherheitskräfte und Polizisten, die so grimmig gucken können. Die Radio Row mit den vielen Sitzplätzen der Radiomoderatoren, war längst abgebaut, die Plakate in der ganzen Mall wurden sukzessive abgerissen, sehr humorlos. NFL Network sendete längst nicht mehr aus dem eiskalten Minneapolis. Bloß weg da. Dachte sich auch Eagles-Quarterback Nick Foles. Der flog nach der Pressekonferenz am Montagmorgen direkt ins sonnige Florida – Disney World. Die Super-Bowl-MVPs machen das so. Die Parade in Philadelphia ist auf Mittwoch angesetzt. Nur einige Fans im Eagles-Trikot und der übervolle NFL-Fanshop (50 Prozent auf Super-Bowl-Fanartikel) deuteten darauf hin, dass etwas Großes stattgefunden haben muss.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Um 14.45 Uhr rettete ich mich und meine Kreditkarte und verließ die Mall of America. Vorerst, für immer, wer weiß das schon. Ich habe spontan keine Idee, warum ich so schnell nach Minnesota zurückkehren sollte. Viel zu kalt! Viel zu viel Schnee! Und wenn ich im Sommer ein Land mit 10.000 Seen sehen will, dann fahre ich nach Schweden oder Finnland. Ist sowieso näher. Im Marriott-Hotel schraubte ich ein wenig an meinen letzten Blog-Einträgen herum, auch hier mochten mir die richtigen Ideen nicht mehr einfallen nach inzwischen achteinhalb Tagen Kreativität. Um 15.15 Uhr entschied ich dann: Scheiße, was soll’s!? Lieber zu früh am Flughafen sein als rennen zu müssen – wie zum Beispiel beim Hinflug. Meine innere Uhr stellte ich schon auf Europa um. Da ist’s jetzt 22.15 Uhr, eigentlich muss ich in zwei Stunden schlafen gehen. Hilfe, der USA-Europa-Rückflug-Jetlag ist nicht meiner. Das kann heiter werden. Nach meiner Rückkehr aus Vegas vor ein paar Jahren schlief ich von zehn bis 17 Uhr durch und hatte sieben Tage Schwierigkeiten…

Am Flughafen Minneapolis erlebte ich dann aber direkt eine Premiere. Gut, dass ich so früh aufgebrochen war. Zum ersten Mal in meinem Leben – und, liebe Freunde, ich bin wirklich oft geflogen – hatte ich Übergepäck. Sogar fast ein Kilo. Fuck. Entweder ich würde meinen Koffer umräumen, sagte die Dame von Delta Airlines, oder ich müsste 106 Dollar zahlen. 106 fuckin‘ Dollar. Also öffnete ich meinen mühevoll zubekommenen Koffer, packte das Coach-Esume-Buch, das dicke Super-Bowl-Programmheft und weitere Papiere in mein Handgepäck, schmiss einige verzichtbare Journalistengeschenke weg (leider) – und zack, 20 Gramm zu wenig. Punktlandung. High-Five mit der Delta-Dame.

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Der Rest klappte einwandfrei, und so saß ich schon um 16.10 Uhr auf einem Sitzplatz vor Gate F12. Klingt nach einem Lied von Element of Crime: „Kurz nach 16 Uhr vor F12“. Über drei Stunden vor dem Abflug jedenfalls. Zum Glück war ich mit meinen letzten Blog-Einträgen noch nicht weit gekommen. Mit ein bisschen Grips und WLAN schaffte ich es aber, bis 17.45 Uhr immerhin den Super-Bowl-Tag zu schildern – und dann traf ich Coach Esume. Selten gingen dreieinhalb Stunden am Flughafen deshalb schneller um.

Beim Boarding trennten sich aber unsere Wege: Der Coach hatte einen wirklich genialen Liegeplatz in der Business Class. Ich, nun ja, nicht. Holzklasse, hello again. Die Flugzeit wurde nicht wie auf dem Hinflug mit neun Stunden berechnet, sondern nur mit 6:50 Stunden! Abzüglich der Zeit für Start und Landung plus Abendessen und Frühstück würden mir vielleicht zwei, drei Stunden für ein Nickerchen bleiben. Ach du Scheiße.

Poker - und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Poker – und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Und ich war ganz und gar nicht müde. Ich holte mein iPad heraus, schrieb an den nun wirklich allerletzten Blog-Einträgen herum, entschied mich gegen Käse-Tortellini und für gebratene Hühnerbrust mit Champignon-Rahmsoße und Wildreis. Flugzeugessen eben. Hatte aber auch Hunger wie ein Bär. Nach knapp zwei Stunden Flug legte ich, knapp über Labrador City in Kanada, kurz vor dem Atlantischen Ozean, mein iPad zur Seite. Mein neunter Tag endete über den Wolken, wo die Freiheit, wo die Erinnerungen grenzenlos sind.

Ach wisst Ihr: Abschiedstage sind einfach immer Mist, wenn die Reise vorher so unvergesslich war.

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