Super Bowl 52 – 8. Tag – 4. Februar

Ich bin drin! Wirklich drin!

Ich bin drin! Wirklich drin!

Lange habe ich überlegt, wie ich Euch den schönsten Tag meines Berufslebens, oh ja, das war er, schildern soll: Mit Bildern? Einem durchgeschriebenen Text? Stichworten?

Am besten geht das, wie ich finde, mit einem Zeitraffer. Und so nehme ich Euch mit auf die Reise nach Minneapolis, ins US Bank Stadium, zum Super Bowl LII. Zur 52. Auflage des größten Einzelsportereignisses der Welt. Ich hoffe, die Schilderung der Ereignisse ist annähernd so kurzweilig wie das Ereignis selbst für mich.

11.40 Uhr: Am frühen Morgen habe ich getrödelt. Wieder ausgeschlafen, danach wahllos YouTube-Videos angeschaut, ein paar Spielchen gespielt, doppelt so lang geduscht. Ich verlasse erst spät mein Hotelzimmer. Hatte gehofft, bis zwölf Uhr noch ein Frühstück im Hotel-Bistro zu bekommen – vergeblich. Also noch schnell in die Mall of America, bei Carlos Bäckerei zwei Croissants und eine Flasche Wasser für den Weg kaufen. Schlange, hilfe. Sechs Dollar. Noch knapp fünfeinhalb Stunden bis zum Kick-off.

Ein unfassbares Stadion!

Ein unfassbares Stadion!

12.30 Uhr: Pünktlich sitze ich im Shuttlebus. Selbstverständlich im ersten Richtung US Bank Stadium – man kann nie früh genug dran und drin sein. Eine halbe Stunde Busfahrt nach Minneapolis Downtown, das bedeutet: Einmal noch ins endlose Weiß schauen; draußen sind‘s wieder knackige minus 20 Grad. Coach Esume von Pro7 sprach in seinem endlosesten Facebook-live-Video am Vormittag sogar von minus 26 Grad. Ohne Balsam würden die Lippen explodieren. Nanaaa, das ist dann doch übertrieben.

Nur damit es jeder weiß!

Nur damit es jeder weiß!

13 Uhr: Oder doch nicht? Die 50 Meter von der Bushaltestelle zum Security-Check für Journalisten fühlen sich an wie 5000. Und dann ist da auch noch eine Riesenschlange wie vor der Achterbahn im Phantasialand bei 25 Grad. Plus wohlgemerkt. Die Erleichterung kommt nach drei Minuten in der Schlange. Nur die Fotografen und TV-Teams müssen länger stehen bleiben, die „Normalos“ können links vorbei. Sorry, tut mir leid, sorry, sorry, excuse me. Noch viereinhalb Stunden bis zum Kick-off.

13.15 Uhr: Ein Mann, der so aussieht wie der Sänger von ZZ Top, filzt mich von oben bis unten – schlimmer als in der Gästekurve vor einem Revierderby. Verwunderlich, dass ich mich nicht entkleiden muss. Okay, ich nehme es hin, ist ja für einen guten Zweck. Nach knapp drei Minuten Check erfahre ich, dass der Mann aus Tampa kommt, ihm schnurzpiepegal ist, wer gleich das Spiel gewinnt, und darf rein. Rein! Das Spiel rückt näher. Mittlerweile bin ich sogar wieder etwas skeptisch geworden. Irgendwas muss doch noch schief gehen.

Das Überlebenspaket!

Das Überlebenspaket!

13.25 Uhr: In einem Nebengebäude des Stadions ist das große Super-Bowl-Medienzentrum untergebracht, noch viel größer als das Zentrum in der Mall of America. Ich bin wirklich einer der ersten Journalisten hier. Die TV-Teams haben bereits ihre Boxen im Stadion bezogen, von den Fotografen und „Schreibenden“ schlafen viele offenbar noch. Das finde ich saugut, denn am Journalisten-Büffet kann ich mich reichlich bedienen. Und, liebe Freunde, ein solches Büffet habe ich bei einem Sportereignis noch NIE gesehen. Station eins: Pulled-Pork-Burger. Station zwei: Self-Service-Wraps mit Zutaten aller Wahl. Station drei: Salat und Soße, ob nur als Salat oder für den Wrap. Station vier: Süßigkeiten. Station fünf: Getränke aller Art. Junge! Hab mich erst einmal satt gegessen. Das würde bis zum Kick-off genügen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

14 Uhr: Noch dreieinhalb Stunden bis zum Kick-off. Ich bin satt und könnte ein Schläfchen vertragen. Inzwischen ist es etwas voller geworden, gegenüber sitzen TV-Reporter aus Philadelphia, die offenbar nicht so ganz glauben können, dass sie wirklich hier sind. Viele, viele Fernseher laufen selbst in den verwinkeltsten Ecken nonstop und zeigen – natürlich – NFL Network. Bin schon froh, zu Hause wieder ganz normale Netflix-Sendungen schauen zu dürfen. Hall-of-Famer Michael Irvin, im NFL Network die ganz große Nummer, diskutiert mit Arizona-Cardinals-Receiver Larry Fitzgerald (der aus Minneapolis kommt), was die größten Problemzonen der beiden Teams sind. Als ob er das nicht acht Tage lang mit 200 anderen Experten schon gemacht hätte. Trotzdem hören viele zu. Ich auch.

14.02 Uhr: Breaking News. Die Patriots treffen am US Bank Stadium ein! Dreieinhalb Stunden vor dem Kick-off. Wäre in der Bundesliga unmöglich. Da öffnen die Stadiontore ja erst zwei Stunden vor dem Anpfiff.

Der blinkende Budweiser-Becher!

Der blinkende Budweiser-Becher!

14.40 Uhr: Die Zeit verfliegt mit bloggen, Michael Irvin zuhören, Unterhalten mit Kollegen und Kekse essen wie im Flug. Ich bemerke, dass Irvin und Fitzgerald nur im Anzug im Stadion sitzen. Hatte gedacht, dass das Dach die Temperatur von minus 20 auf minus zwei Grad runterheizt – aber so warm? Ich erkundige mich und erfahre: Nee, eine Heizung, die Wärme von 67.000 Zuschauern und noch ein paar Tricks sorgen für angenehme 20 Grad plus. Haha, dann hätte ich die lange Unterwäsche gar nicht anziehen müssen. Fuck, sind zwar noch 2:50 Stunden bis zum Kick-off, aber ich gehe jetzt rein und suche meinen Platz. Keine Ahnung, wie lang das dauert.

15.05 Uhr: Ich! Bin! Drin!!! Ich sitze in Sektion 327, Reihe 13 auf Platz 6. Jaaaaa! Der Traum ist in Erfüllung gegangen, der kleine Andi Ernst aus Mülheim-Broich hat‘s zum Super Bowl 52 nach Minneapolis geschafft. Niemand nimmt mir das mehr! Niemand! Jaaaaaa! Zeitmaschine: Ein paar Minuten vorher. Der Weg vom Presseraum bis zum Platz ist nicht ganz unproblematisch. Ihn zu finden: kein Problem. Raus aus dem Medienzentrum, rein ins Stadion. Nur zehn Meter durch minus zwanzig Grad, auszuhalten. Doch dann beginnt das Warten. Waaarten. Waaaaaaarten. Doch der Aufzug kommt einfach nicht. „Du kannst auch die Treppe nehmen“, sagt ein freundlicher Mann in einem sündhaft teuren Anzug. Alles klar, wird schon nicht weit sein. Wo geht‘s entlang? Ach, da geht‘s entlang. Und wer schon einmal im Mönchengladbacher Stadion vom Presseraum bis zur Pressetribüne die Treppen benutzt hat, der weiß, warum ich jetzt sage: ALTER, WAR DAS STEIL! Mein konditionell desaströser Zustand gab mir natürlich den Rest. Und als ich Section 327 erreichte, war ich erst einmal eins: nee, nicht glücklich, sondern außer Puste. Doch mein Dopaminspiegel war noch hoch genug, um endlich DAS Stadion sehen zu wollen. Also ging ich rein und …

Pink singt die Nationalhymne.

Pink singt die Nationalhymne.

15.05 bis 16.15 Uhr: … genoss erst einmal. Ich setzte mich auf meinen Platz, zwischen chinesischen und italienischen Reportern, und schaute über eine Stunde in dieses Wahnsinnsteil. Erst einmal musste ich mich in der Tat meiner Jacke und meines Schals entledigen. Die Kollegen hatten nicht gelogen. Angenehme 20 Grad machten die Super-Bowl-Arbeit zu einem Vergnügen. In Deutschland hatte ich noch von „Ice Bowl“ gesprochen und wie schlimm doch alles wäre. Ein Stadion mit vier Rängen – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion mit einer Glasfront und zur Hälfte einem Glasdach – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion, das so steil ist – hab ich schon gesehen, damals am alten Bökelberg. Ein Stadion mit zwei Anzeigetafeln, die so groß sind wie ein Fußballfeld – hab ich noch nie gesehen. Der Moderator unternimmt immer wieder Fan-Soundchecks – und direkt der erste ergibt: Die Fans der Philadelphia Eagles werden in der Überzahl sein. „Fight Eagles fight“, „Fly Eagles fly“ – im Wechsel, immer wieder, laut. Schon ab 15.30 Uhr wärmen sich die ersten Spieler, nach welchem System auch immer. Als Tom Brady kommt, buhen viele Fans.

Touchdown - oder nicht?

Touchdown – oder nicht?

16.15 bis 17.15 Uhr: Okay, genug geschwärmt. Ist ja auch Arbeit hier. Gefordert ist ein aktueller Super-Bowl-Bericht möglichst mit Spielende – und beim American Football mache ich das nicht oft. Also durchforste ich die zahlreichen Unterlagen, die vor mir liegen. Da wäre der Aufstellungsbogen – darauf stehen nicht 18 Spieler pro Mannschaft, wie beim Fußball, sondern 53. Mit Aussprachehilfe. Das twittere ich, kommt gut an. Das dicke Super-Bowl-Programmheft kann ich bei der Vielzahl der Informationen nur durchblättern. Zwischendurch unterhalte ich mich Kollege Patrick von den Ruhr Nachrichten, der auch in Reihe 13 sitzt, verputze ich einen Apfel und ein Sandwich. Ein Survivalpack steht ebenfalls für jeden bereit. Soll ja niemand umfallen. Für zwei kühle Getränke muss ich aber einmal die Treppe hinunter – doch da stehen zwei Eistruhen bereit. Zwei Dosen Pepsi – bitte, danke, wieder hinauf.

Timberlake - und ein Prince-Hologramm.

Timberlake – und ein Prince-Hologramm.

17.15 bis 17.30 Uhr: In Minneapolis geht die Sonne unter. Das ergibt ein prächtiges Farbenbild auf dem Glasdach. Pünktlich dazu fällt das Presse-WLAN aus – doch das ist mir scheißegal. Es wird ernst. Beide Mannschaften stürmen den Platz, HILFE, ist das laut. Die Eagles-Fans haben immer noch ganz eindeutig die Oberhand. Leslie Odom betritt das Feld. Stille. Alle stehen auf. Der Grammy-Gewinner singt formidabel „America the beautiful“. Die Gewissheit zu haben, dass da draußen 900 Millionen Menschen weltweit dieses Ereignis sehen, und ich zu den 67.000 im Stadion gehöre – das ist unbezahlbar. Der Applaus für Odom ist kaum verstummt, da wird es noch lauter. Pink betritt den Platz. „Oh say can you seeee…“ Die amerikanische Nationalhymne. Mehr Pathos geht nicht. Ja, es gibt viel zu kritisieren an der amerikanischen Politik, an Trump, an den Leuten hier, jajaja, ich weiß das doch alles. Doch scheiße nochmal, sowas ist ein Gänsehaut-Moment – und ja, ich muss schwer schlucken. Die Gewissheit, das miterleben zu dürfen: Dieses Gefühl geht nie wieder weg. Ein Veteran des zweiten Weltkrieges übernimmt den „coin toss“, also den Münzwurf, der bestimmt, welches Team zuerst den Ball erhält. Naja.

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

17.30 bis 19 Uhr: Auch wenn vor dem TV Football-Spiele wegen der vielen Pausen manchmal etwas langatmig erscheinen: Ich genieße jeden Moment und will am liebsten, dass es endlos weitergeht. Dazu trägt natürlich ein sensationell geiles Spiel bei. Noch nie in einem NFL-Spiel wurde der Ball über so viele Yards bewegt – es sind 1151. Tom Brady knackt seinen eigenen Super-Bowl-Rekord mit 505 erworfenen Yards – und das mit 40. Nick Foles schreibt seine eigene Cinderella-Story, ist der erste Quarterback, der einen Touchdown wirft und selbst fängt. Doch der Reihe nach – erst einmal zur ersten Hälfte: Es beginnt ausgeglichen. Ein Field Goal für die Eagles, eins für die Patriots – 3:3 nach acht Minuten. Dann kann die Show starten. Wahnsinnspass von Foles, Wahnsinnscatch von Alshon Jeffery – Touchdown. Jake Elliott verpatzt den Extra Kick, egal. Einen Drive später verschießt Stephen Gostkowski ein Field Goal – 9:3 nach dem ersten Viertel. Dabei bleibt es nicht: LeGarette Blount läuft in die Endzone – es steht aber nur 15:3, da die Two-Point-Conversion der Eagles nicht sitzt. Brady, wo bleibt Brady? Ja, man, Brady kommt und liefert. Zuerst gelingt Gostkowski ein Field Goal, dann läuft James White zum Touchdown. Philadelphia führt mit 15:12 und hat nur noch zwei Minuten, um zu erhöhen. Da gibt Headcoach Doug Pederson einen riskanten Playcall aus – die Eagles tricksen. Foles fängt den Ball selbst in der Endzone: 22:12 zur Pause. Damit hatte Titelverteidiger New England nicht gerechnet.

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

19 bis 19.30 Uhr: Puh, Pause. Durchatmen. Langsam ein und aus. Spinne ich oder ist das hier ein Offensiv-Feuerwerk? Ich klappe mein iPad auf, tippe ein paar Zeilen für den Spielbericht – doch keine Chance: Das Licht geht aus. Hunderte Helfer haben die Spielfläche in eine Riesendisko verwandelt. Justin Timberlake kommt, 30 Minuten Pepsi-Halftime-Show mit allem Brimborium. Ist nicht meine Musik, aber das Prince-Hologramm als Hommage an den berühmtesten Sohn der Stadt Minneapolis ist schon ganz schick.

19.30 bis 20.45 Uhr: Zweite Halbzeit. Es wird episch. Die bei jedem Touchdown blinkenden Becher von Budweiser, die auch jeder Journalist erhalten hat, leuchten ununterbrochen. Brady findet Rob „Gronk“ Gronkowski – 19:22. Die Zuschauer denken an ein Revival des Super Bowl 51, als die Patriots ein 3:28 gegen die Atlanta Falcons noch aufholen konnten. Doch weit gefehlt: Foles ist während der Pause nicht eingeschlafen. Ein 22-Yards-Pass auf Corey Clement – schon sind es wieder zehn Punkte Vorsprung: 29:19. Der Schiedsrichter überprüft den Touchdown am Bildschirm – und auch die Zuschauer sehen alle Zeitlupen. Interessantes Konzept. Müsste man mal in der Bundesliga bei Schalke gegen Dortmund ausprobieren. Und weiter im Punkte-Fest: Brady auf Hogan – Touchdown. Gegenzug: Elliott – Field Goal. Es wird knapper, die Eagles führen nur noch mit 32:26. Wird Brady wieder der Held? Sieht so aus: Nur Augenblicke später findet Brady Gronk zum zweiten Mal, Gostkowski trifft souverän den „Point after Touchdown“ – die erste Patriots-Führung. 33:32. Neun Minuten sind noch zu spielen. Es ist laut, keiner steht mehr, die Eagles-Fans zittern: Für sie wäre es der erste Super-Bowl-Sieg! Die 53 Spieler und der Coaching Staff wären Könige von Pennsylvania. Das weiß Foles, doch nervös wird er nicht. Geduldig führt er die Eagles Stück für Stück an die Patriots-Endzone heran – und findet dann Tight End Zach Ertz. TOUCHDOWN, 2:21 Minuten vor dem Ende. Der Versuch einer Two-Point-Conversion misslingt erneut; trotzdem führen die Eagles mit 38:33.

MVP Nick Foles

MVP Nick Foles

20.45 bis 21.55 Uhr: Die letzten zweieinhalb Minuten netto dauern 30 Minuten brutto. Es ist ein Spielverlauf wie für den Hollywood-Helden Brady gemacht. In 141 Sekunden das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, den sechsten Ring holen. Die meisten im Stadion und die meisten der 900 Millionen Zuschauer wünschen sich, dass die „Pats“ einmal nicht gewinnen, aber klappt das auch? Twitter explodiert. Und Brady? Bisher spielt er, das bezweifelt niemand, sensationell gut, doch dann… lässt er sich den Ball von Brandon Graham aus der Hand schlagen. FUMBLE! Irre Szenen spielen sich ab, die Eagles laufen kreuz und quer über den Platz. War‘s das? Jake Elliott trifft zum Field Goal; jetzt steht‘s 41:33. In 58 Sekunden muss Brady das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, mit anschließend gelungener Two-Point-Conversion. Wer wenn nicht Brady sollte dieses Wunder schaffen? Und mit dem letzten Wurf bekommt Brady die Chance einer „Hail Mary“. Das ist die Verzweiflungs-Bogenlampe in die Endzone – Tausend Arme strecken sich in die Luft, und irgendeiner fängt. Das führt schon mal zu einem Touchdown.

Diesmal nicht.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Ende. Die Eagles gewinnen. Fly Eagles fly. Konfettiregen, Jubel, noch mehr Jubel, Tom Brady schleicht geschlagen vom Feld. Nick Foles, dieser schüchterne, unscheinbare Typ, ist der Held. Er wird zum most valuable player (MVP), also zum wertvollsten Spieler, gewählt. Verdient. Ich genieße die Augenblicke der Siegerehrung, hören mir die ersten Interviews an, sammle alle Momente ein und verstecke sie für dunkle Arbeitsstunden. Dann schicke ich meinen Spielbericht um 21.53 Uhr amerikanischer Zeit – also um 4.53 Uhr deutscher Zeit. Das wundervolle Stadion ist da schon wieder halbleer.

21.55 bis 22.45 Uhr: Durchs Treppenhaus geht‘s hinab auf Rasenebene zu den „Postgame Interviews“. Eagles-Trainer Pederson und MVP Foles bekommen eine eigene Pressekonferenz, die wichtigsten sechs Spieler sitzen auf einem Podium. Feuer frei für alle Fragen, kein Aufpasser einer Presseabteilung sitzt daneben. LeGarette Blount hat seine Kinder dabei. Ich switche von Spieler zu Spieler, schreibe nichts mit – das Wichtigste bekomme ich ohnehin online bzw. kann es mir merken. Brandon Graham, der Mann, der Brady schlug, steht unmittelbar neben mir. Als der wirklich letzte Spieler wieder im Kabinengang verschwindet, einen Zugang zur Umkleide habe ich leider nicht, treffe ich Kollege Stefan vom Huddle. Schön, ein bekanntes Gesicht zu sehen und über das gerade Geschehene zu reden. Ich plaudere vor mich hin, er ist da gelassener. Für ihn war es der vierte Super Bowl. Aber auch er muss gestehen: Stadion großartig, Spiel großartig – unvergesslich.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

22.45 bis 23 Uhr: Für ein Kaltgetränk in Minneapolis Downtown habe ich aber keine Zeit mehr. Stefan und ich schlendern ein wenig ums Stadion herum, journalistisch gibt es jetzt nichts mehr zu holen. Dann gehen wir unserer Wege. Ich ziehe mir meinen Kragen nach ganz oben, aus plus 20 sind wieder minus 20 Grad geworden und laufe etwas verwirrt, weil geflasht, durch die Gegend. Schließlich finde ich den Busshuttle, steige ein und verabschiede mich leise vom US Bank Stadium. Mag sein, dass die NFL eine Krise hat. Mag sein, dass die TV-Quoten sinken. Mag sein, dass die Anti-Rassismus-Diskussionen die Mehrheit der US-Bürger nervt, die schweren Kopf-Verletzungen abschrecken – ja, erwähne ich alles in meinen Artikeln, wenn ich mich wieder gefangen habe. Jetzt bin ich emotional aufgeladen.

23 bis 23.30 Uhr: Im Shuttlebus zurück zum Hotel versuche ich bereits, meine Emotionen zu kanalisieren. Geschichten gibt es genug zu erzählen. Die große Frage ist: Welches Funke-Haus will welche geliefert bekommen? Ich schnappe mir mein iPad, notiere mir erste Formulierungen – und dann schmeißt mich der Busfahrer auch schon vor dem Marriott-Hotel am Airport hinaus.

23.30 bis 0.30 Uhr: Auf Zimmer 216 checke ich erst einmal alle sozialen Netzwerke. Wer hat wie auf meine Einträge bei Twitter, Facebook und Instagram reagiert? Steht mein Text schon online? Steht er, gut. Dann schnappe ich mir mein iPad, klappe es auf – und direkt wieder zu. Ich drücke den „Stopp“-Knopf. Wenigstens für heute. Jetzt will ich emotional ins Bett gehen, nicht nüchtern. Der schönste Tag meines Berufslebens geht vorbei. Um halb eins knipse ich das Licht aus.

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