3. November 2002 – VfL-Hertha BSC 3:0 – „Huldigung an Dariusz Wosz“

In meinen elf Jahren als freier Mitarbeiter bei der WAZ/NRZ Mülheim gab es einige anstrengende Sonntage. Um 11 Uhr zum Handball, erste Texte schreiben, um 15 Uhr zum Amateurfußball, kurz vor Schluss abhauen, schnell zum VfL fahren, zurück nach Mülheim, Texte schreiben. 13- bis 15-Stunden-Tage waren das.

An einem davon besiegte der VfL Hertha BSC mit 3:0 – und danach verfasste ich eine Huldigung. Für Dariusz Wosz. Aber lest selbst.

Hier geht es zum Text, den ich „Huldigung an Dariusz Wosz“ nannte und mit der Unterzeile „Das 66-Prozent-Spiel“ versah:

Seine Dribblings sind der Hammer. Kaum hat er den Ball, blickt er seinem Gegenspieler in die Augen. Ein Haken links, ein Wackler rechts – und schon ist er vorbei. 168 Zentimeter misst er nur, ich könnte ihm auf den Kopf spucken. Seine Äußerungen deuten nicht auf einen Rhetorik-Kurs hin. Und doch wird dieser Text eine Huldigung. Eine Huldigung an Dariusz Wosz, der einzig wahren „Nummer zehn“, die der VfL hatte, seitdem ich regelmäßig die Stehstufen des Ruhrstadions beehre. Wosz, einer der sensiblen Spieler. Einer, der das Gefühl haben muss, von den Fans geliebt zu werden; einer, der Verantwortung tragen will. Einer, der genau das alles in Bochum kann und bekommt. Ohne übertreiben zu wollen – jeder der durchschnittlich 20.000 VfL-Fans im Ruhrstadion würde sein letztes Hemd geben, damit Dariusz Wosz in Bochum bleibt. Das war schon 1997 so, als sich die von der Presse so getaufte „Zaubermaus“ Richtung Berlin verpisste. Stellt Euch vor, Ihr seid mit Eurer absoluten Traumfrau zusammen. Irgendwann sagt sie dann zu Dir: Pass mal auf, ich verlasse Dich und gehe zu Tom Cruise, um ihn um ein paar Millionen zu erleichtern, aber früher oder später komm ich zurück, weil ich eigentlich nur Dich liebe. Da wärt Ihr doch auch echt angefressen, oder?

Dementsprechend böse reagierte die VfL-Kurve auf den damaligen Wosz-Wechsel nach Berlin; doch die Zuneigung war noch zu groß. Bei jedem Auftritt der Hertha im Ruhrstadion tränten die Augen, den Dariusz in einem anderen Trikot zu sehen. Und ihm ging es wahrscheinlich nicht anders. Nach drei Jahren in der Hauptstadt hatte er die Schnauze voll und kehrte in den Pott zurück – und ist seitdem der „König von Bochum“. Er liebt die Fans, die Fans lieben ihn. Und Heimspiel für Heimspiel schlägt er seine Haken, bereitet Tore vor, netzt selbst ein, rennt 90 Minuten lang. 168 Zentimeter Bochum. 168 Zentimeter Dariusz!

Warum steht bloß an dieser Stelle die Huldigung? Warum nicht schon früher oder erst später? Warum genau hier?

Diese Fragen kann ich Euch leicht beantworten. Heute, genau heute Abend stand in der 49. Minute vielen, vielen VfL-Fans die Suppe in den Augen. Kurz nachdem Dariusz die Kugel mit einem herrlichen Tor zum 1:0 versenkt hatte, zog er sein Trikot aus und präsentierte ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin ein Bochumer Junge“. Kurz darauf laute „Dariusz! Dariusz!“-Rufe. Gänsehaut! Dieser kleine Mann wird immer eng mit meiner VfL-Bochum-Karriere zusammenhängen. Denn irgendwann werden all diese Jahre als die „Ära Wosz“ in die VfL-Geschichte eingehen. Ganz sicher!

Auslöser des ganzen war dieses Spiel Bochum gegen Hertha! Wenn Ihr mich gestern gefragt hättet, ob ich heute an meiner Homepage bastle, um etwas über das VfL-Spiel zu schreiben, dann hätte ich DICK mit „NEEEEIN“ geantwortet. Wie Euch schon aufgefallen ist, war ich nämlich seit dem 10. September (!!!!!), also seit fast zwei Monaten (!!!!!!) nicht mehr bei einem Heimspiel. Und daran ist nur dieser verdammte DFB schuld. Zum ersten Mal in der Bundesligageschichte spielt ein Verein nämlich FÜNFMAL (!!!!!!!!!!!!!!!!!) hintereinander an einem Sonntag. Keinen Fan stört das mehr als mich, da der Sonntag mein Haupt-Arbeitstag ist.

Jedenfalls hatte ich mir das Spiel abgeschminkt, da mein Terminkalender voll war und den Besuch des Verbandsligaspiels Union Mülheim gegen Viktoria Goch vorsah. Dort war ich auch (endete übrigens 3:0, drei Tore durch den Ex-VfLer Michael Klauß), doch bereits um 16.15 Uhr betrat ich das WAZ-Büro. Ein Blick auf die Uhr, ein spontaner Entschluss, die Erlaubnis der Chefin – und schon saß ich im Zug. Zwar verpasste ich die ersten 30 Minuten (und so wird das Match als 66-Prozent-Spiel in meine VfL-Statistik eingehen), aber egal – der VfL überzeugte sowieso nur ab der 30. Minute.

Im ersten Moment im Stadion fühlte ich mich an eine Stelle aus einem WERNER-Comic erinnert, in der es heißt: „Zwei Wochen war ich nicht in Kiel, dann komm ich wieder – und immer noch die gleichen Pissgesichter!“ Tja, so ähnlich ging es mir – und spätestens, als ich neben meinen Jungs am üblichen Ort stand, da war mir klar: Nie wieder zwei Monate ohne ein VfL-Heimspiel. Und wenn ich dafür blau machen muss! Die Namen der Jungs kenne ich immer noch nicht (und werde sie wohl auch nie kennenlernen), aber das spielt ja auch keine Rolle. Die könnten aus dem Knast ausgebrochen oder sogar FDP-Mitglied sein; egal. Hier regiert der VfL.

– Wie ist das Spiel, ich komm grad erst!?

– Die Berliner stehen hinten kompakt und hatten die besseren Chancen. Also wenn der van Duijnhoven…

– Sieht also nicht gut aus?

– Eher nicht!

Halbzeit, wieder raus der Kurve; Bratwurst essen, wieder rein in die Kurve.

Mein Mund geht nicht mehr zu. Okay, bei geschlossenem Gesichtsgehäuse lässt es sich schlecht ne Wurst essen, aber das Spiel wird atemberaubend. Keine einzige Sekunde bereue ich, dass ich mir drei Stunden frei genommen habe, dass ich heute bis 23 Uhr arbeiten muss. Eine Gala. Den Berlinern werden die Konter um die Ohren gehauen. Wosz. Immer wieder Wosz. Und Freier. Hinten der Kalla riesig. Also nicht nur körperlich, sondern auch sportlich. Keine vier Minuten sind rum, da gehts richtig ab: Tor-Pogo vom Feinsten. Freier (na klar) auf Wosz (na klar), ein Schuss, BUMS, ein Tor – 1:0 !!!!! Jetzt geht´s ab. Das war wie der Eisbrecher in der Disco. Alle elf Spieler bewegen sich auf dem Rasen wie filigrane Beweglichkeitswunder auf der Tanzfläche. Gut, Berlin ist immer noch saugefährlich, aber schließlich Konter Nummer eins: Freier vollendet nach Bemben-Assist sensationell zum 2:0 (75.), dann noch Wikinger Thoddi zum 3:0 (90., nach Freier-Pass).

Zwischendurch noch so ein toller Sprechchor „Zieht dem Torwart die Jogginghose aus“ (sieht echt schäbig aus, Herr Kiraly). Also selten habe ich eine Entscheidung im Nachhinein so genossen. Und ich mach mir noch Gedanken, ob es sich lohnt, für 60 Spielminuten nach Bochum zu fahren. SOGAR DIE ARBEIT HAB ICH VERGESSEN! Und das muss an einem Stress-Sonntag schon was heißen.

Mein WAZ-Text über das Spiel von Union Mülheim ist übrigens nur durchschnittlich geworden. In Gedanken saß ich schon an diesen Zeilen. An der Huldigung für einen rhetorisch mäßig begabten Fußballkünstler.

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