22. Januar 2006 – VfL-Saarbrücken 3:0 – „Everything Counts“

Das WM-Jahr 2006 begann für mich mit einem VfL-Heimspiel gegen Saarbrücken – der Countdown stand inzwischen bei „Noch 16 Spiele bis zur Bundesliga“.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Everything Counts“ nannte und mit der Unterzeile „Dauert’s noch lang?“ versah:

Ganz allein sitzt er in seinem Vierer-Abteil. Er ist, lasst mich mal schätzen, Mitte 50, vielleicht auch schon im Renten-Alter. Die S-Bahn ist überfüllt, und das am Sonntagmittag auf dem Weg von Düsseldorf nach Dortmund. Man, so kurz vor Bochum-Ehrenfeld fängt sie an zu schleichen, und langsamer und langsamer. Mach hiiiiiiiin, ist gleich Anstoß, Winterpause vorbei, FUSSBALL FUSSBALL FUSSBALL, dann geht die Saison endlich dem Ende entgegen, endlichendlich!! Ganz eindeutig liegt die längste Halbserie der Vereinsgeschichte hinter mir und den anderen VfLern. Mach hiiiiiin, du S-Bahn, noch zwanzig Minuten bis zum Anpfiff. Zeit, um sich in der Bahn ein wenig umzuschauen – und da, da ist er. Ganz allein im Vierer-Abteil. Keiner mag sich zu ihm setzen, weil er so nach Alkohol riecht, weil er so dreckige Klamotten trägt. Und weil er brabbelt. Er erzählt in einer Tour von einem Prozess, von einem Günter Raudi… Raudieen… Raui.. was weiß ich. Also entweder war er damals der Rechtsanwalt und hat den Prozess verloren; oder er war das Opfer… Armer Kerl jedenfalls. Arm. Mach hiiiiiiiiiiiin!

Es sind die Tage der Depeche-Mode-Konzerte in Düsseldorf. Es sind die Wintertage Deutschlands, die Tage, in denen Russlands Rekordkälte nach NRW hinüberschwappt, und – ja – doch ein bisschen auch nach Bochum. Endlich, S-Bahn ist da, der Günter-Kläger bleibt sitzen, er tut mir leid, irgendwie. FUSSBALL, Rückrunde, freu dich Andi, freu dich. Ich brauche diesmal keinen CD-Player, um „Personal Jesus“, „Enjoy the silence“, „Never let me down again“ und „Everything counts“ zu hören. Die Songs laufen sowieso den ganzen Tag in allen möglichen Radiosender. Schnell noch zur 308 sprinten in Richtung Ruhrstadion, und über die Titel nachdenken. Enjoy the silence, die Ruhe genießen, naja, ruhig war’s leider viel zu oft in der Hinrunde, die haben aber auch oft sehr, sehr schwach gespielt. Never let me down again; never nie, let lass, me mich, down runter, again wieder. Nie lass mich runter wieder. Hä? Everything counts. Alles zählt. Alles. Jedes Spiel. Günter Raudi… Raudieeen… Rauin… zählt!

Gerd ist im Stadion. Zuletzt haben wir uns monatelang verpasst. Er hat zuletzt nur das Spiel gegen Aue gesehen – ich nicht. Ich wiederum war gegen Aachen und bei den zahlreichen 1:0’s live zugegen (obwohl ich es in nicht wenigen Momenten bitter bereut habe). Jetzt ist Gerd jedenfalls da, trägt eine richtig schäbige Mütze, mit der er ein wenig so aussieht wie Armin Mueller-Stahl in „Night on Earth“ als Taxifahrer Helmut Grokenberger – einer der witzigsten Sequenzen, die ich so in Filmen kenne, by the way. Kalt ist’s immer noch, und wir reden über Urlaub. Gerd erzählt von Kambodscha, er war gemeinsam mit seiner Frau unter anderem in Phnom Penh und Angkor Wat. Und Thailand haben sie auch bereist. Bangkok, genau, das waren noch Zeiten. Und Freund Sam, den werden wir wohl erst im April wieder im Ruhrstadion sehen. Er hat längst seine Reise nach Sao Paulo angetreten, liegt dort bei 30 Grad am Strand, sichtet neue Talente. Schöne Grüße Sam! „Da fällt er nicht einmal auf“, sagt Gerd, und – ja, doch – ein bisschen Wehmut ist seiner Stimme zu entnehmen. Wehmut, Sehnsucht, Fernweh… Ich erzähle ein wenig von Vietnam, von besseren Zeiten, von meiner Suche nach einem geeigneten Urlaubsziel für 2006. Wird eigentlich noch Fußball gespielt heute? Und wo ist wohl der alte, besoffene Rechtsverdreher ausgestiegen? Ja, doch, irgendwie tat er mir schon leid; zwanzig Minuten ausgestiegen und noch immer muss ich an ihn denken. Hätte ich ihn ansprechen…? Nee, es wäre sinnlos gewesen.

„Zwei Farben – eine Leidenschaft“ haben die Ultras auf ein Plakat gepinselt, und manmanman wie verachte ich diese 2. Bundesliga. Das ist von Heimspiel zu Heimspiel eine schlimmere Beleidigung meiner Augen. Eine Katastrophe, was sich unsere Gegner da zusammenspielen und heute habe ich sogar richtig Mitleid mit unseren Jungs und verzeihe ALLES. Die Saarbrücker sind ein Gegner der „Sowas von schlecht“-Sorte und von Beginn an besteht kein Zweifel, dass wir das Ding mit drei, vier, fünf Toren Differenz einfahren. Imhof macht das 1:0, Edu und Maltritz zweimal per Elfmeter das 2:0 und 3:0, und Koller hat massig Varianten. Wir sind zweite Liga und können es uns erlauben, Leute wie Bönig und Diabang auf die Tribüne zu setzen. Genau der Bönig, der vor zwei Jahren noch im „Team 2006“ spielte; der unser Stamm-Linksverteidiger beim Uefa-Cup-Einzug war. Pallas spielt für Colding, Meichelbeck für Butscher, China für Misimovic und Wosz und vor allem Bechmann für van Hout. Was sind DAS für Entscheidungen? Wobei… eigentlich spielt doch sowieso der Zdebel ganz allein, die anderen sind nur zur Zierde auf dem Platz.

Wie auch immer. Nicht zu viel der Fußball-Fachsimpligkeiten (Spitzenwort, das), ist schließlich noch früh im Jahr… Ich will lieber über Vietnam reden, Hanoi, Ha-Long-Bucht. Eine Arbeitskollegin von mir ist grad dort. Wie gern hätte ich den Live-Ticker in irgendeinem Internet-Café in der Sonne verfolgt? Höhepunkt ist die Einwechslung von Fabio Junior, jenem Stürmer, der einst für 15 Millionen Dollar aus Brasilien zum AS Rom wechselte. 15 Millionen und jetzt beim VfL! „Wahrscheinlich stellt sich raus, dass der eigentlich Torwart ist; bei unserem Glück mit Brasilianern“, sagt jemand hinter mir. In Minute 66 kommt Fabio rein, in Minute 77 gibt’s Elfer, und die ganze Kurve brüllt „JUNIOR! JUNIOR!“ – und wer schießt? Maltritz! Wohl zum ersten Mal in der Profifußballgeschichte Deutschlands pfeift das halbe Stadion bei einem Elfer für die eigene Mannschaft beim Stand von 2:0…

Lasst uns das Spiel vergessen. Es bleibt die Gewissheit, dass wir in 16 Spielen wieder erstklassig sind. Sechs Punkte Vorsprung, das ist okay. Es bleibt der Gedanke an den Typen in der S-Bahn, an die Sonne in Südostasien. Depeche Mode würde ich gerne sehen in diesem Jahr. Rock am Ring kommt ja noch. Everything counts. Trallala.

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