20. Oktober 2007 – Bochum-FC Bayern 1:2 – „Seppel-Francks Sause“

Wieder mal ein Heimspiel gegen den FC Bayern, diesmal am 20. Oktober 2007, wieder eine Niederlage, diesmal mit 1:2.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Seppel-Francks Sause“ nannte und mit der Unterzeile „Also Ribéry: Sowas habe ich noch nie gesehen… Und sonst ist alles wie immer gegen Bayern: Riesen-Vorfreude, und nach dem Abpfiff so schnell wie möglich alles vergessen“ versah:

Es beginnt am Freitagmorgen. Fährst hin zur Arbeit, schiebst wie immer eine neue CD in den Player. Diesmal ein „Blindflug“, heißt: eine unbeschriftete. Die fliegt irgendwo auf der Ablage im Smart herum. Lied eins: „Sing“ von Travis, bestimmt schon einmal irgendwo erwähnt auf dieser Homepage, ist eine ältere CD. „But if you sing, siiiiing, sing“ *pause* „Sing, siiiiiiing, sing!“ Singe etwas, werde morgen singen, werde „Bochum“ singen. Rituale, wöchentlich. Da die ganze Welt weiß, dass ich VfL-Fan bin, fragen mich die bundesligaunkundigen Bekannten und Arbeitskollegen stets kurz vor Samstag, fümpfzehndreißich „Gegen wen spielt Bochum?“ Diesmal antworte ich ganz pflichtbewusst „Bayern München!“ und ernte danach fürchterlichste Sympathie. „Schlagt die mal“, heißt es dann – doch ein Schmunzeln folgt direkt danach. But if you sing. Freitag, Arbeitstag, kurz vor dem Wochenende. Noch ein paar Stunden überleben. Je näher der Anpfiff rückt, je häufiger ich auf das Spiel angesprochen werde, desto sicherer werde ich, dass nur wir das Spiel gewinnen können. Diese bekloppten Bayern. Okay, sie haben 70 Millionen Euro investiert, okay, sie sind noch ungeschlagen, okay, Ribéry und Toni verdienen zusammen soviel wie unser kompletter Kader – aber das ist FUSSBALL! Da geht alles! Und wir werden die Mannschaft sein, die Bayern stürzt. Ganz sicher. „Jetzt mal ehrlich“, fragt der Kollege Freitagmittag in der Kantine des Essener WAZ-Haupthauses, „wie geht’s aus?“ „Ganz klar 2:1 für uns“, sage ich.

Der Freitagabend wird noch einmal richtig Rockshow. Cottbus gegen Duisburg bei Freunden gucken, danach noch kurz bei „Deep Blue Sea“ reinzappen und tierisch erschrecken, als Samuel L. Jackson von einem mutierten Hai gefressen wird, danach der Freundin eines Freundes um kurz nach Mitternacht zum Geburtstag gratulieren und schließlich bis halb vier ins „Freeland“. But if you sing. Viel reden. Auch über Fußball. Bayern. War Länderspielpause. Und solche freien Wochenenden sind echt nix für echte Fußballer. Verschenkt ohne 15.30 Uhr. Wie oft haben wir nicht hintereinander gewonnen? Sechsmal? Egal. Schlafe ein, wache auf, spät, aber nicht zu spät, schmeiße mich unter die Dusche, in die Stadionklamotten, hole die Stadionzeitung aus dem Briefkasten, lese sie an – bin inzwischen sogar davon überzeugt, dass wir souverän mit 3:1 gewinnen und setze mich um 13.15 Uhr in den Smart, weil ich es ohnehin gar nicht mehr aushalte. Brülle bei „Sing“ richtig laut mit, an den roten Ampeln schauen die anderen Autofahrer bedröppelt, frei nach dem Motto „Was gehtn bei dem ab?“ Bekomme während der Hinfahrt drei sms. „Viel Erfolg gegen die Seppels“, funkt ein Volo-Kollege, BVB-Fan, gerade auf dem Weg nach Leverkusen. Wunderbar, das Wort „Seppels“ hatte ich vor geraumer Zeit aus meinem Sprachzentrum verbannt. Es feiert für heute ein grandioses Comeback. VfL-Fan Dirk aus München schreibt: „Wenn Du heute im Stadion bist: 2-1 fänd ich angemessen.“ Wenn ich im Stadion bin, haha. Richter Gerd, den ich sowieso gleich sehen werde, funkt: „Hmmm, sitze bei Sonne und blauem Himmel in der Straßenbahn, hab erstmals an den ipod gedacht, knall mich mit meiner „Laut“-Kollektion zu und glaube, Alter: wir haun die weg heut.“ Spitze, diese sms leite ich direkt an meinen Volo-Kollegen und Dirk weiter… fleißiges Hin und Her, Spitzenplatz unten im Parkhaus, Schal umlegen, sing, siiiiiiing, sing, gute Laune, Antwort um kurz nach zwei vom BVB-Fan: „Ganz groß, ich wünsch es euch! Nachdem mir der Ordneraffe fast mein Nasenspray gezockt hätte, bin ich jetzt auch endlich drin. Chemieschweine raus!“ Der Ticketshop hat geöffnet, die Schlange ist überschaubar, ich nutze die noch genug verbleibende Zeit, um Karten für die Auswärtsspiele in Berlin und Duisburg zu kaufen. Drei sms hin, drei her, viele kleine Kinder im roten Bayern-München-Trikot laufen neben ihrem oft gelangweilten Vater her – die Eindrücke der letzten 20 Jahre bestätigen sich. 50 Prozent aller Bayern-Fans gehen eben noch zur Grundschule. Die Fußballfanpubertät endet eben erst mit dem zehnten Lebensjahr.

Karten gekauft, rein in die Kurve, halbdrei. Suuuuperwetter. Sonne, blauer Himmel, wie es Gerd gerade schon schrieb. Zeit vergeht schnell, Unterhaltungen über dies und das, Stadionkram wie immer, lest nach bei allen weiteren Texten, die in diesem VfL-Blog stehen. Kinnlade runter bei der Aufstellung des FC Bayern. Kahn, Lahm und Sagnol fehlen, die halbe Abwehr. Und trotzdem stehen auf dem Platz: Ribéry, Klose und Toni, zusammen 45 Millionen Euro Ablöse, bisher gemeinsam 18 Saisontore in neun Spielen und eine endlose Zahl an Vorlagen. In der Innenverteidigung die südamerikanischen Nationalspieler Lucio und Demichelis, rechts die 21-jährige deutsche Hoffnung Jansen, im Mittelfeld ergänzen Mark van Bommel – gekommen aus Barca – sowie der türkische Nationalspieler Altintop und Brasiliens Selecao-Kicker Zé Roberto die Mannschaft. Auf der Bank die WM-Stars Podolski und Schweinsteiger sowie mit Sosa ein 10-Millionen-Euro-Mann und mit Schlaudraff ein weiterer deutscher Elitekicker. Was für eine Truppe. WAS FÜR EINE TRUPPE! Ein kleiner Bayern-Fan hat sich mitten in die VfL-Kurve verirrt und sitzt auf dem mittleren Zaun. Das macht uns alle fertig. „Kann doch nicht sein!“ Aber was tun? Einen achtjährigen Steppke vom Zaun runterholen, bevor das die Ultras erledigen? Der Vater kommt selbst drauf… Unser Maskottchen des Tages, fünf Jahre alt, tippt 5:0 für den VfL. Selten so gelacht, aber doch ganz großer Sport.

But if we sing. Siiiiiiiiing. Wir singen „Bochum“, erst zum dritten, vierten oder fünften Mal überhaupt kommt die letzte Liedzeile pünktlich mit dem Einlaufen. „Machst mit ’nem Doppelpass jeeeeeeeeden Gegner nass, Du und Dein VFL!“ brüllen wir den Bayern entgegen, 31.000 Zuschauer, ausverkaufte Hütte, Feiertag, weil die Bayern da sind. Koller hat wieder fleißig umgebaut, das wird ganz langsam zu einem Problem. Jede Woche zwei bis vier Änderungen: Gut kann das nicht sein. Diesmal spielt der italienerfahrene Pfertzel links für Bönig. Schröder ersetzt im Mittelfeld den rippenbrüchigen Dabrowski auf der zweiten „Sechser“-Position. Den stämmigen Mieciel hat Koller – trotz der guten 2/2-Bilanz – auf die Bank verbannt, dafür soll’s der laufstarke Epalle versuchen. Für Ilicevic ist Grote dabei, verdient nach einem starken U21-Länderspiel während der Woche. Die „goldenen Elf“, die das Spiel gewinnen, sind: Lastuvka, Concha, Maltritz, Yahia, Pfertzel, Zdebel, Schröder, Sestak, Grote, Bechmann und Epalle. Auf geht’s Bochum schießt ein Tooooooooor.

Munterer Beginn, Bechmann schießt den Ball zur Eckfahne in der zweiten Minute, wir erarbeiten uns eine Ecke in der sechsten Minute. Es läuft. Von Bayern kommt nix. In Minute zehn schnappt sich Grote an der Mittellinie den Ball. Er lässt den lustlos trabenden van Bommel locker stehen, umspielt Lell, danach auch noch Lucio, Altintop grätscht ins Leere, 20 Meter vor dem Tor, Grote schlenzt und TRAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUMTOOOOOOR!!!! YEAH! Yeah! Let me sing. Siiiiiiiiiiiing, und diesmal: „Lalalalalaaaaaaaaaaaaa“, unser Torjingle kommt gut. Schalalalala. „Torschütze: DENNIS“ „GROTE!“ „DENNIS!“ „GROTE!“ Es steht weiß auf blau auf der Anzeigetafel: Wir führen 1:0 gegen den FC Bayern München. Doch nach elf Minuten war’s das mit dem VfL. Bis zum Schluss beginnt eine unglaubliche Fußballtrickserei von und mit Franck Ribéry. Sowas – und glaubt mir, ich bin fußballtechnisch weit herumgekommen – habe ich noch nie gesehen. Wie ein kleiner Mann in der Lage ist, mit dem Ball umzugehen, selbst in höchstem Tempo noch zentimetergenaue Pässe zu spielen, sich instinktiv immer richtig zu bewegen, das ist ganz, ganz große Klasse. Würde er nicht bei Bayern spielen, hätten wohl selbst alle Bochumer applaudiert. Zum Glück sind die Bayern heute nicht in Form. Unsere Top-Innenverteidiger Maltritz und Yahia haben den hochgelobten „besten Sturm Europas“ mit Luca Toni und Miroslav Klose super im Griff. Okay, die Bayern drücken, Chancen gibt es aber lediglich aus der Entfernung. Altintops Freistoß aus 25 Metern Entfernung fischt Lastuvka aus dem Eck. Van Bommel und Klose schießen jeweils zehn Zentimeter daneben. Okay, das einsnull wird von Sekunde zu Sekunde schmeichelhafter, zumal überhaupt keine Entlastung unserer Jungs kommt, unsere Viererkette bolzt einfach nur den Ball möglichst weit in die Bayern-Hälfte. In der 35. Minute isses dann leider soweit. Pfertzel verliert auf unserer linken Abwehrseite den entscheidenden Zweikampf gegen Klose, der passt flach, aber blind in die Mitte. Ribéry schaltet instinktiv und verlängert das Leder mit der Hacke in Richtung „langes Eck“. Die Kugel kullert und kullert und kullert, Lastuvka purzelt hinterher, Tor. 1:1. Verdient, keine Frage, aber auf diese Art und Weise doch ärgerlich. Auf geht’s Bochum schießt ein Tor?? 1:1, dabei bleibt es bis zur Halbzeit. Die Pause bietet uns ein interessantes Schauspiel. Pünktlich zum Aktionstag „Zeig dem Rassismus die Rote Karte“ betreten ein VfL- und der Joel-Epalle-Fanklub den Rasen. Und halten das Transparent „VfL-Fans gegen Rassismus“ in die Höhe. Schön.

1:1, dabei bleibt es auch nach der Halbzeit. Die Überlegenheit der Bay… äh Seppels wird erdrückender von Sekunde zu Sekunde – aber scheißegal, es passiert nichts. Lastuvka ist ausnahmsweise sehr sicher bei Flanken. Bayern-Trainer Hitzfeld hat die Schnauze voll und wechselt. Es kommen Schweinsteiger und Podolski. So will Koller bestimmt auch einmal wechseln können. Die Stimmung wird immer ruhiger, gespannter, ja, auch relaxter irgendwie. Bejubelt wird Rostocks 1:1 gegen Schalke 04, dabei ist das unfassbar dämlich, denn schließlich ist Rostock ein Konkurrent. Schalke nicht. Keine Zeit für Aufregung. Den Bayern fällt nicht mehr fiel ein, außer Ribéry anzuspielen. Aber in Minute 80 reicht das auch. Ribéry kommt über rechts wieder einmal bis zur Grundlinie durch, ein Rückpass, Schweinsteiger stupst den Ball Richtung Tor. DOCH WAS MACHT LASTUVKA DA? Er lässt das Kullerbälleken passieren. 1:2, scheißdreckscheißdreck, scheißemistdreck. Objektiv ist das natürlich hochverdient, obwohl die Bayern nicht einmal ein überzeugendes Spiel liefern – aber subjektiv natürlich höchst unglücklich. Wenn Lastuvka da nicht patzt, holen wir den Punkt. Ganz sicher! Bezeichnend, wie die Bayern das 2:1 über die Zeit schaukeln. In den letzten fünf Spielminuten hält Ribéry im Alleingang den Ball an der Eckfahne. Mal gibt’s eine Ecke, dann wieder ein Foul, unglaublich, was der Mann kann. Der Block A, der dieses Schauspiel hautnah miterlebt, schmeißt Feuerzeuge, Bierbecher – das bringt uns eine fette Strafe, aber Ribéry nicht aus der Ruhe. Abpfiff, verloren, zum siebten Mal in Folge ohne Sieg. Abstiegsplatz, weil eben Rostock gegen Schalke 04 den einen Punkt über die Zeit rettet.

Bleibe noch ein wenig stehen in der Kurve. Gerd verzieht sich schnell und sofort, wird seine „Laut“-Kollektion auf der Rückfahrt nicht mehr benötigen. Ich schaue auf den Rasen. Sekunden, Minuten. Dennis Grote wird zum „Knaller des Tages“ ernannt, zurecht, der einzige richtig helle Moment unserer Mannschaft in diesem Spiel. Wie immer gegen die Bayern.

Die kommen hierhin, geben dir ein Leckerchen, indem sie ein Tor kassieren und gewinnen am Ende doch schmutzig und humorlos. Tja. Fahre nach Hause, verlebe den Abend im beim Kulinarischen Abend im „Schrägen Eck“. Mag nicht mehr reden über dieses Spiel. Es ist doch verrückt. Gerade wenn du gegen die Bayern spielst, kribbelt’s besonders im Bauch ab Freitagmorgen. Aber direkt nach dem Abpfiff willst du vom Spiel nix mehr wissen. Let me sing, siiiiiing, sing. Und zwar jetzt folgenden Refrain: „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen“. So isses.

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