5. Oktober 2007 – Dortmund-Bochum 2:1 – „Maximal-Parks-Brutal-Niederlage“

Wenn ich heute gefragt werde, auf welche berufliche Zeit die summerofsixtyninige Zeile „Those were the best days of my life“ zutrafen, dann wohl am ehesten auf dieses zweite Halbjahr im Jahr 2007. Am 1. Juli 2007 begann mein Volontariat an der Journalistenschule Ruhr, ich lernte vieles neu, ja, sogar neue Freunde kennen. Freundschaften, die bis heute halten. Mit BVB-Fan Felix traf ich mich sogar am Rande des Spiels BVB gegen VfL, Anfang Oktober, Endstand 2:1 für Schwarzgelb.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Maximal-Parks-Brutal-Niederlage
oder: Hätte ich doch weiter mit Tönnies geredet“ nannte und mit der Unterzeile „Die ,Top 5 der dümmsten Niederlagen meiner VfL-Geschichte‘ muss ich neu zusammenstellen. Denn dieses Spiel gehört ab sofort dazu“ versah:

Lasst mich überlegen, nachts um drei. „Im Keller“ sind wir gelandet, eine Studidisko in Dortmunds Mitte, höre zum hunderttausendsten Mal in den letzten drei Monaten „Ruby“ von den Kaizer Chiefs, macht diesmal nix, in dieser Lautstärke ist’s extrem erträglich. Die Tanzfläche ist gut gefüllt, zumeist mit Erstsemestern, fühle mich etwas zu alt. Hinter dem DJ-Pult hängt ein Trikot von Borussia Dortmund, ein Tanzend… äh Taumelnder trägt ein Dede-Dress, bin verärgert, brülle „Ruby Ruby Ruby Rubyyyy!“ und es ist vergessen. Vergessen? Nein, doch nicht. Lasst mich überlegen, was waren die Top 5 in der Liste der dümmsten Niederlagen meiner VfL-Geschichte? Da war 1992 dieses 1:2 unter Osieck in Uerdingen. Kalt, November, Regen, unnötige Gegentore, und dann dieser Elfmeter, den unser heutiger Co-Trainer Funny Heinemann in der Nachspielzeit verschoss. Osieck sprach von den „Imponderabilien des Fußballs“. Sein Anfang vom Ende in Bochum im ersten Abstiegsjahr. Und wir brüllten alle „Osieck ist an allem schuld“. Ärgernisfaktor 1000, selbstverständlich, schon oft zitiert auf dieser Homepage, beim 0:1 im DFB-Pokal-Viertelfinale bei Union Berlin. Beim damaligen REGIONALLIGISTEN Union Berlin. Minus 10 Grad, Berlin-Köpenick in einer dunklen Dienstagnacht, Tor in der Nachspielzeit. Wohl ewig auf Platz eins dieser Top 5. Denk schon zu lange nach, „Books from Boxes“ von Maximo Park läuft, rücke der Tanzfläche etwas näher, beschließe dann: Das heutige Spiel, BVB gegen VfL am Freitag, 5. Oktober, Endstand 2:1, gehört auch auf diese Liste.

Freitag, 5. Oktober, ein weiterer Tag in meinem Volontariat, ein weiterer Tag in der Stadtteilredaktion Essen-Nord, ein historischer Tag. Wenigstens ein bisschen. Alles geht schnell rum, Schal und Trikot liegen in meinem Auto – liefe ich so im Haupthaus der WAZ herum, oweiowei… Um 16.45 Uhr verabschiede ich mich, aber nicht, um schon nach Dortmund zu heizen. Um 17 Uhr steht ein Termin an, beim SV Schonnebeck, tief in Essens Norden. Fahre quer durch die Stadt, suche ein wenig herum, fahre um zehn nach fünf auf den Parkplatz der Sportanlage „Schetters Busch“, die gibt’s schon seit langer, langer Zeit. Der SV ist gerade Erster in der Landesliga, hat bisher nur gegen Galatasaray Mülheim verloren. Am ersten Spieltag. Gesprächsort ist das Vereinshaus, und wer sitzt da am Tisch? Michael Tönnies, der ist Sportlicher Leiter. „Michael wer?“, fragen diejenigen von Euch, die sich nicht in der Vereinsgeschichte des MSV Duisburg Anfang der 90er auskennen. Tönnies ist einer der großen Zebra-Helden – und er hat einen dicken Klecks im Bundesliga-Geschichtsbuch als Schütze des „schnellsten Hattricks aller Zeiten“. Drei Tore in sechs Minuten, beim 6:2 gegen den KSC – ein Spiel mit insgesamt fünf Tönnies-Toren. In Liga zwei holte er in einem MSV-Aufstiegsjahr die Torjägerkanone – er schoss 29 Tore. Jetzt sitze ich Michael Tönnies gegenüber und rede über Landesliga. Sage der Runde direkt am Anfang, dass ich Karten für Dortmund gegen Bochum habe, ziehen das Ding schnell durch. Was für ein Tag.

Fahre noch ein bisschen durch die Ruhrgebiets-Prärie, quer durch Essens Norden, durch Gelsenkirchen-Feldmark – diesen Stadtteil kannte ich bisher noch gar nicht – ab auf die… tja… welche Autobahn soll ich nehmen? Habe die Wahl zwischen A2, A40 und A42. Entscheide mich für die letzte Variante. Fahre noch nicht zum Stadion, sondern direkt zu einem Mit-Volontär. Der ist großer Borussen-Fan, schreibt bei schwatzgelb.de mit, ein zugegeben höchst bekanntes Internetportal. Wir haben uns zwar zuletzt angefeindet und angepöbelt, aber egal. ‚S geht über die 42 und dann die A45 bis „Dortmund-Hafen“. Danach weiß ich nicht mehr weiter… Rufe ihn an, und den restlichen Weg schleust er mich quer durch Dortmund-Dorstfeld und Dortmund-Mitte. Doch ganz schön groß, dieser Laden. Also Dortmund.

Quatschen noch ein wenig über Fußball, wir beide sind äußerst fußballfrustriert. „Mach dir keine Sorgen“, sagt er. „Wenn wir Standards bekommen, passiert garantiert nix.“ Mir fällt noch ein: Mit Weidenfeller im Tor hat der BVB bisher jedes Spiel verloren. „Bei uns“, sagt er dann noch, „fehlen noch einige. Frei, Petric, Degen, Valdez.“ Da werden wohl ein paar Amateure auflaufen. „Dortmund steht mehr unter Druck“, stelle ich fest. „Wenn wir verlieren, ist’s relativ wurscht. Aber bei euch…“ Laufen los gegen 19.15 Uhr, mit insgesamt vier Personen, Fußweg etwa zehn Minuten, bewege mich auf die Gästekurve zu. Vor einem Jahr, da kam ich spät, traf auf eine lange Schlange vor dem Stadion, betrat es zwei Minuten vor dem Anpfiff beim Einlaufen. Diesmal ist alles anders. Kaum jemand wartet vor den Toren, die Taschenkontrollen sind die laschesten, die ich seit knapp fünf Jahren erlebt habe. Ich muss keinen Schlüssel zeigen, keine Kamera, kein Handy. Sieht so aus, als würden die Dortmunder auf Gesichtskontrolle setzen, das wäre ja mal ein völlig neues Konzept. Ich wette trotzdem mit mir selbst: Das gibt bestimmt eine richtig fette Rauchbombe! Hunger.

Schnell mal anstellen. Der Typ vor mir bestellt eine Currywurst, doch die gibt es beim BVB natürlich nicht. Auf der Speisekarte stehen Bratwurst, Bockwurst, Schweineschnitzel im Brötchen und – achtung – „Steak“. Ich glaub sogar, mich an „Putensteak“ erinnern zu können. Habe ich mich da verlesen??? Bestelle im Bang-Boom-Bang-Style „Eine Brat“ und stapfe in Block 61. Die Borussen haben die Stehplätze in der Gästekurve ausgebaut, bravo, in den vergangenen Jahren war es kaum auszuhalten. Im Vergleich zur vergangenen Saison ist’s hier – trotz Revierderby – sehr gastfreundlich, ich bin sehr erstaunt. Sehr. Mein Respekt vor der Südtribüne des BVB hält sich diesmal in Grenzen, ist schon mein siebtes Auswärtsspiel hier. In keinem anderen Stadion habe ich persönlich eine so schlechte Bilanz. Ein Unentschieden, fünf Niederlagen – die dann meist auch noch hoch. Heute, natürlich, heute wird alles anders. Wie vor jedem Auswärtsspiel sage ich das. Wir gewinnen, wir gewinnen, wir gewinnen.

Halt, ganz so unwahrscheinlich ist das nicht. Bei uns fehlt nur Epalle. Bei Dortmund spielen Njambe, Brzenska, Nöthe, Kringe und Kruska von Anfang an. Dazu noch Null-Punkte-Weidenfeller im Tor, Oma Wörns in der Innenverteidigung. Klimowicz ist auch nicht mehr die Rakete vorn im Sturm. Bleiben einzig Dede, Tinga und Federico und halbwegs überdurchschnittliche Bundesligaspieler. Aber Tinga und Federico sind bei den Dortmundern auch sehr umstritten. „Wir wolln Euch kämpfen sehen“, brüllt die Südtribüne. Vor dem Anpfiff. So viel zum Thema „Stimmung beim BVB“. Präsident Reinhard Rauball stapft für jeden sichtbar kurz vor dem Anpfiff quer über den Rasen, um dem Borussen-TV für die Anzeigetafel ein Interview zu geben. Fast wie Duisburgs Hellmich. Altegoer kommt nur alle fünf Jahre auf den Rasen. Herrlich zurückhaltend. Beim Einlaufen enthüllt der BVB-Hauptsponsor ein überdimensionales Trikot vor der Südtribüne. Das ist so unglaublich peinlich, dass selbst einige Dortmunder pfeifen.

Kaum hat das Spiel begonnen, ist bei uns alles weg. Alles futsch. Gleich drei Leute haben einen Ticker angefordert, innerhalb kürzester Zeit schwindet die Leistungsfähigkeit meines Akkus von zwei auf einen Balken (von sechs). „Brutalstmögliche Leistung“ fällt mir zu dem ein, was meine Jungs da produzieren. Null Torgefahr, Fehlpässe ohne Ende. Wir müssen einfach nur 20 Minuten ohne Gegentor überstehen, dann pfeift dieses Pulverfass Westfalenstadion – sagt selbst der Mit-Volontär-Schwatzgelbe – von ganz allein. Aber wir machen alles, damit der BVB seine Formkrise besiegt. Typisch VfL. „Hast Du eine Krise, musst du nur gegen Bochum spielen“. Eine Bundesliga-Bauernregel. Nach knapp 25 Minuten haben wir’s dann endlich geschafft. Zdebel verursacht in Strafraumnähe unglaublich unnötig einen Freistoß. Dede schlenzt, Wörns köpft, Lastuvka pariert sensationell, aber Tinga kriegt den „Rebound“, sprich: den Abstauber und netzt zum 1:0 ein. 70.000 Leute jubeln sehr laut, die Befreiung ist zu spüren. Scheiße!

SCHEISSESCHEISSESCHEISSE!!! Und dann auch noch eine STANDARD! Wie hieß es noch vor dem Anpfiff: „Da musst du dir keine Sorgen machen.“ Genau. Erst danach werden wir etwas besser. Unsere erste gute Szene in Minute 38. Sestak sestakt sich über die rechte Seite durch, schnippt den Ball auf Mieciel. Der steht an der rechten Strafraumecke blank und trifft ins lange Eck. Wieder ’ne Bierdusche, wieder ein TOOOOOR! 1:1! Erst jetzt wird die Laune bei 5.000 Bochumern richtig gut. „Auf geht’s Bochum schießt ein Toooor“, lautet der Spruch aus Unter- und Oberrang. In den sieben Minuten vor der Pause bestimmt nur eine Mannschaft das Tempo. Der VfL. Drei Ecken bekommen wir, Ilicevic läuft nach links nach rechts nach links. Nach der dritten köpft Maltritz gefährlich, ein Dortmunder schlägt das Ding von der Linie. Jetzt ist das 1:1 verdient! Kein hochklassiges, aber ein spannendes Revierderby.

Zweite Halbzeit, der BVB spielt auf unsere Kurve, wir auf die Südtribüne. Obwohl es Unentschieden steht, ziehen sich die Dortmunder ganz, ganz weit zurück. Unsere Innenverteidiger Maltritz und Yahia schieben sich schon in der gegnerischen Hälfte den Ball hin und her – und kein Schwarz-Gelber greift an. KEINER! Die verbarrikadieren ihren Strafraum. Unfassbar! Sestak ist das alles egal. Er umdribbelt die unbeweglichen Dortmunder Abwehrspieler nach Belieben und wird in Minute 53 von Wörns unsanft gelegt. Wörns hatte schon Gelb. Heißt: Gelb-Rot. Elf gegen Zehn! BVB-Trainer Doll reagiert, bringt eine Minute später Robert Kovac. Als der Stadionsprecher den Kovac ankündigt, gibt es Pfiffe von 65.000. 1:1, Überzahl, unruhiges Publikum. Wir haben die im Sack! Wir MÜSSEN die drei Punkte einfach holen. Wir sind empirestatebuildinghoch überlegen. Ballbesitz in Halbzeit zwei liegt gefühl bei 95:5 für uns. Die Dortmunder kloppen den Ball nur nach vorn. Da steht Klimowicz, bewegt sich aber kaum. Sprich: Maltritz bekommt den Ball, auch mal Yahia – und wir bauen neu auf. Eine Struktur in unserem Angriffsspiel ist allerdings nicht zu erkennen. Einen Bechmann-Schuss kann Weidenfeller nicht festhalten. Das ist alles – na gut, ein paar ungefährliche Standards kommen noch dazu. Erst in der 71. Minute betritt der BVB erstmals in der zweiten Halbzeit gefährlich unsere Spielhälfte. Kringe flankt lang, aber der Ball geht sicher ins Aus. Geht ins Aus? Was macht der Concha?? Vor einer Woche noch hochgelobt, will Concha den Ball zu Lastuvka köpfen. Das misslingt – und Concha nickt den Ball zur Ecke ins Aus. Wieder ein unnötiger Standard. Die Ecke kommt in die Mitte, jemand von uns verlängert ans Strafraumeck. In Halbzeit eins stand auf diesem Fleckchen Mieciel und traf, jetzt nimmt Federico den Ball direkt und nagelt das Ding unter die Latte. 2:1. Jetzt ein Foto von der Bochumer Kurve *klick* 5.000 Münder stehen offen, 2.000 Hände klatschen gegen die eigene Stirn. Man ist das dumm. „Aaaaaaaaaaaahhhhh“, schreibt Sam, den ich mit einem VfL-Ticker versorge. Danach wieder das alte Spiel: Überlegen ist nur der VfL, der BVB verteidigt mit allen Mitteln. Allein in der Schlussphase kassiert der BVB drei Gelbe Karten, vor allem Dede räumt auf. Ein Ding kriegen wir aber noch. In der Nachspielzeit. 93. Minute, gleich ist das Gezittere endlich vorbei. Eine Flanke, Yahia köpft, auf die Latte. Zehn Sekunden später: aus. Schluss. „Dümmste Niederlage aller Zeiten“, smse ich in die Republik. Akku: leer.

Verharre noch fünf Minuten auf meinem Stehplatz, rühre mich nicht ein einziges Mal, nicht ein Körperteil. Zittere etwas, vor Wut auf meine eigene Mannschaft. Die BVB-Fans in meinem Handy-Adressbuch schreiben hämische Nachrichten, versuchen mich telefonisch zu erreichen. Ich gehe nicht dran. Verlieren, okay. Hab ich schon oft. Aber BITTE NICHT SO! Wie war das noch? Schwach bei Standards! Die beiden Gegentore? Standards! Null-Punkte-Weidenfeller! Und jetzt? Drei-Punkte-Weidenfeller! Alle wichtigen Dortmunder verletzt! Aber? Der BVB gewinnt! Den Dede kann ich nicht leiden! Und dann? Wird Dede von den Dortmundern zum „Spieler des Tages“ gekürt. Das sind zu viele Schmerzen auf einmal, ich verlasse diesen schrecklichen Ort. Zieht Euch das rein: Sieben Spiele in Dortmund gesehen. Ein Unentschieden, sechs Niederlagen. Sechs! Warum muss der VfL Bochum in der Bundesliga immer erst einmal pro Saison Letzter gewesen sein, bevor Spieler, Trainer und Verantwortliche wach werden? WARUM? Jetzt kommen die Bayern, dann haben wir’s mit dem letzten Platz wohl endlich geschafft.

Halb vier in der Nacht. „Im Keller“ laufen jetzt die Arctic Monkeys. Will dieses Spiel vergessen. Will nicht mehr an die Top 5 denken.

Es klappt nicht ganz.

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