17. November 2006 – VfL-Frankfurt 4:3 – „Ein geiler Abend“

Oh ja, an dieses Spiel, an diesen großartigen Freitagabend kann ich mich noch gut erinnern. Sehr gut. 0:2 nach fünf Minuten, in Scharen aus dem Stadion flüchtende Fans, dann eine unglaubliche Aufholjagd, Sirtaki in Bochum, eine fantastische Party-Nacht in Mülheim bis ins Morgengrauen… Ich bloggte über diesen 17. November 2006 unter der Überschrift „Ein geiler Abend“ und mit der Unterzeile „Die Reihenfolge: „Wir haben die Schnauze voll“ (2.), „Wir sind hier! Wo seid Ihr?“ (6.), „Oh wie ist das schön“ (36.), „Ihr habt gekämpft, wir hams geseeehn“ (nach dem Spiel)“

So geht der Text:

Das sind die Abende, für die du ein ganzes Jahr alle Fußballplätze Deutschlands bereist. Das sind die Abende, die so geil sind, dass du dein ganzes Leben lang davon erzählst. „Weißte noch, damals, im November 2006, wir gegen Frankfurt, 4:3?“ Das sind die Abende, die einfach nur geil sind, weil du alles durchlebst, verpackt in zwei Zeitstunden, 90 Fußballminuten: Wut, Trauer, Aggression, Enttäuschung, aber auch Euphorie, Begeisterung, Leidenschaft, du kannst alles vergessen, und das ganz ohne Drogen. 0:2 zurück, 4:3 gewonnen. Eben neun Punkte, jetzt zwölf. Eben auf einem Abstiegsplatz, jetzt nicht mehr. Eben noch erschüttert, jetzt voller Hoffnung. Eben noch die Schnauze voll, jetzt schon aufgestanden für den VfL. Eben noch sauer auf alle Spieler, jetzt sirtakitanzend „Gekas! Gekas! Gekas!“ brüllen. War das geil? War das abgefahren? Lasst mich schwärmen!

2. Minute: „Wir haben die SCHNAUZE voll!“

Alle haben gesagt, dass es heute rummst. Oder „knallt“ wie unser Kapitän Zdebel. Alle haben sie uns heiß gemacht auf dieses Freitagspiel, auf dieses Flutlichtspiel. Heute wird alles anders, alles! Auch mal zu Hause, punkten, gewinnen. Die A40 ist leer an diesem Freitagabend, komisch eigentlich, im Auto habe ich mehr die melancholischen Sachen drauf, wie „Hello and Goodbye“ von Fury (ewig nicht gehört), „Caribbean blue“ von Enya (passt eigentlich so gar nicht in meinen Musikgeschmack), „The Road to Hell“ von Chris Rea (passende Überschrift für heute?), „Wie am ersten Tag“ von den Ärzten (so geht’s mir mit dem VfL, irgendwie). Dritte Etage, Parkhausdeck, Gerd steht heute nicht mit in der Kurve, Lupo hat angekündigt, unseren Stammplatz zu bestreiken, von Sam habe ich ewig nix gehört, mein Bruder sitzt allenfalls am Live-Ticker – so eine Niederlagenserie schlägt eben doch ein paar Wunden. Ich bin da, natürlich, ohne jede Diskussion. Dafür ziehe ich meine Arbeit sogar im extraschnellen Sauseschritt durch. Um 19.50 Uhr laufen sich die Spieler warm, und ich formuliere schon die erste SMS an die ergebnisinteressierten Fußballfans Dirk und Helmut: „Hab jetzt schon den Kaffee auf. Skov-Jensen spielt“. Warum wieder ein Torwartwechsel? Es gibt vereinzelt Pfiffe, nur wenige „Skov-Jensen“-Rufe. Peter Neururer ist heute Experte beim Fernsehen, wenig sensibel, sich zehn Meter vor der Ostkurve zu postieren – bei uns wünschen sich nicht wenige Fans den guten alten Schnauzbart-Pedda zurück. Zdebel heizt via Anzeigetafel an, der mehr als umstrittene Stadionsprecher (ein Plakat: „Borgmann – geh von Bord, Mann“) spricht ein wenig lauter, Wolfgang Niedecken von BAP gibt ein Interview. Heiß sind wir alle schon irgendwie – aber vielleicht ist das auch nur der Flutlichtspiel-Adrenalinspiegel. Grönemeyers „Bochum“ kommt wie immer grandios (ich kriege immer noch eine Gänsehaut und bin während dieser dreieinhalb Minuten kaum ansprechbar, ehrlich) – Aufstellung: Skov-Jensen für Bade, Lense für Pallas, Drsek für Dabrowski. Mal schauen. Anpfiff, Frankfurt greift an, erste Szene, Foul an Amanatidis nach 20 Sekunden, Freistoß aus 28 Metern Entfernung. Streit läuft an, schlenzt, Tor, 0:1 nach gefühlten 35 Sekunden, Skov-Jensen sieht schlecht aus. Kann’s schlimmer losgehen? Auflösungserscheinung nach nur einer Minute, das haben wir beim VfL noch nie geschafft. „WIR HABEN DIE SCHNAUZE VOLL!“-Gebrülle, unglaublich laut. Das blanke Entsetzen.

6. Minute: „Wir sind hier! Wo seid Ihr?“

0:1, manmanman, kann nicht wahr sein. Wir lassen es richtig knallen, jaja, diese Sprüche kennen wir. Gut, dass Gerd nicht gekommen ist. Der hat alles richtig gemacht. Und unsereiner? Wo ist Lupo eigentlich? Er hat seine Streikdrohung wahrgemacht – einmal kurz zur Seite gedreht, er hat sich einen Block weiter nach links verzogen. Unsere sind total von der Rolle. Verlieren den Ball schnell, passen im Sekundentakt fehl. In Minute vier kommt irgendwer über rechts, ich glaub Meier, Abseits? Nee, nicht, irgendwer hat es aufgehoben, Pass in die Mitte, Streit hat keine Schwierigkeiten. 0:2. Kurz auf die Anzeigetafel geguckt. Da steht „4:25“. Knallen muss es. Und es knallt, aber nur in der Kurve. Fans winken ab, die Ultras räumen das Feld, mindestens 50, 60 Leute – auch in meiner Reihe – heben die Hand und sagen: „Tschöö!“ Die gehen nach Hause! Nach Hause!! Es ist still, entsetzlich still. Alles sollte anders werden. Und dann steht es nach 4:25 Minuten 0:2. Furchtbar! Die nächste Heimblamage! Was tun? Erst einmal brüllen diejenigen, die noch bleiben: „WIR SIND HIER! WO SEID IHR?“ In Minute zwölf ungefähr beschließt die Trommelgruppe, ein „Hinsetzen“ anzustimmen. Und viele setzen sich, ich auch. Stiller Protest. Ganz kurz überlege ich, ob ich auch fahren soll, im „Schrägen Eck“ vor der Videoleinwand ist es bestimmt wärmer und gemütlicher. 0:2, kann nicht sein. Die etwa 2000 Frankfurter hüpfen, sieht recht imposant aus, ihre gute Laune ist verständlich. 2:0-Führung, Auflösungserscheinungen beim schwachen Gegner. Die Frage ist: Wie hoch wird das hier?

36. Minute: „Oh wie ist das schöööööön! Sowas hat man lang nicht mehr gesehen!“

Was tun? Unterhalten? Nö. Hinsetzen und SMS schreiben: bessere Idee. „0:2 nach vier Minuten“ funke ich in die Weltgeschichte. Das Spiel wird ruhiger, die Frankfurter versuchen, es locker zu kontrollieren, werden sogar etwas nachlässig. Die Ultras sind immer noch nicht zu sehen, keiner sagt mehr was. „Wir haben Heimspiel in Bochum“, brüllen die Frankfurter. Richtig. In Minute 29 eine Flanke, keine Ahnung, wer’s war, Gekas ist auf einmal völlig frei, fällt, ELFER! Jawoll, der Schiri pfeift! Und wenn das Elfer ist… dann ist das doch auch… und schon zückt der Schiedsrichter ROT! Rot für Vasoski. Berechtigt oder nicht – das ist mir scheißegal. Auf einmal kehren alle blitzschnell zurück auf ihre Plätze. Zwetschge Misimovic, vor drei Minuten noch als „Traumtänzer“ beschimpft, verwandelt sicher rechts unten. 1:2. Vor 60 Sekunden noch sauer, enttäuscht und aggressiv, jetzt 1:2, mutig und Überzahl. Eintracht-Trainer Funkel schickt Abwehrmann Kyrgiakos zum Warmlaufen, wechselt aber nicht. Eintracht ist konfus. Minute 32, Freistoß für uns von halblinks. Misimovic läuft an, Kopfball Maltritz – TOOOOOOOOOR! 2:2!!! Mit einem Standard, bisher unsere große Schwäche. Was läuft hier für ein Film?? Chaos im Frankfurter Strafraum.. Kyrgiakos kommt, ein Stürmer, nämlich Takahara, geht. 36. Minute, wieder Freistoß für uns aus halbrechter Position. Erste Szene mit Kyrgiakos. Trojan läuft an, mit Effeeeeeet, wer ist da? Butscher ist da! TOOOOOOOOOR!!! GEDREHT!!! WAS FÜR EIN SPIIIIEL!!! 3:2! „Der Torschütze mit der Nummer 17“, sagt der Stadionsprecher. „Heiko…“ „BUTSCHER!“ „Heiko…“ „BUTSCHER!“ „Heiko…“ „BUTSCHER!“ Meine Fresse, hallt das sensationell! „Oh wie ist das schöööön, sowas hat man lang nicht mehr geseeeeehn“ rufen wir schon seit ein paar Minuten, als ob es die Anfangsphase nicht gegeben hätte. „Ja“, sagt ein Fußball-Philosoph hinter mir, „ein Spiel hat eben 90 Minuten, nicht nur sechs.“ Pausenpfiff. 3:2. Ein paar SMS schreiben, erneut. Dirk sitzt in einem Pub in Londons Chinatown und bibbert mit.

47. Minute: SIRTAKI IN BOCHUM!

In der zweiten Hälfte kann das unmöglich wieder so geil werden. Hab bei „bwin“ meine letzten zehn Euro auf den VfL gesetzt, Quote 2,3. Würde 23 Euro geben! Spiel beginnt, keine Wechsel, 90 Sekunden gespielt, Trojan erobert im Mittelfeld großartig den Ball, Pass auf Gekas, der ist durch, vernascht Nikolov und schiebt die Kugel rein – 4:2, jetzt ist niemand mehr zu halten. Sirtaki-Klänge im Ruhrstadion, Sirtaki! GROSS! GRÖSSER! GANZ GROSS!!! Riesenjubel, „Gekas! Gekas! Gekas!“-Rufe, nicht zum letzten Mal in diesem Spiel. Da kann nix mehr anbrennen. Nix mehr! Flanke in Minute 59, Amanatidis köpft rein zum 3:4. Skov-Jensen diesmal machtlos. Noch über eine halbe Stunde zittern, das kann heiter werden. Es wird eine spannende Schlussphase. Frankfurt wirft alles nach vorn, für uns ergeben sich mehrfach großartige Kontermöglichkeiten. Drsek schlenzt, Nikolov pariert den fast unhaltbaren Schuss. Gekas ist saugefährlich, läuft noch dreimal frei aufs Tor zu – scheitert aber immer. Trotzdem laute „Gekas! Gekas! Gekas!“-Rufe nach jedem Schuss. Insgesamt elf Ecken holen wir raus – nix passiert. Misimovic hat einige gute Ideen, ein fünftes Tor gelingt nicht. Auf der anderen Seite Frankfurt. Einige Torschüsse, einige gefährliche Flanken und in Minute 89 ein Schuss, den ich schon drin sehe, doch der Ball geht vorbei. Drei Minuten Nachspielzeit sind angezeigt. Gerd, bist Du blöd, dass Du nicht hier bist. Lupo kommt rüber und freut sich: „Hat doch was gebracht!“ Teile der Ultras sind zurückgekehrt, alle versöhnt. Dann: ABPFIFF! 4:3 GEWONNEN!!! Ist das eine Erleichterung.

Nach dem Spiel: „Ihr habt gekämpft, wir hams geseeeehn!“

Es folgen großartige Versöhnungsszenen. Wir sind weg vom Abstiegsplatz. Lieber Marcel Koller! Haben Sie jetzt endlich geschnallt, was wir Bochumer sehen möchten?? Eine nie aufsteckende Mannschaft, die in der Offensive etwas zu bieten hat. Die Spieler tanzen im Kreis, haben diesen Heimsieg gebraucht. Genau wie wir. Dann „La Ola“ zum Sprechchor „Ihr habt gekämpft, wir hams geseeeeehn“. Keiner hat mehr die Schnauze voll. 4:3. Unfassbar. Mit einer Kneipen- und Discotour in Mülheim feiere ich mit sechs, sieben Leuten den Dreier. Erst im „Schrägen Eck“, dann in „Murphys Kleeblatt“ (der unterschätzte Irish Pub) mit Live-Musik einer Cover-Gitarrenband von „Shine on you crazy diamond“ bis „Highway to hell“, schließlich im „Freeland“ mit ungewohnter House-Musik und zum Abschluss mit Dart und Billard im „Bunten Bär“. So geht’s. Ihr habt gekämpft, wir hams geseeeehn.

Wenn Ihr Euch fragt, wie ein perfekter Fußball-Abend aussieht: Dann lest Euch ab sofort immer wieder diesen VfL-Tagebuch-Eintrag durch. Verrückter kanns kaum werden.

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