16. Mai 2009 – VfL-Frankfurt 2:0 – „Nie mehr zweite Liga 3.0“

Am 16. Mai 2009 retteten wir eine fürchterliche Saison mit einem 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Klassenerhalt mit 31 Punkten – unglaublich…

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Nie mehr zweite Liga 3.0“ nannte – und die Dachzeile „Der Tag, an dem wir eine beschissene Saison retteten. Und die Symbolfigur des Tages ist ein Linksverteidiger!“ wählte.

Im dritten Jahr hintereinander singe ich das jetzt. Und ich verspreche, ich werde nicht damit aufhören bis… bis… bis… irgendwann. „Nie meeeeeeeeehr zweite Liiiiiigaaaa, nie meeeehr, nie meeeehr, nie meeeeeeeehr zweite Ligaaaa!!“ Auf diese Minuten arbeitet jeder Fan des VfL Bochum ein ganzes Jahr lang hin. Auf diese Minuten, die so erleichternd sind wie Pinkeln nach zehn Apfelschorlen im Schrägen Eck. Die so beglückend sind wie xxx *zu kitschig für diese Seite* xxx. Die so euphorisierend sind wie die ersten Takte von „Everlong“ bei einem Foo-Fighters-Konzert oder wie die ersten Bruchstücke von „Read my mind“ beim Killers-Konzert im März. Hey, wir haben’s GESCHAFFT!!! GESCHAFFT!!! Wir haben diese verschissene, abtörnende, katastrophale, miese Saison glücklich beendet. Aber lasst mich diese Schreckens-Vokabeln für ein paar Zeilen vergessen. Lasst mich „Nie meeeeeeeeeehr zweite Ligaaaaaaaaaaaaaa“ singen. Rufen. Brüllen. Schreien!

JAAAA!

***

Heute kann es gut gehen. Und es kann schief gehen. Es wird heute so intensiv wie noch nie in den vergangenen zwei Jahren. Es ist ein Endspiel, ein Finale, das gegenseitige Assessment-Center. Mannschaft prüft Fans, Fans prüfen Mannschaft – und das gegenseitig auf Erstliga-Tauglichkeit. Das 33. Spiel flasht mich wie noch keins vorher in dieser Saison. Wache neben der Liebsten auf, mag die Augen nicht so richtig aufklappen. Gehe in Downtown Witten ein bisschen durch die Gassen und Straßen, mal in diesen Laden, mal in jenen, gehe gedanklich alle Varianten einer möglichen Aufstellung durch, erinnere mich an Mittwoch. Nach der Arbeit bin ich mit dem Regionalexpress ins Bermuda-Dreieck geeilt, habe mich in der kleinen Kneipe „Jedermann’s“ – gegenüber vom „Freibeuter“ – in die erste Reihe geflazt und mir das deprimierende 1:3 in Hamburg reingezogen. Und hab mir den Kopp rot, wild, schmerzend und wund geredet, diskutiert. Ich war – oh Wunder – der Positive in unserer Runde, hab davon geredet, dass wir Frankfurt problemlos putzen, während Bielefeld und Cottbus nullen. Hieße: gerettet. Doch die anderen? Resigniert nach fünf saft- und kraftlos verlorenen Spiele in Folge. Ohne Vertrauen ins eigene Team. Wild um sich schlagend „Koller raus“ rufend. Ja, ich spaziere an der Hand meiner Liebsten durch Witten, trage den blau-weißen VfL-Schal fest verknotet um den Hals, die Kamera in der Tasche des Kapuzenpullovers. Ruhig ist es, noch.

Bis 13.10 Uhr. Da fährt am Wittener Hauptbahnhof der Regionalexpress Richtung Essen ein, mit acht Minuten Verspätung. Warum, wird schnell klar. „Arbeitslos und die Alte im Bordell – das ist der VfL!“, schallt’s aus allen Ecken des Zuges, als wir VfLer den Zug betreten. Der Zug kommt leider aus Siegen – und ist eine der Möglichkeiten für Frankfurter Fans, mit dem Wochenend-Ticket in den Pott zu gelangen. Oh je. Dauert zum Glück nur zehn Minuten bis Bochum.

Und von dort nur fünf bis zum Ruhrstadion. Bin viel zu früh dran (viel zu früh!), als ich um kurz nach halbzwei hinter der Ostkurve entlanglaufe, ist das Stadion noch nicht mal geöffnet. Das ist der Saison-kurz-vor-dem-Ende-Moment, den alle Fußballfans um diese Uhrzeit empfinden. Zu aufgeregt, um still auf der Couch zu sitzen – und zu still, um jetzt schon aufgeregt genug zu sein. Ich gehe in den Fanshop, kaufe für zweimal 31 Euro Karten für das Spiel in Köln nächste Woche – da wird’s ja allem Anschein nach um die Frage „Relegation ja oder nein?“ gehen. Mein Bruder hat sein Kommen zugesagt. Er meldet sich passenderweise im gleichen Moment per sms und fordert Infos an, weil er gerade im IC von Linz Richtung Magdeburg sitzt. Mache mir keine Gedanken, was er sowohl in der einen als auch in der anderen Stadt macht. Egal. Da sind’s immer noch 110 Minuten bis zum Anpfiff. Zum Glück gibt’s keinen Arzt am Einlass, der jeden Fan untersucht und alle, die nicht 120:80 Blutdruck und einen gleichmäßigen Puls nachweisen können, nicht einlässt. Mich müsste er sofort einliefern. Wie vertreibe ich mir bloß die Zeit? Ich gehe ins 1848, Fankneipe im Stadioncenter, spaziere direkt durch auf die Terrasse. Wenn gegen zwei die Mannschaftsbusse kommen, sind Spieler und Trainer von hier zu sehen, auch Schweißperlen und Gelassenheit. Bei den Fans, die beobachten (so wie ich) und auch bei den Spielern. Kurz nach zwei kommen die Frankfurter, ich gucke kaum drauf, registriere nur die „Funkel-raus“-Rufe, als der Trainer kommt. Fünf Minuten später fährt der VfL-Bus vor. Weiß gar nicht, wer zuerst kommt, glaub Dabrowski. Es gibt Beifall, ja sogar Sprechchöre, als Epalle zu sehen ist. Doch als Koller kommt, brüllen ein paar Leute „Koller raus“. Der registriert’s mit extrem bösen Blicken Richtung Terrasse. Oh wei, ist das verkribbelt. Sekunden zwischen Buh und Beifall.

Wie wird’s wohl, wenn ich in der Kurve steh? Buh? Beifall? Bin heute fast auf mich allein gestellt, weil Gerd schon urlaubt. Wenigstens ist ein Volo-Kumpel von seinem Praktikum beim DSF heimgekehrt, gestern Abend mit dem Auto. Er erzählt von MAZ, Bundesliga Aktuell und Thomas Herrmann, noch mehr Ablenkungskram. Die anderen sind vertreten, ich erfahre von Lupo, dem Prof und den anderen sogar mehr Privates als in meinen bisherigen 22 Kurvenjahren (nämlich die Vornamen!). Die Sekunden vergehen nur saumäßig langsam, aber ab drei glüht der Funk. Unser Trainer hat entschieden, Philipp Heerwagen anstelle von Fernandes in den Kasten zu stellen – so wie ich, so wie wir es seit Monaten fordern. Jetzt! Endlich! Mutig! So wie die ganze Aufstellung! Fernandes raus, dazu noch Yahia und Dabrowski – das aber weniger überraschend. Koller lässt so offensiv spielen wie lange nicht. Mit den zwei Stürmern Hashemian und Klimowicz und drei offensiv orientierten Mittelfeldspielern: Pfertzel, Azaouagh und Epalle. Schon um zehn nach drei brüllen wir alle „V-F-L! V-F-L!“ und ich merke jetzt: Wenn es drauf ankommt, ist auf uns Bochumer Verlass! Dann vergessen wir Maltritz raus und Koller raus und alles andere! Aber kritisch bleiben wir: „Leitbild oder Leidbild?“, fragt Block A und präsentiert die Stichworte des offiziellen Vereins-Leitbildes, zum Beispiel „professionell“, „regionale Identität“ und „unbeugsam“. Clever! Die Ultras fordern und drohen zeitgleich: „Zerreißt Euch – sonst tun wir es!“ Die Aufstellung: laut! Herbies „Bochum“: lauter. Einlaufen: ganz, ganz laut. „AUF GEHT’S BOCHUM SCHIESST EIN TOOOOOOOOR!“

Zu Beginn läuft es ziemlich scheiße. Frankfurts Alex Meier schießt aufs kurze Eck, Maltritz klärt auf der Torlinie, in Minute fünf etwa. Die Frankfurter sind so laut, wie sie immer laut sind. Und wir? Wir pfeifen nicht mal! Wir sind alle körperlich so unendlich angespannt, dass beide Knie durchgedrückt sind, die Augen weit aufgerissen und dass Lupo anfängt zu rauchen. Mein Kumpel aus Wernigerode trägt seinen kleinen Sohn auf dem Arm – nur das hält ihn davon ab, auch übermäßig nervös zu gucken. Wir können gar nicht anders als laut „V-F-L“, „V-F-L“ zu brüllen. Bei einem kommt das ganz besonders an.

Philipp

Pippo

Bönig

Linksverteidiger.

Der ist genauso Bochumer wie Rüdiger Kauf Bielefelder ist. Der grätscht, kämpft, beißt, tritt und flankt, als würde seine Karriere an diesem Tag um 17.15 Uhr enden. Schon in Minute 20 bittet Koller Anthar Yahia zu sich, weil Bönig nicht mehr kann. Aber er kann doch noch. Weiter und weiter und weiter. Und wir greifen auch an, weiter und weiter und weiter. Über Bönig natürlich, der in bester Fuchs-Manier offensiv punktet. Bönig flankt auf Pfertzel, der hämmert die Kugel ins kurze Eck: Pröll ist da. Jawoll, 20 Minuten sind um, V-F-L, V-F-L. Kein Superspiel – aber wer hat schon damit gerechnet. Ich nicht. AUF GEHT’S BOCHUM! Yeah! Heerwagen steht gut hinten und glänzt durch superweite Abwürfe. Einen davon nimmt in Minute 27 Epalle an, er sprintet über rechts Richtung Eintracht-Tor. Spielt einen Doppelpass mit Bönig, dringt fast bis zur Grundlinie vor, FLAAAAAAANKEEEE, Hashemian – TOOOOOOOOOOOOOOOORRRRR!!!! Der Hubschraubeeeeeeer!!! TOOOOOORRRRR! Wu-huuuuu – Song2, Torpogo, der beste Torjubel der Saison bisher, eindeutig, hundertprozentig, TOOOOOOOOOORRRR!!! Jaaaaaaaaaaaa!!! Gerade noch gelästert, dass der vermutlich ausgerechnet heute trifft, und JAAAA, macht er. „Der Torschütze: Vahid?“ „HASHEMIAN!“ 1:0! Jawollja! Natürlich wissen wir auch, wie es auf anderen Plätzen steht. Nicht – wie früher – via Radio, sondern via iPhone und sonstiger Internet-Handys, aber das „Stuttgart führt!“ wirkt auf egal welche Weise. Smse meinem Bruder zur Pause: „Stand jetzt sind wir gerettet!“ Bielefeld liegt in Dortmund 0:1 zurück, Cottbus in Stuttgart auch. „ABPFEIFEN!“, brüllt Lupo. Genau.

Zweite Halbzeit, 45 Minuten vor der Rettung. 45 Minuten noch! Die Frankfurter spielen nach ordentlicher Anfangsphase inzwischen sehr schwach. Bönig macht nach wie vor ein Sensationsspiel, und das zweinull ist greifbar nahe. Bönig flankt auf Klimowicz in Minute 55, der köpft einmal, zweimal – Pröll hält super. Zweimal. Gibt’s nicht. Gibt es GAR NICHT!!!! Das musses sein. Weiter zittern. Ist nichts normal in dieser Scheiß-Saison??? Vorn klappt es nicht und hinten? Meier steht völlig blank nach ’ner Stunde und schießt drüber. Hui, hui, hui, hui, hui, das war das zweite Riesending für die Eintracht. Wäre unverdient gewesen – aber doch das 1:1. Andere Seite, inzwischen 65., die entscheidende Phase. Atmen verboten. Freistoßflanke Epalle, Maltritz ganz frei, Pröll hält wieder riesig. Immer noch 1:0. Immer noch!!! MAAAAAAANNN!!! Wir greifen weiter an, wollen es mehr als die Eintracht. Bielefeld liegt inzwischen 0:5 zurück in Dortmund, Cottbus 0:2 in Stuttgart. Heißt: Die Frankfurter sind sicher durch, wir nur, wenn’s beim Dreier bleibt. Wir Fans spüren das, es ist mit großer Sicherheit das emotionalste, lauteste Heimspiel der Saison.

73. Minute, 16.58 Uhr, wichtig, wichtig. Ein 60-Meter-Pass in den Eintracht-Strafraum, Hashemian steigt zum Kopfball hoch, köpft Richtung „Fünfer“, dort steht Frankfurts Jung und will die Kugel weghauen, er schießt aber Hashemian an. Der Ball kullert Epalle vor die Füße, SCHIESS, SCHIESS, SCHIESS EIN TOOOOOORRRR, neeein, er schießt Pröll an, Abpraller, Klimowicz köpft aus sieben Metern

rein

TOOOOOOOOOOOOORRRRRRR

TOOOOOOOOOOOOORRRRRRR

wuhuuuwuhuuuu

Song2

Poooogooooooooo

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

„Torschütze die 14: Diego?“ „KLIMOWICZ!“ Jetzt wissen wir’s. Jetzt singen wir’s. „Nie meeeeeeeeehr zweite Ligaaaaa, nie meeeeeehr nie meeeeehr nie meeeeeeeehr zweite Ligaaaaaa!“ Einer der leiseren von uns nimmt allen Mut zusammen und schreit’s raus:

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA“ Wir schauen ihn an, er schaut uns an, lacht und sagt dann: „Tschuldigung, musste raus.“ So geht’s allen. Wir knicken unsere Beine wieder ein, strecken uns wieder und überstehen sogar noch einen Tränen-Moment. In Minute 75 wechselt Koller den komplett ausgelaugten Bönig aus, welch Wunder, dass der noch selbst gehen kann. „Phiiiiiiiilipp Bööönig“, brüllt die Ostkurve, brüllt Block A, und ja, selbst die faule Haupttribüne steht gesammelt auf. Für einen Linksverteidiger! Unfassbar! Da schießt mir die Suppe fast in die Augen, die gesamte verschissene Saison sehe ich in den Sekunden vor mir, die Bönig braucht, um den Rasen zu verlassen. Viel passiert nicht mehr. „Marcel Maltritz“-Rufe, als Versöhnungsangebot gedacht, Verabredungen fürs Bermuda-Dreieck heute Abend, die Durchsage, dass Bier und Cola nach dem Abpfiff vor dem Stadion nur einen Euro kosten, viele Glückwunsch-sms, viele Steine, die von allen möglichen Herzen plumpsen. Abpfiff, hey, geschafft. Klassenerhalt, zum Dritten unter Koller. Nie mehr zweite Liga 3.0. Wir spielen ein viertes Jahr in Folge in der Bundesliga. Kaum zu glauben. Wirklich kaum zu glauben!

***

Und so begießen wir dieses sportlich sicher nur durchschnittliche, aber doch ungemein emotionale Spiel mit Applaus und ’ner „Humba“, die der solide Heerwagen via Megaphon anstimmt. Und doch bleibt der Eindruck: Über geschaffte Klassenerhalte haben wir schon ausgiebiger und ausgelassener gefeiert. Die Mauer zwischen Mannschaft, Vereinsführung und Fans ist gebröckelt, aber noch nicht gefallen. Niemand darf vergessen, dass wir nur fürchterlich magere 31 Punkte geholt haben. Niemand sollte die Saison mit einem mageren „Ziel erreicht“ abhaken.

Ziel waren einmal 45 Punkte.

So bleibt am Tag danach, während ich diesen Text schreibe, nur das Gefühl, dass wir diese beschissene Saison voller Anfeindungen, Contras und miesen Spielen mit dem Minimalziel abschließen. Nicht weniger. Aber weißgott auch nicht mehr. Und an diesen zweifelsohne wunderbaren gestrigen Tag erinnern heute nur noch ein youtube-Schnipsel – und eine leise Melodie in meinem Hinterkopf.

Die geht so:

„Nie mehr nie meeeeeeeeeeeeeeeeehr zweite Ligaaaaaaaaaaa…“

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