15. September 2007 – Leverkusen-VfL 2:0 – „Beschissen, lächerlich, aber Nordkapp“

Am 15. September 2007 widmete ich den Blog-Eintrag zum Spiel Bayer Leverkusen gegen VfL Bochum meinem Kumpel Björn, mit dem ich genau sechs Jahre zuvor am Nordkapp auf das Nordmeer schaute. Das Spiel selbst versaute in der Tat meine Stimmung, normalerweise habe ich Niederlagen des VfL schon zehn Minuten später verarbeitet. Der VfL verlor trotz einer guten Leistung 0:2. Danach musste ich bei einer Familienfeier in Köln-Mülheim auch noch alle fünf Minuten das Spiel zusammenfassen. Grr.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Beschissen, lächerlich, aber Nordkapp“ nannte und die Dachzeile „Ein Spiel, nach dem ich „Battery“ von Metallica hören muss. Gekas ist zwar ein Bochumer, aber Bechmann kein Gekas. Das Lieblings-Auswärtsspiel habe ich nicht mehr ganz so lieb“ wählte:

Ein Stein liegt auf einem Schrank im Schlafzimmer. Ein namenloser, grauer Felsbrocken, unansehnlich eigentlich, passt nicht ins Bild. Doch niemals werde ich ihn weglegen, in eine Schublade abschieben. Nein. Werde ihn jeden Tag anschauen. Den Moment, als ich diesen kleinen, unförmigen, leblosen Klumpen vom Boden aufhob, kann ich noch genau beschreiben. Es war am 15. September 2001, vier Tage nach 9/11. Doch diese Terroranschläge, Gegenstand aller Diskussionen in der Welt, gingen an mir völlig vorbei. Ich spazierte morgens um 8 Uhr am Nordkapp entlang, in Nordnorwegen und mir war alles scheißegal. Alles. Ich sah morgens um acht, kurz nach dem Frühstück, bei zehn Grad die Sonne, den blauen Himmel, den Globus, der diesen wundervollen, wunderschönen Ort symbolisiert. Noch kein Tourist bevölkerte so früh die Wege, noch kein Angestellter des Nordkapp-Zentrums. Das öffnet immer erst um zehn, die ersten Busse kommen kurze Zeit später. Morgens um acht stellte ich mich ans Geländer, setzte eine Mütze auf, zog sie bis über meine Ohren, damit der Wind sie nicht abkühlen konnte und schaute aufs Meer. Aufs Meer Richtung Spitzbergen. Dahinter nur noch der Nordpol. Auf dem Rückweg zum Auto schnappte ich mir den Stein. Nahm ihn mit.

Nordkapp ist weit weg. Heute. Heute stehe ich wieder vor einer Brüstung, schaue wieder Richtung Horizont, sehe wieder Sonne, blauen Himmel, Wasser. Es ist nicht Norwegen, es ist Köln. Es ist nicht das Nordmeer, es ist der Rhein. Es ist nicht Spitzbergen. Es ist Köln-Mülheim. Ich ärgere mich über eine verflucht-lächerliche Niederlage, 0:2, murmele immer nur irgendwas von „unfassbar“ vor mich her, als mich ein Anruf von Björn erreicht. Björn und ich fuhren damals, 2001, gemeinsam. In den sechs Jahren hat sich viel getan. Er wohnt heute mit seiner Freundin Nadine in Aachen. Um 19.30 Uhr, kurz vor dem Sonnenuntergang, also ein Anruf. „Weißt du, was heute vor sechs Jahren war? Bei dem Wetter?“ Ich muss nicht lang überlegen. Nordkapp. Bei diesen Erinnerungen wird alles ein Tick unwichtiger. Selbst eine Niederlage des VfL. Deshalb sei dieser Text Björn und Norwegen gewidmet.

Es ist alles wie immer, wenn es nach Leverkusen geht. Das ist eine der wenigen Strecken, die ich nicht einmal mehr im Buch „1000 Tipps für Auswärtsspiele“ nachschlagen muss, wenngleich das bedruckte Werk selbstverständlich doch zu meinem Auswärtsspiel-Paket gehört (siehe Hannover). Vor einem Monat fuhr ich bereits nach Leverkusen, in diese furchtbar hässliche Stadt, als in der Oberliga Nordrhein der VfB Speldorf aus Mülheim bei den Bayer-Amateuren unglücklich mit 2:3 verlor. VfL-technisch habe ich überwiegend gute Erinnerungen an die Levs, vor allem dank des 4:1-Festes in der vergangenen Saison. Ja, doch, die BayArena ist das Lieblings-Auswärtsstadion der Bochumer. Eine Leverkusen-Tradition ist inzwischen, das mein Bruder mitkommt. Meistens passt der Termin, so auch heute. Um halb eins kommt er vorbei, ist noch etwas angeschlagen, da er den gestrigen Abend in der Mülheimer Kneipe „Marktplatz“ verbrachte, ein Laden, in dem niemand einen promovierten Germanisten vermuten würde. Wenigstens hat er sich „Boulevard of broken dreams“ von Green Day gewünscht. Und es bekommen. Direkt nach Pur.

Die heutige Premiere besteht darin, das erstmals zwei Ernsts mit zwei Autos zu einem Auswärtsspiel fahren. Thommy zieht danach weiter über Köln nach Brüssel, ich werde eine Familyfeier in Köln-Mülheim besuchen und heute Nacht noch nach Mülheim (also an der Ruhr) zurückkehren. Wir packen unsere Autos, feiern kurz die Ausgangslage, denn selbst wenn wir verlieren, passiert in der Tabelle nix. Wir würden zwar von Platz zwei auf wahrscheinlich zehn oder elf purzeln, aber so what? Sieben Punkte sind astrein, die hatten wir vor einem Jahr erst am siebten oder achten Spieltag! Wir fahren am Autobahnkreuz Breitscheid auf die Autobahn A3 Richtung Köln, die Bahn ist leer, in „Opladen“ geht es nach einer sehr unspektakulären Fahrt raus, um 13.45 Uhr. Wir sind früh dran und parken – wie schon beim 4:1-Fest mitten in einem Wohngebiet in Stadionnähe, Luftlinie 400 Meter von der BayArena entfernt. Hab die ganze Tour meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt… Puh, der Leverkusener Stehplatzpreis ist unangefochten Spitze in der Bundesliga. 13,50 Euro!!! 13,50 Euro!!! Dazu noch knapp zehn für zwei Bratwürste und zweimal Cola Light, Fußballspaß für die ganze Familie. Tja, aber leider kaum noch für Fans mit kleinem Geldbeutel. Im kleinen Leverkusener Gäste-Stehplatzblock haben wir mittlerweile einen Stammplatz, wieder einmal ist der Vorteil dieses Auswärtsspiels die Heimspiel-Atmosphäre. Denn alle 2000 Bochumer sind schon eine Viertelstunde vor dem Anpfiff da, während in der Bayer-Ecke kaum jemand steht. Es bleibt Zeit, ein wenig auf die Aufstellung zu achten und vor allem auf Theofanis Gekas. Der begrüßt fast jeden unserer Spieler persönlich, wird von uns aber komplett neutral empfangen. Ohne Sprechchöre, ohne Pfiffe. Wir spielen ohne gelernten Linksverteidiger, weil Bönig und Meichelbeck verletzt sind. Pfertzel wechselt von rechts nach links, Concha rückt wieder rechts in die Viererkette. Sonst bleibt unsere Mannschaft unverändert, hach, es ist herrlich, aber auch ungewohnt, völlig ohne Druck spielen zu müssen. Auch deshalb ist der Support zu Beginn eher gemächlich.

Das ändert sich aber schnell. In der Anfangs-Viertelstunde beginnen wir furios. Bechmann läuft nach fünf Minuten frei aufs Tor zu, vergibt aber kläglich. Er ist eben nicht Gekas. „VFL! VFL!“, direkt danach zehn Minuten lang „Auf geht’s Bochum schießt ein Toooor, SCHIESST EIN TOR FÜR UUUUUNSSSS!“ Zurecht. Bechmann vergibt noch eine zweite große Chance, eine Führung wäre nicht unverdient. Ab der 15. Minute verflacht das Spiel. Enorm. Was aber heißt, dass unsere Jungs problemlos das nullnull halten. Zwar unterlaufen Zdebel, Pfertzel und Dabrowski jeweils unglaubliche Fehlpässe in Strafraumnähe, aber jedes Mal räumt Yahia souverän auf. Unser Schnapper Lastuvka muss nur einmal eingreifen, an Gekas läuft das Spiel komplett vorbei. Er ist eben ein Bochumer. Bechmann versemmelt per Kopf in der 38. noch eine dritte Großchance, dann geht’s der Pause entgegen. Die Leverkusener Fans werden am Ende unruhig, in der Torschüsse-, Torchancen- und Ecken-Statistik führt in der Tat der VfL Bochum. Ich bin ganz sicher, dass wir hier nicht als Verlierer vom Platz gehen. Thommy hat allerdings einen Schwachpunkt ausgemacht: Marc Pfertzel. Er ist der einzige Spieler auf dem Platz, der schon eine Gelbe Karte gesehen hat. „Sofort rausnehmen“, sagt er. „Ach, der hat ein paar Jahre Serie A gespielt. Der weiß doch, was er tut. Außerdem pfeift Merk sehr großzügig“, entgegne ich.

Die zweite Hälfte beginnt so ruhig wie die erste aufhörte. Dann Minute 54: Pfertzel nietet in unserer Hälfte an der Außenlinie Schneider um. Gelb-Rot, ganz klar, kein Spieler beschwert sich, nur Koller, der nur Zentimeter davon entfernt ist, auf die Tribüne verbannt zu werden. Das ist der Knackpunkt, jeder merkt das. Jeder weiß das. Jeder Bochumer. In Unterzahl überstehen wir ganze acht Minuten. An der Strafraumgrenze unterläuft Zdebel ein ganz, ganz unnötiges Foul. Den Freistoß schlenzt Schneider in die Mauer. Dabrowski steht eigentlich richtig, fälscht den Ball ab, aber nicht Richtung Ecke, sondern Richtung Fünfmeterraum. Da steht Haggui, schaltet schnell, 1:0. Jetzt ist Bayer die überlegene Mannschaft, schießt aus allen Lagen aufs Tor. Nur nicht Gekas, den Skibbe nach 70 Minuten rausnimmt. Wir kommen zwar noch gelegentlich zu Gegenangriffen, erarbeiten uns insgesamt acht Ecken und nochmal fünf Standards rund um den Strafraum. Dennis Grote versemmelt allerdings jeden einzelnen Freistoß, jede Ecke. Wie es besser geht, zeigt Bayer zwei Minuten vor Schluss. Ein Freistoß fliegt in die Mitte, Kießling gewinnt ein Kopfballduell gegen den im Herauslaufen unglaublich desaströsen Lastuvka, Manuel Friedrich schaltet so schnell wie vorher Haggui und schießt das 2:0. Zwei Standardsituationen, zwei Gegentore durch Innenverteidiger, 0:2 verloren bei schwachen Leverkusenern. Ist das lächerlich?

Lächerlich! Lächerlich! Lächerlich!

Gut gespielt! Wie in der zweiten Hälfte in Hannover, wieder verloren. Zwei Niederlagen in Folge, beide mussten nicht sein, jetzt nur noch Neunter. Eine Niederlage, lest oben nach, ist eigentlich egal. Und doch sehr, sehr ärgerlich. Thommy und ich laufen zurück ins an die BayArena und an den sogenannten „Sportpark“ grenzende Wohngebiet, steigen in die Autos, sprechen kurz den Weg ab und fahren die elf Kilometer Richtung Köln-Mülheim. Dort feiert mein Onkel seinen Geburtstag in einer Wohnung in der vierten Etage mit Blick auf den Rhein. Ich war noch nie dort. So ein Scheiß, jetzt alle fünf Minuten erklären zu müssen, warum wir verloren haben, darauf habe ich genauso viel Lust wie auf Schlagermusik. Ich habe andere Pläne, suche in meinem Auto die „Master of Puppets“ von Metallica und lausche „Battery“, ein absoluter Lautlautlautlaut-Gitarrenkracher aus den 80ern. Das brauche ich jetzt. Wir fahren durch die Innenstadt, am Bayerwerk vorbei, mittlerweile kenne ich wohl fast alle interessanten Ecken Leverkusens, vom Sportpark über Opladen bis zur Innenstadt, dem Sportpark bis nun zum Bayerwerk. Auch von Köln lerne ich wieder eine neue Ecke kennen. In Köln-Mülheim besuchte ich bisher das Palladium, das Stadtteil-Zentrum mit dem Regionalexpress- und S-Bahnhof. Und nun? Ein Neubaugebiet am Rhein.

Der Tag ist absolut gelaufen, was mir nach VfL-Spielen eigentlich recht selten passiert. Doch der Blick auf dem Balkon entschädigt etwas. Ich kann die Kölnarena in Köln-Deutz sehen, und über den Baumwipfeln am Rheinstrand sogar die Dom-Spitzen. Nebenan durchs WDR-Gebäude wurde ich neulich geführt – im Rahmen eines Volo-Ausflugs.

Dann ruft Björn an.

Nordkapp.

Da würde ich dieses beschissene 0:2 ganz bestimmt links liegen lassen.

Bestimmt.

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