Wake me up when November ends – VfL-Aachen 1:4 – 18. November 2005

Zu Beginn zitiere ich aus dem Text: „Es ist kalt in diesen Tagen!“ Oh ja, das weiß ich noch, auch sieben Jahre später. Der VfL spielte schlecht in der Hinrunde 04/05, hatte mehrfach in der Nachspielzeit unverschämtes Glück – und ließ sich dann vom späteren Mit-Aufsteiger Aachen mit 4:1 aus dem Stadion schießen – der Beginn der schwierigen Beziehung zwischen dem Publikum des VfL und Trainer Marcel Koller. Ich schaute in einer Freitagnacht nach dem Spiel „Harry Potter und der Feuerkelch“ im Rhein-Ruhr-Zentrum und träumte von Goa. Deshalb die Überschrift „Wake me up when November ends“ – in Anlehnung an einen Green-Day-Song. Die Dachzeile bezog sich mehr auf das fürchterliche Fußballspiele: „,25 Jahre alles falsch gemacht‘ sagte er unmittelbar nach dem 0:3.

So geht der Text:

In der 308 stehen sich zwei Personen gegenüber. Der eine ist ungefähr 1,70 Meter groß, trägt einen Vollbart und hat nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Die Frisur erinnert stark an George aus „Seinfeld“. Der andere wirkt erheblich jünger, um die 40, trägt eine Brille, ist 1,80, aber sonst aufgrund einer VfL-Mütze und eines VfL-Schals kaum erkennbar. In meine Finger kehrt langsam, ganz langsam das Leben zurück. Es ist kalt in diesen Tagen. Und die Beiden unterhalten sich über Goa. „Also wenn ein Ort auf der gesamten Erde das Paradies ist“, sagt der Rentner. „Dann ist es Goa.“ Die Fahrt vom Ruhrstadion bis zum Hauptbahnhof dauert drei Minuten. Nur drei Minuten. Aber es sind die drei Minuten, in denen die große Enttäuschung des ganz miesen Spiels wie ein Fliegenschiss erscheint. Der Rentner erzählt von Goa, von Sri Lanka, von Syrien, der Türkei, von Reisen, Sonne, von seiner Scheidung, von gekauften und wieder verscheuerten Halbedelsteinen. Ausflüge in eine bessere, schönere, sonnigere Welt.

Bei „Mr Chicken“ bestelle ich einen Chickenburger XXL. Essen, quatsch fressen gegen den Frust. Nach und nach betreten Alemannia-Fans den Laden, bestellen ebenso die Menüs und brüllen fortwährend „Auswärtssieg! Auswärtssieg!“, und es ist ihnen nicht einmal zu verdenken. Ich blicke mich um, sehe in die Gesichter der Angestellten dieses Fast-Food-Restaurant-Verschnitts und beschließe, dass dieser Laden nicht einmal annähernd die City-Grill-Nachfolge-Kriterien erfüllt. Im Stadion, vor einer halben Stunde, da habe ich einen vor mir stehenden ganz alten Ur-Bochumer gefragt, ob der City-Grill irgendwo wiedereröffnet hat. Er wusste es nicht. Schlechte Karten. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich die Stimme, die den Rest des bisher so verkorksten Abends retten will. „Harry Potter und der Feuerkelch“ ist mit ein paar Leuten angesagt, im Cinemaxx im Rhein-Ruhr-Zentrum. Beginn 22.30 Uhr, Treffpunkt kurz davor. Ein Ausflug in die Fantasiewelt von Hogwarts. Die Suche nach einem Zaubertrick gegen miese Fußballfan-Laune. Der Chickenburger ist gar nicht einmal schlecht.

In der S-Bahn treffe ich Tobias, den einst anonymen Briefeschreiber aus Mülheim, und noch so einen Typen, der immer mit Straßenbahnfahrer Stephan abhängt. „Wo is’n der Stephan?“ „Ach der Stephan, der ist noch in der Kneipe und trinkt zwei, drei Pilschen. Wir sind schon während des Spiels dahin gegangen. Nach dem 0:3 hatten wir keine Lust mehr. Ich wär auch geblieben, muss aber zu einer Party nach Essen-Eiberg.“ Der Stephan trinkt. Nur so ist das eigentlich zu ertragen. Ein Blick auf die Tabelle. Einmal 1:4 verloren, schon geht es runter von eins auf fünf. Dirk aus München, der gerade von seiner Hochzeitsreise aus Australien zurückgekehrt ist, will Ergebnis und Spielverlauf wissen. „Ganz schlimm! 1:4, Prügeleien in der eigenen Kurve, Feuerzeuge gegen die eigene Mannschaft. Welcome back in Germany! Schönen Abend wünscht: Koller Raus“ tippe ich mit meinen aufgetauten Fingern auf der kleinen Handy-Tastatur. Gerd meldet sich, der Stadionkumpel, der seit ein paar Monaten nicht mehr da war. Er saß während des Spiels im Flieger nach Bangkok. Da wäre ich auch gern. Am Essener Hauptbahnhof steige ich aus, ziemlich früh für meine Verhältnisse. Noch eine halbe Stunde bis zu Harry Potter, Hagrid, Hogwarts, Hermine. Eine halbe Stunde bleibt zur Spielanalyse, eine halbe Stunde, in der ich im Keller des Hauptbahnhofs auf die U18 warte.

Es fängt so gut an. 19 Uhr am Freitagabend, das hat Vor- und Nachteile. Vorteil ist natürlich eindeutig das Fluchtlichtspiel-Feeling, Nachteil ist die frühe Zeit. Heute bin ich pünktlich aus der Redaktion und stehe bequem unter 21.000 Zuschauern in der Ruhrstadion. Zwei Wochen hat unser Trainer Zeit gehabt, um unser ins Stolpern geratene Topteam auf richtigen Formkurs zu bringen. Skov-Jensen steht im Tor, der Mann, der aussieht, als würde er jeden an der Theke unter den Tisch trinken. Und auf Grote setzt er, links offensiv. Das ist ja mutig. Von unseren fünf Bochumer Galionsfiguren van Duijnhoven, Colding, Zdebel, Meichelbeck und Wosz spielt keiner. Egal. Wir sind auch so gut genug. Sam und Nicole kommen unmittelbar vor dem Anpfiff, auch der witzige Fanklub, in dessen Mitte ich mich stets aufzuhalten pflege, ist komplett vertreten. Die Weichen für einen erfolgreichen und obendrein witzigen Zweitliga-Abend sind gestellt, eindeutig. Anpfiff, 61 Sekunden später, 0:1. „Frei, freier, Meijer“, spottet MSV-Fan Helmut per sms. Was für ein saublödes Tor. Alle schlafen und schon ist es passiert. „KOLLER RAUS!“, brüllt derjenige, der dieses Ritual seit dem ersten Heimspiel pflegt. Und hintendran: „Wir ham den schlechtesten Trainer! SCHLECHTESTEN TRAINER!“ Diesmal widerspricht niemand. Abwinken. 14. Minute, Reghecampf frei, 0:2.

Entsetzen. „Wir wollen Euch kämpfen sehen! Wir haben die Schnauze voll!“ Und die nächste sms: „Willkommen in der Krise!“ DARIUSZ! DARIUSZ! wird gefordert und DARIUSZ! kommt in Minute 34. Halbzeit 0:2, eine Halbzeit, die unter die Kategorie „Arbeitsverweigerung“ fällt. Das 0:4 auf St. Pauli war ein Ausrutscher, das 1:1 gegen Paderborn Pech, das 0:3 in Siegen die erste Krise in der Liga. Jetzt wird aus dem Ganzen aber ein Trend und alle in der Ostkurve erinnern an sich die drei knappen 1:0-Erfolge. „Da hatten wir doch auch den Papst in der Tasche! Stellt Euch vor, ohne die drei späten Tore hätten wir sechs Punkte weniger“, sagt jemand, als der Schiedsrichter zum Pausentee bittet. Ein fürchterlich lautes Pfeifkonzert. Was ist bloß los? Was ist mit den Spielern? Was ist mit Koller, dessen Nagelprobe ganz schön nach hinten losgeht? Was ist mit dem Wetter los, das uns ganz übel kalte Temperaturen beschert? Und was mit uns panikmachenden Fans? Was ist los mit uns? Hat die letzte Saison solche Nachwirkungen? Als wir alle uns zu lange zu sicher und zu gut fühlten? Dieser verdammt unnötige Abstieg? Unten bei den Ultras geht es rund. Ein paar Leute vermöbeln sich, in der eigenen Kurve. Schlimme Sache das. Lupo kommt wieder, einer aus dem Fanklub, der um mich herum steht. Lupo erzählt von einer weiteren Schlägerei irgendwo in den Katakomben. Die Nerven liegen blank.

Zweite Halbzeit, hoffentlich wird es besser, die Stimmung ist kaum noch zu ertragen. Und das bei einer Mannschaft, die wochenlang an der Tabellenspitze stand! Aachen, wie es singt und lacht, Bochum, wie es zusammenkracht. Fünf passable Minuten mit zwei Riesenchancen macht Plaßhenrich bei einem Eckenkonter der simpelsten Art zunichte. Ganz einfach lässt sich unsere Abwehr vernaschen, 0:3, die Entscheidung. Aachen spielt clever, offensiv und nutzt unsere Fehler gnadenlos, gnadenloser, am gnadenlosesten aus. Pfiffe, laute Pfiffe, Feuerzeuge, Becher fliegen. „Williiiiiiiiii“ wird gefeiert, die landgrafende und sich warmlaufende Aachener Kultfigur. Diskussion über die schlechtesten Heimspiele, die wir im Ruhrstadion gesehen haben, wieder einmal. „Und wieder stellen wir fest“, sagt einer aus dem Fanklub. „25 Jahre alles falsch gemacht.“ Imhof verkürzt auf 1:3, aber niemand jubelt. Noch zwanzig Minuten, geht noch was? Edu, die personifizierte Verunsicherung, steht zwei Minuten später FREIIII, hat alles auf dem Fuß und scheitert kläglichst. Die letzte Chance vertan, das war’s. Schlaudraff darf sich beim 4:1 die Ecke aussuchen und schießt die Laune total in den Keller. Desolat. Peinlich. Kein System. Kein Selbstvertrauen. Nur Sicherheitsfußball. Keine Abstimmung in der Defensive. Null Torgefahr. Arbeitsverweigerung. Ohne Zdebel bricht alles auseinander. „Koller raus!“ brüllt der Koller-raus-Mann und einige stimmen ein. „Wen holen wir denn jetzt? Also ich bin für EDE GEYER!“, sagt Lupo. Aua. Geyer. Aua. Die meisten verabschieden sich von Koller. Kurz vor dem Abpfiff schubst ein Erwachsener eine 12-Jährige aus nichtigen Gründen. Wieder ein Handgemenge in der eigenen Kurve, das dritte heute. Ganz schlimme Stimmung. Sam muss schlichten. „Das war mein letztes Heimspiel für eine lange Zeit“, sagt er. In der Hinrunde hat er keine Lust mehr, bis einschließlich April verbringt er dann aus beruflichen Gründen seine Zeit in Brasilien. Keine Lust mehr. Schlimm. Abpfiff. Die Mannschaft kommt, um sich für die nicht vorhandene Stimmung zu bedanken. Und sie erntet nur ganz laute Pfiffe, Tausende Stinkefinger und einige Feuerzeuge. Wosz schmeißt sein Trikot ins Publikum, „Dariusz!“-Rufe, nur ein paar. Und der Rentner in der 308 erzählt von Goa.

Angekommen. Rhein-Ruhr-Zentrum. Die Erinnerungen verdrängen. Den Abend vergessen. Andi, es war nur ein Fußballspiel. Nur ein kleines, schäbiges, mit 1:4 verlorenenes Fußballspiel. „Zweite Liga, tut schon weh“, wie wahr, dieser Sprechchor. Ich fliehe aus der Kälte in die Zaubererwelt. Will aus dem November entfliehen, dem Monat der fußballerischen Enttäuschung. Oder, um es in Anlehnung an Green Day zu sagen:

„Wake me up, when November ends“.

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