5. Februar 2003 – VfL-FCK 6:7 n. E. – „Es tut immer noch weh“

So richtig oft erreicht der VfL Bochum im DFB-Pokal nicht das Viertelfinale. Deshalb kann ich mich als jedes einzelne Spiel (es gab in meiner VfL-Karriere nur zwei) und damit an jede einzelne Niederlage (beide peinlich) sehr, sehr gut erinnern. Als der VfL im Februar 2003 auf den 1. FC Kaiserslautern traf, stand der VfL im oberen Mittelfeld der Tabelle, der FCK war das abgeschlagene Schlusslicht. Ich pflegte dieses Spiel „Freilos“ zu nennen und wurde böse überrascht. Von einem langen Schlaks namen Vratislav Lokvenc, der gleich vier der sieben Lauterer Tore erzielte.

So geht der Text, den ich „Es tut immer noch weh“ nannte. Die Unterzeile: „Mirko heißt Gerd und Sam war bei den Backstreet Boys“.

– Es tut immer noch weh, weil nichts mehr geht. Unser Pech: zuviel Glück stand uns im Weg.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Liebeslieder auch auf Fußballspiele anzuwenden sind, wie dieses von Rosenstolz: Hier ist er.

Fünf Schüsse. Fünf Schüsse entfernt vom großen weiten Fußball-Universum. Fünf Schüsse noch. Und dann noch ein einziges weiteres Spiel bis zum unvergesslichsten Moment meiner VfL-Karriere, dem Finale in Berlin. Fünf Schüsse bis zum lautesten Jubelschrei ever heared. Fünf Schüsse. Nur fünfmal eine runde, mit Luft gefüllte Leder-Kunststoffkugel in ein 7,32 Meter breites und 2,44 Meter hohes Gehäuse bugsieren. Irgendwie. Noch fünf Schüsse.

Es ist kalt, und schon 120 Minuten liegen hinter mir und noch 22 100 Volldeppen, die an einem Mittwochabend nichts Besseres zu tun haben, als sich ein Fußballspiel zwischen dem Tabellenachten und dem Tabellenletzten der Bundesliga anzuschauen. Eigentlich ne Sache für ne Handvoll Fans auf nem Ascheplatz, aber das Etikett DFB-Pokal verleiht dem Ganzen einen unvergleichlichen Charme. Sogar so viel Charme, dass keine Sau erklären kann, warum das Fernsehen Bayern gegen Köln gezeigt hat (spätestens nach dem 3:0 in der 10. Minute haben bestimmt 75 Prozent der TV-Zuschauer umgeschaltet) und nicht VfL gegen FCK. Viertelfinale. Bemühe die Statistik: Hab bisher vier Spiele Bochum gegen Kaiserslautern gesehen. Alle vier hat Kaiserslautern gewonnen. Ich sollte nicht hingehen.

Und mache es doch. Mit Person Nummer 41, die mich zu einem VfL-Spiel in die Ostkurve begleitet: Mein guter Freund Helmut kommt mit; eigentlich ein MSV-Fan (er hat sogar den blau-weißen Zebra-Schal an, aber unter der Jacke fällt das nicht auf). Aber da es an der Wedau weder ein schönes Stadion noch attraktive Spiele noch Erstliga-Fußball zu sehen gibt, packt ihn die Lederball-Sehnsucht und das Ruhrstadion lockt. Für die fantastische Bochumer Bratwurst kann ich ihn zwar nicht begeistern, aber mit den Jungs im Block P, halbhoch hinter dem Tor, kann er sich direkt anfreunden. Da sind sie alle versammelt, vor allem Gerd und Sam. Gerd? Noch nie gehört? Oooooh doch, habt Ihr! Denn Mirko heißt jetzt Gerd. Schaut nach beim Nürnberg-Spielbericht: Der von mir Mirko getaufte namenlose Stadionkumpel blätterte tatsächlich auf dieser Homepage – und offenbarte sich per e-Mail als Gerd! Nun muss ich mir zwar einen neuen namenlosen Stadionkumpel suchen, aber es ist wirklich sehr nett, nun den richtigen Namen zu kennen. Und Sam? Wer ist Sam? Keine Ahnung, in welchem Spielbericht es genau war, aber irgendwann erwähnte ich einen Afrikaner, der auch immer bei uns steht. Genau, eben Sam. Allerdings ist er kein Afrikaner, sondern Amerikaner, und – HALTET EUCH FEST – er war bei der 1997-er-Deutschland-Tour der Drummer der Backstreet Boys.

– Hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich es nicht gesehen hätte

erstaunt mich Gerd. Wahnsinn, was für Leute man im Stadion kennengelernt. Nebeneinander ein Richter (Gerd), ein Jurist, Amerikanologe und Drummer (alles Sam), ein Sportlehrer (Helmut), ein Journalist (me) – ja und nicht zuletzt ein promovierender Germanist (Thommy). Mein Bruderherz hat zwar mal wieder Verspätung, trifft aber noch pünktlich zum Anpfiff ein. Gemeinsam harren wir der Dinge, die da kommen mögen, im dicksten Proleten-Pulk. So viel Publikum ist Helmut gar nicht mehr gewohnt… Ist im Ruhrstadion eben doch ganz anders und viel besser als zu Hause vor dem Fernsehschirm..

Pokal. Böse Erinnerungen. Will mal nach Berlin. Hab mir den 31. Mai schon vorsorglich freigenommen. Das würde die komplette deutsche Fußballszene konterkarieren. Unser kleiner VfL Bochum im Pokalfinale. Vielleicht gegen die großen Bayern. Ja und vielleicht noch ein Sieg. Sobald „The final countdown“ läuft, springe ich im Achteck, sobald „We are the champions“ ertönt, ertappe ich mich beim Pokalklau in der Bochumer Geschäftsstelle. Viertelfinale. Der 1.FC Kaiserslautern kommt. Ein Trümmerhaufen-Verein, der so viele Schulden hat, dass das Zahlensystem bald erweitert werden muss. Da sind die „Finanzamt – o-ho – Finanzamt – o-ho-ho-ho“-Rufe aus unserer Kurve nicht nur kreativ, sondern auch äußerst zutreffend. „Ein Freilos“ habe ich dieses Spiel getauft. Noch 90 Minuten bis zu einem überzeugenden Sieg.

– Ich hab auf Bochum getippt, verrät Helmut, warum sein Herz in diesem Spiel auch mal für die richtige blau-weiße Mannschaft schlägt

– Ich hab ne Verabredung nach dem Spiel. Darf also keine Verlängerung geben, ergänzt Thommy.

Na und die VfL-Jungs wollen die beiden doch nicht enttäuschen. Fahrenhorst, 6. Minute, 1:0 für uns. Gestern haben die Bayern den FC Köln mit 8:0 weggefegt, wär doch geil, wenn uns das auch gelingen würde. NUR NOCH NEUN!!! Das hat der Ultra-Typ mit dem Megaphon auch gescheckt und stimmt „Lautern, Lautern, zweiiiiite Liga“-Rufe an. Formsache.

Formsache? Hoppla. Lautern kann Fußball spielen? Unsere Jungs nehmen das zu locker? AAAAAAAAAAAAccccccchtung, der Lokvenc; ja schlafen die denn? 1:1 in der 18. Minute. HAAAAALLLOOO WACH!!! Jungs, das ist DFB-Pokal! Nicht nur wir wollen den Pokal!

Ihr doch hoffentlich auch, oder? Nicht? Wieder Lokvenc, 22. Minute; 1:2!!!

1:2!!!

Kann alles nicht wahr sein. So optimistisch gewesen. Und jetzt? Martinhatdengeilstenschussderwelt Meichelbeck geht, Thomas Reis kommt. Gerd und ich wollten ja immer, dass der auf der linken Seite in der Kette spielt (remember: die alten UEFA-Cup-Tage), aber neeein, Pidder Neururer setzt lieber auf die defensivstärkere Variante. Wenn er meint… aber der Reis ist vorn besser. Kaum ausgesprochen, schlägt´s ein zum 2:2. Torschütze? Reis! Würden die Experten doch häufiger mal die Ostkurve um ihre Meinung bitten. Dass es völlig unverdient ist, weil die Lauterer aus irgendwelchen Gründen doch vor den Ball zu treten imstande sind, wen juckt das schon?

– Hab alles richtig gemacht. Gute Stimmung, ein tolles Spiel, viele Tore, frohlockt Helmut – und ich stimme ihm zu.

Naja, so wirklich gut ist das Spiel in den restlichen 55 Minuten aber nicht mehr. Unterbrochen von einer cheerleadergefüllten Halbzeitpause (die Ostkurven-Stimmung bleibt wohl so lange gespalten, bis die Mädels wieder vom Rasen verschwinden) liegt die Unterhaltung in der Spannung, die Spannung in der Unterhaltung. Ihr könnt´s Euch schon denken. Gerd. Sam. Backstreet Boys. Helmut. Wetten. Thommy.

Und zwischendurch:

V – F – L !!! V – F – L !!!

Je näher das Ende rückt, desto mehr zittert Helmut. Schiri Wack schaut auf die Uhr, pfeift…

… AB! 2:2, Verlängerung.

– Scheiße, Tipp im Arsch! brüllt Helmut.

Und ich? Nochmal 30 Minuten zittern. Packe meine nächste Statistik aus. Hab bislang zweimal ne Verlängerung erlebt, zweimal gewann der VfL. Aber die üble Viertelfinal- und FCK-Statistik überwiegt. Unsere Jungs scheinen k.o. zu sein. Da geht nicht mehr viel. Herr Lokvenc meint diesen Eindruck auch noch bestätigen zu müssen und netzt in der 101. Minute zum 3:2 für Lautern ein. Das war´s. Das Aus. Lähmendes Entsetzen in der Kurve. Keiner kriegt mehr einen Ton raus. Die gute Stimmung ist wie weggeblasen, die Berlin-Reise im Kopf schon storniert. Noch bleiben 16 Verlängerungs-Minuten. Auf einmal ein Zupfer an Christiansen. HEEY!! Ein Pfiff, Elfmeter. Christiansen, Tor – 3:3. Wie die Jungfrau zum Kind. 3:3, es bleibt dabei. Ein glückliches Unentschieden für uns; Lautern war insgesamt besser und hatte die Chancenmehrheit – aber ein toller Pokalfight geht zu Ende; und das Elfmeterschießen muss entscheiden.

– Ich hab doch ne Verabredung!!!!!! Und Deine Serie, Andi… Sieht nicht gut aus, sagt Thommy.

Fünf Schüsse noch.

Ich würd prima als Wackelpudding durchgehen. Ein einziger Stubser genügt, und mein ganzer Körper vibriert. Es knistert vor Spannung. Die Luft bebt. Die Tribüne wackelt. Keiner der 22 000 Zuschauer ist vorzeitig abgehauen. Keiner.

Fünf Schüsse noch.

Unsere fünf Helden habe ich exakt vorhergesagt (hätte ich mal gewettet). Schindzielorz, Reis, Colding, Gudjonsson, Christiansen. Sesi beginnt. Schuss und – GEHALTEN !!! Thommy leih mir Deine Schulter. Und jetzt Harry Koch. Läuft an. Reeeeeeeinnnnn – HÄLT! Fängt alles wieder von vorn an. Thomas Reis. Hat geil gespielt. Sich in die Mannschaft. Und schießt sich ? Wieder raus? !!!! ?!?! Wieder gehalten! Immer noch 0:0. Dann Klose – 0:1. Colding – 1:1. Huuuuh, wir können doch Elfmeter verwandeln. Grammozis – 1:2. Gudjonsson – 2:2. Lokvenc – 2:3, sein viertes Tor heute. Christiansen – 3:3. Bjelica muss verwandeln, dann ist der FCK weiter. Läuft an. Drin. 4:3, also 7:6 für Kaiserslautern. Der Letzte ist heute der Erste. Und mein Traum? Platzt!

Fünf Schüsse waren es bis zum Glück.

Vorbei.

Mit diesem Verein werde ich wohl nie ein Happy End erleben.

– Und tschüss Jungs! Thommy und Mirko-Gerd haben´s eilig. Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Weg. Einfach nur weg. Große Klappe gehabt, und jetzt? Zum dritten Mal AUS im Viertelfinale. SMS von Björn: „WELTPREMIERE! Das erste Mal ist eine Mannschaft mit einem „Freilos“ ausgeschieden!“ Alle Sprüche werde ich in dreifacher Dosis wieder bekommen. Am 31. Mai werde ich nun doch arbeiten gehen und den genommenen Urlaub zurücknehmen. Dann muss der „goldene Schuss“ warten, bis zum Sommer 2004! Aber dann, ganz bestimmt, habe ich nicht nur eine Hand am Pott, sondern … lasst mich träumen.

Diese Niederlage tut richtig weh.

Zum guten Schluss wieder Rosenstolz.

– Doch Zeit kann grausam sein.
Sie bricht Dein Herz.
Und wird es wieder heil´n! –

DFB-Pokalsieger 2004? Maybe…

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