Witzischkeit kennt keine Grenzen – 13. Dezember 2003 – VfL-Frankfurt 1:0

Im letzten Heimspiel im Jahr 2003 traf der VfL auf Eintracht Frankfurt und gewann glücklich mit 1:0. Ich schrieb für mein Blog einen kurzen, ganz kurzen, nein doch, eher mittellangen Bericht unter der Überschrift „Witzischkeit kennt keine Grenzen“ – mit der Unter-Überschrift: „Fußball wie im Aquarium in Brasilien“.

So geht der Text:

Ich hasse solche miesen, fiesen, gemeinen, ekeligen Herbsttage.

Es ist früh am Morgen, „Da Draußen“ von Fettes Brot schallt per EinsLive aus dem Lautsprecher, und YEPP ein neuer Tag beginnt. Ach Du Scheiiiße Andi, bleib doch lieber liegen. Der Wecker zeigt 11.15 Uhr an, und trotzdem brauche ich einen Flutlichtmasten, um meine Wohnung zu erhellen. Es ist so verdammt dunkel draußen, und es regnet. Ununterbrochen. Und heftig. Auf dem grünen Rasen im Hinterhof bilden sich schon Pfützen, und ich selbst fühl mich verpeilt. War ein langer Abend gestern, mit netten Leuten im KKC an der Uni Essen – und nachts fahren die Bahnen im Pott nicht mehr so regelmäßig… Warten, kann nicht einschlafen, dann doch. Und jetzt müde, kaputt, viel zu tun. Dann noch Regen, kein sonderlich attraktiver Gegner. Knall Dich zurück ins Bett Kollege. Ist besser so.

*Ringelingeling*

… Telefon …

Bruder Thommy meldet sich ebenso verpeilt, war ebenso weg gestern Abend, hat ebenso den Arsch voll zu tun, und er tut es. Er kneift! Kneift einfach so! Boah – und dann auch noch ohne Thommy?

Gefahren bin ich dann doch.

NATÜRLICH bin ich gefahren, was dachtet Ihr denn?

Aber solche Herbsttage sind wirklich doof.

Im Regen strahlt das Ruhrgebiet keinen besonderen Charme aus. Im Regen strahlt für mich glaub ich keine Stadt der Welt irgendeinen Charme aus. Einen Schirm habe ich nicht dabei (selbstverständlich nicht, ist ja überdacht), und trotz der Regenjacke tropft es überall. Die Hose ist nass, die Schuhe, iiiiihhhhh… brrr…. So beginnt mein Spiel so richtig erst ne Viertelstunde vor dem Anpfiff, als ich feststellen muss, dass durch die Sturmböen die Überdachung so gut wie gar nicht hilft und wir uns mitten im Regen befinden. Wir? Gerd! Krüger! Noch n paar andere Köppe; und Sam samt Freundin! Yeeaahh, nach vier Wochen Pause hat Sam seinen Arsch mal wieder ins Stadion bewegt und – als ob er´s geahnt hätte – unser aller Liebling Anton Vriesde („Fußball-Gott“) spielt sogar von Beginn an. Unser Motto ist klar: Bei einem solchen Sauwetter hilft nur Lachen. Oder wie der Hesse sagt: Lustisch sein. Denn hessisch ist heute die Nebensprache bei uns im Pott: Eintracht Frankfurt, der Trümmerhaufen der Bundesliga, kommt. Keine Ahnung, wie die schon an zwölf Punkte gekommen sind, spricht nicht grad für die Liga. Und weil wir mit 22 Punkten für unsere Verhältnisse sensationell gut dastehen, können wir uns sogar einen kräftigen Schuss Überheblichkeit erlauben. Schon nach zwei gespielten Minuten wollen wir „Einer geht noch rein“ anstimmen, obwohl es noch 0:0 steht. Dass eine Grippewelle die Mannschaft heimsuchte, der Platz schwer bespielbar ist: kein Thema für uns. Unter 4:0 geht nicht. Etwas zu überheblich scheinen unsere Jungs auch zu sein. Chris (9.) und Beierle (10.) haben innerhalb von 30 Sekunden zwei Riesendinger für Frankfurt auf dem Kopf, und der von Beierle war sogar hinter der Linie, wie wir alle vermuten.

Puuh, was isn hier los?

Erst danach geht es in die andere Richtung – und als ob es die Frankfurter noch nicht gewusst hätten: Wir setzen auf unsere Standardsituationen, erarbeiten uns Freistöße und Ecken in Serie. Eine davon sitzt, 22. Minute, Hashemian per Kopf. Und HEY – der Vahid kriegt sogar seinen eigenen Sprechchor: „Va-hid-Va-hid-Va-hid-Ha-she-mi-an“! Grenzenloser Jubel, hüpfen vom einen Bein aufs andere – nee, das ist es nicht, bei so einem mehr oder weniger standesgemäßen Tor. In den letzten 68 Minuten warten wir darauf, dass bei unseren Jungs der Groschen fällt. Nur einen einzigen winzigen hellen Moment gibt es, als Hashemian kurz nach der Halbzeit das Leder an den Innenpfosten schlenzt. Ansonsten drückt – oh Wunder – Frankfurt: Couragiert, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfwerte, die größeren Spielanteile. Und ja, ich gestehe, ein Unentschieden entspräche viel eher dem Spielverlauf. Doch wie´s so ist in einer glücklichen Situation: Wir schaukeln das Ding in bester Abstiegskampf-Manier (einfach den Ball nehmen und auf die Tribüne jagen) irgendwie über die Zeit. Egal, dass Bönig links hinten dringend die Winterpause braucht, dass Edu nach neun Minuten schon wieder ausgewechselt wird, dass der Freier der schlechteste Bochumer ist, dass der Wosz anscheinend nur noch Luft für 60 Minuten hat.

Abpfiff und die Jungs halten das Transparent „Die Nummer 1 im Pott seid Ihr!“ hoch. Fünfter Platz, und das nach dem letzten Heimspiel im Jahr 2003. Was für ein Fußballjahr im Ruhrstadion geht vorbei! Am Ende stehen parallel Anton Vriesde, Michael Bemben, Andre Wiedener, Oka Nikolov und Uwe Bindewald auf dem Platz. Und sowas nennt sich Bundesligaspiel. Noch Fragen zum Spielniveau?

Wir halten während des gesamten Spiels mit lustischen Scherzen die Stimmung aufrecht. Die sind alle so lustisch, dass ich aus dem Lachen gar nicht mehr herauskomme. „Ist ja wie in Brasilien hier“, brüllt Sam in einer philosophischen Phase zwischendurch. „Brasilianisches Wetter. Und erst recht brasilianisches Spielniveau!“ Gerd wünscht sich eine eigene Überschrift, in selbigem Philosophie-Anfall: „Fußball wie im Aquarium!“ Es wird nicht ganz zur Headline reichen.
Und wenn an einem VfL-Nachmittag Witzischkeit keine Grenzen kennt, dann ist Straßenbahnfahrer Stephan aus Mülheim nicht weit. In der 308 zurück Richtung Hauptbahnhof treffe ich den 2,05-Meter-Koloss, bitte ihn bei der gepflegten Currywurst-Pommes-Majo zu einem Gespräch über Straßenbahnen, den VfL und die F2-Jugend von Tuspo Saarn. „Weisse“, rechnet er vor, „wenn wir damals das DFB-Pokalspiel gegen Lautern gewonnen hätten“ (die Elfmeter-Schmach aus dem Februar, Ihr wisst schon), „dann würden wir jetzt im UEFA-Pokal gegen Celtic Glasgow spielen. Weil: Teplice und Feyenoord Rotterdam, die hätten wir doch weggetan, oder?“ Spricht’s aus, guckt mich an und prustet los. „Aber nächstes Jahr… wer weiß….?“

Heute sind die ganz normalen Alltagswünsche wahr geworden. „Was ist Dein Hobby?“, wurde ich gestern irgendwo bei einem Termin gefragt. Da stutzte ich, überlegte ein paar Sekunden und konnte – so schlimm es auch ist – nur zwei Sachen antworten: „Die Homepage und der VfL!“ Wenn beides aufeinander trifft, und ich noch über einen Sieg und gute Stimmung berichten darf, dann bin ich rundum zufrieden.

Und ich mach mir beim Aufstehen noch Gedanken…

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