Die Nummer 1 im Pott sind wir – 26. Oktober 2003 – VfL-BVB 3:0

Oh ja, dieses Spiel gehört zu meinen persönlichen „Top 10“. Ich nahm am Sonntag, 26. Oktober 2003, körperliche Strapazen auf mich, unterbrach gegen den Willen meiner damaligen Chefin einen Arbeits-Sonntag, radelte nach dem Verbandsligaspiel zwischen Union Mülheim und Rot-Weiß Oberhausen II in Rekordgeschwindigkeit zum Mülheimer Hauptbahnhof, und dann nach einer kurzen Zugfahrt vom Bochumer Hauptbahnhof zum Stadion. Immer Castroper Straße rauf. Und sah dann dieses unglaubliche Wahnsinnsspiel. Bochum drei, Dortmund null. 90 Minuten pure Fußball-Ekstase. Ein völlig durchdrehender Sunday Oliseh nach einem genialen Freistoßtor. Meine Mama mitten im ausverkauften Stadion.  Eine Woche nach dem Derbysieg auf Schalke der nächste Triumph.

So geht der Text vom 26. Oktober 2003:

Blicke in die Augen von Dirk. Von Sam. Von Daniel. Von Mama. Von Gerd. Von Thommy.

Blicke aufs Feld, auf die Anzeigetafel, auf die imaginäre Bundesliga-Tabelle im Hinterkopf.

Umarmt mich Leute, packt mir auf den Schädel, durchwühlt meine Haare, hört meine Rufe, „yeeeeaaaaaah“, „jaaaaaaaaaaaaaaaa“ undsoweiter und mehr und mehr, umarmt mich einfach, drückt mich feste! Das ist der absolute Wahnsinn. Ich kann es nicht glauben. Kann es einfach nicht glauben. Will es nicht wahrhaben. 3:0 gegen Borussia Dortmund.

Zurückspulen.

Union 09 Mülheim hat vier Spiele in Folge nicht verloren. Und nun kommen die Amateure von Rot-Weiß Oberhausen zur Mülheimer Südstraße. Gestern noch hab ich den Trainer Bachmann angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich früher „abhauen muss, aus privaten Gründen“ (nicht gelogen, oder?) und deshalb die Pressekonferenz schwänze. Nun ist es 16.41 Uhr. Die mit fünf Profis unfair verstärkten Oberhausener führen sensationell hoch mit 2:1, es ist beinahe peinlich, und zappelig sitze ich auf der Tribüne. Bis ich es nicht mehr aushalte. Die 84. Minute läuft, und ich verschwinde. Ich sprinte in Richtung Fahrrad, halte kurz inne, um den Fahrplan vor mir abzuspulen, springe beschwingt aufs Rad und trete in die Pedale. 16.41 Uhr. Ich fühle mich wie in einer Werbepause der fantastischen TV-Serie „24“, in der 24 Stunden in Echtzeit ablaufen. Eine Uhr läuft mit, die Sekunden schlagen im Takt, mit einem unverwechselbaren Geräusch. Wie steht es bei Union? Ist doch scheißegal. Hauptsache, dieser Scheiß-Regionalexpress kommt pünktlich.

Zwei Minuten Verspätung. Ich hab ihn noch erwischt und kann sogar noch die Zusatz-Fahrradfahrkarte abstempeln. Der Zug ist voll. Telefonat mit dem Union-Stadionsprecher: Es ist beim 2:1 geblieben; puh, zum Glück nichts verpasst. Warum bleibt denn jetzt dieser verdammte Zug stehen, in der Nähe von Essen-Kray? „Nächster Halt – Essen Hauptbahnhof“, „Nächster Halt – Wattenscheid“, „Nächster Halt – Bochum Hauptbahnhof“. Na endlich. Und der Takt schlägt monoton, 17.07 Uhr. SMS an Gerd: „Ich befinde mich im Anflug auf Bochum Hauptbahnhof! Macht schon mal Platz!“ Die Sekunden verrinnen. Schaffe ich es pünktlich zum Anpfiff? Oha, wie lange bin ich nicht mehr zu Fuß vom Hauptbahnhof bis zum Stadion gelaufen? Wo muss ich langfahren? Was für ein Stress. Strampeln. Erinner Dich an Udo Bölts, der Jan Ullrich einst bei der Tour „Quäl Dich, Du Sau!“ zubrüllte. Ich quäl mich und erblicke am Horizont die Fluchtlichtmasten. Ich hab es geschafft, und als ich das Stadion erreicht habe, läuft „Mein VfL“ mit der Zeile „Du hast alles hergegeben“. Oh ja, wie wahr. Egal, ob mein Fahrrad geklaut wird oder nicht; ich schließ es irgendwo ab. Ich will nur noch dieses verdammte Spiel sehen.

Super, die Kamera geht mit durch. Kontrolliert werde ich kaum. Ein Maschinengewehr hätte ich problemlos reinschmuggeln können. Oh scheiße ist das voll. Da kann ich mich niemals bis zu meiner VfL-Sippe durchboxen.

Versuch’s aber. „Mit der Nummer eins REEEEEIIINNNNN…“ „VAN DUIJNHOVEN!!!“ Pünktlich. „V-F-L; V-F-L“! Ich sehe sie. Der Dirk aus München ist da. Der Sam ist da, die Schals sind alle da. „Tief im Westeeeen, wo die Sonne verstaubt!“ Der Revier-Schlager. Der zweite in sieben Tagen. Egal, dass ich völlig ausgelaugt bin. Vergessen die Strapazen. Bin da, bin da, bin da. Anpfiff, Bönig über links, siebte Minute, Flankeeeee, Flugkopfball, TOOOOOOOR, TOOOOOOR, TOOOOOOR, wer war’s? Hashemian? Hashemian!!!!! TOOOOOOOORRRR! JAAAAA! Yeaaahhh! Ist das nicht der Wahnsinn? Der pure Wahnsinn? „I will survive“ läuft durch die Lautsprecher! La-la-la-la-laaaaa-lalalalala-laaaaa- undsoweiter. Klatsche in meine Hände, wie 30.000 andere. Wie schnell ist man als Fan doch geneigt zu sagen, es handle sich um ein „intensives“ Derby. Ja, das ist es. Wir sind seit zwei Spielen ohne Gegentor, haben zwei Spiele in Folge gewonnen, sind fünfmal unbesiegt. Das ergibt alles addiert eine breite Brust. Für mich wäre das der 100. Sieg in meiner VfL-Laufbahn, das nächste Tor wäre das 400.! 400-mal aufspringen, schreien, jubeln. 400 orgastische Erlebnisse. „Die Nummer eins – die Nummer eins – die Nummer eins im Pott sind wiiiiiiiir!!!“ Nach einem Sieg auf Schalke und einer Führung gegen den BVB dürfen wir sowas schonmal singen.

Doch: Ewerthon schießt knapp vorbei. Ricken führt einen Freistoß schnell aus – daneben. Glüüüüüüück für uns. Intensiv? Da war doch was. 32. Minute, was rotes pappmäßiges leuchtet in den Abendhimmel – eine Karte? Irgendwie verschwindet der Kehl in den Katakomben. Auf Wiederseeeeehn. „Der hat dem Zdebel in die Eier getreten“, klärt Helmut per sms auf. Ich will es an Dirk aus München weiterleiten, aber Scheiße, der steht doch neben mir… Wie geil! „Jetzt müssen wir uns entscheiden: AC Milan, Real Madrid oder wen wollen wir haben?“ witzelt Sam. Ich rege mich derweil tierisch über den Champagner-Charakter der BVB-Fans auf, die 500 Karten zurückgeschickt haben. Zu Hause 80.000 im Schnitt und auswärts nach Bochum (15 Kilometer weiter) kriegen die nicht mal 2.800 zusammen! Halbzeit. Hat sich irre gelohnt.

45 Minuten noch. Wie gegen Lautern vor zwei Wochen: Überzahl – und diesmal führen wir noch dazu. Buckley für Diabang, Buckley frei vor dem Tor, 48., das wäre es doch gewesen. Es ist lauter als auf einem Flughafen, im Augenwinkel entdecke ich, dass Dirk kurz davor ist, bei einem dieser unsäglichen „BVB-Hurensööhne“-Sprechchöre mitzuträllen. Hat er? Weiß ich nicht. Ich überlege derweil, ob ich Gerds erneuten „Titten“-Ruf für die Cheerleaders in diesen Text einbaue (was hiermit getan wäre…), schreibe zeitgleich eine sms an einen im Urlaub weilenden Schalker, um ihn mit dem Zwischenergebnis zu beglücken und unterbreche diese Gedanken. Es passiert zu viel auf dem Platz, viele Grätschen, schöne Pässe, wir haben den BVB im Sack.

Und wie: Buckley auf links, flaaankt, der Hubschrauber frei, TOOOOOOOOOOOOOOR, Tor-Pogo, endlich mal wieder so richtig geil, hoch, runter, auf und ab, Mama lebst Du noch? Sie lebt, Küsschen, 2:0. „OOhhhhh, wie ist das schöööön, sowas hat man lange nicht gesehen“… „DIE NUMMER EINS IM POTT SIND WIIIIIIIIRRRRRR – DIE NUMMER EINS IM POTT SIND WIIIIIIRRRRR!“ Es ist glücklich gelaufen. Wie in den letzten Spielen auch. Wer oben steht, hat nun mal dieses Quäntchen. Hätte nie gedacht, dass ich diese 5-Euro-Phrase wirklich im Zusammenhang mit dem VfL erwähne. Niemals.
Rest geht unter. Oliseh versenkt noch einen Freistoß links unten zum 3:0, dreht völlig durch. So einer geht von dem auch nur in diesem Spiel rein, in keinem anderen sonst. Jetzt brechen alle Dämme und ich denke gar nichts mehr.

Blicke. In viele Augen.

Viele glückliche.

* * *

Und wie analysiert der „kicker“ das Spiel?

PERSONAL:

Trotz der bisher guten Heimbilanz baute der Ostkurvenblock P seine Besetzung um. Neben dem Dreierblock Sam-Thommy-Andi feierten Dirk und Daniel ihr überraschendes VfL-Comeback nach langer Fehlzeit. Nach dreiwöchiger Pause kehrte Gerd in die Anfangsformation zurück. Als Dirigent wurde Mama Ernst aufgeboten.

TAKTIK:

Gerd sollte in den oberen Reihen des Fanblocks die Übersicht behalten und seinen Vater – BVB-Fan – beruhigen. Thommy hatte gleich mehrere Aufgaben zu erfüllen. Erstens: Mama Ernst zum Sehen zu verhelfen (was bringt ein Dirigent, wenn er nicht aufs Feld blicken kann?). Zweitens und drittens: Unterhalten mit Harald und Dirk. Sam, Dirk, Daniel und Andi sangen drei Treppenstufen unter Gerd mit voller Kraft. Alle zusammen sollten „V-F-L“ schreien bis zur Heiserkeit.

SPIELVERLAUF:

Nicht nur die Spieler können 90 Minuten Vollgas geben, sondern scheinbar auch die Fans. Von der ersten Sekunde feuerte die Ostkurve in diesem heißen Derby mutig-offensiv an, gegen überraschend tief gestaffelte und zurückhaltende Dortmunder. Mit dem Vorsprung stiegen Kreativität und Stimmkraft. Nach dem 3:0 zehn Minuten vor Schluss war es ein kompletter Selbstläufer.

FAZIT:

Ein unvergesslicher Fußball-Abend mit einer wohl einmaligen Fan-Besetzung. Tolles Spiel, Riesen-Stimmung, da passte alles.

FAN DES SPIELS:

Dirk aus München.

Nach zweieinhalb Jahren Pause mal wieder im Ruhrstadion und dann direkt dieser Knaller. Das nenn ich Riecher.

* * *

Es regnet nach dem Abpfiff. Ganz langsam setze ich mir die Kapuze meines gleichnamigen Pullis auf, um gleich im nächsten Moment „Ach scheiß drauf“ zu denken. Hey, mein Fahrrad ist ja sogar noch da. Ich springe über die Barriere zwischen Bürgersteig und Straße, laufe in Richtung Straßenbahn-Haltestelle und muss mich kneifen, um nicht aus Tradition in die 308 zu steigen. Die Straße ist nass, Blätter liegen darauf, oha, das kann ja eine Fahrt bis zum Hauptbahnhof werden. Menschenmassen drängen sich über die Castroper Straße, Blätter sorgen für einen Glitschfilm, es regnet. Aber kein Problem: In völliger Trance umkurve ich alles, was sich mir in den Weg stellt. Parkende Autos, fahrende Autos, stehende Menschen, laufende Menschen, Glückliche, Traurige; und zum Schluss umkurve ich sogar mein eigenes Hirn. Es ist so wahnsinnig. Am City-Grill warte ich auf den Rest der Gruppe, verabschiede mich kurz und verschwinde im Dunkel des Regionalexpresses. Aus der Entfernung erklingen immer noch die „Die Nummer eins im Pott sind wir“-Rufe, und es ist keine Einbildung. Nein, es ist der Sprechchor des Abends. Es kommt die Zeit, sich in Ruhe mit all diesem Knubbel von Emotionen zu befassen, ihn zu entwirren, auseinander zu fummeln. Was für eine Tortur. So eine habe ich noch nie mitgemacht, so eine werde ich nie mehr mitmachen. Alles war so eng, ein so enger Zeitrahmen, und doch ist es gut gegangen. Wenn ich dieses Spiel verpasst hätte, dann hätte ich da jahrelang dran zu knabbern gehabt. Wir sind Sechster, haben unser Punktesoll für die Vorrunde erfüllt. Und es sind weitaus mehr Gedanken als diese drei.
Als Überschrift für den 94-zeiligen Artikel über Union werde ich wohl irgendwas mit „Verstärktes Amateurteam setzte sich knapp durch“ oder so wählen.

Aber es ist mir so egal.

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