Erinnerung an Opa

Beerdigungen sind nicht mein Ding. Am Mittwoch, 25. April, stand ich auf dem Friedhof Mülheim-Broich am Grab meines Opas. 83 ist er geworden, eine Biographie würde sich wirklich lohnen; Waisenhaus in Gelsenkirchen, Krieg, letztes Aufgebot, Armut, Sauerland, Bergbau, Essen-Borbeck, Schichtdienst, bester Opa der Welt in Mülheim und für jeden Streich zu haben, Rente.

Es war kein einfacher Tag.

Um an Opa zu erinnern, habe ich einen Text aus meiner „ersten“ Homepage gesucht, einen Tagebuch-Eintrag zu einem Revierderby im Jahr 2002 im Ruhrstadion, vor knapp neuneinhalb Jahren. Diese Zeilen widmete ich meinen Opa, der mich zum Spiel VfL gegen S04 begleitete.

Und nun hinein in den Text, den ich am 17. November 2002 über das Revierderby zwischen Bochum und Schalke (0:2) unter der Überschrift „Tschuldigung Opa“ verfasste:

– Manchmal frag ich mich, wie das Leben denn so wär, wenn es Dich nicht gäbe, nein das wär kein Leben mehr…

MÖÖÖP, falsch.

Da will man einmal mit „Manchmal frag ich mich“ einen Tagebuch-Eintrag beginnen, und direkt verfalle ich in den Text von „Mein VfL“.

So ist das mit den Fußball-Fans.

Nächster Versuch.

Manchmal frag ich mich, wie sich denn Fußball-Profis Woche für Woche neu motivieren können, obwohl sie bereits Hunderte von Spielen bestritten haben. Dabei liegt die Antwort doch auf der Hand: Aus dem selben Grund gehe ich Woche für Woche auf den Fußballplatz. Wir lieben dieses verdammte Spiel, diese besondere Note, die jedes einzelne Duell besitzt, dieses (soziologisch gesehen) explosive Gemisch in der Fankurve, diese pure Entspannung. Ach was, lest einfach meine bisherigen Tagebuch-Einträge, und Ihr wisst, warum auch das 210. VfL-Spiel meiner Karriere ein denkwürdiges war.

Doch es war diesmal nicht nur denkwürdig, sondern gar „besonders“ denkwürdig!

Irgendwie ist diese Saison die der Kultspiele. Tolle Auswärtsfahrten nach Hannover, Leverkusen, München und Stuttgart. Tabellenführer nach Spielen gegen Cottbus und Dortmund, das Dreiviertel-Spiel gegen Hertha – und auch heute war ein kleines Detail anders als im „ganz normalen“ Fußball-Wahnsinn. Denn neben mir in der Kurve stand Alfred, ein älterer Herr, bald 74, um genau zu sein, und seines Zeichens mein Opa. Ganz früher, als ich noch ein kleiner Junge war, zupfte ich meinem Vater jeden Samstag an der Hose: „Papaaaaaa, ich will Bochum gucken!“ Papa hatte aber nicht jede Woche Zeit, sondern lediglich drei-/viermal pro Saison. Aber um mich ruhig zu stellen, nahm Opa mich immer mal wieder mit. Da war ein Heimspiel gegen Karlsruhe, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ein 18-jähriges Talent namens Mehmet Scholl schoss das einzige Tor zum KSC-Sieg. Oder dieses unvergessene Spiel bei Rot-Weiß Essen, 1992 oder sowas. Das erste und bislang einzige Spiel, in dem ich dicke Krawalle erlebt habe. Opa und ich standen am Rand.

Nun zeigt das Kalender das Jahr 2002 an – und Opa war seit vielenvielenvielen Jahren nicht mehr dabei. Irgendwann bin ich immer allein nach Bochum gefahren, brauchte nicht mehr die Erlaubnis der Eltern. Und die Familienausflüge ins Stadion verliefen im Sand. Nun fragte Opa in letzter Zeit bei Familypartys erstaunlich oft nach dem VfL; und da schenkte ich ihm eine Eintrittskarte – natürlich für das Heimspiel gegen Schalke 04. Und so soll es sein. Opa und ich beim Fußball. Freu mich drauf.

Freu mich da mehr drauf als auf das eigentliche Spiel, dabei sind Derbys wie Bochum gegen Schalke immer Highlights. In den letzten Jahren ging es immer für eine der Mannschaften um die Wurst. 2001 stand Schalke kurz vor dem Titel (und versaubelte ihn beim 1:1 in Bochum am vorletzten Spieltag), und davor hatten wir Bochumer ein Dauer-Abo im Abstiegskampf und brauchten jeden Punkt. Heute? Dritter gegen Achter, alles liegt eng zusammen – aber eigentlich sind beide gut gestartet. Trotz aller Feindschaft, trotz aller feindseliger Sprechchöre, die vermutlich kommen werden, ist doch eins klar: Beide Fangruppen sind froh, dass es endlich wieder VfL gegen S04 heißt. Die Bochumer, weil Derbys das Salz in der Bundesligasuppe sind (3 Euro ins Phrasenschwein!) – die Schalker über ein Auswärtsspiel in der Nähe in einem tollen Stadion.

Hilfe, was für eine lange Vorrede. Dann lieber rein ins Getümmel.
Rein ins S-Bahn-Getümmel. Rein van Duijnhoven. Ob der heute gut hält?

Es ist 15.35 Uhr, von jetzt bis 21 Uhr habe ich frei bekommen. Frei bekommen? Genau, dies ist nämlich das fünfte VfL-Heimspiel hintereinander, das an einem Sonntag stattfindet. Mein Bruder Thommy macht das Comeback des Fußball-Familienausflugs komplett, er kommt aber nach. Alex, ein Kumpel aus alten Mittelstufen-Zeiten, ist auch dabei. Ist schon witzig in so einer Bahn. Da stehen Bochum-Fans, Schalke-Fans, mittendrin sitzt Opa und erzählt Geschichten aus dem Bergbau, in dem er über zehn Jahre als Maurer tätig war. Es sieht bestimmt so aus wie in einem Vorurteils-Schubladenfilm über das Ruhrgebiet. Aber das ist manchmal auch das richtige Leben, wenn ich das mal so pathetisch sagen darf.

Für ein Derby läuft alles recht unspektakulär ab. Die Stimmung ist fair, es gibt keinerlei Berührungspunkte zwischen den Fangruppen. Ich lerne auf Opas Nachfragen die Hinfahrt-Gegebenheiten zum Ruhrstadion von Neuem schätzen.

– Mensch, das geht aber verdammt schnell!
– Opa, hab ich Dich wirklich noch niiie mit der Bahn mitgenommen?
– Nee.

Eine Stunde vor dem Anpfiff geht`s ab in die VfL-Kurve, zurecht so früh, weil es verdammt eng werden soll. Stadionkumpel Gerd hat Alex wiedererkannt.

– Hömma, Du bist doch ein SCHALKER?
– Pssssssssst…

Wow, was für ein Himmelsanblick. „Die Engelchen backen Brötchen“ würde mein Vater jetzt sagen, so glutrot scheint es ins Stadion. Rauchschwaden werden in den Strahlen des Flutlichts sichtbar, und einmal mehr trifft´s die Zeile „Tief im Westen – wo die Sonne verstaubt“ genau. Ein Schalke-Fan hat mir mal erzählt, dass er selbst immer mitsingen würde, nur mit einer klitzekleinen Änderung. Statt „Machst mit nem Doppelpass jeeeeeden Gegner nass“ singt er „Machst… nie die Schalker nass.“ Irre Gefühl jedenfalls. Gestern war Grönemeyer in Köln und hat „Bochum“ live gesungen. Aber nichts gegen die tausendfache Dosis im Stadion. Eigentlich kann ich jetzt schon nach Hause gehen. Opa dabei, meinen Bruder nach ein paar Wochen mal wieder gesehen, und vor ausverkauftem Haus beim Revierderby „Bochum“ gehört. Wenn es einen Preis für die „größte Gefühlsduselei des Moments“ gegeben hätte – er wäre meiner gewesen.

In der knallvollen Kurve gehen immer wieder Leute rein und raus, die tonnenweise Bier anschleppen. Manche hätten am Bierstand stehen bleiben sollen, so oft sind die rein und raus gerannt. Vom Spiel haben die bestimmt nix gesehen.

– Opa, bist Du noch da? Alles klar?
– Jaja, alles klar, Andi.

Ach so, der Ball rollt ja auch noch; der eigentliche Sinn und Zweck des ganzen Nachmittags.

Aber lasst mich dieses Spiel kurz abhandeln. Echtes Derbyfieber in den ersten 25, 30 Minuten. Da spielen wir gut mit, ein Lattenschuss von Christiansen, ein Kopfball von eben diesem und ein Freier-Solo. Hätte 1:0 stehen können. Aber dann kontrolliert Schalke das Spiel. 60 Minuten. Nix mehr ist mit unseren Jungs los, wie weggeblasen die Power, die Offensivstärke der letzten Wochen.

– Mensch, der Buckley, der kann rennen wie der Eggeling früher. Aber der hat wenigstens auch mal Tore geschossen
brüllt ein Fan hinter mir.

Rein ins Spiel. Rein van Duijnhoven muss raus. Auch das noch. Irgendwas am Knie, in der Halbzeitpause kommt Christian „1:6 in Oberhausen“ Vander. Es scheint uns den Rest zu geben. Kurz nach der Halbzeit fälscht Kalla eine Möller-Flanke zum 0:1 ins eigene Tor ab, da war der Vander noch nicht einmal warm. Dann sinnloses Angerenne, nur noch hohe Flanken, massig Fehlpässe. Schon in der 60. Minute ist klar: Da geht nichts mehr. Es wird etwas demütigend, als die Schalke-Fans rufen „Euer Trainer ist ein Schalker“ und „Wir singen: Heimsieg in Bochum!“ Asamoah, 0:2, Ende.

Aber Opa schmeißt noch eine Runde im City-Grill. Thommy nutzt das schamlos aus und füllt seinen Darmtrakt mit einem Jägerschnitzel, Pommes und Salat.

Wir fahren nach Hause, ein Kultspiel ist vorbei. Ein Kultspiel, in dem das Spiel selbst eigentlich den Namen kultig gar nicht verdiente. Aber sowas gibt´s auch im Fußball.

Lieber Opa!

Ich bezweifle, dass Du das jemals liest, weil Du noch nie einen Computer bedient hast und wer weiß, ob wir nochmal zusammen beim Fußball sind.

Trotzdem entschuldige ich mich an dieser Stelle, dass ich Dir keinen Bochumer Sieg präsentieren konnte. Hat trotzdem Spaß gemacht und ich werde das Spiel nicht vergessen. Eigentlich wollte ich mit der Digitalkamera ein Foto von Dir machen und es Dir zu Weihnachten schenken. Aber in all dem Trubel habe ich vergessen, dass ich die Kamera dabei hatte… auch ein gutes Zeichen dafür, wieviel Spaß wir hatten, oder?

Danke!

Dein Andi!

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