It’s derby-time

Am 10. September 2002 bloggte ich über das Revierderby zwischen Tabellenführer VfL Bochum und Titelverteidiger Borussia Dortmund. Nach 90 Minuten stand’s wie nach einer Sekunde, 0:0, der VfL musste fortan die Spitzenposition mit dem FC Bayern teilen. Zehn Punkte nach vier Spielen in der 1. Bundesliga hatte der VfL vorher nicht und nachher nie wieder. Und unsere Gegner waren u. a. der Meister und der Vize-Meister…

Ich nannte den Text „It’s derby-time! Eine würzige Soße mit einer Prise Philosophie“

Pssst… „Ran“ läuft grad bei SAT.1! Bayern gegen 1860, das Münchner Derby. „Teufelskerl Jentzsch“ brüllt Thomas Herrmann ins Mikrofon, und „formidable Bayern“. Oh, ich muss mal kurz zum Telefon, es klingelt. Mein Kumpel Helmut ist dran, morgen fahren wir unsere 30-km-Radtour, alles klar.

– War Bochum schon bei „Ran“

– War schon!

– Und?

– Dortmund besser, hamse gesagt.

– Aha.

Pssst…. nicht stören! Muss mich jetzt auf den Text konzentrieren.

Wisst Ihr, jeder Journalist schreibt lieber über ein 3:3 als über ein 0:0. Manche 0:0-Spiele sind so langweilig, dass Du nicht die geringste Ahnung hast, wie Du darüber 80 bis 100 Zeilen verfassen sollst.

Bochum gegen Dortmund – jawoll, das ist auch 0:0 ausgegangen. Aber ich habe hier den großen Vorteil, keine vorgegebene Zeilenzahl ausfüllen zu müssen. Und zweitens: Es war ein gutes 0:0, ein schönes, schnelles, spannendes.

Doch Schluss mit dem Journalisten-Gefasel!

Und doch, einen goldenen Vergleich muss ich doch noch entwerfen: Fußball-Fan zu sein ist genauso schwierig wie Torwart zu sein. Glaubt man Olli Kahn, dann ist er – selbst wenn er keinen Ball aufs Tor bekommen hat – immer total kaputt. Das habe mit der Konzentration zu tun, pflegt er in die Mikros zu zwitschern. Aha. Und bei mir? Ich bin – selbst wenn kein Tor gefallen ist – nach jedem Spiel total kaputt. Der Nervenkitzel.

Nun ist aber wirklich gut mit Philosophien und ich gewähre Euch Einlass in das große Gebäude meines Seelenlebens am 10. September zwischen 18 und 23 Uhr. Oh man, das war ganz schön stressig, kann ich Euch sagen. Erst um 17.15 Uhr noch so ein Interview für die Stadionzeitung des VfB Speldorf mit Fußballtrainer Frank Kurth führen (in welchem ich meine Technik perfektionierte; ich schaffte es, meine Fragen und die Antworten genau zu protokollieren, ohne zu wissen, worüber wir sprechen – die Gedanken waren halt ganz woanders…) … nämlich beim VfL. Mit dem Rad von Speldorf nach Hause (für die Nicht-Mülheimer: 5 km), Dariusz-Wosz-Trikot an, Pullover drüber (huuuuuu, kalt und regnerisch ist’s!), ab zum Bahnhof. Treffpunkt 18.05 Uhr.

Und da wartet er schon, der gute alte Postmann, der alte Schul- und Ruderkollege; der Mann, mit dem ich mich unterhalte, obwohl er Stoiber wählt (PFUI!!!); der Mann, mit dem jede Unterhaltung gleich beginnt (der eine: „Und sonst?“, der andere: „Muss!“). Das nervt uns selbst, aber egal. Neuerdings haben wir ein neues Spielchen erfunden: Im T-Club regelmäßig donnerstags in der Turbinenhalle Oberhausen schauen wir uns gegenseitig beim Versagen zu. Er und ich – zwei Singles auf der Suche nach… tja, nach was wohl… könnt Ihr Euch denken! Weil wir eh nix gebacken kriegen, lachen wir über uns selbst. Das kann auch ganz komisch sein.

Und mit der Pappnase muss ich also die Zeit beim Spiel verbringen. Drei weitere Karten schlummern in meinem Portmonee, aber Meini, BockBock und eine Freundin von BockBock (also wer das ist, erklär ich Euch an dieser Stelle nicht! Sehr kompliziert!) kommen später, denen muss ich wohl die Karten durchs Gitter reinreichen. So eine Spielvorbereitung – lasst Euch das eine Lehre sein, liebe Noch-Nicht-im-Stadion-Gewesenen – ist ab und zu richtig anstrengend. Der Regionalexpress ist voll, du musst aufpassen, nicht zwischen die Fanfronten zu geraten, am Bochumer Bahnhof ist „lieb gucken“ angesagt (viel Polizei); zwischendurch Fahrkarte vorzeigen, mit Postmann Scheiße reden, dann klingelt das Telefon, SMS kommen an. Hui, was sollste da bloß zuerst machen?

Gut, dass es ins Stadion geht; Stadionkumpel Gerd ist schon da, und die Kurve scheiße-voll, und das um 18.45 Uhr. Man merkt, der VfL ist wieder wer und das Stadion eine halbe Stunde später pickepackevoll. Warum jetzt „Party Palmen Weiber und n Bier“ läuft, verstehe ich zwar nicht (da kommen die Erinnerungen an die Koma-Saufereien auf Malle im Oktober 2000 wieder), aber egal. Die ganze VfL-Songpalette läuft; das „Bochumer Jungenlied“, „Wir sind die Fans vom VfL“, „VfL – mein Herz schlägt nur für Dich!“ und natürlich „Bochum“; Jörg Wontorra hat es bei „Ran“ einst als Kultlied gepriesen. „Machst mit nem Doppelpass JEEEEEDEN Gegner nass, Du und Dein V-F-L!!!“ Zum Glück klappt die Kartenübergabe reibungslos, kein Ordner hat was dagegen. Mit dem später angekommenen Trio zusammenstehen, das ist aber unmöglich. Bin schon froh, neben Postmann (dessen Nachname „Post“ ist, das zur Erklärung) wieder anzukommen.

Jetzt soll’s also losgehen. Nicht mehr Schweinfurt, Reutlingen und Aachen; nicht mehr Nürnberg und Cottbus – es ist wirklich Borussia Dortmund. Mit Frings, Kehl, Metzelder, Ewerthon. Auch Jan Koller. Derby-Stimmung. Wir gegen die. Wir Kleinen gegen die Großen. Wir sympathischen Spaß-Fußballer gegen die Arroganten, die sich sowieso für was Besseres halten. Getreu dem Motto: „Mit Dir rede ich erst ernsthaft über Fußball, wenn Du auch drei Meisterschaften und einen Champions-League-Titel auf Deinem Briefkopf stehen hast!“ Ach wie verabscheue ich diese Mode-Fans. Wir gegen die. Arm gegen Reich. Tabellenführer gegen Deutscher Meister.

Und dann auch noch der Post hinter Dir („Und sonst?“, „Muss!“, „Du Versager!“, „Was macht Deine Freundin?“ „Und Deine?“ „Lass am Donnerstag im T-Club ein Glas Milch trinken!“ „Genau!“ – das sind Unterhaltungen, oder?). Nervositätsbekämpfung. Pfiff des Schiedsrichters. Die Soße des Spiels wird würzig. Viel Pfeffer ist drin. Hat aber auch einen süßen Touch. Will heißen: 90 Minuten lang geben die Spieler Gas, schenken sich nichts, graben bei beschissenem Wetter den Rasen um. Wir halten mit, wir halten wirklich mit. Gut, die Chance von Frings (Pfosten-Kopfball), die Chance von Ewerthon. Aber wir… Christiansen… och man Thomas. Sechs Mal haste schon getroffen, und heute? 32. Minute, ich hab’s genau vor mir, versenk die Kugel doch, Du stehst so frei, so blank, so frei. Aber Lehmann hält; die Nachschüsse: geschenkt. Halbzeit 0:0, verdient. Wenig Ecken, wenig echte Torchancen, keine Tore, aber prächtige Fußball-Unterhaltung.
So bleibts auch in der zweiten Halbzeit. Kein Zuschauer geht früher,

Post und ich reden gar nicht – das sind Zeichen für ein spannendes Spiel. Und das ist´s auch. In allen Videotexten Deutschlands und allen Zeitungen der Welt wird stehen: Ein 0:0 der besseren Sorte, aber beiden Mannschaften fehlte in einem Derby voller Leidenschaft die letzte Konsequenz. Spielnote 3,5 oder 4 oder sowas. Ich zittere mal wieder bis zum Abpfiff. Kalla, Fahrenhorst, stehen alle sicher. Wosz, für mich überragend. Freier hat den Dede ab und zu mal ganz schön alt aussehen lassen. Den Koller haste gar nicht gesehen. Also ein paar Personalien kann ich sogar beurteilen. Aber ansonsten bin ich nicht als Journalist da, achte nicht auf Einzelheiten, muss keine Einzelkritik verfassen.

Deshalb lasse ich es ab hier mit dem Spielbericht. 0:0. „Post, das war ein gelungener Abend!“ Keine Antwort ist auch ne Antwort. „Lass Currywurst essen gehen!“ Jetzt nickt Post. Das Trio um Meini ist längst im Auto verschwunden, nach einer kurzen Verabschiedung („Hoffe es hat Euch Spaß gemacht!“ „Ja, hat es!“) und ab in die Bahn. In der Pommesbude steht die offensichtlich minderjährige Tochter meines türkisch-griechischen Imbissbudenfreundes hinter der Theke – und der Post findet die auch noch hübsch. Gut, ganz schnuckelig, aber naja… („Versager!“) Der Tag geht allmählich zu Ende. Kaum zu glauben, wir sind immer noch Tabellenführer. Punkt- und torgleich mit Bayern nach vier Spielen. Da hätte selbst ich mit meiner großen Schnauze nicht drauf gewettet.

Pssst…

Das Video ist zurückgespult. Ich schau mir das Spiel nochmal an!

Tschüssi!

Bis zum nächsten Mal!

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