Start in Sprockhövel

Als ich am 1. Juli 2007 bei DerWesten anfing, erstellte ich sofort ein (natürlich erstklassiges!) Konzept für einen Blog namens „Ein Jahr in der NRW-Liga“. Ich wollte ganz NRW bereisen und die Spiele auf verschiedenste Art begleiten. Leider musste ich sehr, sehr, sehr schnell feststellen, dass der Job rund um BVB und S04 so stressig ist, dass keine Zeit für Ausflüge nach Siegen und Bergisch Gladbach einfach bleibt.

Am ersten Spieltag – 12. August 2009 – berichtete ich aber noch über das Spiel TSG Sprockhövel gegen Fortuna Köln (0:1). Zum Text auf DerWesten geht es hier.

Rein in den Text:

Das hat was von „Where the streets have no name“. Ich hole den mp3-Player aus meiner Hosentasche hervor, drücke ein paar Tasten und zack. U2. Sitze im Bus, Linie 332, Richtung Wuppertal-Barmen Bahnhof. Der fährt nur einmal pro Stunde ab Hattingen Mitte. Eine Stimme sagt die Haltestellen an und die heißen „Gedulderweg“, „Zur Goldenen Kuhle“ und „Lüggersegge“. Es geht irgendwo quer übers Land und ich denke nur: Gott im Himmel, wo bin ich hier? Where the streets… siehe oben.

Dabei ist die Antwort so einfach. Erster Spieltag der NRW-Liga-Saison, Fußball, ’s geht wieder los. Und ich beginne meine persönliche Saison beim Spiel TSG Sprockhövel gegen Fortuna Köln. Gibt keinen besseren Einstieg. Tschuldigung TSG-Fans, aber Sprockhövel, Windeck, Wiedenbrück… Klingt doch nach Provinz, nach Hoffenheim, Wehen, nur ohne Milliardär. Das Stadion heißt „Im Baumhof“ und liegt in Niedersprockhövel (ja, es gibt auch Obersprockhövel und – wie ich mir sagen lassen musste – eine Verwechslung ist bei Folter-Androhung verboten). Bekomme eine SMS von einer Arbeitskollegin, die aus Niedersprockhövel stammt, als ich die Gaststätte „Am Zwiebelturm“ an der Haltestelle „Niedersprockhövel Kirche“ entdecke. „Am Baumhof ist’s am Schönsten“, steht drin. Hatschi.

Ob die Fans von Fortuna Köln auch diesen Weg gefahren sind? Jaaaa, die Fortuna. Steht immer noch auf Platz eins der „Ewigen Tabelle“ der 2. Bundesliga, obwohl sie inzwischen in der Fünften Liga spielt. Legendär ist der einstige Präsident Jean Löring, legendär die Geschichte, als Löring Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause feuerte. Und jetzt fährt Fortuna Köln, der Verein, der einst das DFB-Pokalfinale erreichte, der Verein, den Bernd Schuster trainierte (und das ist noch nicht lang her) nach Sprockhövel.

In die Stadt mit der Zwiebelkirche. Steige „Von-Galen-Straße“ aus, einmal nur rechts abbiegen, gehe vorbei an Einfamilienhäusern, höre die Lautsprecher, mächtig was los hier, schnappe mir am Eingang ein Stadionheft, das dann auch passend „Baumhof-Echo“ heißt – ein Name aus der Abteilung „naheliegend“. Das Heft erscheint im vierten Jahrgang, bietet die nötigsten Infos und drei Sudoku-Rätsel mittendrin (für die langweiligen Minuten). Im Fan-Shop gibt es den TSG-Präsentationsanzug für 90 Euro. In allen Größen.

Ich trage ganz normal Jeans und T-Shirt, sehe mich auf der Tribüne um. Ist auch kein Problem, es gibt ja nur eine. Hinter den Toren und auf der gegenüberliegenden Seite sind Stufen nicht vorhanden. Die Mannschaften kommen an den Zuschauern vorbei aus der Kabine. Nur einen zieht’s durch die Massen: Sprockhövels Trainer Lothar Huber, der sich die letzten Schulterklopfer abholt. Sympathisch, diese große Dortmunder Rechtsverteidiger-Legende. „Lothar für Berti“ brüllten die BVB-Fans damals, als der defensive Berti Vogts die Position blockierte, die Huber in der Bundesliga offensiv interpretierte. Wovon vor allem Manni Burgsmüller profitierte.

Dieser Lothar Huber hat nun ein kleines Bäuchlein bekommen, ist in die Jahre gekommen, hat aber die TSG in die NRW-Liga geführt. Anpfiff. Die Uhr auf der Mini-Digital-Anzeigetafel zeigt das Ergebnis an: 0:0. Und auch eine Uhr gibt’s. Hut ab. Der Aufsteiger verteidigt, Fortuna Köln dominiert. Chancen gibt’s nicht, aber nach einem so langen Fußball-Entzug stört’s keinen. Irgendwann ist dann schon Halbzeit, ein Spielbeobachter eines anderen NRW-Ligisten hat sich Taktik und Positionen bei Standardsituationen notiert. Die zweite Halbzeit beginnt wegen der Verletzung eines Kölner Spielers 30 Minuten später, leider vergesse ich in diesem Moment, dass es die Sudoku-Seite im Stadionheft gibt. In der 86. Minute entdecke ich einen Kumpel am anderen Ende der Tribüne. Der sagt doch glatt: „Kann dich ruhig mit dem Auto zurücknehmen.“ Yeah. Zwei Minuten später schaue ich auf die Anzeigetafel. Dort steht nach einer ereignislosen zweiten Hälfte noch immer 0:0. Der Kumpel blickt auf die Uhr. „Ach, da passiert nix mehr. Sollen wir schon fahren?“ Ich überlege kurz. Noch 120 Sekunden plus Nachspielzeit bis zum Ende bleiben – oder ’ne Stunde früher zu sein – denn nachts fährt der Bus 332 Richtung Hattingen Mitte zu einer sehr ungünstigen Zeit. Entscheide mich für die zweite Lösung. Es geht quer durch Wuppertal, an Haan vorbei, auch Düsseldorf.

Komme zu Hause an, setze mich an den Rechner. Endstand 1:0 für Köln. Homer Simpson hätte in diesem Moment nur eine Reaktion: „D’oh“. Von U2 fällt mir passenderweise nur „Beautiful Day“ ein. Naja, beautiful ist nicht, dass ich das Tor nicht mitbekommen habe. Aber dass die Fußballsaison wieder läuft. Mit so vielen Geschichten und Geschichtchen.

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