Ein – natürlich – Jan-Plewka-Porträt

Keinen Künstler habe ich häufiger interviewt als Jan Plewka – im Februar 2008 verfasste ich für die Seite „Menschen“ im WAZ-Mantel ein Porträt. Zu diesem Zeitpunkt stand die Reunion von Selig noch nicht fest. Wie ich später erfuhr, befanden sich die Selig-Mitglieder zu diesem Zeitpunkt in der „Therapie-Phase“. Sie musizierten zwar noch nicht wieder gemeinsam, sprachen sich aber nach zehn Jahren Pause aus.

Der Text:

Ein Konzert in Hamburg, Mitte der 90er. Rio Reiser spielt. Unter den Zuschauern: Jan Plewka. Mit seiner Band Selig rockt er gerade kreuz und quer durch die Republik. Plewka ist ganz oben. Nun bekommt er die Chance, sein Idol zu treffen. „Selig ist geil. Such dir was aus“, sagt der Verkäufer am Merchandising-Stand. „Und jetzt gehen wir zu Rio, einen saufen.“ Plewka folgt dem Verkäufer, sieht Reiser an einem Tisch sitzen. Und läuft weg. „Das war zu viel für mich. Never meet your idols.“ Treffe niemals deine Idole. Rio Reiser ist tot, Selig gibt es nicht mehr, Jan Plewka ist von der großen Popkulturbühne verschwunden. Er tourt stattdessen mit seinem Programm „Plewka singt Reiser“ durch Deutschland. Am 28. Februar ist er in Essen.

Er tritt nicht mehr in verrauchten Clubs und Hallen auf. Theater sind nun sein bevorzugtes Metier, in Essen das „Grillo“. Mit einem Schifferklavier setzt er sich dann allein auf eine rote Couch und singt mit seiner intensiven, kratzigen, kräftigen und doch zärtlichen Stimme „Unten am Hafen“. Spaziert mit seiner Band bei „Der Turm stürzt ein“ unplugged durch die Sitzreihen, sammelt für ein Bier nach dem Konzert.

„Ich war ein glühender Fan“, sagt er. „Durch Rio habe ich singen gelernt, der war authentisch und cool. Nicht die ganzen Schlagerheinis.“ Singen gelernt. Früher, in den 80ern, als er in Ahrensburg in Schleswig-Holstein aufwuchs. Mit seinen Freunden saß er am See, mit Gitarre in der Hand und Rio-Reiser-Titeln auf den Lippen. Wundervolle Songs wie „Übers Meer“. Der beginnt mit der Zeile „Tag für Tag weht an uns vorbei“.

Ab 1994 wehten die Tage nicht an Jan Plewka vorbei. Sie flogen. Mit 24 stürmten Plewka und seine Band Selig die Charts, veröffentlichten in kurzer Zeit drei Alben, zwei kamen bis auf Platz 15. Plewka schrieb Hits wie „Sie hat geschrien“, „Wenn ich wollte“, „Ist es wichtig“ oder die Ballade „Ohne Dich“. Kleine Klassiker. „Wir waren jung und haben vier Jahre einen Riesenkrawall gemacht. Wir haben so viel erlebt wie andere in 100 Jahren nicht.“

Die jungen Rocker tauchten in Kurt Cobains Selbstmordjahr auf, in einer Zeit auf der Suche nach neuen Idolen. „Wir haben uns mehr in der Tradition von Jimi Hendrix und Led Zeppelin gesehen. Aber der Zeitgeist trällert mit – und dann waren wir eben German Grunge.“ Grunge, die Musikrichtung, die Cobains Band Nirvana groß machte. „Am Abend von Cobains Selbstmord hatten wir ein Konzert. Wir haben eine Ansprache gehalten. Einer im Publikum ist komplett ausgerastet, musste rausgetragen werden“, sagt Plewka.

Cobain kam nicht mehr klar. Mit sich, seinem Leben, seiner Berühmtheit. Ein Leben, in das Plewka mit Anlauf hineinschlitterte. In Hoch-Zeiten von Viva und MTV produzierten Selig etliche tolle Musikvideos, zogen von Show zu Show, liefen im Radio rauf und runter. Doch nach vier Jahren auf der Überholspur stellten Plewka und seine Bandkollegen fest: Jetzt ist gut. „Als der Erfolg zum Alltag wurde, wurde es langweilig. Da kriegst du einige Macken mit. Wir waren kaputt, zerspielt. Ich war 24 Stunden Selig. Du weißt nicht mehr, ob du noch einen Freund hast. Das war Burn-out. Wir mussten einfach aufhören.“ Deutschlands Grunge-Hoffnung: Das Aus nach nur vier Jahren.

Aus und raus. Weg. Plewka ging 1998 nach Schweden, zog ein Jahr in eine Holzhütte, mit regelmäßigen Ausflügen in die Hauptstadt. „Stockholm wurde zu meiner Therapiestadt.“ Vom mit Selig verdienten Geld blieb nichts mehr übrig. „Das habe ich in Stockholm in Bier investiert“, sagt Plewka und lacht. Er streifte sein Selig-Ich ab und wurde wieder zum kleinen Künstler aus Schleswig-Holstein, der am See mit seinen Freunden Rio-Reiser-Lieder singt.

Nach genau einem Jahr kehrte er aus Skandinavien zurück. Er nahm ein Solo-Album auf, eins mit seiner zweiten Band Zinoba und gründete 2004 Tempeau. Mit Freunden aus alten Ahrensburger Musik-am-See-Zeiten wie dem Schauspieler Marek Harloff. Die Freunde wohnen inzwischen wieder im Norden, Plewka hat drei Kinder zwischen zwei und zehn Jahren. Dass er immer noch als der „Ex von Selig“ bezeichnet wird, geht ihm etwas auf den Zeiger. „Aber ich schäme mich nicht. Ich habe ja nicht bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ mitgespielt.“
Jan Plewka, heute 37, hat zum Leben als Idol „Nein“ gesagt. „Die Teenager standen in Selig-Zeiten vor unserer Wohnung, wollten uns Tagebücher schenken. Man selbst weiß, dass das verglüht.“ Bei MTV taucht er nicht mehr auf. Er singt Rio-Reiser-Lieder. „Die Leute haben ein irres Bedürfnis nach naiven Utopien.“ Bei „Keine Macht für niemand“ und „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ brüllen die Zuschauer laut mit. Leise Gitarrenmusik vor ein paar hundert Zuschauern. Das reicht Jan Plewka. Heute.

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