Super Bowl 52 – 7. Tag – 3. Februar

Beim Blick auf den Kalender kommt die Gewissheit: Die Zeit hier in den Staaten geht zu Ende. Nur noch einmal schlafen, dann packe ich meinen Koffer, nur noch zweimal schlafen, dann kaufe ich Souvenirs und steige in den Flieger nach Hause. Das alles fühlt sich einerseits sensationell an, weil ich endlich meine Frau und meine Tochter wiedersehen kann – andererseits aber komisch, weil der Höhepunkt dieser großartigen Reise noch bevorsteht.

F084AE6B-C09D-4BB3-9DDA-443E4E6D6277Morgen! Super Bowl 52! Zweifelsohne DAS Highlight meiner bisherigen Berufslaufbahn – dagegen waren das Champions-League-Halbfinale Schalke gegen ManUnited, das DFB-Pokalfinale Schalke gegen MSV Duisburg oder das 4:4 zwischen Deutschland und Schweden nichts.

Der letzte Tag vor dem „SB LII“ stand im Zeichen der Vorbereitung. Als ich heute Morgen um 8.40 Uhr aufwachte (endlich mal ohne Wecker, ohne App „Sleep Cycle“) merkte ich, wie gut mir der Freitagnachmittag ohne Sport getan hatte. Einmal das Gehirn durchzupusten mit Sightseeing, Fernsehen und einem Film – das war eine gute Idee. Okay, es hätte etwas wärmer sein können…

Bahnfahrt bis Nicolett Mall!

Bahnfahrt bis Nicolett Mall!

Ich checkte nach dem Aufstehen noch einmal, ob ich für die Online-Portale der Gruppe und unser ePaper-Produkt „WAZ am Sonntag“ genug SB52-Stoff geliefert habe – und ja, manchmal zahlt sich Vorbereitung aus. Den Text über Coach Esume für das Abendblatt arbeitete ich in ein 4700-Zeichen-Interview für die NRW-Leser um (die ja die Hamburg-Variante nicht kennen), formulierte dazu noch ein 1300-Zeichen-Stück über Eagles-Quarterback Nick Foles – und mein bereits vor dem Abflug vorbereitetes Stück „Die Positionen im Football“, für das ich Pro7-Experte Roman Motzkus befragt hatte, ging ebenfalls heute aufs Portal.

Die Patriots-Cheerleader bis minus 7 Grad...

Die Patriots-Cheerleader bis minus 7 Grad…

Mehr benötigten die Produkte der Funke-Gruppe heute nicht – denn an Samstagen geht es nie, niemals, nie um Football – auch nicht am Super-Bowl-Wochenende. Und so schaltete auch ich nach dem Aufstehen mein iPad auf Bundesliga-Modus und verfolgte die aktuellen Spiele bis 10.25 Uhr amerikanischer Zeit. Zwischendurch skypte ich ein wenig mit der Familie. Als ich anfing, führte Schalke noch mit 1:0, als ich aufhörte, stand es 2:1 für Werder Bremen. Au weia, da wird die Redaktion wohl brennen.

Das ist mal ein Donut, woll?

Das ist mal ein Donut, woll?

Nach einer heißen Dusche ließ ich ein wenig Tageslicht ins Zimmer und dachte nur: Och nöööö, nicht schon wieder. Wenn ich eins, liebe Freunde, wirklich nicht mehr sehen kann, dann: Schneeflocken und Schnee. Wieder einmal begrüßte mich am Morgen heftiges Schneetreiben; das würde ja ein schöner Tag werden.

Die Texte hatte ich bereits geschrieben, allerdings hatte ich mir vorgenommen, heute nicht footballfrei zu chillen wie gestern Nachmittag. Zunächst stand Football-Vokabeltraining auf meinem Unterrichtsplan, am Nachmittag wollte ich mich unter das Super-Bowl-Fanvolk mischen, mit Leuten sprechen, mir anschauen, ob Super Bowl wirklich ein Festival ist.

„Super Bowl live“ - der Plan der Fanmeile!

„Super Bowl live“ – der Plan der Fanmeile!

Vokabeltraining, was heißt das? Naja, wie das Spiel geht, weiß ich natürlich. Wie die einzelnen Positionen heißen und was die Aufgaben sind: Ja, das weiß ich natürlich auch bestens. Die wichtigsten Spieler der beteiligten Mannschaften kenne ich selbstverständlich ebenfalls. Aber was genau sind die Saison-Statistiken? Was sind die Karriere-Statistiken? Das schrieb ich mir heraus, prügelte es in mein Hirn. Ich kann morgen bei angesagten minus 15 Grad nicht garantieren, dass mein iPad mitspielt – deshalb sollte ich es schriftlich haben. Das notierte ich mir nach einem extrem kalorienhaltigen Frühstück.

Immer wieder zu sehen: Super Bowl live!

Immer wieder zu sehen: Super Bowl live!

Gegen 12.40 Uhr machte ich mich dann auf den Weg, zum dritten Mal sollte mein Ziel Minneapolis Downtown sein. Ich durchquerte die Mall of America, zum vorletzten Mal in diesem Urlaub, zahlte vier Euro für den Tages-Bahnpass (50 Cent günstiger als gestern! Günstiger!!) und bemerkte schon auf dem Bahnsteig: Puh, das könnte voll werden. Wurde es dann auch – wie in der 308 vor einem VfL-Spiel gegen den FC Bayern. Ich bekam mit viel Glück einen Sitzplatz und schaute 35 Minuten lang auf dem Weg von der Mall bis zur Haltestelle „Nicolett Mall“ aufs Schneetreiben da draußen.

Mit Spaß inne Backen beim Ski-Langlauf!

Mit Spaß inne Backen beim Ski-Langlauf!

Ganz so kalt war es heute nicht, selten habe ich mich über minus sieben Grad so gefreut. Am Morgen hatte ich noch irgendwo im Lokalfernsehen gehört: „It is a typical Minnesota snowstorm – but an atypical Minnesota event!“ Und zweitens den Begriff: „Super Saturday!“ Und zwei mal eins ergibt: Party-Stimmung.

Wow. Wirklich wow. Von der Haltestelle „Nicolett Mall“ lief ich einmal die Fanmeile von der 5th bis zur 12th street hinab – und für diese sieben Häuserblocks auf der Fanmeile, die „Super Bowl Live“ heißt (wie ich heute herausfand) benötigte ich knapp zweieinhalb Stunden hin und zurück. Am Mittwochmittag, als ich hier zum ersten Mal entlangspazierte, hätte ich es noch in zehn geschafft. Auf der Hauptstraße in der Innenstadt von Minneapolis war mehr los als am vierten Advent auf dem Kennedyplatz in Essen. Wieder einmal fiel mir die hohe Frustrationstoleranz der Amerikaner in Warteschlangen auf. Vor nahezu jedem Geschäft, vom Five-Guys-Burgerladen bis zum Starbucks, vor jeder Bar oder vor jedem Stand: nur Menschen; Wartezeit mindestens 15 Minuten. Die Maxi-Preise am „Super Saturday“ waren allen völlig wumpe. Das günstigste Getränk, eine 0,5-Liter-Flasche Budweiser, kostete neun Dollar. Es gab auch Cocktails – und auf dem Grill Bratwürste.

Grillen können sie auch in den USA.

Grillen können sie auch in den USA.

Auf Musik im Ohr verzichtete ich, da ein dumpfer Bass sowieso alles übertönte. Auf der Bühne auf Höhe der 7th Street war ständig Programm. Als ich dort stehenblieb, tanzten gerade die Cheerleader der New England Patriots. Ich unterhielt mich ein wenig mit David aus Minneapolis, einer, der für die Patriots ist, weil die Philadelphia Eagles die einheimischen Minnesota Vikings aus dem Rennen geworfen haben. Dass die Patriots ihren sechsten Titel in 18 Jahren gewinnen können, macht sie nicht übermütig. „We‘re not done“, das heißt: „Wir sind noch nicht fertig“, brüllten sie tausendfach. Da war der Bass dann doch einmal nicht zu hören. Als mir zwischenzeitlich doch ein wenig kalt wurde, stellte ich mich in einer der vielen Shopping Malls unter und verdrückte drei riesengroße Donuts. Wieder ein bisschen Smalltalk mit Football-Fans – diesmal trugen sie Trikots der New Orleans Saints.

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Gesperrt: die Haltestelle „US Bank Stadium“.

Wie gestern fiel mir auf, dass dieses Event nicht nur eine große TV-Veranstaltung, die bis zu 900 Millionen Menschen weltweit verfolgen, ist. Es ist ein friedliches Sport-Fest und in der jeweiligen Ausrichtungsstadt eine große Sache. Ich bin gewiss nicht blauäugig und sehe nach wie vor die zahlreichen Probleme in den USA, zum Beispiel die von Colin Kaepernick initiierten Anti-Rassismus-Proteste oder natürlich Trump oder, oder, oder; aber diese Stimmung habe ich als sehr friedlich empfunden. Alle Patriots-Fans, die ich gesprochen habe, haben die Eagles als „großartiges Football-Team gelobt“. Umgekehrt genauso.

Gegen 16 Uhr kehrte ich zur Haltestelle „Nicolett Mall“ zurück. Ich hatte mir vorgenommen, das Football-Fieber auch in der zweiten Stadt der „Twin Cities“ genannten Region zu checken: St. Paul. Die grüne Straßenbahn-Linie verbindet die beiden Innenstädte. Leider kam erst nach 20 endlos langen Warteminuten eine Bahn – und die benötigte nach St. Paul viel länger als ich vermutet hatte. 40 Minuten dauert eine Fahrt, die mit den Haltestellen „West Bank“ und „East Bank“ die Universität von Minnesota ans Netz anschließt. Eigentlich habe ich mir die Uni-Viertel der Städte während meiner USA-Aufenthalte genauer angeschaut, aber nicht am Samstagabend bei diesem Schweinewetter…

Rechts: Mall mit Medienzentrum. Links: Patriots-Hotel.

Rechts: Mall mit Medienzentrum.
Links: Patriots-Hotel.

Ich fuhr bis zur vorletzten Haltestelle „Central“, bemerkte aber gegen 17 Uhr, dass es nicht mehr lang bis zur Dämmerung dauert. Ich spazierte noch zu einer Mississippi-Brücke, schaute einmal bis zum Horizont und spazierte dann zur Haltestelle zurück. Von Super-Bowl-Fieber war in St. Paul nicht viel zu spüren – vielleicht fährt die Straßenbahn auch nicht dort entlang, wo die Post abgeht.

In einer leeren Bahn ging‘s zurück nach Minneapolis, als ich gegen 18 Uhr den Umsteigebahnhof „Governmant Plaza“ erreichte, war es schon stockfinster. Es schneite natürlich immer noch. Die Straßen waren noch voller als am Nachmittag, Wahnsinn, dass das noch ging. Wieder musste ich 20 Minuten auf die blaue Linie warten, diesmal blieb mir nur ein Stehplatz im dichten Bahn-Gedränge. Smalltalk unmöglich. Nach fast zwei Stunden in der Bahn stand ich um 18.45 Uhr an meinem Stamm-Burger-King und bestellte einen Crispy Chicken, diesmal ohne Pommes. Die kann ich nach sieben Tagen in den USA nicht mehr sehen…

Im fast komplett leeren Medienzentrum – außer mir waren noch zehn Kollegen da und gefühlt 990 Stühle leer – trank ich eine Pepsi-Dose ex, steckte eine weitere Pepsi-Dose für den Abend in meine Arbeitstasche und notierte meine Beobachtungen. Beim Blick auf NFL Network fiel mir auf, dass um 20 Uhr die Veranstaltung „NFL Honors“ beginnt. Dort werden die Spieler des Jahres ausgezeichnet. Die Veranstaltung steigt im Auditorium der Universität von Minnesota – da hätte ich doch gerade aussteigen können, um die großen Stars sehen zu können, auch Quarterback Russell Wilson von den Seahawks.

Doch auf einen Akkreditierungsantrag hatte ich nach einem Rat eines erfahrenen Kollegen verzichtet. Die Plätze dort sind sehr, sehr, seeeehr begrenzt, ein Smoking ist Pflicht und einfach nur eine Zulassung für den Roten Teppich ist gewiss nicht attraktiv bis minus sieben Grad. Da hatte er Recht. Trotzdem wollte ich mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen und ging gegen 19.40 Uhr zurück zum Hotel. Inzwischen hatte der Wind wieder zugenommen, was das Unternehmen Spaziergang zum Hotel nicht vereinfachte.

Von 20 bis 22 Uhr setzte ich mein Vokabeltraining mit einem Rückblick auf die NFL-Saison fort. Ich sah die Stars, die besten Spielzüge, konnte sehen, dass Tom Brady schon vor dem Super Bowl zum wertvollsten Spieler der kompletten Saison gewählt wurde. Danach bloggte ich – und jetzt lege ich das iPad zur Seite, stellte den „Sleep-Cycle“-Wecker auf 8.30 Uhr, damit ich bloß nicht verschlafe, und schlummerte nach einem ruhigen, aber gewiss nicht faulen, Samstag sanft ein.

Morgen ist endlich der große Tag. Ihr könnt Euch gar nicht ausmalen, wie sehr ich mich darauf freue.

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