Super Bowl 52 in Minneapolis – 3. Tag – 30. Januar

Die ersten drei Tage einer Super-Bowl-Reise sind die anstrengendsten. Da ist die 16-Stunden-Anreise am Sonntag, der Jetlag, die Wo-ist-überhaupt-was-Orientierung und Opening Night am Montag – und auch der dritte Tag ist dann wieder pickepackevoll. Die Reihenfolge: ganz früh aufstehen, Texte schreiben, Pressekonferenz Team 1 mit Headcoach und Quarterback, Pressekonferenz Team 2 mit Headcoach und Quarterback, wieder Texte schreiben, posten und bloggen, Interview vorbereiten, Interview führen, Medienparty und dann wieder Texte schreiben. Ein Tag von 6.45 bis 22.30 Uhr. Aber ich will mich natürlich nicht beklagen. Es ist der angenehmste Stress meiner Laufbahn.

Mit Radioreporter Steve Foster.

Mit Radioreporter Steve Foster aus Texas.

Doch der Reihe nach und ausführlich.

Den Wecker hatte ich mir auf 6.45 Uhr gestellt. Gestern war ich dann doch zu müde, um noch einen vernünftigen Text schreiben zu können. Ich verschickte in der Nacht lediglich noch mein Textangebot an die angeschlossen Funke-Häuser, ging schlafen und fragte mich, wer wohl am kommenden Morgen interessiert sein würde. Angeboten hatte ich eine Geschichte über die Patriots: Das Ende einer Ära zeichnet sich ab. Ich wachte auf, schaute auf mein iPhone: tataaaa, eine WhatsApp. Die Braunschweiger Zeitung forderte meinen Text in Aufmacher-Länge (zwischen 3000 und 3500 Zeichen), ebenso die Online-Portale aus Braunschweig und NRW, zudem sollten die Hunderttausenden NRW-Leser ein großes Tom-Brady-Bild aus der Opening Night mit 800 Zeichen langer Unterzeile bekommen.

Icke Dommisch von Pro7 und ich.

Icke Dommisch von Pro7 und ich.

Gefordert, getan. Ich setzte mich in meinem Zimmer an mein Schreibtisch, verfasste die Texte, schaute parallel ein bisschen NFL Network live, Video-Zusammenfassungen der Opening Night – und um 9.20 Uhr hieß es dann per WhatsApp: Texte geschickt, Feierabend. Aber auch nur in diesem Punkt.

Nach einer schnellen Dusche und einem noch schnelleren Frühstück ging es wieder von meinem Hotel auf den 500 Meter langen Fußweg Richtung Medienzentrum in der Mall of America. Und die 500 Meter hatten es in sich. Pro7-Experte „Coach“ Patrick Esume fasste es in seinem Facebook-live-Blog perfekt zusammen: „Das ist ein Schlag in die Fresse. Wie ein Tritt in die Klöten!“ Minus 18 Grad, so etwas habe ich noch nie erlebt. Auch auf 500 Metern frieren die Gesichtszüge ein, fallen die Ohren ab, zerplatzen Seifenblasen nicht mehr – sie zersplittern in Eiskristalle.

Skype mit meiner Lieblingskatze.

Skype mit meiner Lieblingskatze.

Angekommen und wieder aufgewärmt im Medienzentrum traf ich einen amerikanischen Radioreporter wieder, mit dem ich mich am Rande der Opening Night in St. Paul unterhalten hatte: Stephen Foster aus Texas (bei Twitter @Foss_Sports). Er hatte gehört, wie ich mich mit den deutschen Print- und TV-Kollegen auf Deutsch unterhalten hatte und daraufhin von seiner Kindheit in Wiesbaden und Idar-Oberstein erzählt. Als Sohn eines Soldaten ist er in Deutschland geboren und hat nur beste Erinnerungen an seine Kindheit. Wir redeten über Football, Fußball, die NFL, Basketball – herrlich. Sein Netzwerk erweitern zu können – diesen Vorteil einer „Alleinreise“ verriet ich Euch bereits am Sonntag.

Fast hätte ich durch den Smalltalk mit Steve den ersten Höhepunkt des Tages verpasst. In einem riesengroßen Atrium baten die New England Patriots um 11 Uhr zur Pressekonferenz, glücklicherweise in der Mall, da sie in einem Hotel an der Nordseite untergebracht sind. Nur einen Meter, nachdem ich den Raum betreten hatte, traf ich Icke Dommisch von Pro7 und verabredete mich mit ihm für ein Gespräch am nächsten Tag. Doch es sollte nicht meine letzte Begegnung mit Icke bleiben. Dazu gleich mehr. Zu Beginn der Pressekonferenz redete Headcoach Bill Belichick – und das genau 15 Minuten. Die Amerikaner nehmen das sehr, sehr, seeeehr genau. Belichick sprach über die Eagles, seine Spieler und einen möglichen Rücktritt nach dem Super Bowl („Ich konzentriere mich nur auf Sonntag. Weiter denke ich nicht.“) Eine Aussage, die perfekt zu meiner Geschichte passte, die ich heute Morgen abgeschickt hatte.

Luft schnappen bei minus 18 Grad.

Luft schnappen bei minus 18 Grad.

Von 11.15 bis 11.50 Uhr standen ein paar Spieler zur Verfügung, darunter Quarterback Tom Brady. Alle saßen auf Podien, im Atrium in U-Form verteilt. Bei den meisten Spielern standen – angenehm – nur zehn bis zwanzig Journalisten mit zwei bis drei Kamerateams. Um Tom Brady scharten sich gefühlt alle anderen 1000 Journalisten und 10.000 Kamerateams. Unglaublich! Wieder kam mir meine Green-Day-Erfahrung in den Sinn – und ich konnte nach Ellenbogeneinsatz ein bisschen mithören. US-Journalisten fragen zu selten nach konkreten Spielsituationen – es ist viel Trashtalk dabei. Vor dem DFB-Pokalfinale würde ich Leon Goretzka nicht fragen, welche Bands er am liebsten mag.

Um 11.50 Uhr war dann Abpfiff, um 11.51 Uhr sah ich Icke wieder. Diesmal stand ich selbst vor der Kamera. Für die Pro7-Jungs musste ich sagen, ob ich diese Pressekonferenz auch übervoll finde. Gesendet wird das vielleicht am Dienstag, wer weiß. Auf dem Weg zum nächsten Termin begegnete ich noch Coach Esume. Wir verabredeten uns für den gleichen Abend, um ein wenig zu schnacken.

Medienparty im Freizeitpark.

Medienparty im Freizeitpark.

Doch mehr Zeit als für diese klitzekleine Absprache blieb nicht. Quer durch die halbe Mall (und die ist groß) ging es zur Pressekonferenz der Philadelphia Eagles, die um 12.40 Uhr beginnen sollte. Und auch begann. Die Eagles sind im auf der Südseite der Mall grenzenden Radisson-Blu-Hotel untergebracht. Immerhin blieben mir noch zehn Minuten Zeit, um meiner Frau, meiner wunderbaren Tochter und meiner Katze um 12.30 Uhr, bzw. 19.30 Uhr deutscher Zeit, via Skype eine gute Nacht zu wünschen. Und dann ging es schon weiter: Headcoach Doug Pederson sprach über Tom Brady, seine eigenen Erfahrungen als Quarterback und Bill Belichick. Als sich danach die Spieler des Eagles setzten, stellte ich mich zu Quarterback Nick Foles. Ich kam recht schnell sehr weit nach vorn – Foles ist eben nicht Brady. Dort saß einer, der so aussah wie ein Student. Einer, der in der kommenden Saison wieder ins zweite Glied rücken wird, wenn der zurzeit verletzte Carson Wentz wieder fit ist – auch wenn er im Super Bowl fünf Touchdowns werfen sollte. Brady und Foles – welch ein Gegensatz. Und zack, meine nächste Reportage ist geboren.

Um punkt 13.30 Uhr verließen die Spieler den Presseraum – und nach einem kurzen Snack bei Burger King (einmal echtes amerikanisches Fast Food muss während einer USA-Reise sein) ging es zurück ins Medienzentrum: Akkus der Apple-Geräte aufladen, bloggen, soziale Netzwerke bedienen, den kommenden Tag planen, das Text-Angebot für die Funke-Häuser formulieren, das Interview mit Coach Esume vorbereiten. Zeit zum Durchatmen? Keine! Zeit zum Sightseeing? Vielleicht ab Donnerstag. Wenigstens Zeit zum Luft schnappen? Ja, einmal kurz. Aber wirklich nur kurz. Die Klöten, Ihr wisst schon.

Treffen mit dem Coach.

Treffen mit dem Coach.

Um 19 Uhr sollte der Tag dann mit der Medienparty ausklingen. In der Mall hatten die NFL-Mitarbeiter schon den ganzen Tag den Freizeitpark „Nickelodeon Universe“ gesperrt, um die „Media Thaw“ genannte Party vorzubereiten. Und warum, das sollten wir dann von 19 bis 22.30 Uhr erfahren. Die NFL-Communications-Abteilung hatte eine absurd üppige Party an einem absurden Ort organisiert. Der Freizeitpark in der Mall of America ist riesengroß – und beinhaltet nicht nur die von mir schon so oft erwähnte Wildwasser- und Achterbahn. Es ist eine einzige große Kirmes. Und in diesem Park gab es alle fünf Meter Getränke und alle zehn Meter Abendessen. Auf zwei Bühnen, eine davon im Hard Rock Café platziert, spielten Bands Coversongs, ob von Minneapolis-Hero Prince oder von Bryan Adams.

Ein wundervoller und vergnüglicher Abend, wenn auch mit ein bisschen Arbeit. So konnte ich mich knapp 20 Minuten abseilen und mit Coach Esume sprechen. Was dabei entstanden ist, lest Ihr in ein paar Tagen!

Hundemüde schlurfte ich nach abermals knapp 16 Stunden gegen 22.30 Uhr zum Ausgang, zog mir meine Jacke und Handschuhe an, ließ mein iPhone „Pure Morning“ von Placebo zum Tagesausklang spielen und las noch eine Nachricht von Icke Dommisch. Mein O-Ton wird am Mittwoch wohl wirklich im Fernsehen gezeigt. Wow.

Doch jetzt mag ich darüber nicht mehr nachdenken. Der dritte Fast-Forward-Tag meiner USA-Tour geht zu Ende. Bisher kenne ich von Minneapolis nur den Flughafen, das Hotel, die Mall of America und die Shuttlebusse. Mal schauen, ob ich am vierten Tag meinen Horizont erweitern kann.

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