1. März 2003 – VfL-Hannover 96 1:2 – „Von der Ruhe des Augenblicks“

Am 1. März 2003 weilte ich beim Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und Hannover 96 – und bloggte darüber. Im Vorfeld entstand ein Foto, das ich heute noch gern in Texte einbaue… Lest selbst!

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Von der Ruhe des Augenblicks“ nannte und mit der Unterzeile „Ein fester Vorsatz zwei Monate nach Neujahr: Nie wieder Karneval zum Fußball! Jawollja!“ versah:

Es ist drei Tage her, dass die ganze Schönheit des Seins (hurra, wie pathetisch) eine Viertelstunde lang meine Sinne betörte. Eigentlich war ich nur unterwegs, um eine Eintrittskarte für das Auswärtsspiel in Bremen zu kaufen, als ich die Sonne hinter den Dämmerungswolken verschwinden sah, und zeitgleich bemerkte, dass am Ruhrstadion eine Tür geöffnet war. Also drehte ich mich verbrecherartig erst nach links um, dann nach rechts, und verschwand in den Block P, rechts, und setzte mich auf „meinen“ Stehplatz. Keine 30.000 Zuschauer im Stadion, sondern nur einer. Keine Musik im Lautsprecher, sondern nur Wind. Und doch eine leise Melodie im Hinterkopf: „Tief im Westeeeen, wo die Sonne verstaubt, ist es besseeeer…“ Wunderbar. Diese unglaubliche Ruhe des Augenblicks. Diese unglaubliche Ruhe.

Drei Tage später *gäääähn* good morning sunshine… die Augen blinzeln in die winterlich-frühlingshafte Welt, und ein Wort zerstört die März-Gefühle im Nu: KARNEVAL! Während des (übermüdeten) Spaziergangs ins Bad schießen mir die Erinnerungen an die letzten beiden Karnevalsspiele ins Hirn; und – all meine Freunde an den Computern der Welt – es sind wahrhaft keine schönen Erinnerungen.

Karneval 2001 beispielsweise, Rolf Schafstall ist Trainer des VfL, wir sind mit Abstand aussichtsloser Tabellenletzter. Heimspiel gegen Stuttgart, die ihrerseits erstmals mit Magath auf der Bank. Mein Zustand ist nach vier Karnevalssonntags-Stunden in Düsseldorf doch sehr bedenklich, und mehr tot als lebendig treffe ich meinen Bruder im Regionalexpress von Düsseldorf bis Bochum (Thommy, erinnerst Du Dich?). In der Kurve ist zwei Quadratmeter um mich rum nix los, so sehr taumele ich durch die Weltgeschichte. Dass das Spiel 0:0 ausgeht, erfahre ich am Tag drauf aus der Zeitung. Und Karneval 2002? Ich möchte auch an dieser Stelle nur weiterleiten, an einen Bericht aus dem letztjährigen Tagebuch. Ich sage nur Oberhausen, 1:6! Karneval und VfL… neenee, das passt nicht.

*gääähn* Mein Kumpel Domi aus Hannover (remember: Hinspiel) hat seinem Spitznamen „Pilsmann“ jedenfalls gestern alle Ehre gemacht – und somit muss der Gegenbesuch im Ruhrstadion ausfallen. Er bleibt bei seiner Schwester in Karneval-Düsseldorf. Das Radio springt von allein an, und eine Stimme verrät etwas von „Streik in NRW“ und „Deutscher Bahn“. War klar. Heute sitzen in den Zügen ja auch nur Fußballfans aus Bochum, Hannover (VfL-96), Dortmund, Rostock (BVB-Hansa), Mönchengladbach, Gelsenkirchen (Gladbach-Schalke) und Essen (RWE spielt in Münster), dazu kommen noch die diversen Karnevalspartys in Köln und Düsseldorf; hurra, so macht sich die Deutsche Bahn eine Menge Freunde. Oh Wunder, mein Zug ist pünktlich, und inmitten von blauen, roten, weißen und schwarz-gelben Fans bahne ich mir den Weg in den Regionalexpress und sinniere immer noch über meine Karneval-und-Fußball-Erfahrungen. Soll ich nicht doch lieber nach Hause fahren?

Ach quark, ist doch so schönes Wetter draußen, und ich muss meinem Kumpel Gerd doch noch die Geschichten aus Dortmund und Rostock erzählen, und die Stadion-Bratwurst, die Sonne. Ach, in der „308“ vom Hauptbahnhof zum Ruhrstadion wird es immer nerviger. Dass pro Heimspiel ca. 1 Million Leute in einer Straßenbahn für 120 Personen sitzen, das ist nicht neu. Vielmehr stört dieser ewig alte und total abgegriffene Scherz, den irgendeiner garantiert immer zum Besten gibt, nämlich das laut gegrölte „Die Fahrkarten bitte!“ Also ich lach da lange nicht mehr drüber. Aus Hannover sind viele Fans mitgekommen, und hey, nicht nur Gerd, auch Sam ist da – und ich freu mich tierisch. Auf das Spiel, auf einen Sieg, und die miese Karnevalsserie ist kein Thema.

Jedenfalls für kurze Zeit. Denn das, was unsere Jungs in der ersten Halbzeit abziehen, ist mit den Worten „Unverschämtheit“ und „Arbeitsverweigerung“ nicht einmal ansatzweise treffend zusammengefasst. Schon bevor das Spiel anfängt, scheint es 0:1 zu stehen; denn wirklich lange war bei dem Tor von Vinicius noch nicht gespielt. Es erinnert fatal an das Bielefeld-Heimspiel, vor allem die Entstehung des Gegentores. Ein Querschläger von Reis – Ecke. Ein Querschläger von Hashemian nach derselben – Gegentor. Ich glaub es geht schon wieder los. Alle zwei Minuten ruft einer aus unserem Trio „Ich könnt kotzen“, und es klappt nichts. Fehlpässe, dumme Fouls, verlorene Zweikämpfe. Siehe oben. Unverschämtheit. Bobic nickt zum 0:2 ein, in der 35. oder so, und diese Hütte ist die Frechheit überhaupt. Mal wieder vergeblich auf Abseits gespielt, und dann bequemt sich keiner unserer Jungs, den Bobic auch nur ansatzweise zu stören. Das macht auch in der 44. Minute keiner, doch da köpft Fredi an den Pfosten. Gibt’s nicht. 0:2 steht’s, 0:3, gar ein 0:4 wäre verdient gewesen. So ein Pfeifkonzert ist mir sehr selten in meiner 219 Spiele langen VfL-Zeit untergekommen – da sind (Achtung!) die Cheerleader in der Pause die Attraktion des Nachmittags, und ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals schreiben muss. Auch unser Trainer Pidder hat ein Einsehen und staucht unsere Jungs nicht in der Kabine, sondern auf dem Platz zusammen. Auch noch nicht erlebt.

Dass ich diese erste Halbzeit doch noch einigermaßen positiv in Erinnerung behalte, liegt an den Jungs. Irgendwie – keine Ahnung warum – stehen wir einige Meter versetzt von unserem Stammplatz, und extrem nah im Ultra-Geschehen. Die Stimmung ist noch einen Tick aufgeheizter, vor allem in der Pause, als eine Schlägerei droht. Sam, der dunkelhäutige Amerikaner, brüllt laut: „Kaum fehlt ein Neger in der Abwehr, schon läuft’s nicht!“ Desweiteren erzählt er von einem Job-Angebot des Securitydienstes vor dem Anpfiff (hab bis jetzt nicht gecheckt, ob der uns nur verarscht hat oder nicht), Gerd erzählt, dass Dariusz Wosz auf dem Platz eine höhere Intelligenz besitzt als im realen Leben, wir lachen über Sams spontane Idee, den „Ultras“ beizutreten und regen uns darüber auf, dass ein Ultra-Typ von insgesamt 90 Minuten bestimmt 85 seine blöde blau-weiße Fahne direkt vor unsere Fressen weht. Kopfschütteln. 0:2 zurück. Gegen Hannover. Die sind doch ein Abstiegskandidat und dennoch in allen Belangen überlegen.

Pidders Ansprache wirkt. Die zweite Halbzeit beginnt und die Lawine rollt. Ein Angriff nach dem nächsten peitscht dem 96-Tor entgegen. V-F-L, V-F-L, V-F-L schallt’s durchs weite Rund. Hinten geht’s Mann gegen Mann, mit Vriesde, Tapalovic und Colding; Fahrenhorst und Reis rücken ins defensive Mittelfeld; alle werden ballsicherer, und Christiansen trifft zum 1:2. Noch 27 Minuten. Doch vergebens ist alle Müh. Christiansen-Kopfball vorbei. Fahrenhorst-Schuss vorbei. Eine Ecke nach der nächsten. Hashemian-Kopfball, Tremmel hält. 1:2 verloren. Wir bleiben bei 30 Punkten und auf Platz neun. Aber bis zum Letzten sind’s nur noch acht Punkte. Und jetzt hintereinander Bremen und Bayern. Abstiegskampf? Tschüss Gerd. Er fährt nach Hause, irgendwo beim Platz von Vorwärts Kornharpen. Ja, ich glaub selbst die hätten in der ersten Halbzeit 2:0 gegen uns geführt. Was war nur los?

Solche Spiele können passieren. Solche Spiele ziehen an Dir vorbei wie eine Gewitterfront. Während der Blitze und des Donnergrollens verfolgst Du teilnahmslos das Geschehen, danach bist Du erstmal froh, dass es vorbei ist – um zwei Stunden später zu registrieren, was für ein Ausmaß der Schaden hat. Solche Spiele können passieren. Und doch schmerzen sie wie ein Wadenkrampf.

Ich glaub, Karneval 2004 gehe ich nicht ins Stadion.

Aber die Ruhe des Augenblicks: Die will ich bald nochmal erleben!

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