10. März 2007 – VfL-Borussia Dortmund 2:0 – „Alles Gekas oder was?“

Viel los im März 2007! Ich schaffte es nicht einmal, alles über den letzten Derbysieg einer Mannschaft des VfL Bochum gegen Borussia Dortmund aufzuschreiben. Das holte ich dann im Osterurlaub an der Nordsee in St. Peter-Ording im Hotel „Eulenhof“ nach.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Alles Gekas oder was?“ nannte und mit der Unterzeile „32 Tage nach dem Derby: Aus dem Kurzurlaub in St. Peter-Ording eiligst eingetippte Erinnerungen (am 11. April 2007)“ versah:

Sitze in St. Peter-Dorf. Im Hotel auf Zimmer neun. Schöner Tag. Sonnenschein. 12 Grad im Schatten, gefühlte 18 in der Sonne. Meine Nase ist etwas rot, ja, doch. Unterhalte mich mit meinem Bruder oft über den VfL. Bin immer noch auf dem Leverkusen-Trip, singe immer noch „Theooooofaniiiiis Geeeeeekaaas“. Bayern ist grad aus der Champions League geflogen, wir schreiben den 11. April, wenn Ihr richtig mitgedacht habt.

Es ist Tag 32 nach dem Revierderby.

Sitze in der Sauna, finnisch, 83 Grad. Der Leverkusen-Text ist frisch aus dem Ofen, noch lauwarm, bat meinen Bruder auf mein Einzelzimmer zur Korrektur. Erblickte das kleine Wörtchen „folgt“ auf dem Bildschirm. Unter dem Stichwort „VfL Bochum – Borussia Dortmund 2:0“. Große Emotionen nach einem großen Derby – aber doch Kindergarten gegen das Leverkusen-Erlebnis. Sitze, schwitze, denke an jenen Samstagmittag, an das, was mich am meisten bewegte, an das, was ich noch heute weiß.

Erinnerung 1 – Gesucht: Ultras

Ruhrstadion, 15.21 Uhr. Der Ablaufplan steht präzise im Stadionheft, gibt’s glaub ich auch nur in Bochum. Notiert ist erst „Mein VfL“ (15.21 Uhr), dann die Mannschaftsaufstellung (15.24) und schließlich Grönemeyers „Bochum“ (15.26). Bemerkbar machen sich die Ultras vor dem Anpfiff nie, sie sind höchstens zu erahnen. Erst mit dem Anpfiff beginnt die Show, erst nach der zehnten Spielsekunde postiert sich der Megafon-Mann auf dem Zaun. Ab und zu gibt es eine Plakataktion, was auch immer. Diesmal ist Revierderby, gerade auf Dortmund sind die Ultras besonders heiß. Doch… WO SIND SIE? „Gesucht: Ultras“ lautet das Thema des Tages. Kein Megafon, kaum angesagte Sprechchöre (was wahrlich nicht schlecht ist, sondern zeigt, dass es auch ohne die „Retter“ der Fankultur geht). Nach fünf Minuten postiert sich ein Ersatzmann auf dem Zaun. Gerüchte. Was ist los? Einer, den wir „Professor“ nennen, sagt: „Dämon wurde festgenommen“. Gelernt eins: Der Megafon-Typ heißt Dämon. Gelernt zwei: Es gab Stress mit der Polizei. Schlussfolgerung: Bei den nächsten Spielen wird es ganz heiße All-cops-are-bastards-Diskussionen geben. Des Rätsels Lösung erklärt jemand ganz am Ende des Spiels: Eine große Dortmunder Fangruppe, die mit dem Zug anreiste, wurde von der Polizei an der Ultra-Kneipe in der Innenstadt vorbeigeleitet. Sehr clever, denn es kam (gaaaar nicht vorhersehbar, schlaubyhaft) zu einer wüsten Werferei von Flaschen etc. Reaktion der Polizei: Sie kesselte die Ultra-Kneipe für die Dauer des Spiels ein und nahm einige Werfer mit auf die Wache. Sprich: Der Großteil verpasste das Derby.

Erinnerung 2 – Der Mannschaftsbus

Meine persönliche Beziehung zum Mannschaftsbus begann am Abend vor dem Cottbus-Spiel. Als ich vollbepackt den aus Leipzig kommenden Regionalexpress verließ, sah ich als erstes den VfL-Bus vor einem Hotel am Bahnhof stehen. Diesmal ist ein normaler Samstagmittag, wieder einmal beschließe ich, den Weg zum Ruhrstadion mit dem Auto zurückzulegen, fahre entsprechend früh los. Die Autobahn A40 ist leer, lediglich hinter der Abfahrt „Ruhrstadion“ wird es voller. Und was… was ist… was ist DAS denn? Der VfL-Bus steht fast direkt vor mir. Ich biege ins Parkhaus ein, finde einen sensationellen Smart-Parkplatz im Erdgeschoss, laufe um 14.20 Uhr gemächlich Richtung Ostkurve – als ich auf einmal in eine Gruppe blaubetrainingsanzugter Sportler gerate. Es sind vorneweg: Torwarttrainer Greiber (mit Brille), Drobny, Maltritz, Gekas, alle VfLer, fast alle mit ipod oder ähnlichen Stöpseln im Gehörgang. Irgendjemand fragt: „Was ist mit Euch los?“ Irgendein Spieler antwortet: „Es ging minutenlang weder vor- noch rückwärts. Deshalb sind wir die paar Meter bis zur Kabine gelaufen.“ Autogramme hab ich mir nicht geholt. Aus dem Alter bin ich raus.

Erinnerung 3 – Das Spiel

Bochum gegen Dortmund, das hat IMMER etwas von „klein gegen groß“ und „arm gegen reich“. Der BVB wird in JEDEM VfL-Spiel von den Fans äußerst negativ bedacht („B-V-B-Hurensööhne“), das geht den Trommlern inzwischen zu weit, sie trommeln diesen Spruch meist nach kurzer Zeit nieder. Egal, die Konkurrenz ist jedenfalls riesengroß, die Abneigung noch viel mehr. Als wir Fünfter wurden und der BVB Sechster, war das wie ein Doublegewinn und ein noch größerer Erfolg als der UEFA-Cup-Einzug selbst. Weil: UEFA-Cup schön und gut, aber VOR Dortmund!! Heute als wieder VfL gegen BVB, diesmal ist die Tabellensituation besonders. Wenn wir gewinnen, schubsen wir die Schwarz-Gelben mit in den Tabellenkeller. „Borussiaaaa im Abstiegsjaaaahr“ (gelernt von den Aachenern, die vor einem Jahr „Alemannia im Aufstiegsjahr“ trällerten) ist der Hit des Tages, schon weit vor dem Anpfiff. Die gnadenlose Enttäuschung aus dem Bremen-Spiel schieben wir ganz weit von uns, in Derbys wird nicht gemeckert. Der Spielverlauf ist schnell erzählt: Wir zelebrieren Abstiegskampf in seiner besten Form: kratzen, beißen, treten, spucken, mit einem Drecksack Zdebel in Bestform. Unser Trainer hat sich was getraut, hat Grote links vorn für Trojan aufgeboten (völlig überraschend) und links hinten Meichelbeck für Bönig (von den Fans lange, lange, lange gefordert, „der MARTIN wird’s schon machen“, heißt es) eine Chance gegeben. Das Mittelfeld ist umstrukturiert, Epalle gibt diesmal den zweiten Stürmer, Misimovic – in Bremen gesperrt, diesmal für Dabrowski im Team – muss zentral etwas mehr nach hinten arbeiten, Bechmann und Grote kommen über Außen, Zdebel ist einziger „Sechser“. Offensivoffensiv, der Koller. Ich glaub’s nicht. Die Dortmunder haben viele bekannte Namen auf dem Platz. Weidenfeller im Tor, die Stamm-Viererkette mit Wörns (Ex-Nationalspieler), Metzelder (WM!), Degen (WM für die Schweiz) und Dede, im Mittelfeld mit Kringe, Kehl (WM!), Tinga und Amedick als Misimovic-Bewacher – und Smolarek (WM für Polen)/Valdez (WM für Paraguay) im Sturm. Klingt gut. Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Trainer Röber hat scheinbar überhaupt nichts in die Schädel der Spieler hämmern können. Metzelder träumt wohl vom Real Madridschen Handgeld. Er wirkt in Zweikämpfen und Offensivaktionen gehemmt und total abwesend. Wörns ist viel zu langsam. Im defensiven Mittelfeld fehlt Kehl nach sechs verletzten Monaten die Spielpraxis, Amedick ist gegen Misimovic überfordert. Valdez hat im BVB-Trikot noch kein Tor erzielt, Smolarek geht total unter. Schon nach anderthalb Minuten sage ich zu Gerd: „Der Gekas läuft heute viermal allein aufs Tor zu.“ Wir schießen einen völlig verdienten 2:0-Sieg heraus. Zweimal Misimovic auf Gekas, zweimal Tor, zweimal Sirtaki, zweimal Rumhüpferei, ganz oft „Borussia im Abstiegsjahr“, „Theofanis Gekas“, „BVB-Hur…söhne“, „Oh wie ist das schööön“, alles ohne die Ultras. Die Dortmunder ärgern sich über einen Pfostenkopfball von Valdez zwischen 1:0 und 2:0 – Ende. Dachte eigentlich, dass noch torlose Stürmer GANZ BESTIMMT gegen uns treffen. Falsch gedacht. 2:0, gewonnen, nach Magath den zweiten Trainer auf dem Gewissen – der Röber fliegt nach diesem mut- und leidenschaftslosen Auftritt bestimmt morgen raus.

Erinnerung 4 – Die SMS‘

Fast jeder Fußballfan im Ruhrgebiet hat auch einen eigenen Lieblingsverein AUS dem Ruhrgebiet. Es gibt wenige Bochumer, viele Dortmunder, noch mehr Schalker. Auch mein Bekanntenkreis ist voll mit Fans aller Couleur. Mit BVB-Fans spiele ich regelmäßig Fußball in der Soccerhalle, Björn aus Aachen ist auch ein BVBer seit vielen Jahren (als das Westfalenstadion noch einen Rang hatte und „nur“ 42.000 Plätze). Einen SMS-Ticker hat er angefordert. Soll er haben. Und da wäre noch ein hoher Beamter der Stadt Mülheim, den ich beruflich häufig interviewen muss. Vor Saisonbeginn habe ich mit ihm leichtsinnigerweise gewettet, dass der VfL vor dem BVB landet, um eine Pommes mit Currywurst. Seit 24 Spieltagen höre mich mir seine Spitzen an. Doch heute… um 17.19 Uhr geht die erste SMS an… natürlich! „Ich habe es auf arena gesehen und bei der Pommesbude fast die Bestellung aufgegeben“, funkt der Beamte zurück. Sonst: Nur Glückwünsche. „Trink einen für mich mit“, schreibt der WAZ-Volontär. „Großartig! Bin auf einer Taufe und jetzt natürlich allerbestens gelaunt“, tippt Dirk aus München.

Das Wetter stimmte an diesem Nachmittag im März. Genauso wie heute hier an der Nordsee. Mit dem rechten Zeigefinger probte ich die Wassertemperatur. Kalt. Acht Grad. Auf dem Fahrrad fuhren wir mindestens zehn Kilometer durch drei der St. Peter – Stadtteile (Dorf, Bad, Ording). Vorbei. Jetzt ist nach Mitternacht.

Bin lange aus der Sauna zurück. Frisch geduscht. Abgetrocknet. Und die Erinnerungen ans Derby endlich auch verewigt.

Frank Goosen im Kicker über das BVB-Spiel (16.4.2007): „In den letzten Spielen meines Vereins hatte ich völlig unverhofft tatsächlich ein paar Mal Gelegenheit, jene oben beschriebene, süße Art der Langeweile zu genießen. Beim 2:0-Sieg über die Schwarz-Gelben aus der Nachbarstadt etwa, die sich freundlicherweise gar nicht wehrten, so dass man sich die letzte Viertelstunde doch bequem zurücklehnen konnte.“

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