24. August 2008 – VfL-Wolfsburg 2:2 – „Willkommen zu Hause“

Der 21. Saisonstart meiner Karriere als Fan des VfL Bochum führte mich am Nachmittag des 24. August 2008 ins Café Extrablatt im Bochumer Bermuda-Dreieck und anschließend ins Ruhrstadion – zum Spiel gegen den VfL Wolfsburg.

Hier geht es zum Blog-Eintrag, den ich „Willkommen zu Hause“ nannte und die Überschrift „Wenn nach 45 Sekunden zum ersten Mal gemeckert wird, dann weiß jeder: Der VfL spielt wieder. Über den ersten Punkt von 40!“ wählte:

Der Weg ist voller Steine. Muss etwas aufpassen, damit ich nicht umknicke und mir alle Bänder in irgendeinem Fuß reiße. Es ist irgendwann am späten Vormittag. Die Liebste und ich haben an diesem Sonntag ausgeschlafen. Gestern Abend sahen wir uns in Dortmund „The Dark Knight“ an, jene wie bekloppt gehypete Comicverfilmung mit Batman, Joker und Heath Ledger. Und heute Morgen gehen wir quer durch die Natur in Witten-Stockum. Drei Windräder produzieren Strom, Pferde grasen auf der grünen Wiese, Hunde bellen sich an. Die Liebste und ich spazieren Hand in Hand. Aufpassen. Der Weg ist voller Steine.

Heute ist Saisonstart.

Der Arbeitskollege knibbelt seine Augen zusammen. „Sollen wir nicht doch lieber reingehen?“, fragt er. „Ich seh kaum was!“ Wir sitzen im Café Extrablatt, das ganz am Anfang des Bermuda-Dreiecks liegt und quatschen über dies und das. Über die Arbeit, den VfL, die Arbeit, den VfL und dann nochmal von vorn. Er hat eine Pizza Margerita bestellt, gibt mir sogar ein Stück ab („Mehr Käse geht nicht, oder?“), und trinkt danach sein Weizenbier alkoholfrei. Hmm, wäre doch die erfrischendere Wahl gewesen als eine billige, einfache Cola.

Heute ist Saisonstart.

Habe gestern Nacht noch eine „Sportgeschichte“ für DerWesten fertiggestellt – das ist eine Rubrik, die auch ab und zu mit Zeilen von mir gefüllt wird. Das Thema: „45 Jahre ZDF-Sportstudio“. Und da die erste Sendung des Sportstudios am Tag des Bundesligastarts gezeigt wurde: Happy Birthday Fußball-Bundesliga!

Heute ist Saisonstart. Für mich.

Ist das schön hier.

Erstes Heimspiel seit drei Monaten, erstes RICHTIGES Heimspiel (das 1:2 gegen Rostock zählt nicht) seit dreieinhalb. „Frohes Neues“ wünsche ich allen in der Kurve, im P-Block, rechts, Höhe linker Torpfosten, und – ja – ist geklaut. Alt. Aus der vergangenen Saison. Die habe ich schon längst vergessen, verdrängt. Auf welchem Platz waren wir am Ende? Elf? Zwölf? Dreizehn?

Ist das schön hier.

Willkommen zu Hause.

Alle sind sie da. Gerd, der Richter, dazu Lupo, der Professor, lauter andere bekannte Menschen, die ich per Handschlag begrüße, jedes Mal wieder, und die ich doch nicht persönlich anreden kann. Selbst Krüger schaut sich das erste Spiel an, einfach um mal zu gucken, wie’s so läuft bei uns. Sam und Nicole kommen aus Essen-Werden angebraust, Sam erzählt Geschichten aus Frankfurt, denn da wohnt er jetzt während der Woche. Und es gibt noch einen Neuen im P-Block, rechts, Höhe linker Torpfosten. Ist ein Arbeitskollege mit Kürzel „hosh“, da er VfLer ist, wird daraus (natürlich) „Hoshemian“.

„Willkommen zu Hause“.

Steht auf einem Transparent, das zwei Leute in Block A präsentieren. „Willkommen zu Hause Slawo und Vahid!“ Es ist das erste Spiel seit der Rückkehr von Slawo Freier und Vahid Hashemian ins Ruhrstadion. Doch so richtig mag keine Euphorie aufkommen. Landauf, landab brechen alle Klubs die Dauerkarten-Rekorde, kracht der Zuschauerschnitt durch jedes Dach in den Himmel. Nur in Bochum zerfleischen wir uns bereits nach einem einzigen Spiel. 0:1 beim KSC, auswärts, bei einem Mitkonkurrenten.

Na klar war das saumäßig, selbstverständlich haben wir kein Vorbereitungsspiel gewonnen. Aber in Gedanken schon für die zweite Liga in der Saison 09/10 planen, nach einem Spiel, das können nur wir Bochumer. Bevor „Bochum“ von Grönemeyer läuft, erzähle ich Hoshemian, Gerd und den anderen noch von Goosens sensationeller Kolumne in der Stadionzeitung, mit Sätzen wie „Kein normaler Mensch kann drei Wochen ohne Fußball auskommen“ oder „Als VfL-Fan ist man da nicht so krampfhaft ergebnisorientiert“. Ganz toll schildert er den Besuch eines Testspiels zwischen Burghausen (da wohnt die Schwiegermutter) und Rostock: „Intellektuell herausgefordert hat mich bei dem Spiel mehr als eine Stunde lang die Frage, wieso mir die Rostocker Trikots so gut gefallen haben. Dann fiel mir auf: Die hatten keinen Werbeaufdruck.“ Grönemeyers Bochum bringt mich schließlich auch beim drei Millionsten Mal zum Weinen.

Anpfiff.

Es dauert keine 45 Sekunden bis zu Gerds erster Unmutsäußerung. „Da ist zu wenig Bewegung drin!“, brüllt er. Aber so richtig ernst gemeint ist das natürlich nicht. Wir sind eben die Meckerer vom Dienst, 20.000 Meckerer, sozusagen. 20.000 ist wirklich eine sehr dürftige Zahl für ein erstes Saisonheimspiel. Aber aus Wolfsburg sind keine 500 dabei. Ach ja, Wolfsburg, über unseren heutigen Gegner hab ich ja noch gar nichts geschrieben. Heimspiele gegen den etwas anderen, schrecklichen, kapitalistischen VfL sind eigentlich immer recht lustig. Wir hatten ein 5:4, in der vergangenen Saison ein 5:3, und eigentlich finde ich den Wolfsburger Alles-Boss Felix Magath ziemlich witzig. Wenn er nicht nur bei dem VWfL arbeiten würde. Egal. Bei uns spielen vier Neue von Anfang an. Fernandes im Tor, Fuchs auf der linken Viererkettenseite, Freier wie in alten Tagen rechts offensiv und Hashemian vornedrin. Überhaupt gibt Kollers Aufstellung einige Aufschlüsse: Er hat von Ono schon nach einem Bundesligaspiel die Nase voll und vertraut Azaouagh auf der Spielmacher-Position. Pfertzel scheint krank zu sein, deshalb spielt Concha rechts in der Abwehr. Und Zdebel ist völlig out und hat seinen Platz an Imhof verloren. Aha. Die auf der anderen Seite setzen auf eine Millionen-Truppe. Schlappe 25 Millionen Euro durfte Magath in seinen Kader investieren und holte mal eben so zwei italienische Nationalspieler (Zaccardo, Barzagli), die beide ebenso von Anfang an spielen wie Zwetschge Misimovic. Bei uns drei Jahre an den Profifußball und dann in Nürnberg und Wolfsburg abkassieren. Alles richtig gemacht Zwetschge.

In Halbzeit eins ist Zwetschge aber nicht zu sehen oder zu vernehmen. Na gut, bei den „Zwetschge ist ein Hurensohn“-Rufen vielleicht. Aber sonst sind wir erstaunlich feldüberlegen. Eigentlich rechnen wir alle mit einer Niederlage mit zwei, drei Toren Differenz – denn Wolfsburg ist nicht ganz unsere Liga – aber nur wir spielen. Das finden wir so außergewöhnlich, dass unser Fußballfieber in ungesunde Höhen steigt. Slawo Freier verpasst sein Einstandstor nach zehn Minuten nur knapp, sein Schuss wird zur Ecke abgefälscht. Vier Minuten später zeigt Imhof Uwe Beinsche Qualitäten und passt den Ball in den Lauf von Sestak. Der kriselt auf einmal gar nicht mehr und schießt saucool das 1:0. Sensationell. WAHNSINN!!! Die erste Hälfte ist saugut. Überragend: Imhof! Sehr stark: Azaouagh. Vorn fleißig: Sestak und Hashemian. Hinten links spielt jemand Fußball. Endlich! Bönig ist in den vergangenen Jahren nur ‚rumgestolpert. Christian Fuchs kann den Ball halten, Kurzpässe unfallfrei spielen und sogar eine Flanke zielgenau in die Strafraummitte schlagen. Rechts hinten ist Concha sehr solide. Wolfsburg kommt gar nicht vor. Völlig logisch ist der Applaus zur Halbzeitpause und noch viel beruhigender das 2:0. Azaouagh tankt sich super rechts durch, flankt vorbildlich auf den langen Pfosten, dort steigt Dabrowski hoch, köpft das 2:0. Fußball, umarme mich. Ich bin wieder da! Wieder DAAAA!!!! TOOOR!!!

Doch genau 120 Sekunden später hören wir uns alle sagen: „Ja können die denn NIE einen Zwei-Tore-Vorsprung halten?“ Denn Ricardo Costa verkürzt nach einem undurchsichtigen Gewurschtel, Kuddelmuddel, nennt’s wie auch immer, auf 1:2. Das ist in der 53. Und das Ende all unser Bemühungen. Das ist wieder die klassische Abstiegskampf-Situation. Wir führen mit einem Tor Vorsprung und müssen alles tun, damit’s dabei bleibt. Zeitspiel bei Einwürfen, den Ball bei jeder Gelegenheit auf die Tribüne bolzen, Fouls, Gelbe Karten kassieren, ja sogar unseren Alterspräsidenten Zdebel einwechseln, damit der nochmal ordentlich dazwischenhaut. Denn eins ist klar: Die Wolfsburger sind um Meilen fitter als wir. Mag daran liegen, dass die von Magath trainiert werden (wie macht der das bloß?), aber es ist irre auffällig. Als Saglik (der billigste Neue, welch ein Hohn) das 2:2 nach Yahia-Fehler schießt, unken wir alle: „Das verlieren wir noch!“ Die Wolfsburger erarbeiten sich noch zwei tausendprozentige Chancen, schaffen es aber nicht, die runde Kugel über die Torlinie zu bugsieren. Puh. Pfff. Der vor der Pause gute Eindruck aller Neuen relativiert sich etwas. Fernandes‘ Rolle beim 1:2 würde ich gern sehen, über Fuchs‘ Seite laufen in Hälfte zwei 3/4 aller Angriffe der Wolfsburger. Freier bewegt sich kaum noch vom Fleck, Hashemian bemüht sich zwar, holt viele Kopfbälle, hält sich aber nur selten da auf, wo ein Stürmer sein sollte: vorn. Wir erleben zwischen der 53. und 92. Minute nur noch einen Hormonausschüttungs-Moment, als Kaloglu den Ball in Minute 89 über die Linie drückt. Ein halbes Bier landet auf meinem Rock-am-Ring-Pulli, doch leider hat der Linienrichter die Fahne oben.

Ende 2:2. Wie vor einem Jahr das erste Heimspiel der Saison gegen Werder Bremen.

Zu Hause angekommen.

Punkt eins im Sack.

Von 40.

Ein harter Weg liegt noch vor uns. Voller Steine.

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