8. Juni 2004 – U21-EM, Finale: Italien-Serbien-Montenegro 3:0 – „Von Bengalos und einem Rasensprenger“

Einmal sah ich in meinem Fußball-Leben bisher das Finale einer Fußball-Europameisterschaft. U21-EM, 8. Juni 2004, ein sommerlicher Dienstagabend. Italien traf auf Serbien-Montenegro, es gab drei Tore, künftige Weltklasse-Spieler wie Daniele de Rossi, mächtig viele Bengalos und einen Rasensprenger im Bochumer Ruhrstadion.

Ich nannte den Text „Von Bengalos und einem Rasensprenger“, mit der Dachzeile „Mein wohl einziges EM-Finale“.

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Buchstaben, Wörter, Texte… ständig nur Texte, schreiben, schreiben, schreiben… muss das denn immer sein? Nein, und deshalb wollte ich das Geschehene beim U21-Fußballspiel zwischen den Nationalmannschaft von Italien und Serbien/Montenegro eigentlich in einem „Fotoroman“ festgehalten wissen. Doch nach diesem Erlebnis muss ich einfach noch ein paar Anmerkungen zum Spiel tätigen…

Vor einer Woche noch habe ich die italienische U21 verflucht. Habe so getan, als würde ich mir nie wieder so einen Mist ansehen. Und nun? Sieben Tage später sitze ich wieder im Ruhrstadion, und gucke mir wieder die italienische U21 an. Geplant war das nicht. Als Gerd nämlich vor dem VfL-Stadioncenter stand, um die Tickets zu besorgen, stand noch gar nicht fest, wer das Finale bestreiten würde. Wir hofften natürlich auf die deutsche Mannschaft, doch zwei Stunden nach der Kauf-Transaktion verabschiedete sich Stielikes Mannschaft aus dem Turnier. Wir bibberten und zitterten, hofften auf wenigstens einen (den Vorurteilen nach) „ruhigen“ Finalteilnehmer (das wäre Schweden gewesen), aber nun gut… es wurden Italien und Serbien/Montenegro. Mein Tipp? 1:0 natürlich.
Dienstag, Treffpunkt 20 Uhr vor der Tankstelle am Ruhrstadion. „Du lernst eine waschechte Schach-Weltmeisterin kennen“, hat Gerd mir per sms mitgeteilt. Und das ist Carmen (so heißt sie glaube ich) tatsächlich. Als 10-Jährige war sie in ihrer Altersklasse die Beste auf diesem Planeten. Sie sitzt neben uns, und in welchem Block wir hocken, wird uns klar, als Gerd aufgefordert wird, sein Italien-Trikot „auf links“ anzuziehen. Der serbisch-montenegrinischer Block. Bin mal gespannt. Es ist tierisch warm heute. Hätte ich doch mal ne kurze Hose angezogen. Einige tragen Milosevic-T-Shirts. Selbst Achtjährige laufen schon mit Militärmützen rum. Muss ja nichts heißen. Es wird voller und voller und voller. Mit 10 000 hatten die Veranstalter gerechnet, 20 000 Zuschauer kommen. Das Spiel beginnt daher 15 Minuten später. Unser Block A ist der am prallsten gefüllte. Hinweise, dass Zuschauer aus dem A-Block in die freien Blöcke C und D ausweichen sollen, verhallen ungehört. Die Fans brüllen eigentlich ununterbrochen „Süüüürbia! Süüüüürbia!“, und noch ist alles ganz friedlich. Neben uns hocken zwei Bochum-Fans in meinem Alter. Wir alle lachen uns kaputt. Noch.

Das Spiel ist wie erwartet geprägt von der italienischen Anti-Fußball-Taktik. In der ersten Halbzeit gibt es zwei Chancen. Beide für Italien. Einmal geht der Ball an den Pfosten (es wäre auch ein Tor aus dem Spiel heraus gewesen, tsetsetse, das geht ja gar nicht). Wenn, dann treffen Italiener nur nach Standardsituationen. So wie de Rossi per Kopf nach einer Ecke zum 1:0 in der 31. Minute. Die Serben haben öfter den Ball und ihre Zuschauer rühmen sich damit, ihre Mannschaft feldüberlegen zu sehen, aber es bringt NICHTS. Halbzeit 1:0. Die Zuschauer sind immer noch laut. Die Stimmung ist gut. Dann folgt die Auslosung der letzten zwei UEFA-Cup-Plätze. Unter anderem im Topf: Der SC Freiburg und ein albanischer Vertreter. Der wird aus unserer serbischen Ecke tiiiiierisch ausgepfiffen. Nachwirkungen. Die Achtjährigen richten ihre Militärmützen. Freiburg wird nicht ausgelost, dafür Mannschaften aus Armenien und der Ukraine. Wir trauern mit Freiburg (ich hätte dem SC und Volker Finke das sehr gegönnt), lachen und stellen fest, dass eins von diesen beiden Teams bestimmt unser Erstrundengegner wird.

Die Temperaturen treiben uns immer noch die Schweißtropfen auf die Stirn, Schachfrau Carmen hat ihren Spaß, doch nun wird das Spiel härter und hitziger. Schon in Halbzeit eins hat sich ein Serbe mit Gelb-Rot aus dem Spiel verabschiedet, doch (wen wundert’s?) machen die Italiener nichts, um die Überzahl zu einer Spielstanderhöhung auszunutzen. Es ist ein einziges Ballhinundhergeschiebe. „Wir können nach Hause gehen“, krame ich meinen Spruch aus der letzten Woche wieder hervor. Ein Foul folgt auf das nächste, die Zuschauer drehen auf und auf, und dann leuchten die ersten bengalischen Fackeln. Sieht ja nett aus, aber ist verdammt gefährlich. Das Spiel wird unterbrochen. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei Minuten. Dann fliegen Fackeln auf den Platz. Und eine Fackel landet fast in unserem A-Block. Fünf Meter fehlten, und ich wäre ein Brathähnchen gewesen. Puuuuuhhh… die Stimmung ist wirklich aggressiv, und ich bin froh, dass Gerds „Lazio-Rom“-Schal nicht auf den ersten Blick als solcher zu identifizieren ist. Die Serben haben zwischen der 65. und 75. Minute ihre beste Phase, schießen zweimal gefährlich aufs Tor. Spiel wieder offen? Dann kommt wieder einer frei zum Schuss, holt aus, und…? Auf einmal springt ein Rasensprenger an. Im Spiel. Einfach so. Das Gelächter ist groß und hört gerade bei uns Bochumern nicht mehr auf. „Wir kriegen nie wieder ein Länderspiel oder eine EM“, lachen wir.. „Erst versagt der Ordnungsdienst, und dann auch noch der Greenkeeper!“ Wobei das für ein knappes UEFA-Cup-Spiel keine so schlechte Taktik wäre. Fehlt nur noch, dass das Flutlicht ausfällt, unken wir. Aber hell bleibt es.

Das Spiel wäre ganz gewiss 1:0 ausgegangen, wenn, ja wenn der serbische Torwart nicht einmal kahnmäßig gepatzt hätte. Nach einer Stadardsituation (natürlich) lässt er den Ball vor die Füße von Boro fallen. Unnötig. Unverständlich. Ein solches Geschenk nimmt eine solch abgezockte Mannschaft natürlich an. 2:0. Die Entscheidung. Eine Minute später gibt es zur Feier des Titels sogar ein Tor aus dem Spiel heraus. Gilardino, 3:0. Die Serben treten sich den Frust von der Seele. Ein weiterer Spieler sieht Rot.

Nach etlichen Minuten Nachspielzeit ertönt der Abpfiff gegen 22.48 Uhr. „Normal“ wäre 22.30 Uhr gewesen. Zum Glück lief das alles ohne Verlängerung ab. Ansonsten wäre das ein Mammutspiel bis in die Nacht hinein geworden. Die Siegerehrung erleben wir nur aus der Rückansicht, dafür aber live eine Prügelei vor der Tribüne. Das Großaufgebot der Polizei, dass die Ostkurve während der zweiten Hälfte beschützte, ist nach wenigen Sekunden zur Stelle. So viele grüne Männchen habe ich auf dem Spielfeld lange nicht gesehen. Ein sehr emotionaler Fußballabend geht zu Ende. Mit einem verdienten Europameister (tja, muss ich wohl leider zugeben) und der Erkenntnis, dass wir in einer Kurve mit Fans saßen, von denen einige die Worte „sportlich fair“ noch nie in diesem Zusammenhang gedeutet haben. Bengalos werfen? Nein danke! Leute verprügeln? Nein danke! Unfaire Sprechchöre gegen alles und jeden (auch: „Deutsche Schweine“)? Nein danke!

Es war ein echtes Erlebnis. Mein wohl einziges EM-Finale in meiner Fußball-Karriere werde ich ganz bestimmt nicht vergessen.

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