7. April 2006 – VfL-Siegen 3:1 – „Love Generation“

An diesem Tag interessierte mich fast alles mehr als das Fußballspiel zwischen dem fast aufgestiegenen VfL Bochum und den Sportfreunden Siegen, an das ich mich heute – im Januar 2013 – kaum noch erinnern kann. Es war der Tag, an dem ich bei der Party zum letzten Schultag der Mülheimer Abiturienten auf der Bühne stand, an dem sich Bundestrainer Klinsi Klinsmann für Jens Lehmann entschied und diese Nachricht die erste in der 20-Uhr-Tagesschau war. Ich bloggte trotzdem über das Spiel, nannte den Text „Love Generation“ und verpasste ihm die Unterzeile „Wieder 90 Minuten überstanden – und das am letzten Schultag und dem T-Day.“

Und der Gegner?

Drei Jahre später spielten die Sportfreunde Siegen am Blötter Weg beim VfB Speldorf. Mein Verein siegte 1:0.

Hier geht es zum Blog-Eintrag mit der Überschrift „Love Generation“:

Mein Portmonee ist ganz schön dick geworden. Mal kurz aussortieren. Wie witzig… Das Horoskop aus der BILD-Zeitung vom 31. März… Ich weilte in Paderborn und dieses Glanzstück deutscher Zeitungskunst wartet in meiner Geldbörse auf Beachtung. Was steht denn drauf? „Die Sterne heute: Was auf ein angenehmer Wochenausklang: Der Stier-Mond sorgt mit einem ruhigen Tempo dafür, dass man einiges schafft, ohne sich dabei zu hetzen. Mit Venus, die den Stier regiert, kommen auch die schönen Seiten des Lebens nicht zu kurz: Ein Flirt, ein köstliches Essen, perlende Musik – das sind alles Attribute für einen sinnlichen Abend.“

Sinnlich war das Ding in Paderborn allemal. Weiterlesen! „Heute Geburtstag? Abwarten ist nicht Ihr Ding – oft preschen Sie zu schnell vor – und fallen auf. Saturn lehrt sie 2006 das Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Wenn Sie bei einem kreativen Projekt Geduld und Ausdauer zeigen, wird sich diese Vorgehensweise bezahlt machen. Ab November werden Sie ein Jahr lang vom Glücksplaneten Jupiter begünstigt: Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um wieder vorne mitzumischen.“ Soso. Scheißegal, blödes Horoskop. Zerknüllen und weglegen. Ich streife mir mein Abi-T-Shirt über, schnüre mir einen Pullover um, verstaue den VfL-Schal in meiner Arbeitstasche und raus geht’s.

„Jetzt geht’s raus!“ – heute Morgen noch erfuhr ich von dieser neuen, nicht gerade kreativen Idee der Bochumer Marketing-Abteilung. Dafür, dass wir sechs Spieltage vor Schluss kaum noch eingeholt werden können, tendiert die Euphorie in und um das Ruhrstadion gen „Null“. Ich muss erst ein einmal arbeiten. Ein Blick auf den Redaktions-Kalender, da steht 8. April. Morgen beginnen die Osterferien – das heißt: letzter Schultag. Das heißt noch mehr: letzter Schultag der Abiturienten!!! Langsam lasse ich mich auf einem Schreibtischstuhl nieder und blicke auf die Unterschriften. Von „Mama, s‘ René hat Abi“, „Alles Gute Anne“, „tric bei einer Live-Reportage“ bis zu „Heute ist der 18.4.97 und ich hab bestanden – Jan!“ Als ob es gestern gewesen wäre: Mein Kumpel Jan bestand damals die praktische Führerscheinprüfung und pinnte erstmal auf mein Shirt. Bis heute habe ich es nicht gewaschen, es stinkt ohne Ende, hat unendlich viele gelbe Bierflecken – Kult eben.

In Mülheim treffen sich die Abi-Jahrgänge jedes Jahr von 12 bis 15 Uhr auf dem Viktoriaplatz mitten in der Innenstadt, und auch diesmal sind viele Hundert betrunkene 19-/20-Jährige versammelt, um zu „Geile Zeit“ von Juli und all den weiteren Party-Knallern zu tanzen und zu saufen. Wir, die freien Mitarbeiter der WAZ, müssen leider den Pokal für unseren „Abi-Motto-Wettbewerb“ überreichen – keine leichte Aufgabe. Der DJ erledigt das für uns aber perfekt. Die Karl-Ziegler-Schule gewinnt mit „Pimp my Abi“ (naja) und beim Blick von der Bühne auf die Masse kommen mir all die Bilder wieder vor mein inneres Auge. Der eigene Abi-Scherz, der eigene Abi-Film, die Arbeit am Abi-Buch und der letzte Schultag. Morgens treffen, Bier trinken, „Time to say good-bye“ hören – zu 93 der 95 Mit-Abiturienten habe ich keinen regelmäßigen Kontakt. Was haben wir hier auf dem Viktoriaplatz für eine Party veranstaltet… Der Karl-Ziegler-Typ wünscht sich „Am Zuckerwattestand“ von André Markus, das Stufen-Lied scheinbar. Der DJ nimmt’s hin und fängt die Stimmung hinter mit Bob Sinclars mittlerweile nervender Hymne „Love Generation“ wieder auf. Für uns ist die Arbeit erledigt. Ich ziehe meinen Pullover an und tippe auf der Tastatur der Redaktion herum. Die Musik ist bis in unsere Räume zu hören.

Ich erreiche alle telefonischen Ansprechpartner schnell und schaffe es um 17.55 Uhr in den Regionalexpress. Heute gibt es ein großes Wiedersehen. Mein MSV-Kumpel Helmut kommt mit, um sich an die Zweite Liga zu gewöhnen. Und Sam ist aus Sao Paulo zurückgekehrt und feiert seine 2006-Premiere – mitsamt seiner Frau Nicole! Und das in einem so unwichtigen Spiel… Es ist voller vor dem Ruhrstadion als sonst, aber eben keine „Bundesliga – wir kommen!“, sondern „Hoffentlich ist es bald vorbei“-Atmosphäre. Um die Spannung wenigstens etwas hochzuhalten, hat unser Trainer den „Kampf um Platz eins“ ausgerufen. Nach Aachen geht es erst nächste Woche, das heute ist nicht mehr eine Pflichtübung. Sam und Nicole kommen tatsächlich, wenigstens in unserer Kleingruppe ist die Stimmung wirklich entspannt und gut. Wir erzählen viel, diskutieren über Klinsis Entscheidung pro Lehmann am „T-Day“, dem Tag der Torwart-Entscheidung. „Der Kahn hält in dieser Pingpongliga, die international keine Rolle mehr spielt, und das nicht einmal gut. Und der Lehmann spielt Woche für Woche gegen die Besten der Welt“, bringt es Gerd auf den Punkt. Jaja, ist schon gut so. Das Spiel interessiert uns wirklich nur absolut am Rand.

Und das zurecht. Ganz selten in meiner bisherigen VfL-Karriere habe ich erlebt, dass sich meine Mannschaft nicht gegen einen Sieg wehren kann. Siegen beginnt besser, baut aber zwischen der 15. und 20. Minute zweimal richtig große Scheiße. Erste Szene: Nach einer Zwetschge-Ecke köpft ein Siegener (!) auf das eigene (!!) Tor, und dort steht ein weiterer Siegener auf der Linie (!!!) und klärt mit einem fantastischen Reflex (!!!!) per Hand (!!!!). Ganz klar: Rot für den Siegener Weikl und Elfmeter. Zwetschge verwandelt! Kurze Zeit später, Freistoß aus Linksaußenposition. Jeder VfLer ahnt, dass Zwetschge den Ball in die kurze Ecke zieht. Nur Siegens Torwart Masic nicht. Der patzt schön und fliegt mit dem Ball ins Netz. Chancenverhältnis 0:0, Spielstand 2:0, dazu Überzahl. Bis zum Schlusspfiff ist das Spiel ätzend langweilig, weil wir gar nichts mehr machen außer Ball und Gegner an der Nase herumzuführen. Helmut findet das Ganze „nicht wirklich zweitligareif“, macht aber dem VfL keinen Vorwurf. Zu allem Siegener Überfluss fällt das 0:3 durch ein blödes Eigentor nach Bönig-Vorlage. Dann werden zwei Bechmann-Tore zu Unrecht wegen Abseits nicht anerkannt und Fabio Junior verstolpert zwei sensationelle Chancen. Ein 4:0, 5:0, 6:0 wäre jetzt möglich. Doch der gute Fabio kommt eben gar nicht in Tritt. Kurz vor Schluss verkürzt Akwuegbu auf 1:3; wie auch immer.

Ein Spiel, an das ich mich in zwei Wochen kaum noch erinnern kann, geht vorbei. Und ein Aufschrei der Erleichterung geht um 20.46 Uhr durchs Ruhrstadion. Wieder 90 Minuten geschafft. Noch fünf Spiele, dann sind wir raus, dann sind wir wieder da. Mein Abi-T-Shirt stinkt jetzt auch noch nach Fußballstadion. „Love Generation“ läuft nach dem Abpfiff, während ich die Treppenstufen in Richtung Bahnhaltestelle hinuterstapfe. Beim City-Döner in Mülheim klingt der Abend aus – am Ende geht es noch ab ins Freeland, zu schlechter House-Musik. Keine Ahnung, warum ich mir das in regelmäßigen Abständen gebe, weil ich mit dieser Musik rein gar nichts anfangen kann. Ich treffe Tobi, der zuletzt sechs Wochen in Australien weilte (Urlaub!) und in Bochum studiert. „Wie ist es ausgegangen?“, fragt er. „Dreieins“, sage ich. „Langweilig. Hast nix verpasst.“ Beim Hinausgehen vernehme ich ein paar Takte aus der „Love Generation“-Melodie. Wird Zeit, dass ich das Abi-Shirt endlich ausziehe. Am Horizont erblicke ich den Zeitungswagen. Was, ist es schon kurz nach vier?

Jetzt geht’s rein. Ins Bett. Und träumen. Von der Ersten Liga. Hintergrundmusik diesmal „Love Generation“; das war wirklich Musiküberflutung heute. Und träumen vom letzten Schultag 1997. Ja ich weiß, es war ’ne geile Zeit. Trifft aber nur auf die Abiphase zu. Und garantiert nicht auf die Zweitliga-Saison 2005/2006.

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