27. September 2003 – Gladbach-VfL 2:2 – „Alles aus dem Nichts

Der unten stehende Text hat etwas Historisches. Denn er beschreibt meinen allerletzten Aufenthalt im legendären Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach! Das Spiel zwischen der Borussia und dem VfL Bochum endete – unspektakulär – 2:2, aber wegen einiger Rückblicke ist der Text doch ganz lesenswert.

Hier ist der Blog-Eintrag, den ich „Alles aus dem Nichts“ nannte und mit der Unterzeile „Andis Abschied vom 70er-Charme des Bökelbergs – an einem merkwürdigen Nachmittag“ nannte:

Fußballer sind ja manchmal Sprach-Romantiker. Guckt Euch mal Nick Hornby an. Oder lest Euch das Buch „Verrückt nach Fußball“ von zahlreichen Stehplatz-Autoren durch. Naja, oder, hüstelhüstel, schaut Euch Euren Andi an, dem auch mal das eine oder andere lederkugelherzende Wort rausrutscht. Aber ein solch linguistischer Leckerbissen wie „STIEL DU FOTZE!“, darauf können nur intellektuelle Ästheten kommen. „Stiel Du Fotze“. Hilfe, wo bin ich denn gelandet?

Meine erste Begegnung mit dem Gladbacher Bökelberg liegt schon eine ganze Weile zurück. Es war im Oktober 1994, also genau vor neun Jahren, als ich mit meinem Bruder erstmals die Stehstufen dieses legendären Stadions mit dem Charme der 70er betrat. Netzer, Vogts, Heynckes, Hacki Wimmer; sie alle gruben hier den Rasen um, als ich noch nicht einmal ansatzweise im Bauch meiner Mutter an ihren Körpersäften nuckelte. Keine Ahnung, wie oft die „Elf vom Niederrhein“ (heutiger Fan-Song mit leicht knatternd-nervendem Möchtegern-Ohrwurm-Unterton) die deutsche Meisterschaft gewann, aber ja, wirklich, es war in diesem Stadion. Umgebaut wurde seitdem nix, irgendwann in den 80ern stellten irgendwelche schlauen Füchse ein Denkmal mit den Körpern von Netzer, Wimmer und Vogts in die Innenstadt; und seitdem hechelt der Verein den gehobenen Ansprüchen hinterher. Einmal Pokalsieger sind die Gladbacher seitdem geworden – sonst haben sie nichts gewonnen. Na das ist auch nicht mein Problem. Jedenfalls sind die Ansprüche der Gladbacher so hoch, dass sie glauben, ein 60 000-Frau-und-Mann-Stadion, das direkt nebenan entsteht, wäre gerade gut genug. Na klar hat Gladbach viele Fans, aber im Schnitt werden niiiiemals mehr als 35 000 kommen. Niiiiemals! Tja, und wer dann noch mit dieser Mannschaft auf den neunten Platz kommen will, der gehört endgültig in die Psychatrie für hemmungslos Optimistische.

Aber was will ich eigentlich damit sagen?

In dieser Saison spielt die Borussia letztmals am Bökelberg. Und genauso letztmals stehe ich also an diesem 27. September 2003 auf den Stehstufen der Südtribüne, Block 34. Es ist immer noch so steil und so gefährlich, dass ich erneut meine Schienbeinschoner und Schulterpolster vermisse. Viermal habe ich mit Bochum schon hier gespielt. Ein Sieg, ein Unentschieden, zwei Niederlagen – und die fielen mit 2:6 und 1:7 auch noch ziemlich heftig aus. Apropos 1:7: Das war eben jenes erste Spiel in Gladbach, im Oktober 1994. Der Kreis schließt sich.

Damals war Thommy, mein Bruder, auch dabei. Ich weiß noch: Jürgen Gelsdorf saß noch auf der Bank, und keine zwei Wochen später flog der mit einem 150-km/h-Arschtritt raus. Toppi kam, aber Bochum musste trotzdem wieder in Liga zwei runter. Aber das ist längst vorbei. Auf der Hinfahrt geht es an Rheinhausen vorbei, an Viersen, zwischendurch Krefeld, der Zug ist voll, Marrit (Thommys Freundin) begleitet uns bis kurz vors Stadion. Aber rein? Nee, darauf hat sie keine Lust. Sie ärgert sich ein wenig über die am Bahnhof hektisch werkelnde Polizei, aber geschenkt. Für erfahrene Stadion- und Demobesucher ist das bitterer Alltag. Tschuldigung, bitterster Alltag. Erstmals seit langer, langer, langer Zeit oder vielleicht sogar erstmals überhaupt fahre ich mit dem VfL in der 1. Bundesliga zu einem Auswärtsspiel und bin Favorit. „Es ist geradezu peinlich, wenn wir das nicht gewinnen“, ist der bestimmende Gedanke. Gladbach hat viermal in Folge verloren, dazu noch den einen Trainer (Lienen) etwas unsanft durch den nächsten (Fach) ersetzt. Wir stehen – siehe Hertha-Spiel – mitten im mittelsten Mittelmaß. Mein Telefon wird mal wieder zu einer vibrierenden Kommunikationsmaschine. Dirk aus München teilt per SMS mit, dass er „bei Oddset eine saubere 2 gesetzt hat“. Marc, ein Kollege aus Mülheim, möchte wissen, ob der VfB Speldorf den Trainer Kurth schon rausgeschmissen hat (Antwort: „Nee!“). Sam ruft an, und wir verabreden uns fürs Stadion, und Thommy, der mit Marrit noch ein wenig länger durch die niederrheinische Metropole schlenderte, möchte wissen, wo wir uns genau befinden. „Hinter dem Tor, zehn Meter links vom linken Pfosten, am Zaun. Und pass auf! Ist ganz schön steil hier!“ Ein Auswärtsspiel mit Sam – das ist nun wirklich eine Premiere.

Bis zum Anpfiff sinds noch ein paar Minuten. Sam erzählt, wie er von VfL-Manager Dieter Meinhold mit einem der französisch sprechenden Profis verwechselt wurde: „Ich bin mit meinem Hyundai am Ruhrstadion vorgefahren und wollte eigentlich nur parken, um mir ne Gladbach-Karte zu holen. Auf einmal haben die mich bis auf den Spielerparkplatz durchgewunken. Bin dann ausgestiegen – und dann kam der Meinhold und hat „BONJOUR“ zu mir gesagt.“ Hihi… kennt der seine eigenen Spieler nicht. Lässt ja tief blicken. Die Gladbacher Mannschaft ist an Namenlosigkeit nicht zu überbieten. Unser Trainer wird derbe ausgepfiffen, weil er den Gladbacher Trainerwechsel als „unseriös zum Quadrat“ bezeichnet hat. Die ULTRAS zünden eine Rauchbombe nach der nächsten und fühlen sich toll. Auch hier: geschenkt. Mittlerweile wäre es ein Gewinn, wenn sich die Ultras auflösen, oder mal was wirklich originelles einfallen lassen würden. Jeder der 18 Bundesligaklubs (außer Freiburg vielleicht…) hat jetzt einen dieser Fanklubs. Die Choreographien sind gleich, die Sprüche sind gleich, die Feinde sind immer die lokalen Nachbarn, irgendein Einpeitscher sitzt mit Megaphon auf dem Zaun, auswärts werden Rauchbomben gezündet. LEUTE, SEID KREATIV! Ihr fühlt Euch doch immer so toll! Lasst Euch was einfallen!!! „Und wo ist der Rest von Euch? Aufm Eierberg?“ lautet ein Gladbacher Transparent. Das zählt mal wieder zur Rubrik „Fußball-Sprachromantik“, löst aber doch einen gewissen Schmunzel-Reflex aus. Sam antwortet: „Wir haben wenigstens ein Rotlicht-Viertel“, andere stimmen etwas trotzig „Bochum-Eierberg, schalalalala“ an.

Gebt’s zu: Als Ihr auf das Ergebnis und die Länge des Textes geguckt habt, da sprang Euch bestimmt der Gedanke: „Man, war das ein geiles Spiel! Vier Tore! Und so viele Zeilen!“ ins Hirn. Nee, war’s aber nicht. Es war ein absolut merkwürdiges Gegurke, mit einer Mannschaft, die froh sein kann, wenn sie mit Glück 15. wird (Gladbach) und einer anderen (Bochum), die es in keiner Phase verstand, die Unfähigkeit des Gegners auch nur ansatzweise auszunutzen.

Alle vier Tore fallen aus dem Nichts, die beiden Torhüter Stiel und van Duijnhoven müssen nicht einmal ernsthaft eingreifen. NICHT EINMAL!!! Die besonderen Ereignisse beschränken sich darauf, dass wir (Sam hatte noch zwei Freunde dabei) in fünf Minuten eine Joghurt-Gum-Tüte leerfegen und dass Sam zwei Brezel verdrückt. Das ist’s auch schon. „Man wie schlecht“, sagt Thommy immerzu.

Halbzeit eins: Spiel fängt an; Thoddi Gudjonsson patzt am gegnerischen 16er, läuft dann 70 Meter neben seinem Mann (Sverkos) her, bis Oliseh ein Einsehen hat und den Sverkos derbe von den Beinen holt. Hmm… leider in Strafraumnähe das ganze, zack, Elfmeter, van Lent, 1:0. Wow, keine fünf Minuten hat es gedauert, bis der Gegner das Selbstbewusstseins-Oberwasser hat. In den restlichen 40 Minuten der ersten Halbzeit ärgere ich mich schwer darüber, keinen Schlafsack bei mir zu tragen. Unser Mittelfeld ist nicht vorhanden. Gudjonsson patzt am laufenden Meter, Zdebel und Oliseh sind gar nicht zu sehen, an Wosz läuft das Geschehen vorbei. Da fällt sogar der Vriesde, der für Fahrenhorst in der 15. Minute eingewechselt wird, nicht negativ auf. Und das bei Gladbach… einer Mannschaft, die zwar engagiert zu Werke geht, es nicht hinbekommt, den Ball über drei Stationen unfallfrei laufen zu lassen. Ein Tipp-Kick-Spiel. Langer Ball, abgewehrt ins Seitenaus. Einwurf, Zweikampf verloren. Ball in die andere Hälfte schlagen. Und von vorn, unglaublich hohe Fehlpassquote. Keine Bewegung, keine Spritzigkeit, Grottenkick. Spielnote 5, glatt.

Und das schlimme: In der zweiten Hälfte geht das genauso weiter. Dann Freistoß Oliseh, 60. Minute oder so, ich hab jedenfalls schon den Abpfiff herbeigesehnt, Momo Diabang mit dem Fuß, 1:1. Wie aus dem Nichts Teil 2. Es ist ein „Es hat keinen Sieger verdient“-Spiel. Und es ist ein 1:1-Spiel. Dann Freistoß Oliseh, selbes Spielchen, Kopfball Madsen, 1:2, ne Minute vor Schluss. Und wir haben noch gewitzelt: „Stellt Euch vor, jetzt machen die den rein und wir gewinnen das Dingen!“ Tja, das Dingen ist so gut wie gewonnen, aaaaber unser Abwehrtalent Anton Vriesde ist nunmal auf dem Platz. Der ist in der 93. Minute bei van Lents 2:2 das Ende einer grandiosen Fehlerkette. Zunächst passt der ansonsten beste Bochumer Kalla ohne Not zurück auf van Duijnhoven (Fehler 1), dann nagelt der den Ball völlig überflüssig ins Seitenaus (Fehler 2). Dann lässt irgendeiner, vermutlich Colding, den Ketelaer ungehindert flanken (Fehler 3) und schließlich steht Vriesde falsch (Fehler 4). Vier Fehler innerhalb von 20 Sekunden. Es passt zum Spiel. Nichts geht, irgendwie und Fehler über Fehler über Fehler. Auch auf den Rängen gehts 90 Minuten lang recht leise zu. Und doch, tja und doch nimmst Du einen Punkt mit.

Abpfiff. Tschüss Bökelberg. Nach Hause. Regionalexpress. Eine verkrachte Existenz treffen. Von ihr sagen lassen, wir hätten „unsere Füße in Tretstellung“. Mag nicht drüber nachdenken. Mitgefühl. Umsteigen in Duisburg. Text fertigmachen. Und das schnell. Jetzt geh ich nämlich ins „Pulp“ nach Duisburg, meine „Abhol-Kolonne“ kommt in fünf Minuten. Das 2:2 feiere ich dabei nicht. Auswärts einen Punkt geholt und mit nichts und niemandem zufrieden. Merkwürdig!

Darauf eine Cola!

Tschökes!

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