Und die kleine Anna lachte – Stuttgart-VfL – 9. November 2002

Zu dieser Zeit, im November 2002, datete ich Internet-Bekanntschaften, und las zum zweiten Mal in meinem Leben „Fever Pitch“ von Nick Hornby. Und dann begleitete ich den VfL Bochum nach Stuttgart, vergaß meine Jacke in einem ICE, zitterte bis in die Nachspielzeit – um dann mit meinem VfL noch das 2:3 zu kassieren. Buuh! Ich nannte den Blog-Text „Und die kleine Anna lachte“ und verpasste ihm die Dachzeile „Ballfieber. Eine von vielen Geschichten eines Fans“. Und es ist witzig, dass ich jetzt, knapp zehn Jahre später, wirklich – wie im Text prophezeit – ein „Teil des Profigeschäfts – als Sportreporter“ bin und eine Freundin habe.

Aber lest selbst:

– Ich verliebte mich in Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.

Wer diese Worte noch nie gehört oder gelesen hat, dem sei an dieser Stelle ein großer Vorwurf gemacht: Es sind einleitende Worte aus „Fever Pitch“, diesem fantastischen Fußball-Buch von Nick Hornby über Leute wie mich; über solche hemmungslos Irren, die ihren Mannschaften bis nach Pusemuckel hinterherreisen, die auch nach zig Jahren noch jedes Einzelne der zahllosen Spiele nacherzählen können, die so manchen Vornamen von Spielerfrauen kennen undundund. Hornby selbst schildert seine Biographie anhand von Fußballspielen, die er mit Arsenal London erlebte.

Hätte Nick Hornby nicht dieses Buch geschrieben, seid sicher, liebe Freunde, in zehn Jahren wäre das mein Werk gewesen.

Ballfieber. Die Geschichte eines Fans. Auf dem Einband hätte dasselbe gestanden wie bei Hornby. „Die verrückte Geschichte einer lebenslangen Liebe. Ein Fußballfan und sein Verein.“ Und mir wären genauso viele Philosophien über die Lippen gegangen wie Nick Hornby, die Fußballern und Nicht-Fußballern die Emotionen der Fans näher bringen.

Beispiele?

– Viele Fans sind wütend auf ihr Team oder die Anhänger des Gegners – und zwar richtig ausfallend wütend. Ich habe nie ein derartiges Verlangen verspürt; ich will nur allein sein, um nachzudenken, mich ein Weilchen im Selbstmitleid zu wälzen und die Kraft wiederzufinden, die nötig ist, um zurückzukehren und wieder von vorn anzufangen.

– Ich weiß, dass ich im Hinblick auf Rituale besonders blöd bin, aber das war ich schon immer, seit ich angefangen habe, zu Fußballspielen zu gehen, und ich weiß auch, dass ich nicht der einzige bin. Ich kann mich erinnern, dass ich mein Programm immer vom selben Programmverkäufer kaufen und das Stadion immer durch dasselbe Drehkreuz betreten musste. Es hat Hunderte vergleichbarer Kinkerlitzchen gegeben, alle dazu bestimmt, Siege für mein Team für garantieren.

Und folgendes Gefühl einer Niederlagenserie kenne ich auch ganz gut:

– Leuten zu erzählen, dass ich den gesamten Zeitraum dort war, verleiht einem selbst sieben Jahre später in gewissen Kreisen ein soziales Prestige. Letztlich lernte ich in diesem Zeitabschnitt mehr als in irgendeinem meiner fußballerischen Geschichte, dass es für mich ganz einfach nicht zählt, wie schlecht sich die Dinge entwickeln, dass Ergebnisse letztlich nicht viel bedeuten. Es gibt viele Fans wie mich. Für uns ist der Konsum alles; die Qualität des Produkts ist unerheblich.

Nick Hornby. Fever Pitch. Kaufen. Lesen. Die deutsche Fortsetzung habt Ihr grad auf Eurem Bildschirm.

Gut, gelesen hab ich Fever Pitch schonmal, ist aber Ewigkeiten her. Und getreu einem Auswärtsspiel-Ritual (siehe Hornby-Regel…) packe ich immer ein Buch mit ein. Heute soll’s das Kultbuch sein, und ich verstaue es in meinem Rucksack. Wieder was dazu gelernt: Beim 53. Auswärtsspiel setze ich erstmals einen Rucksack ein, samt Buch, Discman, CD´s. Die ersten Zeilen rühren auf, reißen mit, ganz wie eh und je.

Es ist merkwürdig. Meine Augen quillen aus meinem Gesicht hervor, kann sie kaum noch aufhalten vor Müdigkeit. Doch die Morgensonne beißt sich in der Pupille fest, brennt ein klitzekleines Loch ins Hirn. Andi, irgendwann, irgendwann wird alles vorbei sein. Hornby macht pathetisch.

Irgendwann kannst und willst Du es Dir nicht mehr erlauben, einfach mal einen Tag auszubüxen und quer durch Deutschland zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Nicht zuletzt, weil das eine Schweinekohle verschlingt. Irgendwann werde ich hoffentlich selbst Teil des Profigeschäfts sein; als Sportreporter. Irgendwann werde ich eine Freundin haben, in die ich mich „magenzusammenreißend“ (Hornby) verlieben werde und mit ihr so manchen Samstag verbringen. Also ist das heutige Spiel in Stuttgart eins von den besonderen. Denn irgendwann: das kann sehr bald sein.

Stuttgart, das Gottlieb-Daimler-Stadion! Danach fehlt nur noch Hamburg, bis ich die großen Stadien Deutschlands abgeklappert habe; aber die AOL-Arena ist Zukunft. Jetzt schaue ich erstmal raus, obwohl ich die Strecke aus dem Effeff kenne. Die Rheinstrecke übertrifft sich diesmal besonders an Schönheit. Der Zug ist leer, gaaaanz leer. Zum ersten Mal bei einem Auswärtsspiel stopfe ich mir die Stöpsel in die Ohren und lasse es sanft erklingen:

– Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …

Der Rhein ist voller als sonst. Der Novemberregen.

Es ist eine wunderschöne Fahrt, vielleicht die schönste bisher. Grönemeyers „Vollmond“ begleitet mich, Sven Regeners Stimme und Element of Crime; „Every breath you take“ von The Police. Bei soviel Genuss vergesse ich glatt die Regenjacke im Zug. Eine Müdigkeitsattacke überfällt mich zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Doch wer dieses Tagebuch aufmerksam verfolgt hat (Auswärtsfahrten nach Mannheim und München), der weiß auch, warum ich genau dort eingeschlafen bin…

45 Minuten habe ich mir gegeben, um die 500.000-Einwohner-Stadt Stuttgart zu erkunden. Also ganz unbekannt ist mir die „Schwaben-Metropole“ nicht. Anno 1999, beim Evangelischen Kirchentag wurde ich von meiner Tübinger Israel-Reisegruppe mitgeschleppt; außerdem war ich im selben Jahr bei der Sonnenfinsternis auch dort und bekam einen Teil der Uni zu sehen.

Im BAEDEKER beschließe ich eine Spaziergangroute, die ich mit erhöhtem Schrittempo bewältigen muss (Regen! Keine Jacke! Selbst schuld!). Tja, viel kann ich nicht sagen, denn in 45 Minuten lässt sich weder das Wesen der Schwaben noch einer ganzen Stadt erkunden. Aber durch Gerhard Mayer-Vorfelder, Erwin Teufel, die CDU und Mercedes-Benz bin ich extrem vorurteilsbehaftet. Und wenn die Leute auch noch so komische Sätze sagen wie „Isch des au die Krischtl wo ich mein das isch!?“ (hab ich wirklich gehört!), uuuuuuuhhh… Aber okay, der Schlossplatz ist im Sommer bestimmt ganz angenehm – und auch das Stadtbild (liegt im Tal und die Häuser sind wie in einem Amphitheater in die Höhe gebaut – schau nach beim norwegischen Bergen).

– Mein samstägliches Unwohlsein war dergestalt, dass ich darauf bestand, beachtliche zwei Stunden vor dem Anstoß im Stadion zu sein. Diesen Tick ertrugen meine Freunde mit Geduld und guter Laune. 45 Minuten vor dem Anpfiff war die Erregung so groß, dass jedwede Kommunikation unmöglich war.

Schreibt Hornby.

Und fragt meine Freunde – bei mir ist es genauso. Zwar nicht ganz so krass, aber eine bis anderthalb Stunden vorher bin ich auch immer auf den Stehstufen zu finden, und eigentlich nur noch für Smalltalk zu gebrauchen. Wenn ich was sage, kann ich mich hinterher meist nicht mehr daran erinnern (upps, jetzt habe ich mich geoutet…). Bratwurst rein, die Voll-Proleten tolerieren, die wie bei jedem Auswärtsspiel wieder da sind, und über die Aufstellung sinnieren. Bisher haben die einen so unverschämt guten Fußball gespielt wie seit UEFA-Cup-Zeiten nicht mehr. Und Stuttgart hat doch unsere Kragenweite! AUSWÄRTSSIEG, AUSWÄRTSSIEG brüllen die Brötchen.

Spiel Nummer 209 meiner VfL-Karriere. Der Anpfiff ist noch nicht ertönt, und schon gibt es Aufreger. Ohne Aufreger und ohne ein wenig Abenteuer wäre ein Fußballspiel nicht ein Fußballspiel und keine Fundgrube für Soziologie-Studenten wie mich. Stuttgarter Security-Affen fischen einen Fan heraus, der eine Rauchbombe zünden will (so scheiße find ich das gar nicht; er steht direkt unter mir). Zudem ist die Behandlung der Gästefans in Stuttgart mehr als diskriminierend. Eingepfercht in einen Käfig unter dem Stadiondach (ich hab mich gefühlt wie der Nymphensittich von meinen Freunden Tina und Helmut) bleibt dem Gast kein Blick auf die überdimensional große Anzeigetafel. Also ist er weder informiert noch nah am Spielgeschehen!

Oh je, dann betritt auch noch „Fritzle“ das Stadion, ein Krokodil; soll wohl das Maskottchen des Haufens sein. Und überhaupt: Warum müssen die an alles ein „-le“ anhängen? Gut, dass der VfL kein Maskottchen hat! Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, so etwas jemals einzuführen. Das ist doch nur was für die Vereine, die nicht genug Merchandising haben können und deren Fans ohne Maskottchen gar nicht so richtig in Stimmung können (Stuttgart, Bayern München, Leverkusen)!

Ihr wollt was über das Spiel hören?

Also die ersten 70 Minuten bibbere und zittere ich. IST DAS KALT OHNE JACKE!!!

Was da auf dem Rasen abgeliefert wird, ist einfach nur total grottig. Miserabel. Was ist bloß mit unseren Jungs los? Nix mehr mit Kurzpass-Spiel, Konterfußball, tollen Toren; der alte Trott! Tipp-Kick – und RAUS! Keine Torchance, nix. Da grenzt es schon an Gottschalksche Entertainment-Qualitäten, dass der Schiedsrichter über der Hälfte der eingesetzten VfL-Spieler die Gelbe Karte unter die Nase hält und wirklich jede Kleinigkeit abpfeift. „Gustl“, ehemaliger VfL-Torwart und jetzt in Stuttgart, wird gefeiert und JA, es gibt auch VfL-Fans in Schwaben. Einer davon ist total voll, steht neben mir und ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Schwäbisch UND besoffen ist eine tödliche Mischung. Der Typ beschäftigt sich mit Anna; die ist schätzungsweise acht und erstmals im Stadion. Anna lacht. Immerzu und immerzu.

Wäre ich doch in der „Staatsgalerie“ in die Impressionisten-Ausstellung gegangen.

Dann Christiansen. 1:0.

Hä?

Wie geht das denn?

Ich beschließe, bei einem Sieg entgegen meiner sonst so ausnutzenden Art kein Wort über den VfL zu verlieren. So eine schlechte Leistung kann doch nicht belohnt werden. Kaum den Gedanken zu Ende gedacht – Ganea, 1:1. Meine Jungs sind echt berechenbar. Kaum Hoffnungen gemacht, direkt gibts einen rein.

Dann Schindzielorz. 2:1.

Hä?

Wie geht das denn?

Erst 70 Minuten nix und dann drei Tore in zehn Minuten; unglaublich. Gegenzug. Fahnen wehnen, wie schon die ganze Zeit vorher. Die „Ultras“ scheinen einen Wettbewerb „Wer kann am längsten mit einer Fahne wehen und damit vielen anderen Fans die Sicht verdecken?“ auszutragen. Der Ball fliegt durch die Luft, ein Pfiff, ein Fingerzeig, Elfmeter. Ja warum das denn? Kalla protestiert, Colding auch. Ganea. 2:2. Ja gibt’s denn das?

V – f – B und V – f – L! Jetzt ist Feuer drin.

Letzte Minute. Letzte Flanke.

ABSEITS!!!

Das ist doch ABSEITS!!!!!

Ganea. 3:2.

Verloren.

Ganea. Einer von denen, die 31 Spieltage lang aus zwei Metern das Empire State Building nicht treffen würden, und an drei Spieltagen jeweils drei Tore in einem Spiel schießt. Und heute war einer von diesen drei Spieltagen. Der GANEA!!!

Fünfmal pro Tag (höchstens!) gibt es eine Direktverbindung per IC von Stuttgart nach Mülheim. Ich erwische eine davon; pflanze mich in einen Raucher-Großraumwagen, höre die Hosen.

– Steh auf wenn Du am Boden bist.

Schreibe SMS, sinniere über das Spiel, über diesen saublöden Elfmeter, die möglichen KICKER-Noten für die VfL-Spieler, die Nachspielzeit, die Stadt Stuttgart und mein hoffentlich bald magenzusammenreißendes Leben.

Irgendwann werden Tage wie dieser nicht mehr möglich sein. Dann werde ich der lachenden Anna nicht mehr zuschauen.

Ich werde diese Zeit irgendwann vermissen. Sehr vermissen.
Heute ist mir das bewusst geworden.

Und genau deshalb war der Tag in Stuttgart bei aller Nachspielzeit ein besonders schöner.

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