Die leise Freude mit Uncle Ho – 23. August 2003, VfL-Bayer 1:0

Am 23. August 2003 besuchte ich mit einigen Freunden das wirklich sehenswerte Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und Bayer Leverkusen (1:0) und berichtete darüber für mein Blog.

So geht der Text:

Reißt die Arme hoch, brüllt einmal laut „Juhuuuu“ und atmet tief durch… und? Wie geht es Euch jetzt? Okay, kann verstehen, dass dies vor dem Computer-Bildschirm nicht viel Sinn macht; aber nun stellt Euch eine überstandene mündliche Prüfung vor, eine geglückte Bestellung bei McDrive, einen pünktlich eingetroffenen Regionalexpress.

Und dann? Arme hochreißen, „Juhuuu“ brüllen und durchatmen. Und genau jetzt wisst Ihr, was ich am 23. August um 17:19 Uhr und genau 30 Sekunden getan habe.
Keine 31 Stunden ist es her, da setzte mein Bruder Thommy seine beiden Füße auf das Gelände des Düsseldorfer Flughafens. Geschafft nach vier Wochen Vietnam, nach Massen von Eindrücken, nach Inspirationen für seine Subversions-Doktorarbeit. Und nun sitzt er mir gegenüber im Regionalexpress von Mülheim nach Bochum. Er ist Gast im Früh-übt-sich-wer-seinen-Teil-zur-subversiven-Literatur-der-Gegenwart-Kapitel der Andi Ernst´schen Homepage. Herzlich Willkommen und guten Abend. Hey, der Thommy hat mir ein tolles Geschenk mitgebracht, und das ziert auch gleich meinen Body: Ein sensationelles Vietnam-Trikot mit der Rückennummer 10 drauf und der roten Flagge mit dem gelben Stern. Dafür hab ich das Kalla-Shirt glatt in meinem Schrank gelassen. Mein blau-weißer Schal muss als Liebesbeweis pro VfL reichen. „Oh man hab ich das vermisst“, sagt Thommy und lacht. Er freut sich wirklich auf das heutige Spiel. Genau wie ich, der kleine Revolutionär. Derjenige, der nun auch ein Ho-Chi-Minh-Poster zu Hause hängen hat. Neben Che Guevara, Bob Marley, Kurt Cobain sowie Marx+Lenin (noch so ein Vietnam-Poster)… huihuihui… Das Spiel, ja genau. „Du bist ganz schön relaxt, an einem Tag, an dem Dein Verein spielt“, stellte mein Kumpel Helmut morgens am Telefon fest. Er wird mich wie zuletzt so oft ebenfalls begleiten, und er hat recht.

Nervosität ist nicht da, Schweißperlen auch nicht.

Geschlafen hab ich überraschend gut.

Und Thommy freut sich. Uncle Ho in seinem Mausoleum in Hanoi vermutlich nicht. Aber er ist dabei. Irgendwie in diesem Trikot.

Es gibt viel aufzuarbeiten. Das Spiel in Wolfsburg. 2:3. Das Spiel gegen den HSV. 1:1. Das Spiel bei den Bayern. 0:2. Erst einen Punkt geholt, aber nie wirklich schlecht gespielt. Das gibt Hoffnung. Aber wenn heute kein Sieg gelingt… ach was, das geht schon gut. Aber obwohl: Leverkusen ist Tabellenführer. Mal ein ganz anderes Gefühl. Letztes Jahr haben wir noch den Toppi abgeschossen und konnten Bayer per Sprechchor in die zweite Liga singen – und nun? Nix da, die sind optimal gestartet. Hülfe! So richtig zu spüren ist das im Regionalexpress (der direkt aus Leverkusen kommt) aber nicht. Gerade einmal zwei Hände voll (und das ist nicht einmal stark untertrieben) Bayer-Fans tummeln sich drin. Aber das ist für diesen Verein, den nun mal wirklich gar keiner in Deutschland leiden kann, schon eine Fan-Invasion.

Thommy hat noch einen Uni-Kollegen dabei (er möge mir verzeihen, dass ich mir – ein bisschen nervös war ich dann doch – seinen Namen nicht gemerkt habe; Harry oder so?), und wir alle lachen über eine SMS von unserem Freund Dirk aus München. Der steht gemeinsam mit Ex-Profi Jürgen Rollmann vor dem Münchner Olympiastadion und verteilt Flyer für die SPD. Die bayrische Landtagswahl steht an, und Rollmann ist Kandidat… Wie geil ist das denn? Das schreit nach lustigen Geschichten, ansonsten hätte der Dirk das wohl kaum mitgemacht. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist zwar erst der vierte Spieltag, aber ein gewisses Kribbeln im Bauch kann ich nicht verhehlen. Ich freue mich richtig auf dieses Spiel. Und es ist eine der schönsten Arten von Freude. Eine stille Freude. Du schwitzt nicht, weil Du´s kaum erwarten kannst. Du zitterst nicht, weil Du nervös bist vor Freude. Du bist nicht völlig konfus vor Freude, weil es um alles oder nichts geht. Nein, das alles nicht. Es ist eine innere Freude. Sie ist da, weil Du weißt, dass etwas ganz Besonderes kommt. Und wenn dieses Besondere nur ein stinknormales VfL-Heimspiel ist. Ein dauerhaftes Wärmekissen im Bauch. Der warme Luft steigt hoch in Deinem Körper. Fühlst Dich wohl.

So früh da wie immer. Punkt 14.30 Uhr. Ich liebe diesen Zeitplan. In Ruhe ne Cola trinken, dann noch das doch sehr schmucke und gestern eröffnete Stadioncenter beobachten. Meine Insiderkenntnisse über die einzelnen Etagen sitzen wie ne Eins in meinem Gehirn, und ich kann Thommy und Helmut gegenüber richtig glänzen. Sitzen? Ja, auch Uncle Ho und die Vietnam-„10“ passen noch perfekt. Kommt nicht mal ein dummer Spruch. Wie geht wohl der Streit zwischen den Ultras und dem Fan-Rest aus dem Hamburg-Spiel weiter? Stadionzeitung in der Hand. Michael Bemben schreibt im Steckbrief, dass er es blöd findet, dass man nach Torerfolgen das Trikot nicht mehr ausziehen darf und dass er die Regel gern geändert sähe. Der muss es gerade sagen, mit seinen zwei Toren in sechs Jahren VfL!!! Die innere Freude bleibt, und die „Ultras“ halten sich merklich zurück. Sind doch lernfähig, die Jungs. Gerd kommt heut nicht. Ist auf ner Tagung. Aber doch, am Horizont, er kommt näher und näääher… Jawoll, der Sam feiert Saisonpremiere. „Junge, wo warste vor zwei Wochen?“ „In Portugal im Urlaub!“ „Bist ganz schön braun geworden…“ Find ich echt klasse, sowas mal zu sagen, weil´s der Sam (dunkelhäutig, für alle Nicht-Tagebuchler) nicht übel nimmt. Begrüßung des übrigen Fan-Rests. Man kennt sich immer besser und besser, hach, ich bin zu Hause; bald lass ich meine Post hierhin schicken. Andreas Ernst, Block P rechts, direkt am Aufgang, Ruhrstadion, Bochum. Ja DAS ist doch mal ne Adresse. Das kann nur gut gehen. Der Thommy freut sich, weil er den VfL auch sehr vermisst hat (ich merk´s), ich freu mich, weil die innere Freude einfach riesengroß ist, und Helmut freut sich auf ein schönes Spiel zweier offensiver Mannschaften.
Und enttäuscht werden wir alle nicht.

Während der Woche hat unser Trainer die Jungs ganz schön angetrieben. Hat jedem Journalisten „Das gewinnen wir ganz sicher“ in den Block diktiert. Total überzeugt. Dabei hat Leverkusen fünf Spiele in Folge gewonnen, und spielt in Bestbesetzung. Mit Lucio, Schneider, Ramelow, Neuville. Immerhin vier Spieler, die im WM-Finale 2002 von Beginn an dabei waren. Doch bei uns spielt ja Philipp Bönig. Who the fuck is Lucio?

Doch wer lacht da über Bönig??? Zweite Minute, Bönig-Ausflug nach vorn, Schuss, Butt zur Ecke. Ja hoppla, das geht ja gut los. Und gut weiter. Eine tolle erste Halbzeit liefern die Jungs ab. Richtig überzeugend ist das. Blitzsaubere Zweikampfbilanz, eine niedrige Fehlpass-Quote, eine sattelfeste Abwehr und kombinationssichere Mittelfeldspieler. Das Resultat: Der VfL ist so haushoch überlegen, dass der Sitzplatzblock A fast die gesamte erste Halbzeit steht, und das Anfeuern leicht fällt. Hier muss kein Funke von irgendwem auf irgendwen überspringen, es sprüht so sehr hin und her, dass die Brandgefahr hoch ist. Indes… die Tore fallen nicht. Wosz versucht´s per Kopf. Vorbei. Madsen umkurvt Butt… schießt… vorbei. Ein Freistoß von Bönig – Butt lenkt die Kugel an den Pfosten. Chance über Chance. Torlos zur Pause. Die Leverkusener torkeln in die Kabine. Schwach, ganz ganz schwach. Und dazu hat der Ramelow bewiesen, warum er prädestiniert dafür ist, das Bayer-Trikot zu tragen. Denn den kann ähnlich wie seinen Verein auch keiner leiden. Sonderlich daran interessiert, diese Tatsache zu ändern, ist er nicht. Er verweigert es sogar, den Ball ins Aus zu spielen, obwohl ein Gegner verletzt am Boden liegt. Pfui. 0:0 zur Pause, Applausapplausapplaus. „Sag mal Sam“, fragt Thomas. „Ist Portugal nicht so ein blödes patriarchalisch-katholisches Land, in dem die Frau gar nichts zählt?“ „Ja und? Was ist daran schlimm?“ Riesen-Gelächter. Keine Tanzgruppe heute. Und: Auch kein Streit mit den Ultras. Ich sagte doch: Innere Freude. Sie bleibt.

Zweite Halbzeit, Dirk verteilt noch immer Flyer, Gerd tagt irgendwo in Dschörmenie, und Leverkusen bemüht sich darum, den Ball wenigstens einmal alle fünf Minuten in die gegnerische Hälfte zu passen. Es reicht sogar – oh Wunder – zu ein/zwei Torschüssen, und direkt beginnen ernsthafte Diskussionen… jaja, es rächt sich doch immer wieder, die Chancen nicht zu nutzen. Klarste Dinger nicht reingemacht. Liegt’s am Christiansen? Dass der weg ist? 0:0, kann doch nicht sein. Ecke um Ecke, irgendwann Nummer sieben. Wieder kurz ausgeführt. Wosz… Zdebel am Sechzehner, „schiiiiiiiiiiiiiieß“… abgefälllllllllllscht, DRIN!!!!! JUHUUUUUUUUUUU!!!!!!!!! JUHHHHHUUUUU!!!!! HO-HO-HO-CHI… nenee, das ist ein anderes Thema… „Torschütze mit der Nummer acht: TOMASZ?“““““ „ZDEBEL!!!!!“ Wurd auch Zeit. Und ausgerechnet dieses scheißabgefälschte Gurkending geht rein. Manmanman. Geht gar nicht.

Der Rest eines wirklich guten und spannenden Fußballspiels geht schnell rum. Zittern ein bisschen, hoffen bei einigen Kontern, doch wie würde es im Grand Prix Eurovision bei der Punktvergabe lauten? „Bochum: Three points!“
Beim Abpfiff scheint sogar die Sonne. Die Mannschaft kommt zur Welle in die Ostkurve, unser Trainer kriegt wieder seine Sprechchor-Extrawurst, ach wat habbich et vermisst. Dirk funkt nur ein „SUPER“, wobei ich nicht weiß, ob er den VfL oder Jürgen Rollmanns Eskapaden meint. VfL Bochum eins Bayer Leverkusen null. Lasst mich meine Freude nicht so öffentlich zur Schau stellen wie sonst.

Ich freu mich heute mal ganz leise, nur so für mich.

Juhuuuuuu.

Aber gaaaanz sachte. Sind ja noch 30 Spiele. Vier Punkte sindn Anfang.

Eins ist jedenfalls klar: Uncle Ho darf mich beim nächsten Mal wieder begleiten!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Blog - damals, Bochum, Fußball, Ruhrgebiet, VfL Bochum, Weitere Texte abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *