Grunewaldstraße, Berlin-Steglitz

Am 7. August 2004 begleitete ich den VfL zu einem Auswärtsspiel nach Berlin. Der VfL erreichte am ersten Spieltag der Saison 2004/2005 ein 2:2. Die Saison mit dem unvergesslichen Edu-Fehler beim 1:1 gegen Lüttich, die Saison, die mit dem Abstieg endete, was niemals hätte passieren dürfen. Jedenfalls erlebte ich das 2:2 in Berlin an einem wundervollen Sommertag, mit einem Ausflug in meine jüngere Vergangenheit. Aber lest selbst.

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Eigentlich müsste gleich so ein Chinarestaurant kommen. China-Kaiser oder so ähnlich. Ein ziemlich dämlicher Name für ein chinesisches Restaurant, wenn Ihr mich fragt. Und da hinten, gleich hinter der Kreuzung, da ist das Ristorante „La Fattoria“. Hat sich nix geändert hier. Ist bloß 45 Grad wärmer. Vor dreieinhalb Jahren stieg ich das letzte Mal im U-Bahnhof „Rathaus Steglitz“ aus der U9. Schritt ich das letzte Mal über den Bürgersteig der Grunewaldstraße. Sah ich das letzte Mal die Hausnummer 27. Zog ich das letzte Mal wärmend eine Wollmütze über meine Ohren. Ich habe es nicht vergessen. Ich werde es nicht vergessen. Der Winter rund um den Jahreswechsel 2000/2001, mit jungen 22 Jahren wollte ich die Welt erobern. Und mehr als das. Im Internet suchte ich nach dem großen Glück; und fand es, bei einer jungen Studentin, geboren in Uelzen, und nun in Berlin. Viermal bin ich hingefahren, einmal als Tagesausflug, dreimal für drei Tage. Viermal so fühlen, als würde ich nach Hause kommen. Viermal überhaupt fühlen. Umkleidekabinen bei H&M, der Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz, die Mensa der FU, und immer wieder der U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Never forget. In diese Zeit fiel mein schlimmstes VfL-Erlebnis, das 0:1 im Pokal gegen Union Berlin, auch das noch. In diese Zeit fiel das Ende. Irgendwie. Sollte irgendjemand mal auf die Idee kommen (wie einst bei Tucholsky) und eine leichte Sommergeschichte á la Schloss Gripsholm bei mir in Auftrag geben, ich werde garantiert über diesen Winter schreiben. Und es würde eine gute, aber traurige Geschichte.

Ganz bestimmt kein „Sommernachtstraum“. Sommer haben wir zwar, aber nachts ist es zurzeit viel zu heiß zum Träumen. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ein „Sommernachtstraum“ hieß neulich eine Folge meiner Lieblings-Kinderpuppensendung „Hallo Spencer“, die derzeit im Kinderkanal wiederholt wird (‚tschuldigung, sind halt Semesterferien), und Spencer begrüßt doch immer so schön: „Hallooo liebe Freunde, von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden nach Süden und von Osten bis Westen – hier bin ich wieder!“ Und gibt es eine schönere Einleitung für ein neues VfL-Tagebuch, für das vierte auf dieser Homepage? Das letzte Spiel gegen Hannover, diese unvergessliche Begeisterung, das ist erst vor zweieinhalb Monaten gewesen. Unser letztes Spiel in Berlin, dieses wahnsinnig wichtige und fast schon uefacupvorentscheidende 1:1 im März liegt lediglich fünf Monate zurück; und doch: es ist alles anders. Fast alles.

Gleich ist nur noch die Uhrzeit, mit der ich morgens Mülheim verlasse. 8.55 Uhr aus dem Haus, 9.05 Uhr mit dem Regionalexpress nach Essen, 9.23 Uhr nach Berlin. Wieder zehn Minuten Verspätung. Wie fast immer. Schon seit Tagen plagen mich ganz bestimmte Symptome: zunehmende Schlaflosigkeit, Bauchgrummeln beim Anblick des VfL-Schals, nervöses Rumgezucke beim Erblicken des ARD-Sportschau-Trailers. Und es wird schlimmer von Tag zu Tag. Ein Arzt könnte da nicht helfen. Er hätte keinen Rat, kein Rezept, kein Medikament. Es gibt nur eine Diagnose: Der Saisonstart steht vor der Tür. Zum 42. Mal wird ein deutscher Bundesliga-Meister ermittelt, und wir, wir kleinen Popel vom VfL Bochum wollen der Liga ein weiteres Mal die Nase stopfen. „It´s a very very mad world“. Mit diesen Worten hat mich Michael Andrews per Radio auf die Reise geschickt. Sie begleiten mich wie der feine Duft eines Marzipan-Croissants. Obwohl ich – ganz nach der Andi-Auswärtsspiel-„Verfassung“ – die Zugfahrt mit „Slave to the wage“ von Placebo beginne. Obwohl ich WAZ und taz lese. Obwohl ich immer mehr Gründe finde, warum alles anders ist. Es ist eine neue Saison, klar. Wir aber sind Uefa-Cup-Teilnehmer. Im letzten Jahr, da fuhr ich mit der Gewissheit nach Berlin, dass wir noch ein paar Punkte bis zur ominösen 40 brauchen. Und jetzt? Fünf Monate später haben wir zwar Freier, Fahrenhorst und Hashemian nicht mehr, darüber aber viele gute Neuzugänge, spielen international, und verdammtnochmal, das muss sich doch im Selbstvertrauen niederschlagen. Und tut’s auch. „Wir fahren nirgendwo mehr hin, nur um einen Punkt zu holen“, brüllt mir unser Trainer aus der WAZ entgegen. Recht so! Per sms schickt mich Dirk aus München „zum 2:1-Auswärtsdreier“. Hey, Hertha wäre fast abgestiegen, wir sind …

… siehe zwei Zeilen vorher. Erklär mir einer die Oddset-Auswärtssieg-Quote 4!? Soll mir recht sein, wenn wir immer noch unterschätzt werden. Was anderes, was anderes, was anderes… genau, ich erlebe Berlin zum ersten Mal im Sommer. Juni, das war bisher das höchste der Gefühle, aber Sommer? Diese Stadt, die auf dieser Homepage bisher so gut behandelt wurde wie keine andere außerhalb des Ruhrgebiets; macht sie im Sommer einen Unterschied? Und zuletzt, jawohl, es ist mein erster gefühlter Urlaubstag. Kein Alltag, der mich quält, keine Uni, die mich mit Vorlesungen nervt. Beim letzten Mal, im März, da hatte ich meine USA-Reise frisch gebucht. Jetzt steht sie unmittelbar bevor. „I want to get away, i wanna fly away“, trällert mir Lenny Kravitz ins Trommelfell, und yes, das ist es. Berlin im August 2004. Ich bin dabei. Ich bin der Andi, schönen guten Tag, ich erobere die Stadt, und nehme drei Punkte für meinen VfL mit. Jawohl! Noch ist die Gegenwart derweil nur der ICE.

Klimatisiert. Neben mir im Zug sitzt ein junges Pärchen, so um die 18/19. Die beiden blättern im Matador, einem Playboy-Verschnitt, und diskutieren lautstark über Vorzüge von bestimmten String-Tangas. Im eher konservativen ICE-Publikum kommt das natürlich besonders gut an. Im Gegensatz dazu ernten die immer mal wieder vorbeitrampelnden VfL-Fans begeisternde Blicke… Ich bin müde. Verschlafe die Strecke zwischen Bielefeld und Hannover. Die Schlaflosigkeit der letzten Tage, jajaja, jetzt muss wieder der ICE herhalten.

Lange habe ich überlegt, wie ich mich wohl kleiden soll. Kurze Hose? Wär ne gute Idee gewesen, nur meine einzig geeignete ist schon total schweiß-versickt. Also lange Hose, aber welches Trikot? Oder nur ein ganz normales T-Shirt? Nun ziert das Dänemark-EM-Trikot mit „21“ und „Madsen“ hintendrauf meinen Oberkörper. Das ist pro VfL und doch nicht direkt auffällig. 13.20 Uhr. U9 Richtung Rathaus Steglitz. Meine Freunde Tina und Helmut sind grad in Dresden. Dynamo gegen den MSV Duisburg. Spielstand 0:0. Spazieren gehen. Der Berliner Jugend beim nachmittäglichen Fußballspiel in einem Bolzplatz-Käfig zuschauen. U9 bis Bundesplatz. S-Bahn Richtung Gesundbrunnen bis Westkreuz. Wieder umsteigen. S-Bahn bis Olympiastadion. Ich spule die Meter automatisch ab, fast ohne Blick auf irgendeinen an den zahlreichen Haltestellen hängenden Plänen. Es ist fast schon meine Stadt (dieser Satz taucht in jedem Berlin-Text auf dieser Homepage auf, tut mir leid…), dazu noch mein Wetter, und mein Verein spielt.

Und doch lasse ich Steglitz hinter mir. „Mad World“ von Michael Andrews wieder im Hinterkopf. Verrückte Welt. Winter 2000. Minusgrade. Selbe Strecken. Nun: Plus 33 Grad zeigt ein Thermometer an irgendeinem Hochhaus an. Der MSV geht gerade in Führung, als ich das Olympiastadion ohne größere Komplikationen betrete. Der Umbau ist beendet, vor einer Woche war die große Neueröffnung, Innenminister Schily pries das Stadion als „das schönste der Welt“. Naja, da hat der gute Otto ein wenig hoch gegriffen. Groß, architektonisch reizvoll; aber eben kein reines Fußballstadion, eher für repräsentative Zwecke wie eben Pokalendspiel, Länderspiele, Olympische Spiele oder Konzerte geeignet. Not more.

Das Bauchgrummeln steigt. Die Spieler kommen. Warmlaufen. Tunnelblick. Jeder Fußballer kennt das. Jeder Fußballfan kennt das. Der Tunnel. Der Blick geht stur geradeaus. 45.000 Menschen um dich rum, zahlreiche Lautsprecher verkünden Werbebotschaften, auf der Anzeigetafel flackern die Aufstellungen, egal. Du schaust durch alle anderen Fans hindurch, fühlst dich nicht angesprochen, willst nicht angesprochen werden, alle sind dir egal und doch gleichzeitig so wichtig. Du fühlst dich so alleine wie in einem einsamen Verließ in Draculas Schloss und doch so geborgen wie in einer großen Großgroßgroßfamilie. Alltag eines Fußballfans. Und vor dem Saisonstart ist das Alltag zum Quadrat. Also alle Emotionen doppelt so schlimm.

Alles anders hatte ich gesagt. An ein paar neue Gesichter muss ich mich wohl noch gewöhnen. Wobei… Lokvenc ist der größte; also gut zu erkennen. Preuß und Bechmann – die Blonden, auch leicht. Knavs und Maltritz wird schon schwieriger. Misimovic und Trojan sind auf der Bank. Wow, von 17 Spielern im Kader sind sieben neu. Reife Leistung, Herr Neururer. Die Diskussionen kreisen um das Stromausfall-Spiel zwischen Bremen und Schalke gestern Abend, das 65 Minuten später anfing. Ob unsere wohl auch 65 Minuten Anlaufzeit brauchen? Ich nehme nichts mehr wahr. Wer sitzt neben mir? Ich weiß es nicht. Welches Lied läuft beim Einmarsch? Okay, „Nur nach Hause gehn wir nicht“ von Frank Zander, das ist so penetrant nervig, das weckt selbst Tote auf. 15.32 Uhr deutet die Uhr auf der Tafel an. Schiri Merk pustet. Vorhang auf. Willkommen. Geschafft. Zweieinhalb Monate Sommerpause sind vorbei. Geschichte. Endlich abgehakt. Die Leidenszeit hat ein Ende. Mal ehrlich: Die EM war doch nur ein billiger Zeitvertreib im bundesligalosen Juni. Jaaaa. Jaaaa. Jaaaa. Jaaaa. Beide Mannschaften passen das Bälleken in den eigenen Reihen hin und her. 5. Minute, Freistoß für den VfL aus der Halbposition. „Wow, da waren wir doch so stark“, denke ich, denken wir alle. Zdebel läuft an und versenkt die Kugel in der Mauer. Und den Nachschuss verstümpert er so richtig. Konter. Marcelinho, Steilpass auf Gilberto. Der geht noch zehn Meter und haut das Ding feste rechts unten rein. „Tooooor“ aus 43.000 Kehlen, der Schall fliegt aus allen Richtungen des Stadions Richtung VfL-Kurve, Richtung Andi, Richtung Trommelfell. Ein Schall, der schmerzt, eine Lautstärke, die beißt wie ein Hund auf Nahrungssuche. „1:0 Gilberto. Super.“ Mehr bringe ich per sms an meine Freunde nicht raus. Wie vor einem Jahr in Wolfsburg. Die Saison hat noch nicht angefangen, schon haste einen drin. Und das durch einen blöden Standardsituationskonter. Dämlich. Dämlicher. VfL-Abwehr. Und was folgt, ist katastrophal.

Katastrophaler. Am katastrophalsten. Unsere Taktik funktioniert überhaupt nicht. Taktik bedeutet, dass alle zehn Feldspieler dieselbe Ausrichtung erfüllen. Und das geht bei uns gar nicht gut. Was haben die in der Vorbereitung gemacht? Skat gespielt? Der Bönig links in der Viererkette ist so nervös, der läuft sogar einmal mit dem Ball ins Seitenaus. An Zdebel läuft nach dem 0:1 das Spiel völlig vorbei. Lasch. Behäbig. Wenig Laufbereitschaft. Hat der Grippe oder was? Nimm den raus!! Unsere Innenverteidiger Knavs und Kalla sind noch nicht aufeinander abgestimmt. Lokvenc hat überhaupt keine Bindung zum Spiel und kriegt keinen Pass. Da stimmt hinten und vorne nix. Nicht mal die taktischen Grunddinge wie das „Verschieben in Richtung des Balles“ Zum Beispiel Madsen. Der hält den Ball dreimal hoch, und verliert ihn dann wehrlos an Wichniarek. „Erschreckend“, funke ich zu Helmut, der mir andersrum mitteilt, dass der MSV noch 1:3 verloren hat. Hihi, dann wäre eine VfL-Niederlage nicht ganz so schlimm…

Aber diese VfL-Pleite deutet sich schon nach zehn trostlosen Minuten an. Mit welcher Taktik spielt Neururer eigentlich? 4-4-2? Nee. Vier Mittelfeldspieler auf einer Linie? Quatsch, Wosz ist eindeutig Spielmacher. Also 4-3-1-2? Drei defensive Mittelfeldspieler? Hmm… dafür spielt der Preuß aber rechts ganz schön offensiv. Also wie gewohnt 4-2-1-3? Na, also so offensiv auch nicht. Die Aufgabenverteilung stimmt so wenig, dass Hertha leicht zu einem Übergewicht im Mittelfeld kommt. Hertha ist nicht stark. Aber wir, wir sind schwach. Wichniarek, Marcelinho und Bobic haben das 2:0 auf dem Fuß, das Marcelinho eine Minute vor der Pause mit seinem zweiten Versuch endlich besorgt. Und wieder: Fehler über Fehler. Erst gewinnt Hartmann gegen den drei Köpfe größeren Maltritz ein Kopfballduell. Dann marschiert Mazzelinho 20 Meter lang durch die Bochumer Spielhälfte; legt sich den Ball fünfmal vor, als wolle er sagen: „Hier, nehmt ihn Euch. Ich will kein Tor schießen, heute nicht.“ Doch kein Bochumer stört, und dann scheppert es. Im Winkel. 0:2 zur Pause. Gefühlt 0:5. In der Kurve sagt keiner was. Selbst ein Werder-Fan, der sich während des Spiels geoutet hat, schweigt anstandshalber. Hui, wie schlecht.

Die ganz miesen Bönig und Zdebel gehen raus, Edu und Bechmann kommen. Wiederanpfiff, und es bleibt schlimm, schlimmer, am schlimmsten. Weiterhin Fehlpässe. Missverständnisse. Taktik wird jetzt klarer. 4-2-1-3. Aber der Bechmann versteckt sich rechts vorn. Nicht, dass er schlechter spielen würde als Freier im letzten Jahr, aber er fordert den Ball nicht. Im Gegensatz zu Preuß, der als einziger der Neuen wenigstens im Ansatz überzeugt. 60. Minute, die nächste Frechheit von Madsen. Ohne Not verspielt er in der eigenen Hälfte den Ball. Gilberto allein vor van Duijnhoven, abgewehrt, Nachschuss Marcelinho, Pfosten. Der Matchball für Hertha. Ich trau mich kaum noch, auf den Platz zu sehen. Schüttele den Kopf. Schimpfe. Fluche. Sogar auf türkisch, was ich von meinen Galatasaray-Freunden aufgeschnappt habe. Nichts deutet auf einen Sieg. Nichts. Vielmehr droht der letzte Platz am ersten Spieltag. So schwach hätte ich uns wirklich nicht erwartet. 0:2. Immer noch. Ich vertreibe mir die Zeit. Gucke in die Luft, drehe Däumchen, als würde ich „trallalitrallala“ singen, schaue mich in der Kurve um, sehe das neue Trikot des Ultra-Megafon-Manns, der heute kein Megafon bei sich trägt. Dann 66. Minute, Freistoßflanke Wosz aus halbrechter Position, Kopfball Kalla, 1:2. Geht’s? Kaum einer traut sich richtig zu jubeln. Erste Chance, erstes Tor. 65 Minuten Stromausfall bei der VfL-Mannschaft. Bei den Fans. Jetzt wird es laut. Auf einmal. V-F-L, V-F-L, V-F-L. 240 Sekunden später. Flanke in den 16er. Friedrich gegen Lokvenc. Harter Zweikampf. Dann pfeift Doktor Merk. Und gibt Elfmeter. Das geht gar nicht. Wir kriegen einen Elfmeter? Seit über einem Jahr warten wir darauf. Warum? Keine Ahnung. Foul, Hand, was auch immer. Der Merk wird schon richtig liegen. Madsen, links oben, 2:2. In vier Minuten das Ding auf den Kopf gestellt. Zwei Standardsituationen reißen uns raus. Und es ist noch mehr drin.

Hertha liegt jetzt völlig am Boden, ist fix und fertig. Aber unsere Jungs belassen es bei einem Unentschieden. Ein Punkt geht mit nach Bochum. Ich schwitze. Heiß. Spannend. Fußball. Die erste La-Ola-Welle der neuen Saison. Und Neururer feiert doppelt so schön. Der Jubel der Kurve ist für ihn eine Droge. Er genießt es, die 1500 Bochumer auf einen Schlag schweigen zu lassen, um dann selbst die Welle anzuzetteln. Mad world. Dortmund hat verloren. Schalke auch. „Die Nummer eins, die Nummer eins, die Nummer eins im Pott sind wiiir“. Neue Saison. Aber gewohnte Bilder. Gewohnte Sprechchöre.

Der Marsch zurück zum S-Bahnhof, vorbei an enttäuscht-berlinernden Berlinern („Die Bochumer hatten mehr Saft, wa?“), gleicht einem Spaziergang durchs Meer. Durch ein Meer an Schweißtropfen. An meinem ganzen Körper suppt es. Es ist noch schlimmer geworden. Das letzte Mal in der Sauna war nichts dagegen. Um 17.40 Uhr betrete ich die S-Bahn. Die aber erst um 17.56 Uhr losfährt. Und dann auch noch ne Viertelstunde braucht. Ich gehe kaputt. Will was trinken. Und nichts ist da. Minute um Minute verrinnt. Meine innere Uhr schmilzt. Es tropft unaufhörlich. Wenigstens gibt es die Baustelle zwischen Charlottenburg und Spandau nicht mehr und die S-Bahn fährt durch. 18.10 Uhr, Bahnhof Zoo. „Mich is der Schweiß ausgegangen“, würde Herbert Knebel jetzt stöhnen. Und unsereiner soll jetzt eine Entscheidung treffen. Nehme ich den ICE um 18.55 Uhr oder den um 19.55 Uhr? Was bieten sich für Optionen? Mit der U-Bahn zum Alexanderplatz und dort ein bisschen abhängen? Bis zum Prenzlauer Berg und auf den Straßen rumlaufen? Noch einmal zur Grunewaldstraße 27, in Erinnerungen wühlen? Ich entscheide mich für Plan D. Laut mit Helmut über die Fußballspiele des Nachmittags diskutierend („Man haben wir ein Glück gehabt“) schlurfe ich über den Kudamm, genieße dabei jede einzelne Pore Berliner Luft. An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche spielt eine kleine Band südamerikanische Musik. Der Himmel ist so blau, als hätte er sich für Postkarten selbst angemalt. Herr McDonald verkauft mir einen Big Mac und eine große Cola. Dann ab zum Bahnhof Zoo. Meine Kraft reicht nicht mehr, alles weitere wäre nur Betrug an meinem Körper. Der Berliner Sommer hat mich geschafft. Kapitulation um 18.55 Uhr.

Schnell finde ich einen Sitzplatz und staune über die Ruhe im Wagen, bis… ach du liebe Zeit… bis in Berlin-Spandau eine 20-köpfige (dem Lärm nach zu urteilen 100-köpfige) Judogruppe der SU Witten-Annen zusteigt, die eine Freizeit in Brandenburg hinter sich hat. Dreieinhalb Stunden lang nerven dieselben Wortspiele wie in meiner Kindheit („Fischers Fritze…“, „Der Whiskymixer mixt…“ – dass es die noch gibt…), auf Toilette gehende Kinder und leicht überreizte Gruppenleiter (nach einer Woche mit dieser Gruppe nur allzu verständlich). Ich nehme mir wieder zwischen Hannover und Bielefeld meine schlafende Auszeit und beschließe, nicht mehr zum Jahrgangsstufentreffen heute Abend zu gehen. Um zwölf, wenn ich da sein könnte, sind sowieso schon alle betrunken.

Lasst mich lieber schwelgen, träumen, brainstormen, romantische Feststellungen notieren, ein nüchternes Fazit ziehen… Berlin im August, Berlin im Sommer. Saisonauftakt. Hallo 42. Bundesligasaison. Ich mag es noch genauso wie am ersten Tag. Die Meter im Bahnhof Rathaus Steglitz. Herzbeben. Der Gang ins Olympiastadion. Herzrasen. Die ersten beiden Gegentore. Herzexplosion, vor Wut. Dann Kalla. Dann Madsen. Hormonüberschuss. Dazu die Hitze. Schweißperlen. Ein heißer Ausflug. Ein glücklich erschwitzter Punkt. Berlin, I love you.

Was ist wohl in der Grunewaldstraße 27 zwischen 15.30 Uhr und 17.15 Uhr passiert?

Ich weiß es nicht. Ist auch egal. Ich weiß nur, dass ich wohl nie wieder zurückkehren werde. Weil ich es nicht mehr muss.

Aber dass ich heute da war, hat mir dennoch unendlich gut getan.

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