Da schweigen die Söhne Mannheims

Am 9. März 2002 bloggte ich über meine Fahrt zum Auswärtsspiel des VfL Bochum bei Waldhof – verdammte Scheiße ja – Mannheim. Der VfL siegte 2:1 und stieg später in die Bundesliga auf. Der Text sorgt noch heute (wirklich!) für Reaktionen per Mail. Zehn Jahre später.

Der Text:

Freitag, 13.20 Uhr. Verständnislosigkeit regierte die Personen, die mich an jenem Tag mit SMS, Mails oder Anrufen beglückten.

– Wo fährst Du hin? Nach Mannheim? Spinnst Du?
– Oh ja, ich spinne! Und wie!

Es ist mal wieder Zeit für ein Auswärtsspiel. Hab ne wichtige Klausur bestanden – da darf ich mir auch mal was gönnen. Also Mannheim. Wieder so eine beruhigende Statistik: Bochum hat zehnmal dort gespielt, aber noch nie gewonnen. Eine Frage der Gewohnheit. Und geht es wirklich um Gewinnen und Verlieren?

Um 16.52 Uhr werde ich den Hauptbahnhof betreten, Anstoß 19 Uhr. Prima, dann bleibt noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu gondeln. Zu diesem Zweck lagern zwei kopierte Seiten aus dem Baedeker „Deutschland“ über Mannheim in der Innentasche meiner Jacke. Vollgestopft ist diese. Mit einem kleinen Buch, meinem Portmonee, dem VfL-Bochum-Schal, dem Fotoapparat, meinem Block (der darf niemals fehlen). Ich fühle mich wie eine Fünf-Kilo-Hantel. Einsteigen. Türen schließen. Vorsicht an der Bahnsteigkante. Am Tag halten drei, vier, fünf IC´s in Mülheim; und einer davon fährt doch glatt durch bis Mannheim; der Stadt, die mir vorher nur durch die gleichnamigen „Söhne“ (Musik) und Fußballtrainer Klaus „NPD“ Schlappner bekannt war.

Mein reservierter Sitzplatz ist tatsächlich noch frei. Wagen 9, Platz Nummer 22, am Fenster, Nichtraucher. Meine Jacke hängt flugs an einem Haken, der soeben gekaufte Wuppi Zimt verschwindet ebenso schnell in den Kurven meines Darms. Fix noch ein, zwei Schlückchen Kakao hinterher schlürfen, dann das Kinn auf der rechten Hand abstützen und rausschauen. Die Landschaften fliegen vorüber. Ruhrpott. Eifel. Rheinland. Loreley. Die Bahnhöfe auch. Duisburg, Düsseldorf, Köln, Bonn, Koblenz, Mainz. Leute steigen ein und aus, Handys bimmeln. Diese Geräusche nenne ich weder „laut“ noch „leise“. Auch nicht „hektisch“ oder „durcheinander“. Sondern „zugkauderwelschisch“.

Am Bahnhof Bilder, die ein Gedicht nicht beschreiben kann. Frauen springen aus den Waggons; hübsche, hässliche, kleine, große; werden von ihren Liebsten am Gleis abgeholt. Küsse, erst kurz, dann leidenschaftlich, lange Umarmungen. Männer verlassen den Zug, Frauen sprinten entgegen. Umarmungen. Küsse. Ich beobachte die Szenen. Neid? Irgendwie schon. Da war doch was, im Winter 2000. Bloß nicht zu viel Melancholie. Ein Blick auf den VfL-Schal und das Lampenfieber beginnt wieder.

Noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft in Mannheim. Und ich habe bereits etwas gelernt. Es gibt tatsächlich eine Stadt, die bei der Einfahrt in den Bahnhof einen hässlicheren Eindruck vermittelt als Mülheim: nämlich LUDWIGSHAFEN. Also sowas gibt’s gar nicht. Eingepfercht in ein schäbig-dreckiges Gebäude zwischen Firmen, Ruinen, Hochhäusern und einer Autobahn. Da hat sich Helmut Kohl eine richtig schmucke Heimatstadt ausgesucht.

Hmm, nun also Mannheim.

Der Bahnhof ist nach dem Motto „Wer nicht konsumiert fliegt raus“ angelegt. Das gefällt mir schon mal gar nicht. Alles super-neu, frisch gewischt, Sicherheitsbeamte allüberall, prima, das belegte Baguette kostet 2,55 Euro. Kann sich keine Sau leisten. Nur Mannheimer. Ich krame den Stadtplan hervor, beschließe meine einstündige Route und stapfe los. Die ersten Leute, die mir begegnen, tragen alle eine mehr oder weniger gepflegte Kurzhaarfrisur, Springerstiefel und Deutschland-Schals. Spitzen-Eindruck, wirklich! Wie war das noch mit Klaus Schlappner und der NPD?

Vorbei am Wasserturm, hübschhübsch, soll das Wahrzeichen sein. Wie bitte? Mannheim hat 325.000 Einwohner? Mehr und mehr wird mir deutlich, dass ich diese Stadt unter-überschätzt habe. Die Innenstadt ist schachbrettartig angelegt. Und überhaupt dort fängt das Problem dieser Stadt an: Schon im 17. Jahrhundert wollten antike Karpovs und Kasparows oberschlau sein und verpassten der Stadt eine monotone Fassade, auf die nur die lokalpatriotischen Einwohner stolz sind. Ein christlich-konservativer Geruch weht durch die C4- und F5-Felder. Auf der einen Seite prosten sich die Nazis zu, auf der anderen Seite alternativt sich Xavier Naidoo mit seinen Jungs durch seine ach so christlichen Texte. Richard von Weizsäcker liest in einer Buchhandlung (und nicht Gysi). Na klar. Die Uni liegt im und um das Schloss. Feudal sieht das aus; aber irgendwie unsympathisch. Das Selbstbewusstsein einer Stadt lässt sich leicht an der Anzahl der Sicherheitskräfte ablesen. Während in Mülheim Bullen eher seltener auf der Schlossstraße abhängen, wimmelt es in Mannheim vor Security-, Bundesgrenzschutz- und Polizeibeamten. Aber manchmal – und wenn ich das schon sage, dann könnt ihr das schon glauben – kann man verdammt froh sein, dass die grünen Jungs da sind. Mit langen Haaren an einer 15er-Gruppe Nazis vorbei marschieren. Holla die Waldfee.

– Armageddon kommt oder ist in vollem Gange

lautet ein Song von Naidoos „Söhnen Mannheims“. Kein Wunder, dass er so eine Zeile schreibt. Wenn er aus dieser Stadt kommt.

Schachmatt.

Da vergeht mir sogar der Appetit und ich werde wohl erst im Stadion die Würstchenbude bemühen. Ab in die Bahn. Ach du Scheiße! Eben genannte Nazis setzen sich natürlich GENAU in meine Bahn. Der einzige Waldhof-Trommler der Stadt vertrimmt sein Musik“gerät“. Zwölf lange Minuten dauert es, begleitet von Sprüchen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“, „Bochumer Judenschweine schalalalala“, „Schwarz-blaues Mannheim gibt alles fürs Vaterland“. Mir kommt es hoch. Schnell raus der Bahn. Ganz schnell raus.

Ab ins Stadion. 5.100 kommen insgesamt, 250 davon aus dem Ruhrpott. Hier fühlst Du Dich wohl, hier kann ich endlich meinen Schal um meinen Hals legen; tut gut, ist frisch geworden. Auswärtsspiel. Wieder ne SMS:

– Merkst Du eigentlich noch?

Ja, ich merke noch. Sehr gut sogar. Die „Ultras“ sind auch da. Als der „Capo“ mit seinen Sprechchören beginnt, schallt es von oben „1-2-3-Oberkörper frei“, weil jene Witzfigur sich gerne mal des T-Shirts entledigt – und wenn das Thermometer minus fünf Grad anzeigt. Der Typ macht genau das – und alle haben ihren Spaß. Überhaupt Spaß. Okay, 1:0 für Mannheim – da kommste schon ins Grübeln. Scheiße – soviel Kohle vernagelt, wieder ne Niederlage. Doch dann nippst Du kurz an der Cola – und innerhalb von 45 Sekunden steht es 2:1 für Bochum. Christiansen. Wosz. Wer sonst? Dann hält Rein van Duijnhoven noch einen Elfmeter. Alles drin in Hälfte eins.

In der zweiten Halbzeit stelle ich einmal mehr fest, dass mich dieser Verein noch einmal umbringen wird. 45 Minuten Gezittere und „Dickhaut hau die Kugel auf die Tribüne“-Geschreie – ohhimmelarschundzwirn muss das denn immer sein? Aber am Ende geht´s gut aus. 2:1, drei Punkte, 36 Euro bei Oddset gewonnen. Da schießt einem schnell die Diebels-Werbung durch den Kopf!

– Ein schöööööner Tag, die Welt steht still, ein schöööööner Tag!

Die Mannschaft kommt. La Ola!

– Rein van Duijnhoven, schalalalalala.

Zurück zum Bahnhof. Keine Nazis mehr. Die Söhne Mannheims schweigen.

ICE Richtung Mainz, dann EC bis Köln, dann RE bis Mülheim. Ich bemerke einen harten Gegenstand in meiner rechten Hosentasche. Was habe ich noch einmal für ein Buch eingesteckt?

Oh ja, Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“.

Ich wage einen dreistündigen Trip in die Urlaubswelt Schwedens; in eine sommerliche Liebesgeschichte, an einen Ort, den ich am 7.9.2001 zu meinem „Happy Place“ auserkoren habe. Der Zauber der Erzählung überfällt mich. Fast ein Fall für XY. Buchstabe für Buchstabe saugt sich in meinem Gehirn fest wie ein Blutegel an der Haut. Das Herz bebt. Die Gefühle leiden mit. Niemand sollte eine Liebesgeschichte lesen, wenn er solo ist. Das macht nicht mehr melancholisch, sondern nur noch depressiv. Aber die Sucht ist da.

„So still, wie es jetzt ist, so sollte es überall und immer sein, Lydia – warum ist es so laut im menschlichen Leben?“ – „Meinen lieben Dschung, das findest du heute nicht mehr – ich weiß schon, was du meinst. Nein, das ische woll ein für allemal verlöscht…“ – „Warum gibt es das nicht“, beharrte ich. „Immer ist etwas. Immer klopfen sie, oder sie machen Musik, immer bellt ein Hund, marschiert dir jemand auf dem Kopf herum, klappen Fenster, schrillt ein Telefon – Gott schenke uns Ohrenlider. Wir sind unzweckmäßig eingerichtet.“ – „Schwatz nicht“, sagte die Prinzessin. „Höre lieber auf die Stille!“
Es war so still, dass man die Kohlensäure in den Gläsern singen hörte. Bräunlich standen sie da, ganz leise setzte sich der Alkohol ins Blut. Whisky macht sorgenfrei. Ich kann mir schon denken, dass sich damit einer zugrunde richtet.
Weit in der Ferne läutete eine Glocke, wie aus dem Schlaf geschreckt, dann war alles wieder still. Weißgrau lag unser Haus; alle Lichter waren dort erloschen. Die Stille wölbte sich über uns wie eine unendliche Kugel.

1.13 Uhr, Mülheim Hauptbahnhof.

Hey – Bochum hat gewonnen!

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