Ans Ende denken wir zuletzt

Der Blog-Eintrag, den Ihr unten steht, ist berühmt geworden. Wirklich. Am 20. April 2003 bloggte ich über das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und dem VfB Stuttgart, kein ganz unwichtiges, wie alle, die damals daran beteiligt waren (Fans, Spieler, Trainer Neururer), noch heute bestätigen werden. Mit einer weiteren Niederlage wäre der Abstieg wohl kaum zu verhindern gewesen.

Der VfL gewann nach 0:1-Rückstand und Balakov-Pfostenschuss noch 3:1, vor allem, weil Stuttgarts Torwart „Gustl“ Ernst, ein Ex-Bochumer, böse patzte. Das erwähnte ich in diesem Text, der daraufhin im Rahmen der Lesereihe „Wir waren die Nummer zwei“ von „Gustl“ höchstselbst gelesen wurde. Eine Erwähnung gab’s auch in der Tageszeitung „Rheinpfalz“.

Der Text trägt die Überschrift „Ans Ende denken wir zuletzt – Gustl ist ein Bochumer, wir Ernstens müssen zusammenhalten“ und geht so:

Macht das der Nachname?

Macht das die Sympathie?

Telefon klingelt, 11.35 Uhr, uaaaaah bin ich noch müde, gähne so vor mich hin. Ostersonntag, keine Eier suchen, schnell ab zum Family-Osteressen, nee, vorher noch Bruder zurückrufen. Thommy weilt in Brüssel, wird da auch bleiben, und nicht mit zum Spiel kommen. Na toll. „Wirst was verpassen, Du Depp“, brülle ich ihm zu, und er stimmt ein in den Möchtegern-Jubelchor: „Andi, ich habe ein unheimlich gutes Gefühl, kann das selbst gar nicht erklären.“ Wir beide sind uns einig, dass der „Gustl“ mindestens einen entscheidenden Fehler macht. „Gustl – wer ist das denn?“, werden die Nicht-Bochumer unter Euch wissen wollen. Gustl heißt Thomas Ernst (ja richtig, genauso wie mein Bruder), war fünf Jahre Torwart beim VfL, einer der sympathischsten Spieler, die jemals im Ruhrstadion vor den Ball getreten haben; hält aber seit einem Jahr in Stuttgart. Zusammen mit „Gustl“ (sein Spitzname, logisch) hat mein Bruder mal eine Lesung gemacht, mit Fußballtexten, in der Uni Bochum; total irre. „Gustl ist uns wohl gesonnen“ – und die ganze Ostkurve denkt bestimmt genauso…

Noch sechs Stunden bis zum Anstoß. Noch fünf. Noch vier. Undsoweiter. Mit zitternden Händen sitze ich vor dem Computer, zocke das Spiel bei „Sensible Soccer“ nach, verliere 0:3 (hab sowieso noch nie ein Tor geschossen), was für ein Omen. Rufe meinen Kumpel Helmut an, er kommt mit. Wir waren gestern zusammen bei Rheinfire in Düsseldorf, wirklich witzig, und komplettieren heute das Oster-Sportwochenende.

Höre 1Live, die Sportfreunde Stiller. Hab sie letztes Mal zitiert beim Bielefeld-Spiel, 0:3 verloren, noch ein schlechtes Omen. Sammle die schlechten Omen. Warum nur? Um mein saumäßig gutes Gefühl auszugleichen? „Das sind so Spiele“, orakelte Straßenbahnfahrer Stephan unter der Woche, „weisse Andreas. Die ne gute Serie, wir ne schlechte. Und beide reißen.“ So seh ich´s auch. Ein Spiel, dass schon vor einer Woche begonnen hat. Sportfreunde Stiller? Sie singen „Wer, wenn nicht wir? – Wo wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt – Ans Ende denken wir zuletzt“ Ist zwar teilweise ziemlich schlecht bei Rio Reiser geklaut, aber wer? Wo? Wann? Nicht ans Ende denken. Keine zweite Liga. Zitternde Hände. Schweißnass. Spiel rückt näher. Viele Stuttgarter sind dabei. Helmut schickt eine SMS an seine Freundin Tina: „Andreas nervös“. Oh ja, und wie. Thommy sitzt in Brüssel vor dem Internet-Live-Ticker, hat Anrufe während des Spiels angekündigt. Ob ich drangehen werde? Gerd, der Richter, kommt, ganz schön schnieke angezogen. Ist ne halbe Stunde vor dem Anpfiff noch ganz schön leer; was soll’s, am Ende werdens doch stolze 25.000! Hab meine Sonnenbrille dabei („Siehst aus wie Puck die Stubenfliege“ – danke Gerd!) Stimmt, Gerd. War bei seiner Schwiegermutter essen. Der ist so fein angezogen, am liebsten würd ich ne Bratwurst verdrücken und zuuuuufällig Senf und Ketchup schlabbern. Sam – auch da, mit intelligenter Brille auf, könnte glatt als Manager durchgehen. Gerd nimmt´s locker, Sam ist mindestens genauso nervös wie der Stadionsprecher (wirkt betrunken) und ich – und Helmut? Der ist mir zu neutral, bangt nur um seine Wetten. Gustl läuft sich warm, wird mit donnerndem Applaus begrüßt, unsere wissen, was die Stunde geschlagen hat. Abstiegsplatz? Befreiungsschlag? Der Tabellenzweite kommt. „Von denen hab ich noch nie was gehalten. Die Qualität beider Mannschaften ist gleich“, posaune ich mutig heraus. Alle machen den Scheibenwischer.

Wieder mal nervös. Wie mal zittern die Hände. Ich wiederhole mich seit ein paar Wochen. Ist aber auch spannend, diese Bundesliga. Und vollkommen erschrocken drehen wir uns alle schon nach fünf Minuten weg. Gerd, Sam, Helmut, ich, alle. Grauenvoll, einfach nur grauenvoll. Verwirrend die Taktik (mit drei Mann hinten, Oliseh als Abwehrchef; Freier mal rechts, mal links; Wosz umgekehrt; Christiansen und Hashemian nicht sortiert), alle laufen kreuz und quer über den Platz und passen im Sekundentakt fehl. Hiiiiiilfe! Die Stuttgarter lassen das Bällchen flott laufen, Helmut nötigt mir schon nach wenigen Minuten eine Korrektur ab („Jaja, die sind ja doch gar nicht so schlecht“). Kevin Kuranyi trifft zum 0:1 (27.) – meine Fresse steht der frei – und Balakov nagelt das Ding gnadenlos an den Außenpfosten (keine fünf Minuten später). Ein bitterer Abend kündigt sich an.

„Man, damit der Gustl einen Fehler machen kann, muss der doch zumindest an den BALL KOMMEN!“, brülle ich laut, und er erhört uns. Ein harmloser Rückpass, Gustl versucht sich als Maradona (konnte er noch nie), Hashemian, 1:1. Aus dem Nichts, unverdient. Ein fixer Anruf aus Brüssel, „Riesenfehler Gustl“, schreie ich durchs Fon. Halbzeit 1:1, sowas kann ein Spiel drehen, es entscheiden. Puuh, durchatmen, noch alles drin. Leverkusen gegen Schalke auch 1:1. Helmut zerbricht sich den Kopf von VfB-Trainer Magath, würde Gustl auswechseln („Was meinste, was der zu hören kriegt vor der Kurve hier“)! Gustl bleibt. Wird hämisch angefeuert. „Gustl machs nochmal“, „Gustl ist ein Bochumer“, „Einmal Bochum – immer Bochum – heyhey“

Anpfiff. Schweißnasse Hände, immer noch – V-f-L, V-f-L – Spiel ist offen. Ein schönes Fußballspiel, ein spannendes, da ist alles drin. Helmut bereut´s als neutraler Zuschauer in keiner Sekunde, macht irre Spaß. Flanke Balakov, Kopfball Ganea, VAN DUIJNHOVEN hält (keine Ahnung wie, der muss Krakenarme haben), Kalla rettet per Fallrückzieher. Bleibt beim 1:1, das Glück scheint heute auf unserer Seite zu sein. Da geht was.

18.36 Uhr, 66. Minute… van Duijnhoven am Ball, schlägt ihn nach vorn, Hashemian stoppt ihn, legt ihn an der halben Stuttgarter Abwehr vorbei, strammer Schuss, links unten, TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR, jawolljawolljawoll, Helmut wie neutral-angewurzelt, Andi obenauf, Gerd obenauf, Sam obenauf, alle so kreuz und quer wie unsere Jungs in der ersten Halbzeit. 2:1! Wir haben sie im Sack!

18.37 Uhr, 67. Minute… „und der Torschütze… unser Hubschrauber… mit der Nummer 16… VAHID!“ „HAAAAASHHHEEEEMIAAANNN!!!!!!!!!“ Anzeigetafel… „BILD TICKER… 1. BUNDESLIGA… Bayer Leverkusen – Schalke 04 1:2!“ JAAA!

18.38 Uhr, 68. Minute… Freistoßpfiff, Oliseh auf Linksaußenposition… Flanke, weeiiit weeeiit in den Strafraum, Christiansen, imaginär mitköpfen, mach ihn mach ihn… JAAAAA!!! 3:1, unglaublich unglaublich unglaublich.

Das Ding gedreht, das Ding ist gelaufen. Okay, Balakov mit noch einem Lattenschuss, aber wir haben’s gepackt. 34 Punkte, vier vor Leverkusen, die sogar noch 1:3 verlieren, der Rest ein Freudentaumel. „Oh wie ist das schön“ und „Wir sind stolz auf unser Team“ nach langer langer Zeit mal wieder. Erstmals leichte „Hubschrauber“-Sprechchöre, der Trainer kommt trotz Aufforderung diesmal nicht. Macht nichts. Anruf Thommy… „Also wenn der Balakov das Ding in der ersten Halbzeit reinmacht!“

So schön ist Fußball. Super-Wetter, sehenswertes (wirklich) Spiel (bestimmt Spielnote 2 oder 2,5), drei Punkte für den VfL, eine nette Unterhaltung mit Stuttgart-Fans im Regionalexpress zurück (die sich von ihren Fan-Kollegen auf dem Gleis gegenüber – „Bochum ist ein Judenklub“-Sprechchöre, böses Foul – eindeutig abgrenzen), ganz neutral, ohne jede Wertung – alle haben das Spiel so gesehen wie wir… Gustl hat´s gedreht – siehe oben; der Name verbindet wirklich, wir haben’s gleich gewusst. Einmal VfL – immer VfL – wie wahr. Ein perfekter Tag klingt aus in Mülheims bester Pizzeria (Pizza Pasta), Mülheims bester Eisdiele (Rizzardini) und im T-Club bei ner 80er-Jahre-Party, in dem mich Blacks „Wonderful life“ beglückt.

Und doch muss ich an die Sportfreunde Stiller denken. „Wer, wenn nicht wir? – Wo wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt? Ans Ende denken wir zuletzt!“ Kein Gedanke mehr ans Ende.

Jetzt packen wir´s! 100 Pro!

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