Windstille in Warnemünde

Eine meiner verrücktesten Auswärtstouren mit dem VfL führte mich am 22. Februar 2003 in einer Saukälte (Sau!) nach Mecklenburg-Vorpommern zum Bundesliga(!)spiel (damals) zwischen Hansa Rostock und dem VfL Bochum (1:1). Ich verband diese Tour mit einer winterlichen Sightseeing-Tour zum Ostseestrand von Warnemünde und einem Treffen mit einer mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Internetbekanntschaft (das war „in“, damals, 2003) namens Judith, einer Kunststudentin, die ich in den Semesterferien in März danach noch zweimal besuchte. Immer wenn ich das Placebo-Album „Black Market Music“ höre (mit „Slave to the wage“, „Black-eyed“ und „Special K“), muss ich an diese drei Touren denken.

Die Überschrift des Textes lautet „Windstille in Warnemünde – schöne Grüße aus dem Land der Muschelschubser“:

Wem immer ich in den Tagen vor diesem 22. Februar 2003 von meiner Tagesbeschäftigung erzählte, der zog kopfschüttelnd und denscheibenwischerzeigend davon. Alle, wirklich ALLE, die noch einen letzten Funken Vernunft in mir vermuteten, sprachen mir diesen spätestens ab, als in ihren Lauscherchen die Sätze „Ich begleite den VfL nach Rostock“ angekommen waren.

Rostock also. Stadt im Land der Muschelschubser.

Ich gebe zu, ein wenig zweifelte ich selbst an diesem Unternehmen, denn wirklich viele Gründe, warum ich diesen Tagesausflug nicht nur an-kündigen, sondern tatsächlich auch an-treten sollte, gab es nicht. Beispielsweise aus sportlicher Sicht: Wir haben die letzten sechs Spiele gegen Hansa verloren, zudem fehlen gleich fünf Stammspieler, und mit Oliseh, Kalla, Schindzielorz, Wosz und Freier beileibe nicht die unwichtigsten. Beispielsweise aus finanzieller Sicht. 68 Euro plus Eintritt ausgeben, und das für zwei Stunden Fußball und zwei Stunden Aufenthalt? Beispielsweise aus privater Sicht: Mein bester und längster Kumpel Björn feiert heute die Einweihungsparty seiner Wohnung in Essen, mit zig Leuten, die ich jahre-, quatsch jahrzehnte-, quatsch jahrhundertelang nicht gesehen habe. Ich kenne seine neue Freundin noch nicht, und er wird mir mein Leben lang vorhalten, dass ich nicht da war. VfL-Fan Dirk aus München sms-formuliert es noch mit einem positiven Unterton: „Du Wahnsinniger fährst nicht wirklich zur Hansa-Kogge?“ Irgendeiner, ich weiß gar nicht mehr wer, ist da schon drastischer:

– Andi, Du hast schon viele sinnlose Dinge in Deinem Leben getan. Aber das ist wirklich das Sinnloseste!

Sinnlos, dass ich also um 7.45 Uhr mit frisch geduschten und ungekämmten Haaren am Mülheimer Hauptbahnhof auf den Regionalexpress warte. Sinnlos also, dass ich um 7.59 Uhr in den Intercity Richtung Rostock umsteige. Jetzt ist’s zu spät, ich bin drin, pflanze mich auf den reservierten Platz, neben ein Mädel, dass bis Hamburg drinbleibt, von den drei Stunden 2:59 Stunden schläft (und schnarcht) – und somit für schlechtes Gewissen bei jedem Umblättern sorgt (bin ein rücksichtsvoller Mensch, aber bei dem Zuglärm hat die bestimmt sowieso nicht geschlafen). Der Mond versinkt hinter den Hinterhöfen des Ruhrgebiets, die Sonne strahlt die letzten Schneereste in Niedersachsen an wie ein Scheinwerfer die Bands auf der Bühne. *brummbrummbrumm* es vibriert auf dem Tisch vor mir (es=Handy):

– Ich krieg nen Kollaps vor Freude. Hier scheint die Sonne. Vielleicht erlebst Du heute das Meer im letzten Dämmerlicht.

Judith kennt Ihr noch nicht.

Ich auch noch nicht. Und doch irgendwie. Seit zwei Jahren schreiben wir uns sporadisch Mails, und – wie es der Zufall so will – wohnt sie in Rostock, und hat mir versprochen, das Meer in Warnemünde zu zeigen. In der Tat: Am Himmel keine Wolke. Die reflektierten Ozeane verwandeln den Himmel in ein tiefes Blau. Die Red Hot Chili Peppers („Under the bridge“), Oasis („Whatever“), die komplette „Black Market Music“ von Placebo und „Room with a view“ (von der Kuschelrock 3, keine Ahnung, von wem das nochmal war) begleiten mich. Für Unterhaltung sorgt Peter-Jürgen Boock, ein Ex-RAF-Terrorist, mit seiner dokumentarischen Fiktion über die Schleyer-Entführung 1977. Mir fällt auf, dass ich diese Zeit mit dem Mutterkuchen im Innern meiner Mum mitbekommen habe… bis zu meiner Geburt dauerte es im Oktober 1977 nur noch fünf Monate. Die letzten Zeilen des 200-Seiten-Schmökers verschlinge ich punktgenau im Bahnhof von Bad Kleinen. Da war doch was.. vor drei Jahren… GSG 9… RAF… Wolfgang Grams… oder? Hach, ist das stressig im Zug: das Handy vibriert in einer Tour, für Dirk habe ich meinen Namen („Andi“) in „Vriesde-Fanklub“ (unser 58-jähriges Abwehrtalent) umgetauft. Das Buch will gelesen, meine CDs gehört und der Kakao getrunken werden. Aber schön ist’s. Die Sonne blendet. Hoffentlich vergesse ich nicht meine Jacke, wie auf dem Weg nach Stuttgart.

Ich vergesse sie nicht. Es ist soweit, ich lande in Rostock, keine Spur vom in der Nacht verpassten Schlaf (fünf Stunden sind für meine sonstigen Gewohnheiten extrem niedrig), Appetit auf Fußball, Appetit auf Ostsee, Appetit auf Meer, Strand. Das Wetter macht süchtig.

Nicht ganz ohne Vorurteile spaziere ich über den Asphalt Rostocks. Nachwirkungen von Lichtenhagen. Hintergedanken bei jeder Glatze. „War der wohl dabei?“ Inneres Gelächter bei jedem Vokuhila-Oliba (vorne kurz hinten lang mit Oberlippenbart). Ein Sprung ins Ostseestadion – ein schönes Ding. Der rote Feuerball verwandelt die eine Hälfte des Stadions in ein Sonnenstudio, wenn es hier oben im Norden MeckPomms bloß nur nicht zehn Grad kälter wäre als im Rest der Republik. Ich spür nach zehn Minuten in der Kurve meine Füße kaum noch, wie soll ich mich erst in drei Stunden fühlen… *bibber* und ich dachte, Dortmund letzte Woche sei nicht mehr zu toppen. Einen 100.000 Grad heißen Kaffee kippe ich runter wie ein Glas kaltes Wasser nach einem 10-Kilometer-Marsch durch die Wüste. Außer mir haben sich noch 200 Deppen auf nach Rostock gemacht, die wohl auch nix Besseres zu tun haben.

15.04 Uhr, die Spieler betreten zum Aufwärmen (oh ja, das ist wirklich nötig, würde am liebsten mitjoggen, ganz freiwillig) den Rasen. Obwohl ich schon eine halbe Stunde meinen Platz eingenommen habe (es ist komischerweise seeehr übersichtlich um mich rum…), sortiere ich noch immer meine Klamotten. Bei Auswärtsspielen fühle ich mich stets wie ein Schwerverbrecher, diesmal wollte ein Eingangssecuritygorilla sogar den Inhalt meines Portmonees sehen (und ich sehe nicht einmal schnieke aus). Irgendwie frage ich mich jetzt doch: Warum bin ich eigentlich hier? Aufgrund des Spiels wohl kaum. Unsere Aufstellung… Anton Vriesde in der Innenverteidigung, Filip Tapalovic nach monatelanger Verletzung von Anfang an, dazu Marcus-bitte-wer-ist-das-denn Fischer vornedrin. Hüüüüüüüülllfffee!

AC/DC besingen den „Highway to hell“, als Millionen Konfettis aus 14.800 Händen auf den Rasen fliegen, und 22 Spieler kurz vor dem Anpfiff ins Publikum winken. Und mein ganz persönlicher Weg zur Hölle scheint dieses Spiel zu werden. Kalt. Saukalt ist’s. Und schlecht. Sauschlecht spielen wir. Das Spiel scheint abgeschenkt, eine Niederlage in Kauf genommen. Wir haben 29 Punkte, das reicht erstmal, Fans sind sowieso kaum da (nur der Ernst, und der hat laut seiner supertollen Statistik schon Siege genug gesehen), und die besten Leute fehlen. Ich nehm die Leistung echt persönlich, und muss Judith per SMS gestehen, dass sie mit ihrem Tipp (2:0 für Hansa) gar nicht so falsch liegen könnte. Di Salvo schießt in der 29. Minute zum ersten Mal ein. Der fliegende Holländer in unserem Tor muss zweimal ein weiteres Gegentor in höchster Not verhindern (und ich sag noch: er ist zurzeit der Beste in der Liga), und di Salvo schießt ein Abseitstor, das völlig korrekt war. Will jetzt schon zum Meer.

Tja, leider spielt nicht mal die Rostocker Bratwurst um die Meisterschaft mit (wie in „1000 Tipps für Auswärtsspiele“ vollmundig angekündigt). Glaubt diesem eigentlich tollen Buch nicht alles!!! Und es sind noch 45 Minuten in dieser Scheiß-Kälte. Zweite Halbzeit. Christiansen noch immer auf der Bank. NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! NIMM DEN BEMBEN RAUS!!! Mein ganz persönlicher Freund (und damit Fahrenhorst-Nachfolger; warum brauchen Fußballfans immer einen, den sie nicht besonders mögen?) spielt wirklich eine Scheiße zusammen wie Frank Heinemann Mitte der 90-er in seinen besten Tagen. Dann endlich… Bemben raus, Christiansen rein, zwei Minuten später Hashemian 1:1. Und „verdient“ muss ich hinzufügen. Denn auch unsere Notelf kann gegen die Kugel treten, sie hübsch laufen und die Rostocker alt aussehen lassen. Mit den alten VfL-Abstiegskampf-Tugenden (Ball nehmen und auf die Tribüne kloppen, und das zweimal pro Minute; naja, ganz so schlimm war’s nicht) retten wir den Punkt ins Ziel, und ich grinse überglücklich wie ein Lotto-Gewinner bei der Scheckeinlösung. Nicht verloren. Gibt’s doch gar nicht.

Die Sonne versinkt allmählich am Horizont, nach einem zehnminütigen Fußmarsch ums Stadion herum bis zur Bushaltestelle (nicht sehr gastfreundlich!) und einer Verabredung mit Judith für 18 Uhr raffe ich erstmal, wo ich überhaupt bin. So weit weg von zu Hause. Dirks sms ist gespeichert: „Du Wahnsinniger!“ Manchmal glaub ich wirklich dran, dass bei mir ne Schraube fehlt. Es gongt 18 Uhr, die Sprüche der Rostocker Fans, was sie mit einem VfL-Fan machen würden, wenn ihnen einer über den Weg läuft, überhöre ich. Am Rostocker ZOB lehnt Judith auf ihrem Fahrrad an einem Straßenschild. Es ist, als würde ich eine ganz alte Freundin treffen. Es geht in die S-Bahn Richtung Warnemünde, Richtung Strand, sie hält ihr Versprechen. In unserem Waggon drei Bochum-Fans, die den ganzen Zug unterhalten. Einer davon ist Jurist, und ruft mir zu: „Du hast bestimmt auch schon gegen das BTM verstoßen!“ BTM? Betäubungsmittelgesetz! Seh ich echt so aus? Ein anderer hält Judith und mich – glaub ich – für ein Paar. Dafür, dass ich sie erst seit 30 Minuten Auge in Auge kenne, nicht schlecht, oder? Die drei sind voll wie Eulen, aber so witzig, dass mir die Tränen kommen. Sie verbringen die Nacht im Hotel in Warnemünde, und ich beneide sie dafür.

Es ist so windstill.

Und sooo schön am Strand, den Sand rund um die Socken spüren (meine Schuhe sind kaputt), kalte Wassertropfen an den Fingern, am Meer entlang sprinten. Ich bereue nichts. Und die sitzen jetzt in Essen, hauen sich bei ner Party den Arsch voll und hören laut Musik. Es ist so windstill. Danke Judith!

Zurück im Zug. 45 Minuten in Hamburg. Frodo und Sam schmeißen den Ring in den Schicksalsberg, Aragorn wird König, die Hobbits kehren ins Auenland zurück, die „Metal Ballads Platinum“ und die – natürlich – „Black Market Music“ verzaubern mein Ohr.

Kennt Ihr das Gefühl, wenn alles, was man sich morgens beim Aufstehen für den optimalen Tagesablauf wünscht, auch wirklich zutrifft? Ich habe mich den ganzen Tag einfach nur sauwohl gefühlt!
Und da sag noch einer, dieser Ausflug wäre ein sinnloser gewesen.

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