11. September 2001. 9. Urlaubstag. Pihtipudas, Finnland.

norwegenMeinen Sommerurlaub 2001 verbrachte ich in Skandinavien. Oh weia, zehneinhalb Jahre ist das schon wieder her… Gemeinsam mit meinem Grundschulkumpel Björn (Grüße!) fuhr ich im September des Jahres vier Wochen lang durch Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen – mit dem Höhepunkt „Nordkapp“. Während dieser vierwöchigen Reise führte ich ein Tagebuch – ein paar Einträge tippte ich für meine „erste“ Homepage ab. Einige dieser Einträge habe ich “digitally remastered” und veröffentliche sie nun neu.

Dieser hier trug auf meiner “ersten” Homepage die Überschrift “Apocalypse now in the middle of nowhere” und stammt von „meinem“ 11. September 2001. Das ist meine Geschichte, mit der ich in Gesprächen mit dem Motto „Und was hast du gemacht?“ mächtig punkten kann.

Jetzt endlich rein in den Text vom 11. September 2001:

Auf in die Einsamkeit.

– I feel lonely, lo- lo- lo- lo- lonely…

Sasha hätt es nicht besser formulieren können. Und wisst Ihr was: Wir sind verdammt froh darüber, wieder im Auto zu sitzen, die Füße auszustrecken (sofern es geht), Musik zu hören, rauszusehen und die Landschaft zu genießen. Mal schauen, wie es wird: Das Wetter verspricht viel Gutes. Über Helsinki sind nicht viele Wolken zu sehen…

In Boston, Pittsburgh und noch zwei weiteren Flughäfen in den USA steigen 266 Menschen in vier Luft-Taxis. Wollen quer durch die Staaten jetten, arbeiten, Freunde besuchen, sonstwas.

Was für ein Gegensatz, eine Paradoxie. Seit acht Tagen befinden wir uns in den Metropolen Skandinaviens. In der pulsierenden Stadt Stockholm, zuletzt sahen wir Bundespräsident Johannes Rau in Helsinki. Kaum 30 Kilometer sind wir nun von Helsinki weg, schon wird’s leer. Links und rechts Bäume, Seen, viele Seen und kein Mensch.

The middle of nowhere.

Oha, ein Auto kommt uns entgegen.

– STAUGEFAHR!

brüllt Björn; wir lachen. Die Situation gefällt uns, wir sind glücklich, keine Frage. Zweimal halten wir an, fotografieren, filmen. Still und starr ruhen die Seen. Flache Steine am Ufer, springen zweimal auf. Uuuuuh, ganz schön kalt das Wasser. Vielleicht 10 Grad.

Unter den 266 Passagieren der vier Jets sind pro Boeing Kidnapper, Entführer, Terroristen. Ihr Auftrag ist blutig. In das World Trade Center fliegen, das Pentagon, Camp David. Was denken sie wohl im Flugzeug? Was tun die Passagiere? Sie ahnen nichts, lachen vermutlich, essen, lesen Zeitung.

Hab ich Euch schon von Hedwig (Name geändert…) erzählt? Vor fünf Jahren hab ich sie mal kennengelernt, irgendwie, irgendwo, keine Ahnung, Kontakt längst abgebrochen. Etwas klein geraten, schwarze, halblange Haare, total süß. Wir verstanden uns blendend. Wenn sie nicht vergeben gewesen wäre, mich hätte es damals schwer erwischt. Und zuweilen plagte mich damals das Gefühl, ihr ging es ähnlich. In Tampere halten wir (und behalten nur das Riesen-Pizza-Lasagne-Büffet bei „Golden Rax“ in Erinnerung) – dort sehen viele Mädels so aus wie Hedwig.

Wieder im Auto hören wir „Jealous Guy“ von Roxy Music. Hedwig geht mir nicht aus dem Kopf. Heute träum ich bestimmt von ihr. Wird mal wieder Zeit für einen Traum. Ist ja einsam heute. Die Uhr schlägt 13.30 Uhr.

Über dem Boden der USA kapern die Terroristen die vier Maschinen. Dort ist es früher Morgen. Im World Trade Center arbeiten 15.000 Menschen, Touristen fliegen mit Aufzügen die 400 Meter hoch, bestaunen den Blick über Manhattan. Broker bewegen Millionen. Präsident Bush weilt in Florida, spielt sich am Sack, was weiß ich. Das Wetter ist gut, keiner weiß, was die Kidnapper wollen.

Björn und ich – die Mini-Reisegruppe aus Mülheim – verstehen uns immer noch gut. Die erste harte Bewährungsprobe – vier Städte in acht Tagen – haben wir spielend gemeistert. Sogar unsere zwei selbst erteilten Verbote konnten wir bislang einhalten: bei Mc Donalds und Burger King waren wir bisher noch nicht – und im Auto wurde noch nicht über Politik diskutiert. Das hätte Streit gegeben. Stattdessen ist der Vergnügungspark in Tampere das Thema. Nicht, weil er so sensationell ist, sondern weil uns auffällt, dass jede skandinavische Stadt mit mehr als 150.000 Einwohnern einen Park a la Phantasialand hat.

Die spinnen die Finnen.

Wir erreichen Jyväskylä um kurz vor 15 Uhr. Unser Etappenziel – viel zu früh. Auf der Bahn gefällt es uns so gut. Wir beschließen weiterzufahren, springen aber in Jyväskylä raus. Dort benehmen wir uns wie ne offene Hose. Keine Sau versteht uns, nur die Uni ist nett. Aber wer kommt auf die Idee, in the middle of nowhere zu studieren? Am Straßenrand das Schild „Posti au tot“.

– Watt, der Posti ist auch tot?

Gelächter.

– Wer weiß, was der gerade in Amerika macht? (Anmerkung im Jahr 2011: Posti ist ein ehemaliger Mittelstufen-Mitschüler!)

Kurz nach 9.30 Uhr Ortszeit in den USA. Zeitgleich krachen vier Flugzeuge ins World Trade Center, das Pentagon. Über zehntausend Menschen sterben sofort, das Center brennt, stürzt ein. Staub überall, Menschen springen in Panik aus dem 110. Stock. Pärchen, die sich küssen, werden von umherfliegenden Steinen getroffen; Streithähne trennen sich, Konferenzen enden, weil ein Flugzeug ins Büro fliegt. Schreie, Panik, Leichen, Verletzte. Größte Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg? Vielleicht. Die Welt steht still.

Man, sind wir müde. So langsam wird es Zeit für einen Campingplatz. Jyväskylä – unser eigentliches Etappenziel – liegt 100 Kilometer hinter uns. Ein See reiht sich an den anderen, es wird schöner und schöner.

– Ich glaub, ich bin im Paradies. Nee, ich BIN im Paradies.

Mallorca-Spruch. Aufgewärmt.

Drei Campingplätze haben schon geschlossen, ein finnischer Opa versteht uns nicht. Es wird später. Bei Pihtipudas finden wir eine Teboil-Tankstelle mit Zeltplatz (nur ohne Zelt gerade). Nicht komfortabel, aber fürn Anfang… Wir kochen Ravioli – standesgemäß.

– Andi, es ist alles so unwirklich.

Das Wetter ist sensationell, ein fantastischer Sternenhimmel baut sich auf. Wir schlagen ein.

– Ein Riesen-Tag.
– Alles richtig gemacht.
– Ist das einsam hier.
– Aber unglaublich schön.

Fassungslos reagieren sechs Milliarden Erdbewohner auf die Schreckensnachricht aus New York. Sondersendungen im Fernsehen, Sitzungen der Regierungen, verschärfte Kontrollen allüberall.

Björn braucht was von der Tankstelle, kurz nach neun. Ich räume die leere Ravioli-Dose und den Campingkocher weg, setze mich auf eine Holzbank am Zeltplatz. Björn kommt nicht zurück. 15, 25, 30 Minuten vergehen. Dann erscheint er doch und schluckt sofort einen Kümmerling. Zwei. Drei. Erzählt von den TV-Bildern. Wir kramen unseren Weltempfängern heraus, suchen die Deutsche Welle. Der Empfang ist schlecht. SMS. Ein Komillitone von Björn: „Apokalyptische Zustände in New York!“

Und wir sind im Nichts.

Paradox.

Kurz nach zehn. Wir schauen uns an, bauen das Zelt auf. Und stellen fest: New York ist uns egal. Wenn jetzt ein Atomkrieg ausbricht: Uns wird’s nicht erwischen.

Gute Nacht!

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