Heimspiel in Bochum

Wer Fan des VfL Bochum ist, muss in einer Fan-Karriere ein paar Pflichten erledigen. Dauerkarte kaufen, Heimspiele sehen, auswärts mitfahren (und das im Sonderzug), einen Abstieg betrauern, einen Aufstieg feiern, in der Ritterburg vor dem Spiel „trinken“, am kleinen Wohnwagen vor der Tanke anne Castroper ne Currywurst verputzen und nach dem Spiel im Bermuda-Dreieck versacken. Alles mit Schal, im Trikot.

Und nicht zu vergessen: ein Herbert-Grönemeyer-Konzert im Ruhrstadion sehen. Das hakte ich am 10. Mai 2003 ab.

Ich bloggte über Herberts Heimspiel das:

Es ist so wunderschön, am Meer entlang zu spazieren, wenn der Wind einem so die Haare durchs Gesicht weht, dass sie die Augen verdecken, dass sie sich im Mund verfangen, und einfach scheiße schmecken. Es ist so wunderschön, direkt am Wasser die Sandkörner durch die Hand flutschen zu lassen, und die Gischt im Gesicht zu spüren. Der Wasser sprüht wie per Pistole gespritzt. Und es prickeltprickeltprickelt…

Es ist so wunderschön, das Bochumer Ruhrstadion zu betreten. Könnte es immer wieder sagen – und tu´s auch. Wandere in die Dämmerung, beobachte die Sonne, folge dem Lauf. Der Himmel ist blau, es riecht nach großen Gefühlen. Wenn ich mir diesen verdammten Geruch doch mal merken könnte.
Die fleisch gewordene Synthese deutscher Popmusik tritt live auf. Heißt Herbert mit Vornamen, Grönemeyer mit Nachnamen. Ein Mann, Mitte 40, der in den letzten Jahren einiges mitgemacht hat. Er musste seinen Bruder und seine Frau zu Grabe tragen, das alles noch innerhalb von zwei Wochen; und ganz Deutschland kondolierte.

Herbert kam wieder, und alle rannten in die Plattenläden, um „Mensch“ zu erwerben. Eine CD, die sich daraufhin monatelang an der Spitze hielt; eine „Maxi“, die Dieter Bohlen und seine Superstars, aber auch Robbie Williams distanzierte. Eine „Hymne für die Berliner Republik“ habe Grönemeyer komponiert, mutmaßte der SPIEGEL angesichts der unfassbaren Verkaufszahlen („Der Mensch heißt Mensch / weil er vergisst / weil er verdrängt / weil er lacht, weil er lebt / und du fehlst“), einer der persönlich ist, ohne zu nerven; einer, der politisch denkt, ohne es sich mit einer Richtung zu verscherzen; einer, der Musik für alle macht, und das gar nicht einmal schlecht. Mainstream ist eigentlich immer Mist, denke ich mir an eben diesem 10.Mai, als ich mein Paul-Freier-Trikot samt VfL-Schal anziehe, um zum Bochumer Ruhrstadion zu fahren. VfL-Spiel? Mainstream? Nee, Herbert Grönemeyer kommt. „Das ist Pflicht für jeden VfL-Fan“, bellte ich zu allen, die bisher das Wort „Grönemeyer“ in meinem Wortschatz vermissten, und als ich den Dunstkreis des schönsten Stadions der Welt betrete, merke ich, dass ich nicht der einzige VfL-er bin. Nun gut, keine Invasion in blau-weiß, aber hier ist doch der VfL zu Hause. Mainstream, jawollja, dieser Gedanke spukt in meinem Kopf herum, und ich habe mir fest vorgenommen, das Konzert gut und doch gleichzeitig scheiße zu finden. Einer, der alle auf sich vereint? Da ist doch was faul! Ein Blick in die Menge bestätigt mein erstes Gefühl… DEN typischen Grönemeyer-Fan gibt es nicht, schon gar nicht im Innenraum. Da steht ein 16-Jähriger, der im Anschluss ans Konzert in der Turbinenhalle Oberhausen vermutlich auf übelsten Techno abfährt, zwei Reihen davor stehen Oma und Opa Müller, die den Platz im Seniorenheim bestimmt schon gebucht haben. Und auf der Tribüne hocken 40-Jährige Neururer-Popelbremsen, mutmaßlich Stammgäste im Ballermann (um auch dieses Klischee mal auszufahren, wo ich schon mal dabei bin). Jung, alt, arm, reich, Studis wie ich – that´s it. Grönemeyer hat´s gepackt.

Mein Stadion… dort, wo ich mich sonst über Tore des VfL freue, zieht sich Herbert gerade um. Ich atme die Luft des 16-Meter-Raums und genieße es, einmal auf dem Platz zu stehen. Ist mir noch nie aufgefallen, dass über unserer Ostkurve Baumwipfel zu erkennen sind. Massen an Karstadt-Werbung prangt allüberall, hab meine Karte sicher in der Hosentasche versteckt. Mal wieder eine ebay-Karte, weil mein guter Freund Björn (DU GELDGIERIGER GEIZKRAGEN!!!) nicht bereit war, mir eine von seinen Karten für denselben Preis zu verscherbeln. Stattdessen hat er sie alle für ein Vielfaches bei ebay selbst vehökert. Ich bin jedenfalls recht billig weggkommen und freue mich darüber. Björn ist auf Schalke im Juni dabei – schade Junge, Pech gehabt! Bochum ist das wahre Heimspiel!

Jaaaa, Bochum ist das wahre Heimspiel. 20.35 Uhr, kurze Aufreger über die Leute, die einmal pro Jahr bei ner Großveranstaltung sind und denken, sie hätten damit die Welt revolutioniert, doch die La-Ola-Welle schon weit vor dem eigentlichen Anpfiff und ständige „Hörbie“-Rufe entschädigen… dann Licht aus, Spot an, Hälse recken, och menno, warum setzen alle Jungs ihre Perlen auf ihre Schultern; egal, würd ich auch tun… wozu gibts die großen Leinwände, aber … aber … aber … ich kann ihn seehn, ich kann ihn seehn… Open-Air hat Nachteile, aber auch Vorteile. Siehe oben. Himmel blau, Ruhrstadion, Dämmerung, Sonne versinkt über dem Ruhrgebiet, watt schöneret gibbet nicht. „Guten Abend zu Hause!!!!“, brüllt Grönemeyer, und damit hat er die Menge schon automatisch auf seiner Seite. Herbert guckt, Herbert springt von links nach rechts, Auf und Ab, grinst in die Kamera, sprintet den „Steg“ nach vorn und nach hinten, winkt unaufhörlich. Manchmal nervt es, dass er spricht, als hätte er ein Dauer-Schluckauf. Manchmal nerven seine kindischen Einlagen. Doch ohne die wäre er nicht Herbert, wäre er nicht so beliebt. Ein Streichorchester begleitet den Großteil der Songs, und die Lightshow, die in Verbindung mit der Dämmerung phantastisch wirkt, nötigt mir einen ersten Gefühlsausbruch ab, den ich so nicht erwartet hätte. Der Auftakt? Müde für mich… denn zunächst gibts die unbekannteren Songs von der neuesten CD „Mensch“, die ich nicht wirklich mitsingen kann. Dann verlassen alle Musiker die Bühne, es wird dunkel, alle Spots auf ihn… nur Klavier… „Der Weg“… für seine verstorbene Frau. Als müsste er sich bald die Tränen wegwischen, hockt er am Klavier, entzaubert dem Instrument sanfte Töne. Sehr bewegend. Möchte am liebsten mitschluchzen, wenn er „Ich kann nicht mehr sehn / trau nicht mehr meinen Augen / kann kaum noch glauben / Gefühle haben sich gedreht / Ich bin viel zu träge um aufzugeben / Es wäre auch zu früh / weil immer was geht“ ins Mikro haucht. Irre. Bewegend. Riesen-Applaus. Direkt danach „Mensch“. Hui, was für ein Übergang.
Ein unglaublicher Übergang. Als ob er seine tiefe Trauer überspielen müsste, gehts rund auf der Bühne und davor. „Hörbie“-Sprechchöre. „Ohh wie ist das schön“. „Wenn ihr wüsstet, wie überwältigend das von hier aussieht“, sagt er zwischendurch, als er wieder einmal kopfschüttelnd in die Menge blickt. Heimspiel.

Heimspiel in Bochum. „Glück auf, glück auf“ – Ruhe „DEEEER STEEIIGEEEER KOMMT“ brüllt die Menge im Alleingang – „und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezüüüüüündet schon angezünnnddt“… „TIEF IM WESTEN, WO DIE SONNE VERSTAUBT….“ … hebt die Schals in die Höhe, Gegröle, ob von 16-, 30-, 45- oder 65-Jährigen. Kein Halten mehr. Ich erwische mich, wie mir die Soße so langsam in die Augen zu rinnen droht, als es fast vorbei ist. Nur eins: „MACHST MIT NEM DOPPELPASS JEEEEEEEEEEEEEEEEEDEN GEGNER NASS, DU UND DEIN V-F-L!“ Unfassbar. Und direkt danach „Männer“, „Alkohol“ und „Was soll das?“

Puh. Kein Halten mehr. Was soll ich daran noch scheiße finden? Die Maschinerie funktioniert auch bei mir. Einfach nur geil. Zum Schluss schickt uns „Hörbie“ zum Meer, und verschwindet nach 80 Minuten gen Block P, zu Andis Stehplatz. Das soll´s gewesen sein? Nein. Klatsch-Orgien, die üblichen, Zugaben, die üblichen? Es beginnt mit „Currywurst“. Ob der das überall spielt? „Kommse vonne Schicht wat schöneret gibbet nich als wie Currywurst…“ Der Rest läuft vorbei, als hätte jemand auf „Vorspulen“ gedrückt. Überlege mir, welche Songs fehlen, aber die Kracher kommen alle hintereinander. Selbst meine heimlichen Lieblingssongs; „Bleibt alles anders“. „Es gibt viel zu verliern / Du kannst nur gewinnen / genug ist zu wenig / oder es wird wie es war / Stillstand ist der Tod / geh voran bleibt alles anders / der erste Stein fällt aus der Mauer / der Durchbruch ist da“. Und das phantastische „Land unter“. „Der Wind steht schief / die Luft aus Eis / die Möwen kreischen nur / Elemente duellieren sich / Du hälst mich auf Kurs / hab keine Angst vorm Untergeh’n / Gischt schlägt ins Gesicht / kämpf mich durch zum Horizont / denn dort treff ich Dich“. Die neuste Single „Demo“. SMS. „Sie“ findet das Lied klasse. „Ich bin dein siebter Sinn, dein doppelter Boden, dein zweites Gesicht. Du bist eine kluge Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht. Irgendwann – find und lieb ich Dich.“

Heavy emotions.

Und doch gibt es nur noch eins, das fehlt. „Ohne Bochum gehn wir nicht nach Haus – ohne Bochum gehn wir nicht nach Haus“, intonieren Zehntausende, und Herbert erhört es. „DER STEEIGEEEER KOMMT…..“ Saxophon-Solo, auch nach zweieinhalb Stunden noch alle in Top-Form… die letzten Strophen „… DU BIST DAS HIMMELBETT FÜR TAUBEN…“ ein erstes Knallen am Himmel… rote Feuerwerkskörper… „UND STÄNDIG AUF KOKS“ … Himmel in gelb… „HAST IM SCHREBERGARTEN DEINE LAUBE!“ und es werde grün „MACHST MIT NEM DOPPELPASS JEEDEN GEGNER NASS. DU UND DEIN VFL!!!“ alles ist blau… die absolute Krönung. Kaum zu toppen.

Völlig verstrahlt gehts auf den Heimweg.

Danke Herbert! Du hast vielen Menschen und nicht zuletzt mir einen grandiosen Abend beschert, obwohl ich mir so sehr gewünscht hätte, ein fettiges Haar in der Mainstream-Suppe finden zu können. Ich bilde mir ein, dieser Abend wird der herausragende unter den 28 Open-Air-Auftritten gewesen sein; denn hier bist Du zu Hause. Stelle mir vor, wie Du die Straßen entlang spazierst, in denen Du Deine Jugend verbracht hast, wie ich Dir über den Weg laufe, mit Dir plaudere; über dies und das, über das Leben, das Schicksal, die Musik, den VfL. Über das Meer.

„Gischt schlägt ins Gesicht“, heißt es in einer Zeile. Und ich liebe das Gefühl, genau daran zu denken.

Nur „Halt mich“ hättste Dir sparen können. Das ist ein Pärchen-Lied. Und ich hab nicht meine Augen geschlossen, um besonders romantisiert zu wirken, sondern um all die knutschenden Menschen zu übersehen.

Ein Schönheitsfleck?

„Gischt schlägt ins Gesicht“!

Nööö!“

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