Wie am ersten Tag

Man, was war ich nervös. Nie vorher (und nie nachher) gab ich so viel Geld für eine Konzertkarte aus – und nie vorher (aber oft nachher) sah ich die Helden meiner Jugend – drei Jungs, die sich auf der Bühne „Die Ärzte“ nennen – live. Und das auch noch bei einem intimen Konzert in der Kulturfabrik Krefeld, auf einer Klubtour unter dem Namen „Nackt unter Kannibalen“.

Ich bloggte dies hier:

Eine Band, die meine Kindheit versüßte, habt Ihr auf dieser Homepage schon kennengelernt. Doch nicht nur die viel gerühmten Toten Hosen aus Düsseldorf zählten zu den Helden des Grundschul-Andis, nein, vielmehr waren die „Ärzte“ aus Berlin diejenigen, die sogar noch über den „Hosen“ in meinen internen Jubel-Charts rangierten und sogar per Poster meine Pinnwand zierten (eher als die Mannschaft des VfL Bochum!). Die „Ärzte“ aus Berlin, rebellisch, anders. Unvergessene Momente, als mein Bruder erste Musikkassetten mit Songs wie „Zu spät“ und „Wie am ersten Tag“ mitbrachte, und mein Vater zweifelnd in der Kinderzimmertür stand. Er – Beamter beim Jugendamt – war natürlich bestens über die Untersuchungen der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ informiert. Wir hörten trotzdem. Die „Ärzte“ aus Berlin. Sie fehlen noch auf meiner Live-Liste. Ich habe viele Konzerte gesehen und einiges erlebt. Und nun? Nun geht es nach Krefeld, und offiziell spielt die Combo „Nackt unter Kannibalen“. Die Insider (oder besser: die eingefleischtesten Fans – so wie ich einer bin) wissen, dass die selbst ernannte „beste Band der Welt“ dahinter steckt. Auf ihre alten Tage wollen Jan Vetter (alias Farin), Dirk Felsenheimer (alias Bela) und Rodrigo Gonzales (alias Rodrigo Gonzales) noch einmal in kleinen Klubs unter Pseudonym vor wenig Fans spielen.

Nervöser als sonst betrete ich die Konzert-Location. Zuletzt waren es „Kettcar“ in Düsseldorf, „nur“ mit der Vorfreude auf etwas Unbekanntes, davor die „Hosen“ in der Arena Oberhausen – da weiß man, was man hat. Schon bevor das Konzert beginnt, ist es supereng, total warm und der Schweiß läuft Stirn und Wangen hinunter. Hab zuletzt wenig Sport gemacht. Zurecht. Die ganzen Kilos werd ich mit Leichtigkeit an diesem Konzertabend los. Gibts eine Vorband? Gar nicht drauf geachtet. Nee, gibts nicht, meint mein Nebenmann. Die Masse ist sehr heterogen. Ich zähle zu den Älteren. Vorn stehen die 16- bis 20-Jährigen mit Bierpullen und Augenrändern (Karnevals-Nachwirkungen) und bereiten sich auf seichten Pogo vor, die Älteren haben sich nach hinten verzogen. Da will ich eigentlich auch hin, doch irgendwie lasse ich mich in die Mitte drängen. Scheiße, da werd ich um ein paar blaue Flecken nicht herum kommen. Auch lang nicht mehr gehabt. Handy rausholen. Wie viel Uhr ist es? 20.15 Uhr. Kein Netz. Umso besser. Werd ich wenigstens nicht gestört. Licht geht aus. Spotlight an. Drei Kerle betreten die Bühne. Sie sinds. Farin links an der Gitarre. Mit schwarz gefärbten Haaren. Vor 15 Jahren waren die noch grellblond. Bela der Tätowierte an den Drums. Und Rod. Es rockt. Es rockt ohne Ende ab. „Kopfüber in die Hölle“ wird zuerst getrümmert, hüpfen, hüpfen, hüpfen, von vorn bis hinten, stoß mit meinem Vordermann zusammen. Autsch das gibt ne Beule. 700 Fans werden zweieinhalb Stunden abfeiern.

Und es nicht immer leicht haben. Denn ein „Ärzte“-Konzert, das hörte ich schon vorher und wurde bestätigt, begeistert und strapaziert doch gleichzeitig die Nerven. Diese Typen wirken zuweilen unglaublich alternativ, und im nächsten Moment wie arrogante Arschlöcher. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass die „Ärzte“ während Ihrer Auftritte unheimlich viel labern. Bestimmt viermal witzeln Farin und Bela miteinander, ohne dass es irgendeinen juckt. Da muss Rod schon mal nachhaken: „Hört mal Jungs, das interessiert hier keinen!“ Ist ihnen aber schnuppe. Zu Beginn ihrer Zeit, Anfang der 80-er, wollten sie noch die Welt revolutionieren, drehten die Verstärker bis zum Anschlag auf und schrammten auf der Gitarre rum, bis sie den Geist aufgab. Jeder Auftritt ein Genuss. Und nun? Nun begrüßt Farin die Menge mit den Worten: „Hallo. Wir sind die Ärzte aus Berlin. Ich hoffe, Ihr seid gut drauf, denn Bela ist krank und Rod und ich haben keine Lust!“ Die Menge jubelt. Meint er bestimmt nicht ernst. Oder?

Was für ein Witzbolzen. Zuweilen scheint sich Farin – mittlerweile 40 und auch schon mit Solo-Album auf der Visitenkarte – zu amüsieren, darüber, dass sich noch so viele Mädchen und Teenager unter den Fans befinden; spätestens nach dem dritten BH, der auf die Bühne fliegt. „Und nun kommt ein Lied von damals“, brüllt er ins Mikro. Um anzufügen: „Gebt mir ein D“ (die Menge: „D!!!“). „Gebt mir ein amals“ (die Menge: „AMALS!!!“). „Und das macht?“ (die Menge: „DAMALS!!!“) „Ihr seid so verflucht schlau!“ Der sitzt. Auf der Bühne erlauben sich die Drei alles. Sogar als absolut nervenden „running gag“ ein Panflöten-Stück von einem George wasweißich, das den ganzen einstündigen Zugabenblock begleitet. Doch niemand pfeift, obwohl die von Rod auf Keyboard geklimperten Takte stets übelst gleich klingen. Fast wie Harald Schmidt auf SAT.1. So lange sich keiner beschwert, immer weiter, immer weiter… In Krefeld sind sowieso nur die Eingefleischten. „Wenn Ihr heute Abend von einem Stück träumt, dann von dem Panflötenstück. Und wir sind das schuld“, so beginnt die Verabschiedung nach der letzten Zugabe. Mit der Ergänzung: „Die Ärzte haben alles gegeben. Und ihr habt als Publikum Eure Sache sehr gut gemacht. Wir hatten Spaß. Vor allem mit einem Stück.“ Und Farin spielt nochmal die Panflöte auf Keyboard an.

Hat das irgendwas dekonstruktivistisches (keine Ahnung, ob dieses Wort hier wirklich passt, aber ich versuch’s…)? Nee, weil das irgendetwas mit „kritisch“ zu tun hat. Und kritisch sind die Ärzte gar nicht mehr. Alle drei haben vermutlich längst Millionen auf dem Konto, und lassen das auch raushängen. Punk nur noch auf dem (Noten-)Papier. Fehlt nur noch, dass sie voller Inbrunst „Ich bin reich“ spielen. „Jede vierte Mail“, verrät Farin bei irgendeiner seiner Laberattacken, „die wir bekommen, trägt den Inhalt: Früher wart Ihr besser, ganz anders, punkiger.“ Und fügt hinzu: „Wozu gibt es die „Delete“-Taste? Dann steht da noch der Satz: Vor dem Kommerz!“ „Oh ja, der Kommerz“, schreit Bela aus dem Hintergrund und schmeißt Drumsticks in die Menge. „Ach man gewöhnt sich so schnell an die S-Klasse.“ Gelächter auf der Bühne. Und unten in der Menge. Ist doch scheißegal, wieviel die verdienen. Hauptsache Paaaadiiieeee. Punk, ursprünglich auch politische Bewegung. Tagespolitik bei den „Ärzten“? Es bleibt inhaltsleer. „Schrei nach Liebe“ – der Song gegen Nazis – wird nicht gespielt; in „Friedenspanzer“ wird die Zeile „wenn Brüder und Schwestern sich wieder hassen“ in „wenn die Amis wieder hassen“ umgewandelt – und das hinterher selbstverständlich hervorgehoben, von wegen „die Tagespolitik eingebunden“ und so! Die „Ärzte“, das ist die Band, die fast so viele „Best of“-Alben herausgegeben hat wie „normale“. Da war die „Ist das alles? 13 Höhepunkte“ von 1987, die „Live“-CD von 1990, die „Die Ärzte früher“ von 1993, die „Das Beste von früher nach kurz bis jetze“ von 1994, die „Gib mir Deine Seele – LIVE“ von 1999 und schließlich die „Rock´n´Roll-Realschule“ im Rahmen der „MTV-Unplugged“-Reihe aus dem Dezember 2002. Ärzte überall. Und die Kohle fließt und fließt. Sollten sie irgendwann diesen Text lesen, würden sie vermutlich nur müde lächeln, und auf ihr pralles Bankkonto schauen. Mal sind sie Helden, und mal Diebe. Und doch mag sie noch genauso wie am ersten Tag und find bei aller Kritik den Abend total klasse. Eben weil ich ein ganz Eingefleischter bin. Der alle CD´s zu Hause hat. Verrückt, oder?

Macht es den drei Jungs überhaupt noch Spaß? Nach 20 Jahren auf der Bühne immer wieder dieselben Lieder singen? Bei allen Zweifeln kann ich diese Frage doch bejahen. Es sind die Höhepunkte, die mir, den anderen und auch den dreien selber unter die Haut gehen. Wenn alle Fans die Hände in die Höhe recken, klatschen, was das Zeug hält, und hüpfen, so hoch sie können. Konzert-Ekstase. Höhepunkte wie „Wie am ersten Tag“ („Hey Du bleib stehen, ich weiß, wohin Du gehst, Du brauchst nicht so zu tun, als ob Du nicht verstehst… Du bist auf dem Weg zu Ihr, sie gehörte mal zu mir… usw.“), ein Mix aus „Westerland“ und „Elke“ (die Melodie des einen Songs gemixt mit dem Text des andern) und natürlich „Zu spät“ („Eines Tages werd ich mich rächen, ich werd die Herzen aller Mädchen brechen, dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht – dann tut es Dir leid, doch dann ist es zu spät!“). Von jedem einzelnen Lied kenne ich alle Silben, und singe sie voller Inbrunst mit. Ungeahnt gut ab gehen auch Songs wie „Friedenspanzer“, „Du willst mich küssen“, „Käfer“ und „Alleine in der Nacht“. Ein richtiger Flop ist nicht dabei. Leise wird’s nur – siehe oben, bei den Mono- und Dialogen. Ein begrenztes Programm ist den „Ärzten“ beim besten Willen nicht vorzuwerfen. Schaut nach in der Setlist – aus jedem Album wurde fast die gleiche Anzahl an Songs gespielt. Ein „Ärzte“-Rundblick über das bisherige Schaffen.

Der 4. März 2003 wird als unvergesslicher Tag in meine Lebensgeschichte eingehen. Zweifelsohne. Sicherlich hat das den Grund, dass ich den 4.3.03 ohnehin zum rot markierten Datum erheben wollte, denn normalerweise hätte der VfL an diesem Tag im DFB-Pokal-Halbfinale gestanden (wenn nicht dieses blöde Elfmeterschießen gewesen wäre, verdammt!). Aber das „Ärzte“-Konzert dient als mehr als guter Ersatz. Unvergesslich auch der Preis für die Eintrittskarte. Nie vorher und auch (versprochen!) nie wieder nachher werde ich so viel Geld bei „ebay.de“ für eine Eintrittskarte bezahlen. Zu guter letzt sind die Emotionen mit Sicherheit zu vergleichen mit denen bei den „Hosen-Konzerten, wenngleich die Bands äußerst wenig gemeinsam haben. Die Hosen: Fußball, Düsseldorf, Alkohol. Die Ärzte: Hassen Fußball, Berlin, Versautes. Gut, die Musik klingt ähnlich. Aber das wärs schon.
Ich glaube Bela aufs Wort, wenn er sagt: „Wir sind zurzeit die einzigen Superstars Deutschlands“ – in Anspielung auf die elende RTL-Show. Sie haben das Geschäft verstanden. Ihr Etikett früherer Tage behalten, und die Kohle immer weiter vermehrt. Und vermehrt. Und vermehrt. Da können sie es sich auch mal erlauben, in zehn kleineren Hallen für eine ganz kleine Gemeinde zu singen.

Und ich danke Ihnen dafür.“

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