Mit 399 anderen bei Kettcar im Zakk

Im winterlichen Brüssel im Dezember 2002 spielte mir mein Bruder Thommy eine CD der neuen Band „Kettcar“ aus Hamburg vor, damals noch verdammt unbekannt. Ich war sofort mehr als begeistert und fuhr am 13. Januar 2003 nach Düsseldorf, um mir die Band im „Zakk“ (dort sah ich am Todestag von Papst Johannes Paul II. auch noch Tocotronic) anzuschauen.

Zum Blog-Eintrag? Hier:

„Es ist Ende Dezember 2002, kurz vor Silvester, ein Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und es regnet in Belgien. Ununterbrochen prasseln die Tropfen aufs Dach, auf den Bürgersteig, auf die Sandkörner am Strand. Melancholische Momente, gleichzeitig schön und doch einsam. Oostende im Winter. Andi vorneweg an der Nordsee, dahinter Thommy (mein Bruder) und seine Freundin Marrit. Ein Bild wie gemalt. Ab gehts in den Zug zurück nach Brüssel, müde und träge. Bis der CD-Player anspringt und Thommy seine neueste Errungenschaft präsentiert:

– wollt ich leben und sterben wie ein toastbrot im regen?
wie ein betrunkener hund im zorn ohne grund?
die erinnerungssplitter liegen herum.
ich tret rein. –

„Thommy, was is´n das für geile Musik?“ „Hat mir Dirk aus München geschickt. Kettcar! Das IM TAXI WEINEN ist zurzeit mein absolutes Lieblingsstück!“

Die CD springt vier Stücke weiter, da begrüßt uns eine kurze Klaviereinleitung mit einer soliden Gitarre im Hintergrund.
– na dann herzlichen glückwunsch. noch ein ganz kleines stück jungs.
das böse fiese leben erdrückt uns.
(…)
aber irgendwie ist es doch besser im taxi zu weinen als im vrr-bus, oder nicht? –

Noch stark verzaubert von den Takten macht Thommy die Stimmung komplett: „Am 13. Januar spielen die in Düsseldorf. Sollen wir dahin gehen?“ Ich kenne die Band gerade einmal acht Minuten – und sage direkt zu. Ist zwar Uni und Arbeit vorher, aber egal. Für Kettcar schaff ichs.

Zwei Wochen später.

Die Lieder gehen mir nicht aus dem Kopf, die Debüt-CD „du und wieviel von deinen Freunden“ ziert einen meiner CD-Ständer. Die „Repeat“-Taste muss herhalten, vor allem für „Landungsbrücken raus“ und eben jenes „Im Taxi weinen“. Thommy hat inzwischen für den Abend abgesagt (tsetsetse, nichts wurde es mit dem Geschwister-Abend. Irgendsoeine Dissertationsarbeit ging vor; völlig unverständlich … also wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Doktortitel und einem Abend mit Kettcar und mir … *g*), und keiner außer mir kennt Kettcar (Frage an den WAZ-Redakteur Thomas Richter: „Kennst Du Kettcar“; „Yo, bin ich mit fünf Jahren mal gefahren!“ Das war die Standard-Antwort). 13. Januar, morgens weiß ich noch nicht, wo ich abends sein werde. Verschlafen. Uni. Müde. Aber doch: Ich muss die einfach sehen. Keine Ahnung, wo das Zakk liegt, einfach durchfragen. Treffe ein junges Pärchen aus Köln, die das Zakk auch nicht kennen. Zu dritt Detektiv spielen. Ui, komische Gegend, aber YEPP da ist´s.

Nix los in dem Laden. „Sind Kettcar wirklich so unbekannt?“ frage ich die beiden. „Also in Köln wars voll“, antworten sie. Wie lange das Konzert wohl dauern wird? Das Repertoire umfasst schließlich nur zwölf Stücke…!?!

Als Dritter betrete ich um 19.05 Uhr die Halle, keiner ist da. Erst allmählich füllt sich der Raum, spannend, all die Partygäste zu beobachten. Die Vorband kommt – und geht nach ner halben Stunde. „Sometree“ aus Hannover, kaum zu verstehen, weil ziemlich laut. Egal, wegen „Sometree“ bin ich nicht hier. Noch ein bisschen warten, und um 21.10 Uhr betritt KETTCAR die Bühne. Fünf Kerle, darunter ein Gitarrist, der so aussieht wie Thomas Gsella (mein Bruder Thommy weiß jetzt Bescheid – schöne Grüße, Junge!) und eben Marcus Wiebusch, der Sänger und Songwriter. 70 verträumte Minuten warten auf mich und all die anderen, obwohl die Musik nicht wirklich zur Melancholie verleitet wie beispielsweise bei Element of Crime. Dafür ist es zu – wie soll ich das nennen? – gitarrenlastig. Aber die Melodien bleiben trotzdem abwechslungsreich, schlicht schön. Zudem lohnt es sich, den Texten zuzuhören – und auch so mancher Erläuterung von Marcus Wiebusch über die Entstehung. Beispielsweise „Balkon gegenüber“: „Das ist eine zu 25 Prozent wahre Geschichte. Morgens habe ich viele Flaschen auf dem Balkon gegenüber gesehen. Die Geschichte dazu ist ausgedacht!“ Beispielsweise „Volle Distanz“. „Das ist über meine einzige Kneipen-Schlägerei, in die der Sänger von TOMTE verwickelt war.“  Beispielsweise „Lattenmessen“: „Jeder, der mit 15 in einer Fußballmannschaft war, weiß wie der Titel gemeint ist“ (war ich in einer so langweiligen Mannschaft?) Beispielsweise „Landungsbrücken raus“. „Ein Lied über unsere Heimatstadt Hamburg.“

Ja, „Landungsbrücken raus“. Das war mein eindeutiger Höhepunkt.
– an den landungsbrücken raus, dieses bild verdient applaus
und noch 200 meter und jetzt geht der fallschirm auf.
jetzt geht der fallschirm auf, na dann herzlich willkommen zuhaus
und ein letztes mal winken und ich bin raus –

Ein rockiger, und doch ruhiger – ein euphorischer und doch trauriger – ein stimmungsvoller und doch sanfter Abend geht vorbei; mit Gitarristen, die nicht zwanzig Instrumente zur Verfügung haben, sondern nur zwei. Die nicht Helfer beanspruchen, die ihnen die Geräte stimmen und anreichen; die nur einen Quadratmeter zum Abrocken haben. Schade, dass das schon relativ kleine „Zakk“ nicht einmal richtig voll war. Diese Band hätte mehr Zuschauer verdient gehabt – und sie wird in Zukunft auch mehr Fans anziehen. Ganz sicher. Und dann gehen Thommy und ich gemeinsam hin (gell, Bruderherz?)

Die Erinnerungssplitter liegen rum.

Ich tret rein.

Bitte lasst mich diesen Abend noch einmal zurückspulen.“

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Blog - damals, Konzerte, Musik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *