Das Bochum-Beben – 12. Februar

Ich kenne Kollegen, die es geschickter gemacht haben als ich. Die noch ein paar Tage länger in Minneapolis geblieben sind, um die Super-Bowl-Erlebnisse zu verarbeiten. Die noch nach Chicago weitergereist sind, um sich die Stadt in Illinois anzuschauen. Die danach ein paar Tage Urlaub genommen haben, um den Jetlag auszukurieren.

Glück kann der VfL Bochum gebrauchen.

Glück kann der VfL Bochum gebrauchen.

Bei mir war das anders.

Eigentlich hätte ich auch am liebsten ein paar Tage in Miami drangehängt, aber das hätte ich ohne meine Familie wirklich nicht ausgehalten. So landete ich – siehe Blog-Eintrag – nur zwei Tage nach der Übergabe der Vince Lombardi Trophy am 6. Februar um 14.05 Uhr in Düsseldorf, war eine Stunde später endlich wieder zu Hause bei Frau und Tochter in Mülheim-Broich, schlief in der Nacht so lange wie zuletzt als Baby, 14,5 Stunden von 20.15 am Abend bis 10.45 Uhr am nächsten Morgen. Und nach nur einem freien Tag ging es dann am 8. Februar in der Redaktion direkt weiter. Kaum Zeit für Erzählungen von Super-Bowl-Erlebnissen, wenig Sentimentalitäten – sondern Alltag: 1000 Mails abarbeiten, Ruhrgebiets-Fußballnews aus knapp zwei Wochen nachlesen, zahlreiche Konferenzen und vor allem: Olympia-Vorbereitungen abschließen.

Sebastian Schindzielorz (v.l.), Robin Dutt und Heiko Butscher.

Schindzielorz (v.l.), Dutt und Butscher.

Doch in den ersten Tagen der Olympischen Winterspiele konnte ich mich kaum auf Biathlon, Rodeln und Co. konzentrieren – was an einem kompletten Führungswechsel beim VfL Bochum lag. Trainer weg, Sportvorstand weg. Also fuhr ich zu zwei Pressekonferenzen; zunächst mit Aufsichtsratsboss Hans-Peter Villis und dem neuen Sportvorstand Sebastian Schindzielorz und dann mit dem neuen Trainer Robin Dutt. Olympia und Fußball statt Football, Bochum statt Minneapolis, 2. Bundesliga statt Super Bowl – eine harte Landung…

Diese Texte und Beiträge entstanden dabei:

Hier geht es zu meinem Live-Ticker, den ich während der Pressekonferenz zur Vorstellung von Sebastian Schindzielorz für WAZ.de, DerWesten und RevierSport führte (8. Februar)

Die Helden von früher auf einem Bild im Foyer.

Die Helden von früher auf einem Bild im Foyer.

Hier geht es – ebenfalls bei der ersten Pressekonferenz am 8. Februar – zu einer kurzen Meldung, die ich über Co- und Interimstrainer Heiko Butscher verfasst habe.

Hier geht es zu meinem Live-Ticker, den ich während der Pressekonferenz zur Vorstellung von Robin Dutt für WAZ.de, DerWesten und RevierSport führte (12. Februar).

Gemeinsam mit meinem erfahrenen und tollen Kollegen Peter Müller nahm ich via „Facebook live“ ein Video aus dem Bochumer Presseraum auf, das Ihr hier auf der Facebook-Seite der WAZ nachlesen könnt.

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Super Bowl 52 – 10. Tag – 6. Februar

Während ich in Amsterdam am Flughafen sitze und nach einem extrem ereignis- und leider auch weitgehend schlaflosen Flug darauf warte, dass mein Anschlussflieger nach Düsseldorf endlich abhebt, bleibt mir nur ein ganz, ganz großes DANKE!

Meine Super-Bowl-Seite in der WAZ!

Meine Super-Bowl-Seite in der WAZ!

DANKE an meine Familie, dass sie die zehn Tage ohne mich so bravourös gemeistert hat; dass sie es mir überhaupt gestattet hat, diese wahnsinnige Erfahrung mitzumachen. Dass sie mir meinen Traum gegönnt hat. DANKE!

DANKE an meine Kollegen in Deutschland, die aus meinen Texten wundervolle Print-Seiten und tolle Online-Texte gebaut haben.

DANKE an alle, die sich via Facebook, Twitter, Instagram oder WhatsApp bei mir gemeldet oder einfach nur ein Like hinterlassen haben. Dass meine Reise auf so viel Resonanz stößt, hätte ich nie im Leben vermutet. Jede einzelne Reaktion hat mich sehr, sehr gefreut.

Ankunft in Amsterdam in 3, 2, 1 ...

Ankunft in Amsterdam in 3, 2, 1 …

DANKE an die Kollegen, die ich in Minneapolis kennenlernen durfte. Schaut nach beim ersten Tag, als ich schrieb, dass es blöd sei, allein zu fahren – aber irgendwie auch nicht. Deshalb DANKE an Tobi, der u. a. für die WZ schreibt, und mir nicht nur die Fanmeile zeigte. Oder Stefan vom Huddle, mein erster Gesprächspartner nach dem Spiel (Danke fürs Lob nochmal). Oder Patrick, der für die Ruhr Nachrichten kam und ganz routiniert schon seinen zehnten Super Bowl erlebte. Oder die Sky-Kollegen Moritz und Marc; Moritz saß ebenfalls in Reihe 13. Grüße! Oder Stephen Foster aus Texas, den ich als Running Gag immer wieder mal traf. Der mir immer wieder erzählte, dass er die Familie von Nick Foles kennt. Oder natürlich die Jungs von ProSieben, allen voran Icke und Coach Esume. Wenn bei den Jungs nichts hängengeblieben wäre, hätte mich der Coach vor Gate F12 sicherlich nicht angesprochen.

Oh, der Flug wird aufgerufen. Eine Bitte habe ich nur noch zum Schluss: Bitte kein Schnee mehr in diesem Jahr.

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Super Bowl 52 – 9. Tag – 5. Februar

Am Ende habe ich sogar noch einmal Coach Esume getroffen – und wie es sich für echte Männer gehört, natürlich am Pissbecken. Am Flughafen von Minneapolis war das, etwa um 18 Uhr; knapp 45 Minuten bevor unser Flug nach Amsterdam zum Einsteigen bereit sein sollte. Und so saßen danach zwei Männer mittleren Alters irgendwo am Gate F12 träge herum, redeten über den Super Bowl, unsere wundervollen Frauen und Kinder, darüber, was wir zuerst tun, wenn wir unseren Zielort erreicht haben und wie die kommenden Wochen aussehen. Müde Krieger nach acht anstrengenden Super-Bowl-Tagen.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

Montag: Die Spuren werden beseitigt.

So richtig gut geschlafen hatte ich in der Nacht nicht. Um 0.30 Uhr knipste ich zwar die Lichter meines Zimmers aus, wie gestern geschildert, und schaltete brav „Sleep Cycle“ an; zwischen 6.45 und 7.15 Uhr sollte mich die App wecken. Ich schlief jedoch erst um eins ein, immer wieder waren mir die Bilder aus dem US Bank Stadium durch den Kopf gegangen. Um vier Uhr war ich für zehn Minuten hellwach und schaute unmotiviert aufs Handy, und dann klingelte „Sleep Cycle“ auch noch um 6.45 Uhr. Halleluja. Nur knapp fünf Stunden unruhiger Schlaf statt sonst siebeneinhalb bis achteinhalb Stunden Baby-Schlaf, und das am letzten Tag… Vielleicht würde ich dann im Flieger ratzen können.

RT von LeGarrette Blount!

RT von LeGarrette Blount!

Beim ersten Blick aufs iPhone fiel mir dann aber auf: Ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich früh wach bin. Zuerst sah ich, dass Eagles-Runningback LeGarrette Blount persönlich einen Tweet von mir geteilt hatte. Dann hatten mich Dutzende Facebook-Nachrichten erreicht und viele, viele WhatsApps. In Deutschland war es schon 13.45 Uhr – und zahlreiche Forderungen konnte ich ebenfalls nachlesen: 4500 Super-Bowl-Zeichen für die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt, 4050 für die NRW-Titel und die Braunschweiger Zeitung, 3000 für Thüringen. Und das bis 11 Uhr US-Zeit. Puh. Ein kurzes Telefonat mit dem Chef; das wird keine einfache Aufgabe, ohne Schlaf, mit einem Check-out um 11 Uhr und einem 28-Stunden-Tag vor der Brust. Und den Koffer hatte ich auch noch nicht gepackt.

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Shoppen Teil 1: Disney Store!

Ich hockte mich an den Schreibtisch und tippte, was meine müden Finger um diese Uhrzeit hergaben – und natürlich klappte es irgendwie. Leider war ich mit den zahlreichen Super-Bowl-Textvarianten am unzufriedensten in dieser Woche; aber so ist das manchmal. Die Umstände waren nun wirklich nicht perfekt. Um 10.05 Uhr hatte ich dann offiziell Feierabend für heute, die Redaktionen in Deutschland waren zufrieden und ließen mich meine Abreise vorbereiten. Schnell schmiss ich alle Sachen in den Koffer, eilte hurtig unter die Dusche, schrieb ein wenig (zu wenig) mit den Liebsten zu Hause! Ich freue mich so darauf, meine wundervolle Frau, meine zauberhafte Tochter wiederzusehen!!! Um punkt 10.50 Uhr stand ich schließlich an der Rezeption des Hotels und hörte mich die Worte sagen: „Check-out please!“

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Shoppen Teil 2: Lego Store.

Das Problem des Tages: Mein Rückflug bis Amsterdam war auf 19.38 Uhr angesetzt. Warum die krumme Uhrzeit? Keine Ahnung. Jedenfalls würde ich vor 16 Uhr nicht am Flughafen sein müssen, und schon das wäre zu früh. Wie kriege ich also die Zeit zwischen 10.50 und 16 Uhr rum? Ich parkte meinen Koffer im Foyer des Marriott-Hotels (auf die Idee kamen viele, die erst am Abend flogen) und ging zum Hardcore-Shopping ein letztes Mal in die Mall of America. Ein Kollege wollte ein Patriots-Shirt für seine Frau (als ich das kaufte, fühlte ich mich unter lauter Eagles-Fans wie auf dem Weg zur Schlachtbank), eine supergute Freundin eine Starbucks-Tasse. Dann noch was für Frau und Tochter, inklusive Umweg über den Disney Store – und irgendwas musste ich ja auch noch essen.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Mittagessen: Pizza mit BBQ-Soße.

Ich entschied mich für eine echte amerikanische Pizza mit extrem scharfer BBQ-Soße und zum Dessert zwei Kugeln Häagen-Dasz-Eis. Dabei beobachtete ich die Arbeiter, die bereits am Montagmittag, kaum 14 Stunden nach der Siegerehrung, die Spuren des Großereignisses beseitigten. Vom Medienzentrum war (glücklicherweise) nur noch funktionierendes WLAN übrig. Die Patriots hatten das Teamhotel JW Marriott noch in der Nacht verlassen, ebenso die Dutzenden Sicherheitskräfte und Polizisten, die so grimmig gucken können. Die Radio Row mit den vielen Sitzplätzen der Radiomoderatoren, war längst abgebaut, die Plakate in der ganzen Mall wurden sukzessive abgerissen, sehr humorlos. NFL Network sendete längst nicht mehr aus dem eiskalten Minneapolis. Bloß weg da. Dachte sich auch Eagles-Quarterback Nick Foles. Der flog nach der Pressekonferenz am Montagmorgen direkt ins sonnige Florida – Disney World. Die Super-Bowl-MVPs machen das so. Die Parade in Philadelphia ist auf Mittwoch angesetzt. Nur einige Fans im Eagles-Trikot und der übervolle NFL-Fanshop (50 Prozent auf Super-Bowl-Fanartikel) deuteten darauf hin, dass etwas Großes stattgefunden haben muss.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Shoppen Teil 3: Starbucks.

Um 14.45 Uhr rettete ich mich und meine Kreditkarte und verließ die Mall of America. Vorerst, für immer, wer weiß das schon. Ich habe spontan keine Idee, warum ich so schnell nach Minnesota zurückkehren sollte. Viel zu kalt! Viel zu viel Schnee! Und wenn ich im Sommer ein Land mit 10.000 Seen sehen will, dann fahre ich nach Schweden oder Finnland. Ist sowieso näher. Im Marriott-Hotel schraubte ich ein wenig an meinen letzten Blog-Einträgen herum, auch hier mochten mir die richtigen Ideen nicht mehr einfallen nach inzwischen achteinhalb Tagen Kreativität. Um 15.15 Uhr entschied ich dann: Scheiße, was soll’s!? Lieber zu früh am Flughafen sein als rennen zu müssen – wie zum Beispiel beim Hinflug. Meine innere Uhr stellte ich schon auf Europa um. Da ist’s jetzt 22.15 Uhr, eigentlich muss ich in zwei Stunden schlafen gehen. Hilfe, der USA-Europa-Rückflug-Jetlag ist nicht meiner. Das kann heiter werden. Nach meiner Rückkehr aus Vegas vor ein paar Jahren schlief ich von zehn bis 17 Uhr durch und hatte sieben Tage Schwierigkeiten…

Am Flughafen Minneapolis erlebte ich dann aber direkt eine Premiere. Gut, dass ich so früh aufgebrochen war. Zum ersten Mal in meinem Leben – und, liebe Freunde, ich bin wirklich oft geflogen – hatte ich Übergepäck. Sogar fast ein Kilo. Fuck. Entweder ich würde meinen Koffer umräumen, sagte die Dame von Delta Airlines, oder ich müsste 106 Dollar zahlen. 106 fuckin‘ Dollar. Also öffnete ich meinen mühevoll zubekommenen Koffer, packte das Coach-Esume-Buch, das dicke Super-Bowl-Programmheft und weitere Papiere in mein Handgepäck, schmiss einige verzichtbare Journalistengeschenke weg (leider) – und zack, 20 Gramm zu wenig. Punktlandung. High-Five mit der Delta-Dame.

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Abflug: Tschöö Minneapolis!

Der Rest klappte einwandfrei, und so saß ich schon um 16.10 Uhr auf einem Sitzplatz vor Gate F12. Klingt nach einem Lied von Element of Crime: „Kurz nach 16 Uhr vor F12“. Über drei Stunden vor dem Abflug jedenfalls. Zum Glück war ich mit meinen letzten Blog-Einträgen noch nicht weit gekommen. Mit ein bisschen Grips und WLAN schaffte ich es aber, bis 17.45 Uhr immerhin den Super-Bowl-Tag zu schildern – und dann traf ich Coach Esume. Selten gingen dreieinhalb Stunden am Flughafen deshalb schneller um.

Beim Boarding trennten sich aber unsere Wege: Der Coach hatte einen wirklich genialen Liegeplatz in der Business Class. Ich, nun ja, nicht. Holzklasse, hello again. Die Flugzeit wurde nicht wie auf dem Hinflug mit neun Stunden berechnet, sondern nur mit 6:50 Stunden! Abzüglich der Zeit für Start und Landung plus Abendessen und Frühstück würden mir vielleicht zwei, drei Stunden für ein Nickerchen bleiben. Ach du Scheiße.

Poker - und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Poker – und ich sehe aus wie Martin Schulz!

Und ich war ganz und gar nicht müde. Ich holte mein iPad heraus, schrieb an den nun wirklich allerletzten Blog-Einträgen herum, entschied mich gegen Käse-Tortellini und für gebratene Hühnerbrust mit Champignon-Rahmsoße und Wildreis. Flugzeugessen eben. Hatte aber auch Hunger wie ein Bär. Nach knapp zwei Stunden Flug legte ich, knapp über Labrador City in Kanada, kurz vor dem Atlantischen Ozean, mein iPad zur Seite. Mein neunter Tag endete über den Wolken, wo die Freiheit, wo die Erinnerungen grenzenlos sind.

Ach wisst Ihr: Abschiedstage sind einfach immer Mist, wenn die Reise vorher so unvergesslich war.

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Super Bowl 52 – 8. Tag – 4. Februar

Ich bin drin! Wirklich drin!

Ich bin drin! Wirklich drin!

Lange habe ich überlegt, wie ich Euch den schönsten Tag meines Berufslebens, oh ja, das war er, schildern soll: Mit Bildern? Einem durchgeschriebenen Text? Stichworten?

Am besten geht das, wie ich finde, mit einem Zeitraffer. Und so nehme ich Euch mit auf die Reise nach Minneapolis, ins US Bank Stadium, zum Super Bowl LII. Zur 52. Auflage des größten Einzelsportereignisses der Welt. Ich hoffe, die Schilderung der Ereignisse ist annähernd so kurzweilig wie das Ereignis selbst für mich.

11.40 Uhr: Am frühen Morgen habe ich getrödelt. Wieder ausgeschlafen, danach wahllos YouTube-Videos angeschaut, ein paar Spielchen gespielt, doppelt so lang geduscht. Ich verlasse erst spät mein Hotelzimmer. Hatte gehofft, bis zwölf Uhr noch ein Frühstück im Hotel-Bistro zu bekommen – vergeblich. Also noch schnell in die Mall of America, bei Carlos Bäckerei zwei Croissants und eine Flasche Wasser für den Weg kaufen. Schlange, hilfe. Sechs Dollar. Noch knapp fünfeinhalb Stunden bis zum Kick-off.

Ein unfassbares Stadion!

Ein unfassbares Stadion!

12.30 Uhr: Pünktlich sitze ich im Shuttlebus. Selbstverständlich im ersten Richtung US Bank Stadium – man kann nie früh genug dran und drin sein. Eine halbe Stunde Busfahrt nach Minneapolis Downtown, das bedeutet: Einmal noch ins endlose Weiß schauen; draußen sind‘s wieder knackige minus 20 Grad. Coach Esume von Pro7 sprach in seinem endlosesten Facebook-live-Video am Vormittag sogar von minus 26 Grad. Ohne Balsam würden die Lippen explodieren. Nanaaa, das ist dann doch übertrieben.

Nur damit es jeder weiß!

Nur damit es jeder weiß!

13 Uhr: Oder doch nicht? Die 50 Meter von der Bushaltestelle zum Security-Check für Journalisten fühlen sich an wie 5000. Und dann ist da auch noch eine Riesenschlange wie vor der Achterbahn im Phantasialand bei 25 Grad. Plus wohlgemerkt. Die Erleichterung kommt nach drei Minuten in der Schlange. Nur die Fotografen und TV-Teams müssen länger stehen bleiben, die „Normalos“ können links vorbei. Sorry, tut mir leid, sorry, sorry, excuse me. Noch viereinhalb Stunden bis zum Kick-off.

13.15 Uhr: Ein Mann, der so aussieht wie der Sänger von ZZ Top, filzt mich von oben bis unten – schlimmer als in der Gästekurve vor einem Revierderby. Verwunderlich, dass ich mich nicht entkleiden muss. Okay, ich nehme es hin, ist ja für einen guten Zweck. Nach knapp drei Minuten Check erfahre ich, dass der Mann aus Tampa kommt, ihm schnurzpiepegal ist, wer gleich das Spiel gewinnt, und darf rein. Rein! Das Spiel rückt näher. Mittlerweile bin ich sogar wieder etwas skeptisch geworden. Irgendwas muss doch noch schief gehen.

Das Überlebenspaket!

Das Überlebenspaket!

13.25 Uhr: In einem Nebengebäude des Stadions ist das große Super-Bowl-Medienzentrum untergebracht, noch viel größer als das Zentrum in der Mall of America. Ich bin wirklich einer der ersten Journalisten hier. Die TV-Teams haben bereits ihre Boxen im Stadion bezogen, von den Fotografen und „Schreibenden“ schlafen viele offenbar noch. Das finde ich saugut, denn am Journalisten-Büffet kann ich mich reichlich bedienen. Und, liebe Freunde, ein solches Büffet habe ich bei einem Sportereignis noch NIE gesehen. Station eins: Pulled-Pork-Burger. Station zwei: Self-Service-Wraps mit Zutaten aller Wahl. Station drei: Salat und Soße, ob nur als Salat oder für den Wrap. Station vier: Süßigkeiten. Station fünf: Getränke aller Art. Junge! Hab mich erst einmal satt gegessen. Das würde bis zum Kick-off genügen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

Der etwas andere Aufstellungsbogen.

14 Uhr: Noch dreieinhalb Stunden bis zum Kick-off. Ich bin satt und könnte ein Schläfchen vertragen. Inzwischen ist es etwas voller geworden, gegenüber sitzen TV-Reporter aus Philadelphia, die offenbar nicht so ganz glauben können, dass sie wirklich hier sind. Viele, viele Fernseher laufen selbst in den verwinkeltsten Ecken nonstop und zeigen – natürlich – NFL Network. Bin schon froh, zu Hause wieder ganz normale Netflix-Sendungen schauen zu dürfen. Hall-of-Famer Michael Irvin, im NFL Network die ganz große Nummer, diskutiert mit Arizona-Cardinals-Receiver Larry Fitzgerald (der aus Minneapolis kommt), was die größten Problemzonen der beiden Teams sind. Als ob er das nicht acht Tage lang mit 200 anderen Experten schon gemacht hätte. Trotzdem hören viele zu. Ich auch.

14.02 Uhr: Breaking News. Die Patriots treffen am US Bank Stadium ein! Dreieinhalb Stunden vor dem Kick-off. Wäre in der Bundesliga unmöglich. Da öffnen die Stadiontore ja erst zwei Stunden vor dem Anpfiff.

Der blinkende Budweiser-Becher!

Der blinkende Budweiser-Becher!

14.40 Uhr: Die Zeit verfliegt mit bloggen, Michael Irvin zuhören, Unterhalten mit Kollegen und Kekse essen wie im Flug. Ich bemerke, dass Irvin und Fitzgerald nur im Anzug im Stadion sitzen. Hatte gedacht, dass das Dach die Temperatur von minus 20 auf minus zwei Grad runterheizt – aber so warm? Ich erkundige mich und erfahre: Nee, eine Heizung, die Wärme von 67.000 Zuschauern und noch ein paar Tricks sorgen für angenehme 20 Grad plus. Haha, dann hätte ich die lange Unterwäsche gar nicht anziehen müssen. Fuck, sind zwar noch 2:50 Stunden bis zum Kick-off, aber ich gehe jetzt rein und suche meinen Platz. Keine Ahnung, wie lang das dauert.

15.05 Uhr: Ich! Bin! Drin!!! Ich sitze in Sektion 327, Reihe 13 auf Platz 6. Jaaaaa! Der Traum ist in Erfüllung gegangen, der kleine Andi Ernst aus Mülheim-Broich hat‘s zum Super Bowl 52 nach Minneapolis geschafft. Niemand nimmt mir das mehr! Niemand! Jaaaaaa! Zeitmaschine: Ein paar Minuten vorher. Der Weg vom Presseraum bis zum Platz ist nicht ganz unproblematisch. Ihn zu finden: kein Problem. Raus aus dem Medienzentrum, rein ins Stadion. Nur zehn Meter durch minus zwanzig Grad, auszuhalten. Doch dann beginnt das Warten. Waaarten. Waaaaaaarten. Doch der Aufzug kommt einfach nicht. „Du kannst auch die Treppe nehmen“, sagt ein freundlicher Mann in einem sündhaft teuren Anzug. Alles klar, wird schon nicht weit sein. Wo geht‘s entlang? Ach, da geht‘s entlang. Und wer schon einmal im Mönchengladbacher Stadion vom Presseraum bis zur Pressetribüne die Treppen benutzt hat, der weiß, warum ich jetzt sage: ALTER, WAR DAS STEIL! Mein konditionell desaströser Zustand gab mir natürlich den Rest. Und als ich Section 327 erreichte, war ich erst einmal eins: nee, nicht glücklich, sondern außer Puste. Doch mein Dopaminspiegel war noch hoch genug, um endlich DAS Stadion sehen zu wollen. Also ging ich rein und …

Pink singt die Nationalhymne.

Pink singt die Nationalhymne.

15.05 bis 16.15 Uhr: … genoss erst einmal. Ich setzte mich auf meinen Platz, zwischen chinesischen und italienischen Reportern, und schaute über eine Stunde in dieses Wahnsinnsteil. Erst einmal musste ich mich in der Tat meiner Jacke und meines Schals entledigen. Die Kollegen hatten nicht gelogen. Angenehme 20 Grad machten die Super-Bowl-Arbeit zu einem Vergnügen. In Deutschland hatte ich noch von „Ice Bowl“ gesprochen und wie schlimm doch alles wäre. Ein Stadion mit vier Rängen – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion mit einer Glasfront und zur Hälfte einem Glasdach – hab ich noch nie gesehen. Ein Stadion, das so steil ist – hab ich schon gesehen, damals am alten Bökelberg. Ein Stadion mit zwei Anzeigetafeln, die so groß sind wie ein Fußballfeld – hab ich noch nie gesehen. Der Moderator unternimmt immer wieder Fan-Soundchecks – und direkt der erste ergibt: Die Fans der Philadelphia Eagles werden in der Überzahl sein. „Fight Eagles fight“, „Fly Eagles fly“ – im Wechsel, immer wieder, laut. Schon ab 15.30 Uhr wärmen sich die ersten Spieler, nach welchem System auch immer. Als Tom Brady kommt, buhen viele Fans.

Touchdown - oder nicht?

Touchdown – oder nicht?

16.15 bis 17.15 Uhr: Okay, genug geschwärmt. Ist ja auch Arbeit hier. Gefordert ist ein aktueller Super-Bowl-Bericht möglichst mit Spielende – und beim American Football mache ich das nicht oft. Also durchforste ich die zahlreichen Unterlagen, die vor mir liegen. Da wäre der Aufstellungsbogen – darauf stehen nicht 18 Spieler pro Mannschaft, wie beim Fußball, sondern 53. Mit Aussprachehilfe. Das twittere ich, kommt gut an. Das dicke Super-Bowl-Programmheft kann ich bei der Vielzahl der Informationen nur durchblättern. Zwischendurch unterhalte ich mich Kollege Patrick von den Ruhr Nachrichten, der auch in Reihe 13 sitzt, verputze ich einen Apfel und ein Sandwich. Ein Survivalpack steht ebenfalls für jeden bereit. Soll ja niemand umfallen. Für zwei kühle Getränke muss ich aber einmal die Treppe hinunter – doch da stehen zwei Eistruhen bereit. Zwei Dosen Pepsi – bitte, danke, wieder hinauf.

Timberlake - und ein Prince-Hologramm.

Timberlake – und ein Prince-Hologramm.

17.15 bis 17.30 Uhr: In Minneapolis geht die Sonne unter. Das ergibt ein prächtiges Farbenbild auf dem Glasdach. Pünktlich dazu fällt das Presse-WLAN aus – doch das ist mir scheißegal. Es wird ernst. Beide Mannschaften stürmen den Platz, HILFE, ist das laut. Die Eagles-Fans haben immer noch ganz eindeutig die Oberhand. Leslie Odom betritt das Feld. Stille. Alle stehen auf. Der Grammy-Gewinner singt formidabel „America the beautiful“. Die Gewissheit zu haben, dass da draußen 900 Millionen Menschen weltweit dieses Ereignis sehen, und ich zu den 67.000 im Stadion gehöre – das ist unbezahlbar. Der Applaus für Odom ist kaum verstummt, da wird es noch lauter. Pink betritt den Platz. „Oh say can you seeee…“ Die amerikanische Nationalhymne. Mehr Pathos geht nicht. Ja, es gibt viel zu kritisieren an der amerikanischen Politik, an Trump, an den Leuten hier, jajaja, ich weiß das doch alles. Doch scheiße nochmal, sowas ist ein Gänsehaut-Moment – und ja, ich muss schwer schlucken. Die Gewissheit, das miterleben zu dürfen: Dieses Gefühl geht nie wieder weg. Ein Veteran des zweiten Weltkrieges übernimmt den „coin toss“, also den Münzwurf, der bestimmt, welches Team zuerst den Ball erhält. Naja.

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

FUMBLE! Und die Eagles jubeln!

17.30 bis 19 Uhr: Auch wenn vor dem TV Football-Spiele wegen der vielen Pausen manchmal etwas langatmig erscheinen: Ich genieße jeden Moment und will am liebsten, dass es endlos weitergeht. Dazu trägt natürlich ein sensationell geiles Spiel bei. Noch nie in einem NFL-Spiel wurde der Ball über so viele Yards bewegt – es sind 1151. Tom Brady knackt seinen eigenen Super-Bowl-Rekord mit 505 erworfenen Yards – und das mit 40. Nick Foles schreibt seine eigene Cinderella-Story, ist der erste Quarterback, der einen Touchdown wirft und selbst fängt. Doch der Reihe nach – erst einmal zur ersten Hälfte: Es beginnt ausgeglichen. Ein Field Goal für die Eagles, eins für die Patriots – 3:3 nach acht Minuten. Dann kann die Show starten. Wahnsinnspass von Foles, Wahnsinnscatch von Alshon Jeffery – Touchdown. Jake Elliott verpatzt den Extra Kick, egal. Einen Drive später verschießt Stephen Gostkowski ein Field Goal – 9:3 nach dem ersten Viertel. Dabei bleibt es nicht: LeGarette Blount läuft in die Endzone – es steht aber nur 15:3, da die Two-Point-Conversion der Eagles nicht sitzt. Brady, wo bleibt Brady? Ja, man, Brady kommt und liefert. Zuerst gelingt Gostkowski ein Field Goal, dann läuft James White zum Touchdown. Philadelphia führt mit 15:12 und hat nur noch zwei Minuten, um zu erhöhen. Da gibt Headcoach Doug Pederson einen riskanten Playcall aus – die Eagles tricksen. Foles fängt den Ball selbst in der Endzone: 22:12 zur Pause. Damit hatte Titelverteidiger New England nicht gerechnet.

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

Die Eagles haben erstmals gewonnen!

19 bis 19.30 Uhr: Puh, Pause. Durchatmen. Langsam ein und aus. Spinne ich oder ist das hier ein Offensiv-Feuerwerk? Ich klappe mein iPad auf, tippe ein paar Zeilen für den Spielbericht – doch keine Chance: Das Licht geht aus. Hunderte Helfer haben die Spielfläche in eine Riesendisko verwandelt. Justin Timberlake kommt, 30 Minuten Pepsi-Halftime-Show mit allem Brimborium. Ist nicht meine Musik, aber das Prince-Hologramm als Hommage an den berühmtesten Sohn der Stadt Minneapolis ist schon ganz schick.

19.30 bis 20.45 Uhr: Zweite Halbzeit. Es wird episch. Die bei jedem Touchdown blinkenden Becher von Budweiser, die auch jeder Journalist erhalten hat, leuchten ununterbrochen. Brady findet Rob „Gronk“ Gronkowski – 19:22. Die Zuschauer denken an ein Revival des Super Bowl 51, als die Patriots ein 3:28 gegen die Atlanta Falcons noch aufholen konnten. Doch weit gefehlt: Foles ist während der Pause nicht eingeschlafen. Ein 22-Yards-Pass auf Corey Clement – schon sind es wieder zehn Punkte Vorsprung: 29:19. Der Schiedsrichter überprüft den Touchdown am Bildschirm – und auch die Zuschauer sehen alle Zeitlupen. Interessantes Konzept. Müsste man mal in der Bundesliga bei Schalke gegen Dortmund ausprobieren. Und weiter im Punkte-Fest: Brady auf Hogan – Touchdown. Gegenzug: Elliott – Field Goal. Es wird knapper, die Eagles führen nur noch mit 32:26. Wird Brady wieder der Held? Sieht so aus: Nur Augenblicke später findet Brady Gronk zum zweiten Mal, Gostkowski trifft souverän den „Point after Touchdown“ – die erste Patriots-Führung. 33:32. Neun Minuten sind noch zu spielen. Es ist laut, keiner steht mehr, die Eagles-Fans zittern: Für sie wäre es der erste Super-Bowl-Sieg! Die 53 Spieler und der Coaching Staff wären Könige von Pennsylvania. Das weiß Foles, doch nervös wird er nicht. Geduldig führt er die Eagles Stück für Stück an die Patriots-Endzone heran – und findet dann Tight End Zach Ertz. TOUCHDOWN, 2:21 Minuten vor dem Ende. Der Versuch einer Two-Point-Conversion misslingt erneut; trotzdem führen die Eagles mit 38:33.

MVP Nick Foles

MVP Nick Foles

20.45 bis 21.55 Uhr: Die letzten zweieinhalb Minuten netto dauern 30 Minuten brutto. Es ist ein Spielverlauf wie für den Hollywood-Helden Brady gemacht. In 141 Sekunden das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, den sechsten Ring holen. Die meisten im Stadion und die meisten der 900 Millionen Zuschauer wünschen sich, dass die „Pats“ einmal nicht gewinnen, aber klappt das auch? Twitter explodiert. Und Brady? Bisher spielt er, das bezweifelt niemand, sensationell gut, doch dann… lässt er sich den Ball von Brandon Graham aus der Hand schlagen. FUMBLE! Irre Szenen spielen sich ab, die Eagles laufen kreuz und quer über den Platz. War‘s das? Jake Elliott trifft zum Field Goal; jetzt steht‘s 41:33. In 58 Sekunden muss Brady das Feld überwinden, einen Touchdown werfen, mit anschließend gelungener Two-Point-Conversion. Wer wenn nicht Brady sollte dieses Wunder schaffen? Und mit dem letzten Wurf bekommt Brady die Chance einer „Hail Mary“. Das ist die Verzweiflungs-Bogenlampe in die Endzone – Tausend Arme strecken sich in die Luft, und irgendeiner fängt. Das führt schon mal zu einem Touchdown.

Diesmal nicht.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Dafür bekam ich ein RT von LeGarette Blount.

Ende. Die Eagles gewinnen. Fly Eagles fly. Konfettiregen, Jubel, noch mehr Jubel, Tom Brady schleicht geschlagen vom Feld. Nick Foles, dieser schüchterne, unscheinbare Typ, ist der Held. Er wird zum most valuable player (MVP), also zum wertvollsten Spieler, gewählt. Verdient. Ich genieße die Augenblicke der Siegerehrung, hören mir die ersten Interviews an, sammle alle Momente ein und verstecke sie für dunkle Arbeitsstunden. Dann schicke ich meinen Spielbericht um 21.53 Uhr amerikanischer Zeit – also um 4.53 Uhr deutscher Zeit. Das wundervolle Stadion ist da schon wieder halbleer.

21.55 bis 22.45 Uhr: Durchs Treppenhaus geht‘s hinab auf Rasenebene zu den „Postgame Interviews“. Eagles-Trainer Pederson und MVP Foles bekommen eine eigene Pressekonferenz, die wichtigsten sechs Spieler sitzen auf einem Podium. Feuer frei für alle Fragen, kein Aufpasser einer Presseabteilung sitzt daneben. LeGarette Blount hat seine Kinder dabei. Ich switche von Spieler zu Spieler, schreibe nichts mit – das Wichtigste bekomme ich ohnehin online bzw. kann es mir merken. Brandon Graham, der Mann, der Brady schlug, steht unmittelbar neben mir. Als der wirklich letzte Spieler wieder im Kabinengang verschwindet, einen Zugang zur Umkleide habe ich leider nicht, treffe ich Kollege Stefan vom Huddle. Schön, ein bekanntes Gesicht zu sehen und über das gerade Geschehene zu reden. Ich plaudere vor mich hin, er ist da gelassener. Für ihn war es der vierte Super Bowl. Aber auch er muss gestehen: Stadion großartig, Spiel großartig – unvergesslich.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

Der Matchwinner: Brandon Graham.

22.45 bis 23 Uhr: Für ein Kaltgetränk in Minneapolis Downtown habe ich aber keine Zeit mehr. Stefan und ich schlendern ein wenig ums Stadion herum, journalistisch gibt es jetzt nichts mehr zu holen. Dann gehen wir unserer Wege. Ich ziehe mir meinen Kragen nach ganz oben, aus plus 20 sind wieder minus 20 Grad geworden und laufe etwas verwirrt, weil geflasht, durch die Gegend. Schließlich finde ich den Busshuttle, steige ein und verabschiede mich leise vom US Bank Stadium. Mag sein, dass die NFL eine Krise hat. Mag sein, dass die TV-Quoten sinken. Mag sein, dass die Anti-Rassismus-Diskussionen die Mehrheit der US-Bürger nervt, die schweren Kopf-Verletzungen abschrecken – ja, erwähne ich alles in meinen Artikeln, wenn ich mich wieder gefangen habe. Jetzt bin ich emotional aufgeladen.

23 bis 23.30 Uhr: Im Shuttlebus zurück zum Hotel versuche ich bereits, meine Emotionen zu kanalisieren. Geschichten gibt es genug zu erzählen. Die große Frage ist: Welches Funke-Haus will welche geliefert bekommen? Ich schnappe mir mein iPad, notiere mir erste Formulierungen – und dann schmeißt mich der Busfahrer auch schon vor dem Marriott-Hotel am Airport hinaus.

23.30 bis 0.30 Uhr: Auf Zimmer 216 checke ich erst einmal alle sozialen Netzwerke. Wer hat wie auf meine Einträge bei Twitter, Facebook und Instagram reagiert? Steht mein Text schon online? Steht er, gut. Dann schnappe ich mir mein iPad, klappe es auf – und direkt wieder zu. Ich drücke den „Stopp“-Knopf. Wenigstens für heute. Jetzt will ich emotional ins Bett gehen, nicht nüchtern. Der schönste Tag meines Berufslebens geht vorbei. Um halb eins knipse ich das Licht aus.

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Super Bowl 52 – 7. Tag – 3. Februar

Beim Blick auf den Kalender kommt die Gewissheit: Die Zeit hier in den Staaten geht zu Ende. Nur noch einmal schlafen, dann packe ich meinen Koffer, nur noch zweimal schlafen, dann kaufe ich Souvenirs und steige in den Flieger nach Hause. Das alles fühlt sich einerseits sensationell an, weil ich endlich meine Frau und meine Tochter wiedersehen kann – andererseits aber komisch, weil der Höhepunkt dieser großartigen Reise noch bevorsteht.

F084AE6B-C09D-4BB3-9DDA-443E4E6D6277Morgen! Super Bowl 52! Zweifelsohne DAS Highlight meiner bisherigen Berufslaufbahn – dagegen waren das Champions-League-Halbfinale Schalke gegen ManUnited, das DFB-Pokalfinale Schalke gegen MSV Duisburg oder das 4:4 zwischen Deutschland und Schweden nichts.

Der letzte Tag vor dem „SB LII“ stand im Zeichen der Vorbereitung. Als ich heute Morgen um 8.40 Uhr aufwachte (endlich mal ohne Wecker, ohne App „Sleep Cycle“) merkte ich, wie gut mir der Freitagnachmittag ohne Sport getan hatte. Einmal das Gehirn durchzupusten mit Sightseeing, Fernsehen und einem Film – das war eine gute Idee. Okay, es hätte etwas wärmer sein können…

Bahnfahrt bis Nicolett Mall!

Bahnfahrt bis Nicolett Mall!

Ich checkte nach dem Aufstehen noch einmal, ob ich für die Online-Portale der Gruppe und unser ePaper-Produkt „WAZ am Sonntag“ genug SB52-Stoff geliefert habe – und ja, manchmal zahlt sich Vorbereitung aus. Den Text über Coach Esume für das Abendblatt arbeitete ich in ein 4700-Zeichen-Interview für die NRW-Leser um (die ja die Hamburg-Variante nicht kennen), formulierte dazu noch ein 1300-Zeichen-Stück über Eagles-Quarterback Nick Foles – und mein bereits vor dem Abflug vorbereitetes Stück „Die Positionen im Football“, für das ich Pro7-Experte Roman Motzkus befragt hatte, ging ebenfalls heute aufs Portal.

Die Patriots-Cheerleader bis minus 7 Grad...

Die Patriots-Cheerleader bis minus 7 Grad…

Mehr benötigten die Produkte der Funke-Gruppe heute nicht – denn an Samstagen geht es nie, niemals, nie um Football – auch nicht am Super-Bowl-Wochenende. Und so schaltete auch ich nach dem Aufstehen mein iPad auf Bundesliga-Modus und verfolgte die aktuellen Spiele bis 10.25 Uhr amerikanischer Zeit. Zwischendurch skypte ich ein wenig mit der Familie. Als ich anfing, führte Schalke noch mit 1:0, als ich aufhörte, stand es 2:1 für Werder Bremen. Au weia, da wird die Redaktion wohl brennen.

Das ist mal ein Donut, woll?

Das ist mal ein Donut, woll?

Nach einer heißen Dusche ließ ich ein wenig Tageslicht ins Zimmer und dachte nur: Och nöööö, nicht schon wieder. Wenn ich eins, liebe Freunde, wirklich nicht mehr sehen kann, dann: Schneeflocken und Schnee. Wieder einmal begrüßte mich am Morgen heftiges Schneetreiben; das würde ja ein schöner Tag werden.

Die Texte hatte ich bereits geschrieben, allerdings hatte ich mir vorgenommen, heute nicht footballfrei zu chillen wie gestern Nachmittag. Zunächst stand Football-Vokabeltraining auf meinem Unterrichtsplan, am Nachmittag wollte ich mich unter das Super-Bowl-Fanvolk mischen, mit Leuten sprechen, mir anschauen, ob Super Bowl wirklich ein Festival ist.

„Super Bowl live“ - der Plan der Fanmeile!

„Super Bowl live“ – der Plan der Fanmeile!

Vokabeltraining, was heißt das? Naja, wie das Spiel geht, weiß ich natürlich. Wie die einzelnen Positionen heißen und was die Aufgaben sind: Ja, das weiß ich natürlich auch bestens. Die wichtigsten Spieler der beteiligten Mannschaften kenne ich selbstverständlich ebenfalls. Aber was genau sind die Saison-Statistiken? Was sind die Karriere-Statistiken? Das schrieb ich mir heraus, prügelte es in mein Hirn. Ich kann morgen bei angesagten minus 15 Grad nicht garantieren, dass mein iPad mitspielt – deshalb sollte ich es schriftlich haben. Das notierte ich mir nach einem extrem kalorienhaltigen Frühstück.

Immer wieder zu sehen: Super Bowl live!

Immer wieder zu sehen: Super Bowl live!

Gegen 12.40 Uhr machte ich mich dann auf den Weg, zum dritten Mal sollte mein Ziel Minneapolis Downtown sein. Ich durchquerte die Mall of America, zum vorletzten Mal in diesem Urlaub, zahlte vier Euro für den Tages-Bahnpass (50 Cent günstiger als gestern! Günstiger!!) und bemerkte schon auf dem Bahnsteig: Puh, das könnte voll werden. Wurde es dann auch – wie in der 308 vor einem VfL-Spiel gegen den FC Bayern. Ich bekam mit viel Glück einen Sitzplatz und schaute 35 Minuten lang auf dem Weg von der Mall bis zur Haltestelle „Nicolett Mall“ aufs Schneetreiben da draußen.

Mit Spaß inne Backen beim Ski-Langlauf!

Mit Spaß inne Backen beim Ski-Langlauf!

Ganz so kalt war es heute nicht, selten habe ich mich über minus sieben Grad so gefreut. Am Morgen hatte ich noch irgendwo im Lokalfernsehen gehört: „It is a typical Minnesota snowstorm – but an atypical Minnesota event!“ Und zweitens den Begriff: „Super Saturday!“ Und zwei mal eins ergibt: Party-Stimmung.

Wow. Wirklich wow. Von der Haltestelle „Nicolett Mall“ lief ich einmal die Fanmeile von der 5th bis zur 12th street hinab – und für diese sieben Häuserblocks auf der Fanmeile, die „Super Bowl Live“ heißt (wie ich heute herausfand) benötigte ich knapp zweieinhalb Stunden hin und zurück. Am Mittwochmittag, als ich hier zum ersten Mal entlangspazierte, hätte ich es noch in zehn geschafft. Auf der Hauptstraße in der Innenstadt von Minneapolis war mehr los als am vierten Advent auf dem Kennedyplatz in Essen. Wieder einmal fiel mir die hohe Frustrationstoleranz der Amerikaner in Warteschlangen auf. Vor nahezu jedem Geschäft, vom Five-Guys-Burgerladen bis zum Starbucks, vor jeder Bar oder vor jedem Stand: nur Menschen; Wartezeit mindestens 15 Minuten. Die Maxi-Preise am „Super Saturday“ waren allen völlig wumpe. Das günstigste Getränk, eine 0,5-Liter-Flasche Budweiser, kostete neun Dollar. Es gab auch Cocktails – und auf dem Grill Bratwürste.

Grillen können sie auch in den USA.

Grillen können sie auch in den USA.

Auf Musik im Ohr verzichtete ich, da ein dumpfer Bass sowieso alles übertönte. Auf der Bühne auf Höhe der 7th Street war ständig Programm. Als ich dort stehenblieb, tanzten gerade die Cheerleader der New England Patriots. Ich unterhielt mich ein wenig mit David aus Minneapolis, einer, der für die Patriots ist, weil die Philadelphia Eagles die einheimischen Minnesota Vikings aus dem Rennen geworfen haben. Dass die Patriots ihren sechsten Titel in 18 Jahren gewinnen können, macht sie nicht übermütig. „We‘re not done“, das heißt: „Wir sind noch nicht fertig“, brüllten sie tausendfach. Da war der Bass dann doch einmal nicht zu hören. Als mir zwischenzeitlich doch ein wenig kalt wurde, stellte ich mich in einer der vielen Shopping Malls unter und verdrückte drei riesengroße Donuts. Wieder ein bisschen Smalltalk mit Football-Fans – diesmal trugen sie Trikots der New Orleans Saints.

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Gesperrt: die Haltestelle „US Bank Stadium“.

Wie gestern fiel mir auf, dass dieses Event nicht nur eine große TV-Veranstaltung, die bis zu 900 Millionen Menschen weltweit verfolgen, ist. Es ist ein friedliches Sport-Fest und in der jeweiligen Ausrichtungsstadt eine große Sache. Ich bin gewiss nicht blauäugig und sehe nach wie vor die zahlreichen Probleme in den USA, zum Beispiel die von Colin Kaepernick initiierten Anti-Rassismus-Proteste oder natürlich Trump oder, oder, oder; aber diese Stimmung habe ich als sehr friedlich empfunden. Alle Patriots-Fans, die ich gesprochen habe, haben die Eagles als „großartiges Football-Team gelobt“. Umgekehrt genauso.

Gegen 16 Uhr kehrte ich zur Haltestelle „Nicolett Mall“ zurück. Ich hatte mir vorgenommen, das Football-Fieber auch in der zweiten Stadt der „Twin Cities“ genannten Region zu checken: St. Paul. Die grüne Straßenbahn-Linie verbindet die beiden Innenstädte. Leider kam erst nach 20 endlos langen Warteminuten eine Bahn – und die benötigte nach St. Paul viel länger als ich vermutet hatte. 40 Minuten dauert eine Fahrt, die mit den Haltestellen „West Bank“ und „East Bank“ die Universität von Minnesota ans Netz anschließt. Eigentlich habe ich mir die Uni-Viertel der Städte während meiner USA-Aufenthalte genauer angeschaut, aber nicht am Samstagabend bei diesem Schweinewetter…

Rechts: Mall mit Medienzentrum. Links: Patriots-Hotel.

Rechts: Mall mit Medienzentrum.
Links: Patriots-Hotel.

Ich fuhr bis zur vorletzten Haltestelle „Central“, bemerkte aber gegen 17 Uhr, dass es nicht mehr lang bis zur Dämmerung dauert. Ich spazierte noch zu einer Mississippi-Brücke, schaute einmal bis zum Horizont und spazierte dann zur Haltestelle zurück. Von Super-Bowl-Fieber war in St. Paul nicht viel zu spüren – vielleicht fährt die Straßenbahn auch nicht dort entlang, wo die Post abgeht.

In einer leeren Bahn ging‘s zurück nach Minneapolis, als ich gegen 18 Uhr den Umsteigebahnhof „Governmant Plaza“ erreichte, war es schon stockfinster. Es schneite natürlich immer noch. Die Straßen waren noch voller als am Nachmittag, Wahnsinn, dass das noch ging. Wieder musste ich 20 Minuten auf die blaue Linie warten, diesmal blieb mir nur ein Stehplatz im dichten Bahn-Gedränge. Smalltalk unmöglich. Nach fast zwei Stunden in der Bahn stand ich um 18.45 Uhr an meinem Stamm-Burger-King und bestellte einen Crispy Chicken, diesmal ohne Pommes. Die kann ich nach sieben Tagen in den USA nicht mehr sehen…

Im fast komplett leeren Medienzentrum – außer mir waren noch zehn Kollegen da und gefühlt 990 Stühle leer – trank ich eine Pepsi-Dose ex, steckte eine weitere Pepsi-Dose für den Abend in meine Arbeitstasche und notierte meine Beobachtungen. Beim Blick auf NFL Network fiel mir auf, dass um 20 Uhr die Veranstaltung „NFL Honors“ beginnt. Dort werden die Spieler des Jahres ausgezeichnet. Die Veranstaltung steigt im Auditorium der Universität von Minnesota – da hätte ich doch gerade aussteigen können, um die großen Stars sehen zu können, auch Quarterback Russell Wilson von den Seahawks.

Doch auf einen Akkreditierungsantrag hatte ich nach einem Rat eines erfahrenen Kollegen verzichtet. Die Plätze dort sind sehr, sehr, seeeehr begrenzt, ein Smoking ist Pflicht und einfach nur eine Zulassung für den Roten Teppich ist gewiss nicht attraktiv bis minus sieben Grad. Da hatte er Recht. Trotzdem wollte ich mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen und ging gegen 19.40 Uhr zurück zum Hotel. Inzwischen hatte der Wind wieder zugenommen, was das Unternehmen Spaziergang zum Hotel nicht vereinfachte.

Von 20 bis 22 Uhr setzte ich mein Vokabeltraining mit einem Rückblick auf die NFL-Saison fort. Ich sah die Stars, die besten Spielzüge, konnte sehen, dass Tom Brady schon vor dem Super Bowl zum wertvollsten Spieler der kompletten Saison gewählt wurde. Danach bloggte ich – und jetzt lege ich das iPad zur Seite, stellte den „Sleep-Cycle“-Wecker auf 8.30 Uhr, damit ich bloß nicht verschlafe, und schlummerte nach einem ruhigen, aber gewiss nicht faulen, Samstag sanft ein.

Morgen ist endlich der große Tag. Ihr könnt Euch gar nicht ausmalen, wie sehr ich mich darauf freue.

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