Der Fußball-Junkie kehrt zurück

Am 25. Januar 2003 bloggte ich über das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und dem 1. FC Nürnberg (2:1, Tore: 0:1 Cacau, 1:1 Christiansen, 2:1 Freier) – es war das erste Spiel nach der Winterpause, was auch der rote Faden dieses Textes ist …

Ich nannte diesen Text „Von … einem Weltstar – der Fußball-Junkie kehrt zurück“. Und der geht so:

Entzug ist eine schlimme Sache. Ich habe keine Ahnung, was Alkoholkranke oder Drogenabhängige für Höllenqualen durchleiden müssen – und dieser Vergleich hinkt an dieser Stelle auch ein wenig; aber trotzdem, und in aller Deutlichkeit sei noch einmal wiederholt: Entzug ist eine schlimme Sache. Zwischen dem letzten Text aus dem Jahr 2002 und diesem hier liegt vielleicht eine Bildschirmlänge – aber auch eine Zeitspanne von fast einer Dekade! Ein Monat und zehn Tage Fußball-Pause – das ist doch wirklich zuviel verlangt von einem Fußball-Junkie. Jaaaaa, ich sauge diese Spiele auf, jede einzelne Minute ist wie ein kleiner Spritzer Drogen direkt in die Vene. Leute da draußen: Lasst die Finger von dem Teufelszeug und kommt mit zum Fußball. Es ist ein Trip, ein Höhenflug, den Du zuerst nur einmal kurz mitbekommst, und dann immer wieder erleben willst. Und wenn der Spielplan Dich weihnachtspausenbedingt auf die Zuschauer-Ersatzbank verbannt, dann fängt es an… dieses unkontrollierte Entzugs-Zittern, die Depression, diese Traurigkeit. Doch dann…. dann sind es nicht mehr viele Tage bis zum Comeback. Bis der Dealer mit dem Stoff kommt, bis Du Dich bereit machst für den nächsten Trip.

Sag ja zum VfL!

Der Fußball-Junkie ist zurück!

Meine Augen muss ich zusammenkneifen, als die U-Bahnlinie 308 aus dem Schacht tuckert, das Ruhrstadion auf der linken Seite erscheint, und der Bahnfahrer die Bremse schon ganz langsam betätigt. Die Sonne scheint grell, und ach, hätte ich doch meine Sonnenbrille eingepackt. Es ist der 25. Januar, aber ein sehr schöner Wintertag, und ich bin wieder hier. Zu Hause. War nie wirklich weg. Wenn diese verdammte Pause nicht wär. Mein Revier. Metropolenartig wie in einem von Lachsen gefüllten Stromschnellenbach (also wenn das Bild nicht schief ist…) zieht es Tausende in Richtung Stadion. Gesichter. Viele Gesichter. Nimmst kein Geräusch mehr wahr. Dauerkarte abstempeln lassen. Bitte sehr. Eine Bratwurst bitte. Danke sehr. V-F-L, V-F-L… die Kurve… hat sich nix verändert, 14 Uhr, noch anderthalb Stunden, huch, noch gar keiner da. Das ist der Vorteil am „Alleinreisen“ – von keinem abhängig sein, hinfahren, wann man will, schööön. Im Zeitraffer ließe sich schön darstellen, wie sich das Stadion füllt, dann schließlich läuft „Mein VfL“, bis die drei goldenen Worte ertönen: „Tief im Westeeen……“ – und als hätte Steven Spielberg persönlich Regie geführt, verschwindet die Sonne hinter dem Flutlichtmasten und verdunkelt für einen Moment das Stadion.
Flutlicht-Finsternis. (Mensch, schon so viele Zeilen geschrieben? Entschuldigt bitte, fällt mir auch jetzt erst auf… aber das erste Spiel nach einer langen Pause ist für jeden Fußballfan ein emotionales Top-Ereignis, in der Gefühlsskale bei geschätzten 9,8 auf der Manolo-Skala!)

Flutlicht-Finsternis. Hach wie schön…

… aber dennoch sollte ich den Stundenzeiger noch einmal zwei Umdrehungen rückwärts verfrachten, bei aller Fußball-im-Ruhrpott-Romantik! Der Weg zum Bahnhof. Vibration in der Hosentasche. „Hallo Andi, Didi hier“. „Ach Didi, Junge (er ist zwischen 40 und 50 und ein Ex-Fußball-Trainer von mir…), wie isset?“ „Juut. Hömma bisse heute auch in Bochum?“ „Ja sicher…“ „Hömma ich steh inne Nürnberger Fankurve. Willse mitfahren?“ „Nee, fahr mit der Bahn!“ Hurraaa, Fußball, dann auch noch so ein Knaller-Heimspiel gegen den 1.FC Nürnberg (ein todsicherer Tip bei ODDSET, aber auf mich hört ja keiner), so ein Wochenende könnte kein schöneres Highlight haben. Schal um. Regionalexpress. 308. Siehe oben. Lachse im Stromschnellenbach.

Oh man, ich Romantiker schweife wieder ab…

Schon oft habe ich Euch an dieser Stelle um die Ohren gehauen, dass jedes Spiel seine Eigenheiten hat. Manche ergeben sich während des Spiels, manche kennt der Fußball-Fan schon vorher, bei manchen stellt er erst ein Jahr später fest, dass es eine Eigenheit hatte. Was wird das wohl heute sein? Oh ja, richtig, es gibt einen neuen Stadionsprecher. Mirko Heinze soll der heißen, der wird bestimmt keine Scheiße bauen. Die paar Namen durchsagen ist nicht so schwierig. Der Schindzielorz hat bekannt gegeben, dass er am Saisonende den Verein verlässt. Ist er zwar selbst schuld (ich hätte an seiner Stelle den Vertrag verlängert und in einem Jahr ne Ausstiegsklausel einbauen lassen; in Bochum wächst schließlich was, und er ist 100-prozentig Stammspieler und Leistungsträger, aber bitte, wenn´s ihm um mehr Kohle geht!). Aber ich pfeife den nicht aus. Die anderen auch nicht, soviel höre ich schon raus.

„Mein VfL“, „Bochum“ – hach, zart wie ein Kuss aus dem Lautsprecher und so leise wie eine geflüsterte Liebeserklärung (Lautsprecheranlage kaputt…). Aufstellung

Mit der Nummer viiiiiiier … Suuuundayyyy
OOOOOOLISEEEEEEHHH!

Da wäre doch noch was!

Ein Weltstar in Bochum!

„So ein Weltklassemann hat noch nie beim VfL gespielt“, verkündete Peter Neururer in allen Interviews, und für alle Blau-Weißen ist es doch sehr ungewohnt. Grazienhaft stolziert er auf den Platz, joggt sofort in die Fankurve, klatscht in die Hände. Artige „Sunday“-Rufe zurück. Die Weltspitze in Bochum. Manmanman. „Sonntag ist ein geiler Vorname. Also ich rufe den nur Sonntag“, rufe ich meinem namenlosen Stadionkumpel zu. Der namenlose Stadionkumpel? Erinnert Euch und blättert in den früheren Berichten auf dieser Seite…. schaut vor allem bei den Heimspielen nach …… zumeist tauchte er unter dem Namen „Mirko“ auf …… und meist verband ich damit das Argument „es gibt Leute, die trifft man nur im Stadion. Da weiß man nicht, wie die heißen, was sie tun, einfach nur nebeneinander stehen und fachsimpeln.“ Das gibt es auch wirklich noch, und er ist noch immer namenlos, aber es ist soweit gekommen, dass er JETZT vermutlich genau DIESE Zeilen lesen wird. Denn inzwischen weiß ich, dass er als Richter arbeitet (sieht er wirklich nicht nach aus) und er kennt diese Homepage-Adresse. Daher ein paar persönliche Worte: N’abend! Ich hoffe, Du hast Dich schon ein bisschen durchgewühlt durch die ganzen Tagebuch-Einträge, denn relativ regelmäßig haben wir nebeneinander gestanden. Sei nicht böse, dass ich Dich mal Mirko getauft habe. Irgendwie musste ich Dich ja umschreiben. Beim nächsten Mal verrätst Du mir auch Deinen Vornamen, damit Du nicht der namenlose Stadionkumpel bleibst!

Dies ist der Text, in dem ich am meisten vom Fußball abgeschweift bin. Diesmal ist der „Fußball-als-Droge-Trip“ so schlimm, dass ich alle Regeln eines vernünftigen Tagebuch-Eintrags breche.

Wo war ich stehen geblieben?

Mirko?

Fußball-Romantik?

Neeein, beim WELTSTAR!

Sunday Oliseh spielt wirklich mit, läuft auf mit der Nummer vier. Und wer ist überhaupt der Gegner? Ach der 1.FC Nürnberg spielt gar keine Rolle. Die Sprechchöre zielen auch gar nicht wirklich auf den „Club“ ab, vielmehr haben alle 20.000 Bochumer die drei Punkte schon fest gebucht. Aber so ein Weltstar in der Mannschaft… das verleitet uns alle zum Zungeschnalzen. Nahezu jeder Ballkontakt von Sonntag wird mit „Ein Weltstar-Pass“, „Eine Weltstar-Grätsche“ oder „Kuck ma, ein Weltstar-Schuss“ begleitet. Es ist doch etwas anderes, ob so ein Typ beim BVB einer von vielen oder beim VfL DER EINE ist. Genauso, als wenn Gerhard Schröder abgewählt und dann Oberbürgermeister von Mülheim werden würde. Sunday guckt, läuft, grätscht, schießt. Ein Weltstar eben. Unser Held der Hinrunde, unsere kamerunische Wand Raymond Kalla, ist fast schon ein wenig out, und bekommt kaum einen Sprechchor ab. Ein Kerl hinter uns ruft stets „Kalla, heb die Hand“ – das ist wirklich zu einer Art Lieblingsbeschäftigung geworden. Vor lauter Handheben (um damit einen Abseits- oder Foulpfiff zu fordern) vergisst der gute Raymond auch schon mal das Fußball spielen. Und froh sind wir alle, dass wieder ein RICHTIGER Torwart im Tor steht. Nix gegen den Vander, aber das ist doch ein völlig anderes Gefühl, wenn der van Duijnhoven zwischen den Pfosten steht.

Ein Weltstar schießt … auf die Latte … Gegenzug, ein Fahrenhorst wird zum (Zitat von ALLEN Fernsehsendern) Ge-fahrenhorst, patzt, 0:1 durch Kakao (der heißt so, wird aber etwas anders geschrieben, nämlich C A C A U). „Gerad noch gelobt, jetzt schon wieder schlecht“, sagt der Richter. Und aus der Kurve schallts wie lang nicht: „Maaaaaaaaaan, der FAAAAAAHRENHORST!!!!“ Doch das macht unsere Jungs heiß. Zwei Minuten später. Ecke Wosz, wunderschöner Kopfball Christiansen, 1:1. Zwölftes Saisontor. Fünf Minuten später wird es so schön, dass ich heulen könnte vor Fußball-Ästhetik. Der FCN in der Vorwärtsbewegung, Sonntag grätscht, der Ball kommt zu Wosz, Konter läuft, langer Pass auf Buckley, der läuft läuft läuft über die linke Seite, flankt auf den langen Pfosten, da steht Slawo Freier, umkurvt Petkovic und lupft das Leder über Kampa hinweg zum 2:1 ins Netz. Schulbuchmäßig. Der Weltstar bittet zum Tanz. So macht Fußball Spaß. Nachlegen, einer geht noch rein, oh wie ist das schön. Und den Schindzielorz pfeift keiner aus. Auch nicht mehr wirklich die Cheerleader, die in der Halbzeit den Rasen betreten. Übrigens erst drei Minuten vor Wiederbeginn des Spiels, keine Ahnung, wer sich diesen Zeitplan ausgedacht hat. Übrigens auch – um mal wieder einen für diesen Text typischen Gedankensprung einzubauen – keinen Schimmer, wer auf die Idee mit dem vierten Schiedsrichter gekommen ist. Der hat sich wirklich die ganze Zeit nur am Sack gespielt.

Das hätte ich auch tun sollen in Halbzeit zwei. Denn da ist unser Spiel einfach nur noch Mist. Nürnberg hat den Ball, nahezu pausenlos, und wir verlassen uns auf unsere Deckung. Das ist eigentlich noch nie gut gegangen, aber heute. Puuh, da wird tief durchgeatmet! 2:1 gewonnen, drei Punkte eingefahren, nett unterhalten, am Ende gut gezittert, okay, es regnet jetzt, aber der City-Grill und die Currywurst entschädigen. Der Fußball hat mich wieder. Weltstars unter sich (um mal überheblich zu werden).

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Die Wirkung der Droge lässt nach.

Aber in anderthalb Wochen, beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern gibt’s den nächsten Trip.

Und beim Pokalfinale, wenn wir´s erreichen, droht der „goldene Schuss“…

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