Perfect day

Am 28. April 2002 bloggte ich nach dem vorletzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2001/2002 über das Fußballspiel VfL Bochum gegen Union Berlin (2:1) – und das gehört eindeutig zu den Top 20 in meiner VfL-Karriere. Der VfL musste unbedingt gewinnen, um noch aufsteigen zu können (was eine Woche später klappte) – und dann das: strömender Regen, 70 Minuten Unterzahl, der Schiedsrichter nimmt einen Elfmeter gegen den VfL zurück – und das Siegtor fällt Sekundenbruchteile vor dem Schlusspfiff. Wahnsinn! Trance! Beides!

Zum Text geht es hier – und die Überschrift steht auch direkt in der ersten Zeile:

Just a perfect day.

Morgens, kurz vor zehn. Pling, der Wecker springt an. Und täglich grüßt das Murmeltier? Nö. Diesmal „Alles aus Liebe“, das Hosen-Konzert wirkt nach. Oh man, habe ich einen Brummschädel. Du wachst morgens auf und fühlst Dich wie nach einem 90-minütigen Fußballspiel. Durchgeschwitzt, abgekämpft, die Waden schmerzen; was habe ich bloß wieder geträumt? Aufstehen, rausschauen, Regen. It´s a rainy April day – und die sanfte Musik von U2s „October“ verdrängt den Brummschädel in mir. Das „Peter-Graulund“-Trikot habe ich schon vor zwei Tagen an meine Haustür gehängt. Seitdem kribbelt´s im Bauch. Um es mit Pe Werner zu sagen: „Dieses Kribbeln im Bauch, dass man nie mehr vergisst. Als ob man zuviel Brausestäbchen isst.“ Okay, sie hat´s auf Beziehungen bezogen, aber der VfL und ich – lassen wir das. Auf jeden Fall kribbelt´s im Bauch. Vielleicht werde ich heute Abend furchtbar enttäuscht heimkehren. Aus. Vorbei. Kein Aufstieg. Oder himmelhochjauchzend. Hurra, auf Platz drei – alles selbst in der Hand! Wer weiß das schon? Aber das Wetter verrät nix Gutes. Es schifft. In Strömen. It´s raining cats and dogs!

Just a perfect day?

Die Minuten bis zum Anpfiff werden weniger und weniger. Das Kribbeln kommt schübeweise; wehenartig, nur (wahrscheinlich, bin keine Frau) nicht ganz so schmerzhaft. Mittagessen bei den Eltern. Sie sind gerade von einem Mallorca-Urlaub heimgekehrt, braungebrannt (Schönen Gruß auch! Braungebrannt! Und draußen ist Rock-am-Ring-2001-Wetter)! Sie sind gesund, munter, super erholt, ich freu mich darüber. Lauter Fotos fliegen an meinem Auge vorbei; ich glaub, ich find sie schön (bestimmt), muss sie mir aber irgendwann nochmal ansehen. Im NRW-Express treffe ich Bochums berühmtesten „Rolli“. Ich glaub, dass ich den bei jedem VfL-Heimspiel bisher gesehen habe, und meistens auch im Zug. Er fährt von Düsseldorf nach Bochum, trinkt sich dabei immer genau eine Dose Pils, überzeugt zuweilen mit treffsicheren Analysen, und er hasst – Frank Fahrenhorst, aus welchen Gründen auch immer. Aber gut leiden kann ich den Fahrenhorst eigentlich auch nicht (aus welchen Gründen auch immer). Mein innerer CD-Wechsler tauscht Lou Reeds „Perfect Day“ gegen das fantastische „Born Slippy“ von Underworld (ebenfalls aus dem „Trainspotting“-Soundtrack); Einstimmung fürs Spiel. Draußen regnet´s noch immer; die Wolkendecke wird grauer von Minute zu Minute.

Im Stadion läuft „We´re going to Ibiza“, als ich es um 14.10 Uhr betrete. Gut, es läuft vor jedem Heimspiel, aber nie schien es unpassender zu sein als heute. Wieviel Uhr es ist, wie schnell die Zeit vergeht, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ansonsten erzähle ich gern, welche Lieder vor dem Anpfiff laufen (schaut Euch die letzten Spielberichte an), aber heute nicht. Die Spieler kommen, machen sich warm, Rein van Duijnhoven rutscht bei jeder Parade beim Warmmachen zehn Meter weit, so rutschig ist das; das kann ja was werden. 17.500 Zuschauer kommen trotz des Sau-Wetters zur Castroper Straße. Was wird das Spiel wohl ergeben? In 90 Minuten wissen wir alle mehr!

Es ist verkrampft. 2000 Berliner sind da – und sie sind stimmgewaltig. Puh was wird das wohl. Mir schlottern die Knie, aber allen anderen Bochumern geht es nicht anders. Bestimmt nicht. Stimmbandverknusperung. Anpfiff, geht gut los, Freier über rechts, Buckley, 1:0! Raus, nur raus mit der Freude, scream, schrei so laut du kannst, ball die Fäuste als müsstest du Mike Tyson eine verpassen. Jaaaaa, wir können das noch packen, es sieht wunderbar aus. R-W-O, R-W-O schallt es durch´s Stadion. Vorbei und vergessen diese jämmerliche 1:6-Schmach, wenn Ihr uns zum Aufstieg schießt, hol ich mir ne RWO-Dauerkarte für die neue Saison. RWO gegen Bielefeld noch 0:0, Mainz gegen Fürth auch. Soso. Doch halt, was ist das? Der Taschenrechner im Kopf versagt von jetzt auf gleich. Freistoß für Union, Abseitsfalle scheitert, 1:1 Divic. Ja hoppla, damit hatte keiner gerechnet. Niemand. Gute Laune dahin. Stimmung dahin. Peng. Ein hole-in-one, würden die Golfer sagen, eine linke Gerade, die Boxer, ein angeknockter Favorit, wieder die Boxer, einfach ein unvergleichlicher Schock. Mund auf, staunen. That´s when I reach for my revolver. Es heißt nur noch „Eisern Union“ im Ruhrstadion. Jener bitterkalte Dezember-Tag, der wohl auf ewig als der schwärzeste Abend in meine VfL-Geschichte eingehen wird, als der damalige Bundesligist VfL beim damaligen Regionalligisten Union im Pokal mit 0:1 verlor, kehrt in mein Gedächtnis zurück. Nein, nicht schon wieder Berlin. Das würde zwei weitere Spiele gegen diese Mannschaft bedeuten. Und das muss nun wirklich nicht sein.

Not a perfect day!

Aber es sind ja noch 70 Minuten. Tick tack tick tack. Dann ein langer Pass auf Cristian Fiel, der Mandreko wird doch nicht? Zupfer, Notbremse, ROT, ganz klar. Geht´s noch? Erst das 1:1, Schock, jetzt die rote Karte. Aufstieg adé. Ich wage es nicht, mein Handy in die Hand zu nehmen und die schlechte Kunde in Deutschland zu verbreiten. Das empfinde ich als persönliche Beleidigung. Dieser Mandreko! Kann der seine Flossen nicht bei sich behalten? Ohweiohweiohwei! RWO noch 0:0, Mainz gegen Fürth auch. Aber was hilft das? Nichts. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, hat Peter Neururer allen Journalisten erzählt, die das nicht hören wollten. Aber der VfL stand schon ziemlich oft im Liga-Klassenbuch mit dem Eintrag „… ohne Hausaufgaben!“ Und alles ist nur dieser verdammte Mandreko schuld. Halbzeit. Ich gebe auf. Okay, ein bisschen schreien in der zweiten Halbzeit werde ich noch, aber das biegen die nicht mehr. Resignierend wie lange nicht mehr. Nochmal 34 Spiele zweite Liga. Ich halt´s nicht aus. Nächstes Jahr Köln, Freiburg, St. Pauli. Und Burghausen, scheiße, auch Rot-Weiß Essen. Vielleicht. Der Regen hat aufgehört, die Sonne kommt raus, als würde sie der Aufstiegs-Krimi der zweiten Liga persönlich interessieren. Ja spinnt der Neururer? 10 gegen 11 und der nimmt den Libero raus. Reis geht, und es kommt ein Stürmer. Hashemian! Es passiert was im Minutentakt; lange habe ich eine VfL-Mannschaft nicht mehr so kämpfen sehen. Flatsch, die schmeißen sich in die Zweikämpfe als müssten sie sich wie Schweine im Dreck suhlen; der Schindzielorz voran, der merkt seinen Rücken vom ganzen Flatschen nicht mehr heute Abend. Reingrätschen, und wenns noch ne rote gibt, ist die Devise. 65. Minute, alles ist zu spät? Foul Fahrenhorst an Divic, Elfmeter. Jetzt ist´s aus. Ein 1:2 aufholen, noch umdrehen und noch gewinnen! Die Spieler sind doch schon halbtot, und können kaum noch laufen. Doch halt! Was ist das? Der Schiri joggt zum Assistenten und? Nimmt den Elfer zurück! Ja sowas habe ich noch nie erlebt. Die Eisernen können´s kaum glauben. Der Puls von 200 auf 80, auf 200 auf 80. Das ist nicht gesund. Alles dreht sich.

What a crazy day!

Die Fans springen auf, jetzt ist er endlich da, dieser Trance-Zustand, der bisher fehlte. Die Gegentribüne springt auf, die Haupttribüne auch. V – f – L schallt es in einer Tour. Lauter und lauter. Die Spieler feuern die Fans an und umgekehrt. Dann Hashemian; Pfosten. Insgesamt elf Ecken, dieser Scheiß-Beuckert fängt aber auch jede ab. Das kann doch alles gar nicht sein. Und immer wieder diese Konter. Divic frei, Fiel frei – sind die so blöd, die Berliner? Das hält doch kein Mensch aus! Ich dachte, das Kribbeln vor dem Spiel sei schon schlimm genug. RWO immer noch 0:0, Mainz gegen Fürth mittlerweile 1:1. Wir müssen gewinnen, wir müssen dieses verdammte Ding einfach gewinnen. Doch der angeknockte Boxer kann nicht mehr; Kondition weg, die Spieler traben nur noch. Okay, Schindzielorz, der flutscht immer noch in jeden Ball rein, und Hashemian, ja der wirbelt auch, sogar Peter Graulund darf mitspielen. Was nutzt´s? 89. Minute – letzte Ecke, letzte Chance, REIN, LAUF NACH VORNE möchte ich dem Bochumer Schlussmann zurufen; doch er würd’s nicht hören und kann außerdem selbst kaum noch stehen. Buckley wird schießen, bitte besser als zuvor, streng Dich an, konzentrier Dich! Der Ball fliegt, 17.500 Köpfe verfolgen die Flugbahn, ja Beuckert was macht der denn da? Hat die Kugel, wird leicht bedrängt von Graulund, lässt sie wieder fallen, Fahrenhorst, TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOORRRRRR! 89. MINUTE!!!! Spieler reißen sich die verdreckten Trikots vom Leib, Ersatzspieler sprinten auf den Platz, Neururer, nicht zu halten, Wosz kommt von der Tribüne runtergespurtet, alle rauf auf den Platz, rein ins Getümmel. In der Kurve ergreifende Szenen wie seit dem Uefa-Cup nicht mehr. Leute umarmen, die man nicht kennt; die Haare durcheinander wirbeln lassen, schreien, was die Stimme hergibt, immer wieder, immer lauter. Der Rest geht unter. RWO 0:0, Mainz 1:1, naja, weiterhin 4. – aber wir, wir sind noch da. Alle kommen sie zum Jubeln mit in die Kurve. Eine Riesen-Moral. Unglaublich.

Just a perfect day!

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