122, Karneval, Hühnerhaufen

Der zweite Text, den ich für meine erste Homepage am 12. Februar 2002 verfasste (der erste vom Spiel Bochum-Hannover/4:2 ist nicht mehr auffindbar), ist ein Blog-Eintrag zum unglaublichen Zweitliga-Spiel zwischen Rot-Weiß Oberhausen und dem VfL Bochum, das an einem Karnevalssonntag stattfand. Die meisten VfL-Fans reisten mit dem Schiff über den Kanal, ich stieg einfach in den Bus der Linie 122. Der „122-er“ verband meine damalige Wohnung mit dem Stadion Niederrhein – das blieb die einfachste Anfahrt meiner VfL-Geschichte. Der VfL jedenfalls verlor 1:6, vergessen werde ich diesen Tag nie.

Rein in den Text, der das „VfL-Tagebuch“ einleitete.

Zwei Zahlen, die schmerzen wie ein Interview mit Zlatko.1 und 6, dazwischen ein Doppelpunkt.1:6!Bei ROT-WEISS OBERHAUSEN! Ich wiederhole: ROT-WEISS OBERHAUSEN!!!!!!

Am besten, ich drehe die Uhr ein wenig zurück!
13 Uhr, Futtern bei Muttern, Sauerbraten.
Ja ist denn heut schon Weihnachten?

Allein für diesen Tag lohnt es sich, in der 2. Bundesliga zu spielen. Damit ich einmal sagen kann: „Ich fahr zum Auswärtsspiel – mit dem 122er“ (für die Nicht-Mülheimer unter Euch: Vom Mülheimer Hauptbahnhof fährt die Buslinie 122 direkt durch bis zum Niederrheinstadion). Diese Tatsache ist an sich ja schon total witzig. Aber heute gab es noch einen besonderen Kick: KARNEVALS-SONNTAG! Der Rosenmontagszug findet in Oberhausen traditionell schon am Sonntag statt (jaja, die Ruhrgebietler sind schon bescheppt). Was für ein Gemisch im Bus: Fußball-Fans mit Bierdosen in der Hand, besoffene kreischende 12Jjährige – und dazu Familien, mit kleinen Kindern, großen Kindern und sich in die Windeln scheißenden Babys (hat ganz schön gestunken). Und alle natürlich verkleidet. Cowboy. Indianer. Clown.
Helau.
– Nächste Haltestelle Schloss Oberhausen,

verrät die Stimme des Busses, der aufgrund des Karnevalszuges einen Umweg fahren musste. Kostenlose Stadtrundfahrt durch Oberhausen! Naja, ist nicht der schönste Fleck in NRW. Ich neige zur Behauptung, dass Mülheim im „Ruhrgebiet“ liegt und Oberhausen im „Kohlenpott“. Damit ist eigentlich alles über diese Stadt zwischen Emscher, Rhein, Centro und Ruhr gesagt.

Okay, raus aus dem Bus, rein in die Kurve. Die heißt selbstverständlich „Kanalkurve“. Na klar, liegt ja auch direkt vor diesem. Ein nettes Amateurstadion.

– Ich weiß noch, wie ich als 17-Jähriger auf der Pressetribüne saß. RWO gegen VfB Speldorf, Niederrheinpokal,

flüstere ich meinem Bruder zu. Er ist mitgekommen, um ein Fußball-Spektakel mit anzusehen. 7000 Zuschauer da, davon bestimmt viereinhalb (tausend) aus Bochum. Na prima! Stimmung gut, Wetter gut, Laune gut, Karneval.

Anpfiff.

– Ey, Oberhausen! Überleg mal: Oberhausen! Also wenn das kein Sieg wird.

Kaum ausgesprochen, hats eingeschlagen. Einmal, zweimal, dreimal. Obad, 2. Minute, Wojtala, 19. Minute, Lipinski-Elfmeter, 22. Minute. Dazu rote Karte für den VfL-Bemben.

– Sag mal Thommy… Träum ich? Kneif mich! Wach ich gleich schweißgebadet auf? Oh nein…

SMS reiht sich an SMS. Helmut, ein MSV-Duisburg-Fan, meint: „Ich schicke ein virtuelles Taschentuch. Ich denke, das wirst Du brauchen. Schönen Sonntag noch.“ Zander, ein nächster Duisburger, funkt: „Ihr seid die Bayern der 2. Liga. Gegen die guten gewinnen, und gegen die Absteiger gibts was aufn Arsch!“ Marc (natürlich MSV) stellt fest: „Bis heute Abend im Lierberg. Ich bring auch keinen RWO-Schal mit…“ Wie gnädig. Dirk, ein Bochumer in Regensburg, trauert: „Typisch VfL. So ein Scheiß.“

Der Rest des Spiels ist ein einziges Kopfschütteln. 3:1 Christiansen, upps, geht da noch was? Nee, nun wirklich nicht. Fehlpass reiht sich an Fehlpass, die Zweikampf-Statistik geht mit 90:10 an Oberhausen. 4:1 Obad, 5:1 Lipinski, 6:1 Chiquinho – und es hätte höher ausgehen können.

Schon eine halbe Stunde vor dem Abpfiff sind 3000 blau-weiße verschwunden. Der Rest vollbringt etwas, was nur VfL-Fans richtig gut können: Selbstironisch feiern.

– „Blamage – oho“
– „So ein Tag, so wunderschön wie heute!“
– „Einer geht noch, einer geht noch rein!“
– „Nie mehr Bundesliga!“
und zum Schluss
– „Und wir wolln unser Geld zurück!“

Abpfiff. Schnell nach Hause. Schnell heißt endlich einmal wirklich SCHNELL – mit dem 122er!

Scheiße, der kommt ja erst in 20 Minuten. Also ab in den Sonderbus, am Hauptbahnhof in die S3 bis Mülheim-West. Und wieder… Karnevalsfamilien, besoffene Kinder, VfL-Fans, die vom „Hühnerhaufen“ sprechen.

Was habe ich da bloß erlebt?

Wieder zu Hause erst mal die Glotze einschalten. DSF? Die sieben Tore anschauen? Oder Hanni beim Gold-Versuch zugucken?

Nee, doch DSF.

Für Tage wie diesen liebe ich den VfL. Euphorie, Trauer. Sieg, Niederlage. So kurz, so eng nebeneinander. So ist Fußball. Nein… so ist der VfL! Es klingt total irre, aber auch heute, nach diesem historischen Fußball-Nachmittag, würde ich mit keinem anderen Verein tauschen wollen. Mit keinem.

Da könnt Ihr mich noch so auslachen!

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