Coldplay noch ganz klein

Am 3. April 2003 besuchte ich in der Düsseldorfer Philipshalle ein Konzert der britischen Band Coldplay, die damals erst zwei Alben veröffentlicht hatte und „nur“ die recht kleine Philipshalle ausverkaufen konnte. Heute sind Coldplay auf allen großen Festivals auf allen fünf Kontinenten Headliner und jedes Album (ob gut oder schlecht) sprintet in Usain-Bolt-Tempo weltweit auf Platz 1.

Ich bloggte das hier:

„Schon oft genug habe ich Euch an dieser Stelle von den „schließt-die-Augen-und-träumt“-Bands erzählt. Zum Beispiel JJ 72. Zum Beispiel K´s Choice. Zum Beispiel Travis. Und zum Beispiel Coldplay. Ich steh ja auf so Gruppen, auf so Musik. Die tut zwischendurch mal gut und ist auch live ganz gut verträglich. Oder?

Wer von Euch kennt Benjamin von Stuckrad-Barre? Ich sehe ein paar Finger…. jaaaa…. links hinten der Herr auch? Och kommt… Benjamin von Stuckrad-Barre ist doch nicht unbekannt, oder? Diesen „Popliteraten“, der zwischendurch mal bei MTV eine Sendung moderiert hat, der mal Gagschreiber bei Harald Schmidt war, der so Bücher wie „Soloalbum“ und „Livealbum“ verzapft hat? Dieses arrogante Arschloch? Und was hat das alles mit Coldplay zu tun?

Vermutlich werden jetzt alle, die etwas für Stucki übrig haben (und ich befürchte, das sind nicht wenige), leichte Krämpfe in allen Körperpartien verspüren, aber Coldplay – das sind die Stuckrad-Barres der aktuellen Musikszene. Die Bücher von dem Deppen sind leicht verträglich, leichte-seichte Kost. Die Musik von Coldplay ist? Natürlich leicht verträglich, leichte-seichte Kost, die die breite Masse gern konsumiert, aber nur für ne halbe Stunde, um dann die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu tun. Das Stuckrad-Barre-Phänomen entwickelte sich erst in den letzten zwei/drei Jahren, das Coldplay´sche auch. Und nicht zuletzt werden beide von einer fast schon gar nicht mehr überschaubaren Anzahl Prominenter angehimmelt. Der Coldplay-Sänger soll eine Liaison mit Gwyneth Paltrow haben, in den USA war Brad Pitt froh, eine Ehrenkarte ergattert zu haben. Zu Stuckis Verehrern zählt eben jener Harald Schmidt, der mal von seinen Gags profitierte. Ein zum Massenphänomen gewordener Geheimtipp. Stuckrad-Barre hat´s nicht gut getan, und bei Coldplay? Wird’s dasselbe?

Ach so, eins haben beide auch noch gemeinsam, nämlich Talent: Während Stuckrad-Barre wirklich ein talentierter Schriftsteller ist, der pointiert und treffsicher formulieren kann, können Coldplay Musik machen. Es war im Jahr 2000, als die Songs „Trouble“ und „Yellow“ direkt mein Trommelfell streichelten, und sogar noch auf den „Crossing-all-Over“-CD´s veröffentlicht wurden. Einfach herrliche Musik. Das Nachfolge-Album war dann schon lange überfällig, und Ende 2002 stand „A rush of blood in the head“ auch endlich in allen CD-Regalen. Glaubt mir: Selbst wenn es mir nicht gefallen hätte, ich wäre zu diesem Konzert gegangen. Dieser Hype hat mich ganz einfach interessiert. Was sind das für Leute, die sich dafür Zeit nehmen?

Coldplay sind eine Pärchen-Band. Eigentlich kann ich mir das schon denken, als ich um 19 Uhr die S-Bahn Richtung Düsseldorf betrete – und diese Vermutung wird in der langen Schlange vor der Philipshalle glatt bestätigt. Bestimmt 80 Prozent der Zuschauermenge bestehen aus Pärchen, die sich bei den Schmusesongs in den Armen liegen wollen. Siehe oben. Eine „schließt-die-Augen-und-träumt“-Band. Eine Band, die das Ordnerteam der Philipshalle in Verlegenheit bringt. Gerade einmal zwei Eingangstüren sind offen, die Wartenden schlängeln sich bestimmt 500 Meter lang über den kompletten Parkplatz.

– Also das letzte Mal, dass es hier so voll war, war bei POLICE in den 80-ern, posaunt eine Frau vor mir, deren Lippenstift so dick aufgetragen ist, dass er bestimmt noch im Dunkeln leuchtet.

– Schätz mal, wie alt ich bin, will sie von einer mit ihr in der Schlange stehenden Studentin wissen. Die reagiert nicht, als prompt die Antwort „48“ kommt. Ein Himmelreich für ein Pflaster.
Von hinten kommt René angetrabt, ein alter Fußball-Mannschaftskollege, der die Eintrittskarte seiner Freundin geschenkt hatte (jaja, Pärchen-Band). Manchmal hat das Single-Dasein auch so seine Tücken.

Als ich schließlich den Innenraum betrete, rockt die (wirklich gute) Vorband FEEDER schon gut ab. Ruckzuck ist´s vorbei, und eine dreiviertelstündige Wartezeit beginnt… Sinnieren über meine letzten Konzerte (waren ganz schön viele in kurzer Zeit), über den heutigen Arbeitstag (nicht der Rede wert), über das am Samstag folgende VfL-Spiel, den üblichen Kram. Nur nicht über Coldplay. Das zeigt, dass ich wohl ein typischer Fan dieser Band bin. Sauge die Musik auf, würde sie aber niemals als Hintergrundmusik für meinen persönlichen Lebensfilm auswählen.

Dann endlich joggt Chris Martin – so heißt er glaube ich – auf die Bühne. Okay, dass er Chris heißt, bestätigt mir ein richtig albernes Plakat („We love u Chris! Make us a baby!“) – Gwyneth lässt grüßen. Das Publikum ist jung, die 48-Jährige (sie war bestimmt älter) eine Ausnahme, René habe ich im Trubel des Hallenfoyers verloren. Es rockt. Ich gebe zu, vorher die Befürchtung gehabt zu haben, es würde ein ganz ruhiger, beschaulicher Abend, ohne großartiges Mitgebrülle, ohne lang anhaltende Beifallsstürme, nur mit dem üblichen Mitgewippe. Falsch gedacht. Coldplay bringen die Halle zum Beben. Sehr stark, als sie bei „Yellow“ die ganze Bühne in ein schönes Gelb tauchen. Überhaupt gut, diese Lichteffekte. Bei der ersten Zugabe „Clocks“ fängt eine grüne Laserstrahlplane den Nebel aus der Nebelmaschine auf und erhebt sich über dem Innenraum. Beeindruckend. Chris Martin ist der Star. Zu jeder Sekunde befindet er sich im Mittelpunkt, sind die Lichter auf ihn gerichtet. Aus 100 Metern Entfernung (und ich hab keine Brille auf) sieht er sogar ein wenig nach Stuckrad-Barre aus, und die Rahmung meines Textes ist komplett. Chris Martin singt jaulend, zärtlich, laut, leise. Er kann´s. Chris Martin preist den fairen Welthandel an, und lässt den Irak-Krieg mal lieber außen vor. Ganz klar: In den USA machen Coldplay fette Kohle. Highlights sind die fünf großen Hits „Yellow“, „Trouble“, „In my place“, „Clocks“ und „The Scientist“…

„Nobody said it was easy,
It’s such a shame for us to part.
Nobody said it was easy,
No-one ever said it would be this hard,
Oh take me back to the start“,

heißt es in dem zuletzt genannten Song, der mein persönlicher Höhepunkt an einem gut verträglichen Abend ist.

Der mit einer Panne begann (die lange Schlange, Ihr wisst schon…) und mit einer Panne aufhörte. Offenbar ist die dritte Zugabe „Trouble“ am Philipshallen-Veranstalterteam vorbei gegangen. Dieses hatte schon das Licht in der Halle angeschaltet; aber Chris und Co. spielten trotz dieser unromantischen Atmosphäre den Song zu Ende. Wenigstens ihre 80 Minuten machten sie voll. Schade, dass Coldplay ab sofort wohl nicht mehr auf einer Crossing-all-over-CD erscheinen werden. Sie sind in den großen weiten Pop-Olymp aufgenommen. Wenigstens haben sie sich einen ganz leisen alternativen Touch bewahrt. Hoffentlich behalten sie auch ihre Fähigkeit, „schließt-die-Augen-und-träumt“-Songs zu schreiben.“

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