Ich will nunmal irgendwohin

 

Manchmal sind die allerkleinsten Konzerte die allergrößten. So wie am 15. März 2003, als ich für die WAZ im Mülheimer Ringlokschuppen einen Liederabend mit dem Duisburger Musiker Tom Liwa beobachten durfte. Himmlisch. „Ich will nunmal irgendwohin“ ist seitdem eine meiner Lieblingsüberschriften für Blog-Beiträge.

Ein weißer Stuhl steht auf der Bühne, drei Gitarren liegen davor. Ein Mann im Nadelstreifenanzug setzt sich, begrüßt 40 Zuhörer. Tom Liwa spielt im Ringlokschuppen. Solo und unplugged.

Ein Liedermacher, der beweist, dass Rock nicht oberflächlich sein muss. Ein grummelnder Romantiker, der laut Eigenaussage Romantiker hasst. Einer, der in seinen Träumen von Jürgen Möllemann gefoltert wird. Das ist Tom Liwa. Seine Texte können Nadelstiche sein, zu Diskussionen zwingen. Sie laden den Hörer aber auch ein, die Augen zu schließen, nichts zu sagen und sich wie im siebten Himmel zu fühlen. Einst spielte der Duisburger für die „Flowerpornoes“, nun ist er 42 und seit einigen Jahren solo unterwegs. In Deutschlands Künstlerszene wird er geschätzt. Sein Publikum duzt er, und unterhält es in den Pausen zwischen den Songs mit leisen Geschichten aus seinem Leben.

Der Abend beginnt politisch, mit „Kylie und Jochen“. Politik und Religion („Frag nie wieder“) sind die Themen – und natürlich Liebe. Das Stück „Faultier“ schrieb er für seine Frau. Er erzählt das („Faultiere sind sehr intelligent“) – und seine Fans schmunzeln. 22 Stücke spielt Tom Liwa, die melancholischen Töne dominieren. Zum Beispiel in Höhepunkten wie „Für die linke Spur zu langsam“, „Eskimo“ oder „Julianastraat“. Dort heißt es: „Diese Welt ist ein trauriger Platz, an dem man immer wieder vergisst, wie traurig man ist.“ Da wippt das Publikum einen Tick heftiger mit und klatscht ein kleines bisschen lauter.

Jeder Akkord ist ein Genuss, die einschmeichelnde Stimme ein Erlebnis. „Ich sitz gleich da vorn und rauch“, deutet er nach Lied Nummer 22 auf die Treppe und verabschiedet sich. Die Fans schlendern vorbei, und danken ihm mit viel Applaus für zwei schöne Stunden.

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Der erste Plewka

Zum ersten Mal lernte ich Jan Plewka am 27. Januar 2006 kennen. Da war er noch als Solokünstler unterwegs, an eine Reunion von Selig nicht zu denken. Ich berichtete für die WAZ Mülheim über den Abend „Plewka singt Reiser“ mit Jan Plewka und der „Schwarz-Roten Heilsarmee“. Davor führte ich mein erstes von bisher vier Interviews mit Jan Plewka.

Dieser Text erschien in der Mülheimer WAZ:

Ein Traum vom Hafen übers Meers der Scherben
Jan Plewka bot eine Konzert-Performance
Dieser Moment ist bei jedem Konzert magisch. Das Licht geht aus – spannende Erwartungen. Jan Plewka, Ex-Sänger von Selig, trägt im Schuppen Rio-Reiser-Lieder vor. Was verbirgt sich dahinter?
Es ist dunkel. Kein Musiker steht auf der Bühne. Plötzlich eine Stimme. „Stiller Raum, stille Nacht, alles schläft, ich bin wach“, singt Plewka. Ohne Instrumente. Nur jeweils ein Lautsprecher ist eingeschaltet. Spiel mit Stereo. Stiller Raum.

Es ist der atemberaubende Auftakt für 300 Zuschauer, die sich sofort verzaubern lassen. Die kein Konzert erleben, sondern eine manchmal anstrengende Konzert-Performance. Plewka und seine Band „Schwarz-Rote Heilsarmee“ bieten ein Instrument-Feuerwerk, mit Akustik-, E- und Bassgitarre, Geige, Klavier, Schlagzeug, Blasinstrumenten und mehr – herrlich. Jeder Song ist ein eigenes Theaterstück. Bei Ton Steine Scherbens „Rauchhaus-Song“ verbreitet die Band Lagerfeuer-Romantik, sitzt im Halbkreis auf der Bühne, spielt unplugged. Einen Song später („Der Turm stürzt ein“) marschiert die Band durch die Reihen, begrüßt die faszinierten Zuschauer. Lied acht auf der Setlist ist „Unten am Hafen“. Plewka legt sich allein auf die rote Couch, nur mit Akkordeon in der Hand. Augen schließen und an die See denken.

Es ist ein Streifzug durch Rio Reisers Biografie. Zwölf der 23 Songs sind aus der Ton-Steine-Scherben-Zeit, von „Keine Macht für niemand“ über „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ bis zum fantastischen „Der Traum ist aus“. Plewka redet zwischendurch ganz wenig. Die Textzeilen genügen. In „Land in Sicht“ heißt es: „Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen“. Für ein Poesiealbum fast verschenkt.

Still ist am Ende nichts mehr. Nach 110 Minuten gibt’s Ovationen. Zu Recht.

„Guten Morgen“ heißt die einspaltige Notiz auf der Lokalteil-Titelseite, die jeden Tag erscheint und redaktionsintern „Spitze“ genannt wird! Jeder darf seinen Senf dazu beitragen! Der Inhalt? Ganz kleine Alltagsgeschichte plus Pointe…

GUTEN MORGEN
Idole
Eine halbe Stunde noch bis zum Konzert. Jan Plewka sitzt mit seiner Band in der ersten Etage des Schuppens, isst etwas Leichtes vom Buffet. Ein kurzes Gespräch hat er erlaubt. Warum singt er Rio-Reiser-Lieder? „Er war mein Mentor“, sagt Plewka. „Am Lagerfeuer haben wir Rio-Lieder gespielt.“ Wie war die Zeit mit Selig, seiner großen Band: „Vier Jahre totaler Wahnsinn. Wie ein Surfer auf der großen Welle. Kurz bevor wir wieder am Strand waren, haben wir aufgehört.“ Hat er Rio Reiser persönlich kennengelernt? „Ich hätte, hatte aber Angst. Du weißt ja: Never meet your idols.“ Treffe niemals deine Idole. Mist. Ich hab‘ eins interviewt.

Das Interview:

Am Nachmittag hatte der Kollege der Mülheimer NRZ um ein Pressegespräch gebeten – mit Erfolg. Um 19.30 Uhr – 30 Minuten vor Konzertbeginn – trafen wir im Ringlokschuppen ein und wurden in die erste Etage des Restaurantteils geführt. Dort saßen Plewka und seine Band „Schwarz-Rote Heilsarmee“ und verspeisten noch eine Kleinigkeit. Plewka gewährte uns ein kurzes, aber spannendes Interview, das gekürzt in etwa so lief:

Frage: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst. Du bist 1970 geboren – also noch relativ jung. Wie bist Du auf Rio Reiser gekommen?
Jan Plewka: Durch meine Jugend. Rio Reiser war mein Mentor, am Strand, am Lagerfeuer haben wir Rio-Lieder gesungen.
Frage: Hast Du Rio Reiser selbst auch mal live gesehen?
Plewka: Live gesehen ja, ich hätte ihn auch mal treffen können, (überlegt) aber ich hatte Angst davor, meinen Helden zu treffen, weil er sich als etwas Anderes hätte entpuppen können. Du weißt ja: Never meet your idols.
Frage: Wie denkst Du an die Zeit bei Selig zurück?
Plewka: Das war eine Superzeit, vier Jahre totaler Wahnsinn. Aber das hat dann weder der Körper noch der Geist mitgemacht. Wir waren wie ein Surfer auf einer großen Welle. Kurz bevor wir wieder am Strand angekommen sind, haben wir aufgehört.
Frage: Hören wir heute auch Lieder aus der Ton Steine Scherben-Zeit von Rio Reiser?
Plewka: Ja, wir hören sogar mehr Lieder aus der Scherben-Zeit.
Frage: Im Selig-Lied „Ohne Dich“ gibt es die Zeile „Wer auch immer Dir jetzt den Regen schenkt, ich hoffe es geht ihm schlecht“. Wie bist Du darauf gekommen?
Plewka:(überlegt) Mit meiner damaligen Freundin bin ich nach Hamburg-Barmbek gezogen und abends spazieren gegangen. Als es dann anfing zu schneien, habe ich – wie man das macht – „Diesen Schnee schenke ich Dir“ gesagt. Dann war Schluss mit der Freundin und ich habe das Lied geschrieben. „Schnee“ habe ich gegen „Regen“ getauscht, weil das ja auch Kokain sein könnte…
Schlusssatz: Vielen Dank für das Gespräch.
Plewka: Bleibt Ihr auch hier?
Antwort: Was für eine Frage! Wir haben uns um den Termin gerissen.
Plewka: Dann viel Spaß!

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Die Es-wird-eng-Tour

Am 19. November 2007 schrieb ich erstmals eine Konzertkritik für den Kulturteil im WAZ-„Mantel“ – Die Ärzte spielten in der Dortmunder Westfalenhalle. Ich bekam eine Akkreditierung für den ersten von drei Konzertabenden.

37 500 Zuschauer sahen an drei Tagen „Die Ärzte“ in der Dortmunder Westfalenhalle. Drei Rocker im Midlife-Crisis-Alter spielten im Rahmen der „Es wird eng“-Tour Songs aus 25 Jahren Bandgeschichte
Ein riesiger schwarzer Vorhang verdeckt die Bühne. Ein weißes „a“ mit drei Punkten kündigt „Die Ärzte“ an. Dreimal füllte das Berliner Punkrock-Trio von Freitag bis Sonntag die Dortmunder Westfalenhalle, bespaßte insgesamt 37 500 Fans. 37 500! Die ersten Gitarrenklänge, die erste Zeile von „Himmelblau“, Opener des aktuellen Albums. Nach einer Minute fällt der Vorhang, und Juuuubel im Rund. Sie sind da. Wieder da. Endlich da.

Schwarze Kleidung tragen die drei, aber himmelblau ist die Atmosphäre. „Jetzt stehst du hier und du hörst nicht auf zu lachen, die Welt gehört dir – und der Rest deines Lebens beginnt, yeah“. YEAH! Farin Urlaub mit blond gefärbten Haaren wie vor 25 Jahren bedient die Gitarre. In der Mitte steht Bela B. am Schlagzeug, Rodrigo Gonzales am Bass platziert sich rechts. Im Anzug. Sie sind zwischen 39 und 44 Jahre alt, im reifen Rock-Alter. Von den Klassikern spielen sie die bekanntesten wie „Zu spät“ und „Westerland“, lassen aber auch einige wie „Elke“ weg. Rocken ohne Unterbrechung?

Jedes Ärzte-Konzert besteht aus Verschnaufpausen. Zwölf der 16 Songs des aktuellen Albums „Jazz ist anders“ spielt das Trio, doch nicht alle sind konzerttauglich. Die Klasse eines Ärzte-Konzertes lässt sich an der Länge der Band-Unterhaltungen zwischen den Songs ablesen. Diesmal reden Farin, Bela und Rod nicht viel. Vor „Nie wieder Krieg, nie wieder Las Vegas“ sagt Farin: „Dieses Lied hätte Blixa Bargeld gern geschrieben.“ Diese Anmerkung hat noch Niveau. Nach einer Handy-La Ola – alle Fans halten ihre beleuchteten Displays in die Höhe – flüstert Farin aber: „Vielen Dank für die sinnlose Batterieverschwendung“ und fügt hinzu: „Sollen wir noch stumpfer werden?“ Die Fans brüllen: „JAAAA!“

Doch nicht alles ist Nonsens. In seltenen Momenten wird’s politisch. Als Bela vor dem Song „Tu das nicht“ laut die „Todesstrafe für illegale Downloader“ verlangt, klatschen nur wenige aus der Generation Internet. Textsicher sind die Fans bei „Deine Schuld“, grölen „Geht mal wieder auf die Straße, geht mal wieder demonstrieren!“ Nach dem Anti-Nazi-Song „Schrei nach Liebe“ fordert Farin Demos gegen NPD-Aufmärsche.

Doch der Höhepunkt ist das noch nicht. Nach fast zweieinhalb Stunden folgt Lied Nummer 30 auf der Setlist, „Junge“, die aktuelle Single. Gänsehaut, laut, lauter, am lautesten. „Junge, warum hast du nichts gelernt?“ Das können alle. Auch den Refrain: „Und wie du wieder aussiehst!“ Das ist gut, fantastisch, Schweißperlen tropfen – doch . . . die letzte Strophe beginnt Farin mit dem falschen Text, bricht das Lied sofort ab und beginnt die Strophe von vorn. Hoch, runter, laut, leise, hüpfen, still stehen. Ein typischer Moment.

38 Songs in drei Stunden, davon zwölf Zugaben. Drei Männer im Midlife-Crisis-Alter erklären Dortmund für „rockbar“. Die Fans schwitzen, gehen zufrieden heim.

Nicht nur am ersten Abend.

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Rabenschwarzer Abschluss

Im Dezember 1994 berichtete ich kurz vor Weihnachten für die Mülheimer Woche über das Fußball-Landesligaspiel VfB Speldorf gegen BV Altenessen (0:2). Einige Tippfehler (alte/neue Rechtschreibung) sind korrigiert. Ab (…) wurde der Text mit einer Vorschau und ein paar Zeilen über den 1. FC Mülheim fortgesetzt, die ich nicht mitkopiere.

Einen rabenschwarzen Abschluss der Hinrunde gab es für die Mülheimer Fußball-Landesligisten. Der VfB Speldorf unterlag dem BV Altenessen mit 0:2 und ließ den Rückstand auf Spitzenreiter Borussia Wuppertal auf fünf Punkte anwachsen. (…)

Es konnte eigentlich gar nichts schief gehen. 13-mal in Folge nicht verloren, die beste Abwehr der Liga und die Weihnachtsfeier am Abend. Ein Sieg über den BV Altenessen nebenbei war selbstverständlich für Spieler und Fans des VfB Speldorf. Doch trotz einer spielerisch überragenden ersten Halbzeit und vielen herausgespielten Torchancen verlor man mit 0:2, zwei Treffer von Dirk Heine versetzten den Grün-Weißen (hoffentlich noch nicht) den Todesstoß im „Unternehmen Aufstieg“. „Es hat nicht sein sollen heute. Wir sind an den nicht genutzten Chancen gescheitert. Wenigstens hat die Mannschaft bis zum Schluss gekämpft und alles versucht“, bilanzierte Trainer Hans-Günter Bruns dieses Spiel.

Zu allem Überfluss gewann Borussia Wuppertal das Spitzenspiel gegen Cronenberg mit 1:0 und enteilte um fünf Punkte. Zum Glück können die Speldorfer am ersten Spieltag nach der Winterpause bei Borussia Wuppertal wieder einiges korrigieren. (…) Mit der Hinrunde insgesamt ist Bruns „sehr zufrieden“.

(…)

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9. August 2005. 22. Urlaubstag. Vietnam. Hanoi.

Meinen Sommerurlaub 2005 verbrachte ich mit dem Rucksack auf dem Rücken in Südostasien – in Bangkok und Vietnam, allein. Während dieser vierwöchigen Reise führte ich ein Tagebuch und veröffentlichte es direkt auf meiner Homepage. Einige dieser Einträge habe ich “digitally remastered” und veröffentliche sie nun neu.

Dieser hier trug auf meiner “ersten” Homepage die Überschrift “Aber hier leben?” und stammt von meinem 22. Urlaubstag, den ich in der Hauptstadt Hanoi verbrachte. Es war mein letzter Tag in Vietnam vor meinem Rückflug nach Bangkok, wo ich abschließend auch noch zwei Tage verbrachte.

Jetzt endlich rein in den Text vom 9. August 2005:

„Ein letztes Mal das Gehupe aufsaugen, die Lautstaerke, die Leute. Die Leute, die gegenueber auf dem Buergersteig sitzen und sich die Suppe “Pho” servieren lassen, in einem dieser Millionen an offenen Restaurants. Die vielen Laeden geniessen, die an den Strassen auch um kurz nach neun noch um Kunden buhlen. Ein letztes Mal ein Fruechtemeer, und ja, mit ein wenig Wehmut, ein letztes Mal “NO!” zu den vielen, vielen Mofataxifahrern sagen. Im Restaurant, naja, viel mehr in einem Café mit Karte fuer warme Speisen – also dort habe ich meine Sticks schon lange zur Seite gelegt und schaue nur nach dreaussen in die Altstadt. Im CD-Player des Cafes laeuft auf einmal “Take it easy”, fast wie auf Ansage, auf Zuruf. Es ist mein letzter Tag, letzter Abend, die letzten Stunden in Vietnam. Diesem fuer mich gewoehnungsbeduerftigen Land, das ich im Laufe der 16 Tage hier immer mehr ins Herz geschlossen habe, weil es so viele Highlights, unbedingt sehens- und erlebenswerte Ecken zu bieten hat. Als “Take it easy” vorbei ist und ich die Rechnung begleiche, kommt mir ein Tocotronic-Titel in den Sinn, zumindest der Beginn davon. “Aber hier leben?”

Jetzt aber schnell, hurry up, leg einen Zahn zu. Ohne gestern Abend gross nachzudenken, habe ich meinen Wecker auf 8 Uhr gestellt. Ich stehe voellig uebermuedet um 8.30 Uhr auf, da faellt mir wieder ein, dass das Ho Chi Minh Mausoleum nur bis 10.30 Uhr geoeffnet hat und man auch noch sehr lang anstehen muss. Schnell geduscht, in die Klamotten geschmissen, an der Rezeption nach der Ursache des naechtlichen Trubels gefragt (Loesung: Direkt nebenan war ein kleiner Brand), auf das naechstbeste Mofataxi geschwungen und ab dafuer. So komme ich doch noch einmal in den Genuss dieses mobilen lebensmueden Services. Schnell kutschiert mich der Typ zum Mausoleum und um 9.45 Uhr ist die Schlange immer noch riesig. Das klappt nie. Meine Tasche samt Kamera muss ich an der Rezeption abgeben. Aus dem Baedeker habe ich ohnehin schon alles auswendig gelernt, dann kann ich den direkt in der Tasche lassen. Ho Chi Minh wollte das gar nicht. Er wollte verbrannt werden und dass seine Asche in drei Urnen (sinnbildlich fuer Norden, Zentrum und Sueden) verteilt wird. Stueck fuer Stueck ruecke ich, rueckt die ganz lange Reihe voran, alle zwanzig Sekunden frage ich meinen Vordermann nach der Zeit. Es wird knapper. Und dann ist es soweit. Der graue, ungemein haessliche und ueberdimensionierte Betonklotz taucht vor mir auf. Alle paar Meter steht ein Soldat der Ehrengarde, in Weiss gekleidet und jeder kontrolliert stichprobenartig, obwohl es schon eine Security-Station a la Flughafen gab. Reden ist strikt verboten, Shorts bei allen oder zu hautenge Kleidung bei Frauen ebenfalls. Eine freie Schulter – pfuuuuiii… Jemand, bei dem das Handy im unguenstigen Moment klingelt, wird rausgeholt. Hihi, Pech gehabt.

Erstmals in meinem Leben sehe ich eine Leiche, denke ich und tupfe mir den Schweiss von der Stirn. Obwohl es noch frueh am Morgen ist, betragen die Temperaturen schon weit ueber 30 Grad. Um 10.26 Uhr, puuuh, puenktlich, betrete ich das eisgekuehlte Mausoleum. 20 Jahre lang stand in diesem die einzige Klimaanlage Vietnams, also – nach Adam Riese – bis 1995. Ich will besser nicht wissen, wie die das in dem Land ohne Aircondition ausgehalten haben. Still ist es, ganz still, nur das Trapsen der Schuhe ist zu vernehmen. Nur hier blacken die Soldaten wirklich finster drein. Der entscheidende Raum. Im Gaensemarsch schleichen wir in U-Form um den glaesernen Sarg herum, in dem Ho einbalsamiert, anzugtragend, mit geschlossenen Augen, angestrahlt wird. Das war mal ein Mensch?? Er sieht original aus wie eine Wachsfigur von Madame Tussaud! Aber original. Und doch ist es ein faszinierendes, unvergessliches, stimmungsvolles Erlebnis. Obwohl sich Vietnam Richtung Kapitalismus und Konsum bewegt, obwohl Ho sein Land kaum noch wiedererkennen wuerde und er so manch kritische Entwicklung beobachten muesste (sein Wunsch ”wir werden das Land tausendfach schoener aufbauen als es je war” ist nur bedingt umgesetzt), verehrt eine ganze Nation den seit 1969 gestorbenen Koerper. Keine Grossstadt ohne Ho-Denkmal, Ho-Museum, kein Geldschein ohne Ho’s Kopf, kaum ein Haus ohne Ho’s Bild. “Ho Ho Ho Chi Minh”-Sprechchoere kennen heute noch alle Studenten und nicht nur die. Wie kein Zweiter steht der damalige nordvietnamesische Praesident fuer den Kampf gegen die USA. Und fuer Vietnam.

Noch tief beeindruckt hole ich schnell meine Tasche und schaue mir den Rest in Onkel Ho’s Viertel an. Denn er lebte nicht in Prunk, Saus und Braus, wie man es fuer einen Staatenlenker dieses Formats vermueten koennte. Ho lebte ganz spartanisch in einem kleinen Wohnhaus mit wenigen Zimmern an einem schnuckeligen Karpfenteich, die noch heute darin schwimmen. Alle Zimmer sind im Originalzustand erhalten. Etwas kuenstlich und eindeutig wahnsinnig uebertrieben ist das Ho Chi Minh (heisst uebrigens “der nach Erleuchtung Strebende”, im Laufe seines 79-jaehrigen hatte er fast 50 Namen, die moisten davon zu Tarnzwecken), also das Ho Chi Minh Museum. Alles, was von Ho aufzutreiben war, Stifte, Klamotten, Stuehle, Notizen ist neben einigen Kunstobjekten auf zwei Etagen ausgestellt samt riesigem Souvenirshop, in einem Gebaeude, das auch als Hauptstelle einer Bank durchgehen wuerde. Es ist nicht nur Ho’s, es ist auch das politische Viertel der Stadt. Am Parlament geht es vorbei, dem Platz, auf dem Ho 1945 die Unabhaengigkeitserklaerung verlas, und an zahlreichen Botschaften. Ein Blick zum Himmel beendet meinen politischen Stadtrundgang um high noon. Es zieht bedrohlich zu. Politik – noch so etwas, mit dem sich das leichtlebige Saigon nicht rumzuschlagen vermag. Und was Hanoi ein bisschen ernster, nachdenklicher. Hier in Hanoi sollen sich auch alle wichtigen Kuenstler und Intellektuellen aufhalten. Was ich nicht nachpruefen, mir aber gut vorstellen kann. Hanoi denkt, Saigon feiert.

Am West-See will ich ohnehin meine Mittagspause verbringen. Der See liegt im Nordwesten Hanois und ist um ein Vielfaches groesser als der beliebtere Hoan Kiem See. Eine Fahrradumrundung wuerde 14 Kilometer lang dauern – waere prima als Joggingstrecke fuer Fussballteams geeignet. Ein bisschen Kellersee-Eutin-Stimmung steigt in mir auf, von den Zehenspitzen bis in die Haare – okay, die sichtbaren Hotels und eine Pagode zerstoeren das Gefuehl sofort. Es gibt so viel Wasser in Hanois Mitte. Zwei Seen, der Rote Fluss ist auch nicht weit. Schoooeeenn!

Als ich auf einer Bank Platz nehme, beginnt es zu nieseln. Ich wechsele in ein Cafe, rutsche auf dem Weg dahin einmal boese aus und lege mich fast auf die Fresse (glitschig hier! Aufpassen!) und werde deprimierter. Es regnet in Stroemen. Nicht wie sonst nur zwanzig Minuten, sondert zwei Stunden lang. Na gut, es gibt schlechtere Orte, als am West-See bei einem O-Saft auf Eis eine Mittagspause zu verbringen.

Um 14 Uhr bleibt es zwar bewoelkt, aber es regnet nicht mehr. Waaaas?? Schon zwei?? Mein naechstes Ziel ist das Aeroflot-Buero, um meinen Rueckflug zu bestaetigen, jaja, werde eben immer haeufiger mit Deutschland konfrontiert jetzt. Ich muss in einen Vorort, der eigentlich prima erreichbar sein muesste und so ein Spaziergang tut auch mal ganz gut. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm, schon nach zwei Minuten koennte ich mein T-Shirt auswringen. Nach zwanzig Minuten erreiche ich die Zielstrasse “Kim Ma” am Haus Nummer eins und ich muss bis 360. Uff. Weitere fuenfzehn Minuten spaeter habe ich das Hanoier Fussballstadion passiert (das Muelheimer Ruhrstadion ist schooener) und es bis 180 geschafft. Da kapituliere ich. Mach ich das eben telefonisch. Schnell das Handy eingeschaltet – und die verstehen mich kein Stueck. Mal schauen, wie ich das nun regale. Egal. Zurueck nehme ich trotz zahlreicher Anfragen – die Kim Ma ist eine viel befahrene Hauptstrasse auf dem Weg zum Highway, also zu einer der Nationalstrassen – und trotz der offenkundigen Schweissprobleme kein Mofataxi, so dass ich voellig ausser Puste um halb vier ins Air-France-Buero am Hoan Kiem See stuerze, um in einem klimatisierten Raum zu sitzen und um wenigstens den morgigen Flug rueckzubestaetigen. Ist zwar ein bisschen spaet, aber klappt!

Heute mache ich nix mehr, no way. Ich kaufe eine Flasche Wasser und hocke mich an den See. Ploetzlich setzt sich fuer zehn Minuten ein vietnamesischer Student zu mir, der sehr passabel Englisch spricht. Er hat mich am VfL-Shirt erkannt und Bochum mit Bundesliga in Verbindung gebracht. Nett von ihm. Er hat noch nie Vietnam verlassen, sein Traumreiseziel ist Europa. Vielleicht sagt er’s nur wegen mir. Im Cafe, direkt am nordwestlichen Ende des Sees, meinem Lieblingsladen inzwischen, lesen vier Leute den “Lonely Planet”, nach dem 90 Prozent der Traveller reisen, wie mir scheint. Da sind die vermerkten Geheimtipps doch laengst keine Geheimtipps mehr. Nicht schlecht, dass ich den “Know How” benutze und nur ab und zu im “Lonely Planet” nachschlage. Nach dem Weg durch die durch abgestellte Mofas, fahrende Mofas, Laeden und Fussgaenger bis zur Unkenntnis verwuselte Altstadt kehre ich gegen fuenf ins Hotel zurueck, um zu surfen und meine mehr als durchgesickten Klamotten zu wechseln. Trotz der Undurchschaubarkeit und der versteckten Strassenschilder habe ich den Weg zum Hotel ohne nachzuschauen gefunden. In Saigon haette das wohl nie geklappt.

Nach einer Portion “Luc Lac” und den letzten wehmuetigen Augenblicken auf Hanois Strassen hoere ich in meinem Hotel ein paar Donner, die laut knatternde Klimaanlage, schaue nebenbei die vietnamesische Version von “Wer wird Millionaer” (hmmm… eine Million Dong haben den Wert von knapp 55 Euro, welch billige Show, aber ich glaube, es geht um 55 Millionen) und stelle mir die “Aber hier leben?”-Frage. Vietnam ist ein tolles Land, ich betonte das mehrfach. Doch um hier mehrere Monate zu leben und zu arbeiten, waere es mir einen Tick zu laut, zu heiss, zu fremd. Die Kueche wuerde mich extreme stoeren, der langsame Internet-Anschluss (Scheiss-Details, oder?), naja, ich bin wohl auch ein kleines westliches Konsum- und Luxuskind. Abgesehen von meinen Freunden, meiner Familie und dem VfL, die mir natuerlich auch wahnsinnig fehlen wuerden 15 Flugstunden entfernt. Und um als Sportjournalist zu arbeiten, ist Vietnam auch nicht gerade die Offenbarung. Im Journalismus wird hier immer noch zensiert und hochklassigen Sport gibt es in Vietnam nur im Fernsehen.

Um vier oder meinetwegen auch sechs Wochen zu reisen (im Norden musste ich leider die Bergtour bis Sa Pa streichen, die ganz toll sein soll), gibt es kaum einen schoeneren Platz auf der Welt. Mekong-Delta, vor allem die Ha-Long-Bucht, die Zentralkueste, Saigon, Hanoi, Hoi An, die Cu-Chi-Tunnel, alles unvergessliche Momente, fuer die es sich lohnt, sich viel Zeit zu nehmen. Aber hier leben? Wie lautet die Tocotronic-Antwort – keine Frage, in diesem Song nicht auf Vietnam gemuenzt, aber fuer mich diesmal entfremdet und uebertragbar? Nein, danke. Leider.

Auf die Frage Saigon oder Hanoi habe ich eine eindeutige Antwort. Auf der einen Seite das gewollt unpolitische, hektische, fast komplett kapitalistische, moechtegernmoderne, travellerfreundlichere, sich abzugrenzen versuchende Saigon, noch immer mit spuerbar amerikanischen Einfluessen. Und dann das exotischere, ernstere Hanio, mit einer fantastischen, ruhig-hektischen Atmosphaere und vielen aufregenden Plaetzchen.

And the winner is Hanoi!

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