Die Zweite Liga nach 14 Spieltagen – zweimal „Top 5“

Seit 14 Spieltagen läuft die Saison in der 2. Bundesliga. Vor der Saison wurde ich oft gefragt, wie viel Lust ich nach so vielen Jahren Bundesliga, Champions League, Europa League überhaupt darauf hätte. Ich muss Euch sagen: Es ist mitunter viel stressiger als die Erste Liga, macht aber sehr, sehr viel Spaß – es ist intensiv, es gibt viele Begegnungen, Geschichten, heiße Diskussionen.

Überanstrengt nach einem wilden Tag in Bremer Weserstadion - November 2021.

Überanstrengt nach einem wilden Tag in Bremer Weserstadion – November 2021.

Das hat mich heute an am freien Montag dazu veranlasst, zwei persönliche Top-5-Listen über Ereignisse rund um die Spiele zu veröffentlichen. In der ersten geht es um meine fünf emotionalsten Augenblicke im Stadion, in der zweiten um meine fünf persönlichsten Momente außerhalb des Rasens, die nichts mit Fußball zu tun haben. Da geht es natürlich zunächst um Auswärtsspiele.

Im Stadion

1. Bremen – Videobeweis in der 94. Minute: „Ein Spiel, zwei Skandale“ lautete meine Zeile im Print-Text für die Montag-Ausgabe unserer NRW-Titel (WAZ, NRZ, WR, WP). Es ging zuerst um den Rücktritt des Bremer Trainers Markus Anfang, aber noch viel mehr um den falschen Elfmeterpfiff in der Nachspielzeit. Welch ein Patzer des Schiedsrichters, des Video-Assistenten. Welch eine Schimpftirade von Trainer Dimitrios Grammozis kurz vor Mitternacht. 1:1 statt 1:0. Bitter. Für mich beruflich hatte das die Folge, dass ich einige Texte schnell, sehr schnell, mit Schlusspfiff anpassen musste und auch am Tag nach dem Spiel der Arbeitstag nicht enden mochte.

Jubel-Explosion: Schalke feiert nach dem 3:1 von Simon Terodde gegen Düsseldorf - August 2021

Jubel-Explosion: Schalke feiert nach dem 3:1 von Simon Terodde gegen Düsseldorf – August 2021

2. Heimspiel gegen Düsseldorf – Simon Terodde trifft zum 3:1: Nach anderthalb Jahren mit rund 50 Geisterspielen hatte ich das erste Heimspiel mit Fans schon erlebt, es war ein 1:1 gegen Erzgebirge Aue. Aber erst am 28. August merkte ich, wie geil es wirklich ist, wenn Fans in der Arena anfeuern. Auch wenn es nur 25.000 an diesem Tag waren. Es war ein umkämpftes, ein enges Spiel, Schalke führte kurz vor Schluss 2:1, Düsseldorf aber stürmte. Dann traf Simon Terodde in der 90. Minute zum 3:1. Wie das Stadion explodierte, ist hier gut nachzuempfinden. Der „Quatscher“, also der Stadionsprecher, sagte: „Da fliegt doch fast das Dach weg hier.“ Und selbst der erfahrene Terodde, der so viele Tore geschossen hat in seinem Leben, bezeichnete diesen Treffer als einen der wichtigsten.

Das Nebelspiel in Heidenheim - Oktober 2021

Das Nebelspiel in Heidenheim – Oktober 2021

3. Der Nebel in Heidenheim: Ich habe über mehr als 1200 Fußballspiele in meinem Leben berichtet, zu fast allen Uhrzeiten zwischen 9 und 23.30 Uhr, bei nahezu allen möglichen Witterungsbedingungen. So ein Spiel wie das in Heidenheim war aber selten dabei: heiß, warm, lauwarm, normal, kühl, kalt, Nordpol, Sonne, Bewölkung, Regen, Schnee, Eis. Aber Heidenheim? Es war ar***kalt (gut, das kam in der Art häufiger vor), aber zudem neblig. Eine Ecke des Spielfeldes in der Arena – ausgerechnet die vor der Schalker Fankurve – war für mich über weite Strecken des Spiels nicht zu erkennen, maximal schemenhaft. Zwischenzeitlich reichte die Sicht nicht einmal bis zur gegenüberliegenden Außenlinie. Und dann ging das Spiel auch noch in der 89. Minute mit 0:1 verloren…

Wieder ein Tiefpunkt - 1:4 in Regensburg im August 2021

Wieder ein Tiefpunkt – 1:4 in Regensburg im August 2021

4. Das 1:4 in Regensburg – komplett: Ich habe Raúl im Schalke-Trikot spielen sehen. War in Manchester zu einem Champions-League-Spiel. Stand nach dem DFB-Pokal-Sieg 2011 in der Mixed Zone des Berliner Olympiastadions und sprach mit Spielern, die den Pokal im Arm hielten. Ich interviewte Stars wie Klaas-Jan Huntelaar. Und nun spielte der große FC Schalke 04 beim SSV Jahn Regensburg im kleinen Jahn-Stadion, das von außen nach Netto-Filiale aussieht, um Punkte in der 2. Bundesliga. Und ließ sich 90 Minuten nach allen Regeln der Fußballkunst vorführen und mit 1:4 abschießen.

„Das war heftig“, murmelte Schalke-Idol Gerald Asamoah, als er uns Schalke-Reportern im Kabinengang über den Weg lief. Ein Tag, der ganz Schalke schockierte und auf den Boden der Zweitliga-Tatsachen holte. Der zeigte: Der direkte Wiederaufstieg wird kein Selbstläufer.

Rodrigo Zalazar nach seinem Tor in Villingen - August 2021

Rodrigo Zalazar nach seinem Tor in Villingen – August 2021

5. Das Tor von Rodrigo Zalazar in Villingen: Viele werden sich jetzt fragen: Hää? Warum denn ausgerechnet dieses Tor? In diesem Treffer zum 2:1 kulminierten alle Momente, die dieser schöne zweitägige Sommer-Aufenthalt im Schwarzwald mit sich brachte. DFB-Pokal, erste Runde, sechste Liga gegen zweite Liga. Ein kleines Städtchen, ein feines Essen am Abend vor dem Spiel, ein Morgen-Spaziergang zur Neckarquelle am Spieltag, Ausblick auf den Schwarzwald aus dem Fenster meines Zimmers. Einfach alles rund um dieses Spiel war von Herzlichkeit geprägt, auch von einem Ausflug in die eigene journalistische Amateurfußball-Vergangenheit. Eine leckere Bratwurst (na gut, zwei), keine Presseplätze mit Steckdosen, sondern Bierbänke mit Kabeltrommel – und zum ersten Mal seit Februar 2020 wieder mit Auswärtsfans im Stadion. Die hatten zunächst nicht viel Freude, befürchteten eine Blamage, aber als Rodrigo Zalazar, gerade von Eintracht Frankfurt verpflichtet, mit einem Hammer aus der zweiten Reihe zum 2:1 traf, direkt auf den Zaun sprang, fiel die Last ab. Von den Profis, von den Fans und von mir ein bisschen: Ein Pokal-Aus hätte schon kurz nach Saisonstart eine chaotische Woche zur Folge gehabt…

Außerhalb des Rasens

Die Steinerne Brücke in Regensburg an der Donau - August 2021

Die Steinerne Brücke in Regensburg an der Donau – August 2021

1. Regensburg – Steinerne Brücke: Die Uhr zeigte etwa 20.30 Uhr an einem Freitagabend Mitte August. Die lange Zugfahrt war absolviert, die harte Arbeit des Tages und alle Absprachen erledigt, da passierte das, was auf Auswärtsfahrten oft geschieht: Hunger, nichts zu futtern dabei, keine Mini-Bar auf dem Zimmer. Also verließ ich mein Hotel an einem lauwarmen Sommerabend noch einmal, traf mich mit einem Schalke-Reporter der Konkurrenz, der ebenfalls schon am Tag vor dem Spiel angereist war. Aber diesmal nicht bei McDonalds oder Burger King, was sonst häufiger passiert. Wir trafen uns am Dom, eine Viertelstunde Fußweg war das, und gemeinsam spazierten wir in die malerische Altstadt Regensburgs. Eine Stadt, die ich nicht kannte und ohne Fußball wohl nie kennengelernt hätte. Wir blieben auf der Steinernen Brücke an der Donau stehen, das ist die älteste Brücke Deutschlands, schauten auf den Fluss und den Sonnenuntergang, und unterhielten uns über das Leben.

Es gibt Pizza in Regensburg - August 2021

Es gibt Pizza in Regensburg – August 2021

Kurz zuvor hatte ich von der schweren Erkrankung eines Kollegen erfahren, den ich über ein Jahrzehnt lang kenne und sehr, sehr schätze. Eine Nachricht, die mich erschüttert hatte, die ich bis dahin gut verdrängen konnte. Die Momente auf der Brücke werde ich nicht so schnell vergessen. Wir aßen in einer Pizzeria, nahmen um 22.30 Uhr noch ein Eis mit auf den Weg. Erleichtert, gesättigt, nachdenklich. Der Tag danach allerdings hatte es dann in sich. Aus sportlichen Gründen, siehe oben.

2. München – eine Boazn in Giesing: In München habe ich wegen eines Praktikums mal vier Wochen im Jahr 2008 gelebt. Ich habe wegen des Fußballs viele Nächte auf unterschiedlichste Art dort verbracht. Bin geflogen, mit dem Zug gefahren, ja, auch mal mit dem Auto. Aber zwei Dinge fehlten noch auf meiner München-Liste: ein Spiel im Stadion an der Grünwalder Straße und ein Abend in Giesing. An einem Abend Ende September bekam ich beides.

Tradition in München-Giesing - das Stadion an der Grünwalder Straße, Oktober 2021

Tradition in München-Giesing – das Stadion an der Grünwalder Straße, Oktober 2021

Im Zug (die Fahrt dauert ja knapp sechs Stunden) bereitete ich mich ausführlich auf das Spiel vor und verfasste erste Texte, nach dem Einchecken im Hotel blieben mir noch drei Stunden bis zum Anpfiff. Ich wählte die Nummer eines Mit-Volontärs (2007), der inzwischen in München arbeitet und sesshaft geworden ist. Er lotste mich zum klitzekleinen „Cafe Schau ma moi“ in der Nähe der U-Bahnstation „Silberhornstraße“ mitten in Giesing, klärte mich auf, dass es sich um eine „Boazn“ handelt, übersetzt auf Ruhrpöttisch bedeutet das in etwa „Eckkneipe“. Wir sprachen etwa 45 Minuten, tranken eine Tasse Kaffee, die Boazn füllte sich mit Fans beider Teams, Schalke-Anhänger erkannten mich (Grüße!), alles war einfach nett. Und im Stadion… einatmen, ausatmen, Tradition. Herrlich. So gut. Naja, das Spiel war dann aus S04-Sicht weniger gut. Aber auch das und die Diskussionen über meine Texte unmittelbar danach gehören zu diesem unvergesslichen Fußball-Tag.

Welch eine Atmosphäre - Bremen, Weserstadion, November 2021.

Welch eine Atmosphäre – Bremen, Weserstadion, November 2021.

3. Bremen – das „Viertel“: Ähnliche Voraussetzungen wie in Giesing – ich war so oft in Bremen, ich mag die Stadt so gern, kenne durch Spaziergänge auch entlegene Ecken. Aber nur einmal war ich WIRKLICH im Kneipenviertel (in Bremen, wie ich lernen durfte, tatsächlich das „Viertel“ genannt) unterwegs. Irgendwann 1999 oder 2000 war das, vor über 20 Jahren, ich feierte zu Fury in the Slaughterhouse, damals noch eine neue, populäre Band. Praktischerweise liegt das „Viertel“ auf dem etwa 30-minütigen Fußweg vom Hauptbahnhof (in dessen Nähe mein Hotel lag) zum Weserstadion am Osterdeich. Und wieder wählte ich die Nummer eines ehemaligen Arbeitskollegen, der jetzt beim größten Zeitungshaus der Stadt arbeitet.

Flutlicht. Bremen, Weserstadion - November 2021

Flutlicht. Bremen, Weserstadion – November 2021

Wir dehnten die 30 auf 60 Minuten aus, zogen von Dönerladen über Kiosk ins „Lagerhaus“, gaben uns ein Update über die aktuellen Ereignisse, privat wie beruflich – super. Er blieb mit Freunden im Lagerhaus, ich spazierte den tollen Weg zum Stadion. Und dann begann das Spiel, das, siehe oben / erster Platz, so fulminant endete. Won’t forget these day.

4. Rostock – Windstille in Warnemünde: Wie ich schon mal in einem Tagebucheintrag auf meiner „alten“ Homepage aus dem Jahr 2004 erwähnte, habe ich zum Strand von Warnemünde ein besonderes Verhältnis. Das will ich nicht noch einmal aufgreifen. Weil ich aber die Schönheit des Ortes kenne, suchte ich im September kein Hotel in Rostock-City, sondern mitten in Warnemünde an der Küste. Ich wählte eine Zugverbindung, die mir genug Zeit lassen sollte, noch einmal vor dem Spiel an der Strandpromenade entlang zu schlendern.

Immer unter Strom, immer unterwegs - Warnemünde am Vormittag, September 2021

Immer unter Strom, immer unterwegs – Warnemünde am Vormittag, September 2021

Am Spieltag aber wurde daraus nichts. Der Zug hatte etwa zwei Stunden Verspätung, Warnemünde war wegen einer Klopperei voll von Polizei, ich checkte ein, einmal Pipi, und dann sofort zurück zur S-Bahn. Ich sah am Bahnhof von Warnemünde eine Aida, die zur Musik von „Sail Away“ den Hafen Richtung Meer verließ (bizarrer Moment), zog dann mit vielen Hansa-Rostock-Fans Richtung Stadion (auch bizarr) und holte meine Akkreditierung an einem Waldparkplatz kurz hinter dem „Hansa-Treff“ (ebenso bizarr), und auch das Spiel war heftig. Meine Windstille in Warnemünde bekam ich aber doch noch. Am kommenden Morgen stand ich dafür eine Stunde früher auf. Mit Koffer zog ich zehn Minuten zu Fuß zum Strand, setzte mich in die Dünen und schaute aufs Meer. Einfach mal an nichts denken, wenn auch nur für wenige Augenblicke.

Sonnenaufgang in Warnemünde - September 2021

Sonnenaufgang in Warnemünde – September 2021

Dann spazierte ich zurück zum Zug und die Arbeit begann. Mit Meeresluft in der Birne klappte das aber diesmal doppelt so gut.

5. Heidenheim – der Weg durch den Schlosspark: Noch so eine Stadt, in der ich noch nie war: Heidenheim an der Brenz. Mit dem ICE bis Ulm, dort im Hotel einchecken, zurück zum Bahnhof, und dann bei Nieselregen knapp 40 Minuten mit der trotz Corona voll besetzten S-Bahn aufs Land. In diese kleine Stadt, die der Trainer des FCH im Interview mit mir als „Arbeiterstadt“ bezeichnet hatte. Nicht nur die Witterungsbedingungen (siehe oben / Platz 3) waren ganz speziell, auch der Rückweg. Fand ich für den Hinweg noch einen Shuttlebus zum Stadion auf dem Mini-Busbahnhof, waren für den Rückweg zum Bahnhof gegen 22 Uhr alle weg.

Auch mal dagewesen - Heidenheim an der Brenz, Bahnhof, Oktober 2021

Auch mal dagewesen – Heidenheim an der Brenz, Bahnhof, Oktober 2021

Taxis – nicht zu sehen. Aber ich musste dringend den letzten Zug Richtung Ulm erwischen. Also fragte ich einen Einheimischen, der mir erklärte, ich könnte die Abkürzung durch den Schlosspark nehmen und mir lose mit dem Zeigefinger den Weg wies. Und ich folgte dem Zeichen, ausgerüstet in Nebel und Dunkelheit lediglich mit der Lampe meines Mobiltelefons. Ich fühlte mich wechselweise wie in „Aktenzeichen XY“ oder im „Club der toten Dichter“ auf dem Weg zur Höhle, um Thoreau-Gedichte vorzutragen. Google Maps zeigte nur Wald. Ich hörte „High hopes“ von Pink Floyd und überstand den Weg schadlos, da nach wenigen Hundert Metern die Lichter des Städtchenzentrums am Horizont auftauchten. Erinnern daran werde ich mich aber noch lang. Denn hey: Wer von Euch war schon mal nachts in Heidenheim an der Brenz unterwegs?

Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball, Gelsenkirchen, Reisen, Ruhrgebiet | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Zweite Liga nach 14 Spieltagen – zweimal „Top 5“

Drei königsblaue Interview-Empfehlungen

Also eins ist die 2. Bundesliga bisher ganz und gar nicht: langweilig – und das in allen Belangen. Die Spiele sind spannend, die Saison könnte ein Thriller werden, und die Auswärtsfahrten erst…

In der Ersten Liga ist der Auswärtsfan (oder der Reporter) viel in der Gegend unterwegs: Bochum, Dortmund, Köln, Leverkusen, Bielefeld, Mönchengladbach, Frankfurt, Mainz, Hoffenheim, Wolfsburg – das lässt sich alles an einem Tag bewerkstelligen. Aber die Zweite Liga? Hansa Rostock am Samstagabend, 1. FC Heidenheim am Freitagabend, Jahn Regensburg am Sonntagmittag. Dazu DFB-Pokalspiele in Villingen-Schwenningen (weit) und bei 1860 München (noch weiter) – herrlich. Und bald kommen zweimal Hamburg und Aue. Ich mag sowas ja.

Diese Saison hat mir jedenfalls bisher nicht nur ein (siehe im nächsten Beitrag) anstrengendes Trainingslager beschert, sondern auch schwierige Recherchen, ereignisreiche Spiele und spannende Interviews. Auf drei davon aus den vergangenen Wochen möchte ich nun verweisen:

  • Hier geht es zu unserem Interview mit Finanzvorständin Christina Rühl-Hamers, veröffentlicht am 14. September 2021 („Der Sechs-Punkte-Abzug ist vom Tisch“)
  • Hier geht es zu unserem Interview mit Sportdirektor Rouven Schröder am 8. Oktober 2021 („Die Bedeutung von Schalke ist immer noch immens“).
  • Hier geht es zu meinem Interview mit Gerald Asamoah, dem Leiter der Lizenzspieler-Abteilung am 11. November 2021 („Ich bin immer noch Asa“).
Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Drei königsblaue Interview-Empfehlungen

13 Tage Trainingslager – wie es für mich als Schalke-Reporter ablief

Folgenden Text habe ich seit Mitte Juli immer mal wieder ergänzt – nun ist er endlich fertig. Das Trainingslager ist nun schon eine Weile her, aber vielleicht interessiert es Euch ja noch.

++

Mitten in Mittersill auf dem täglichen Fußweg vom Hotel zum Trainingsplatz.

Mitten in Mittersill auf dem täglichen Fußweg vom Hotel zum Trainingsplatz.

Ob ich Österreich vermisse, das ist so eine beliebte Frage. Ja klar, war ne geile Zeit, dieses Trainingslager. Hart, anstrengend, brutal mitunter – aber dieser Stress ist positiver, angenehmer Stress. In traumhafter Landschaft das zu sehen, was man außerhalb der Familie am liebsten hat (Fußball), um das zu tun, was man am besten kann (schreiben) – und dafür auch noch Geld zu bekommen: Das ist ein Luxus, dem ich Tag für Tag demütig begegne. Das ist mir sehr bewusst.

Was Euch immer mehr interessiert – ich stelle es fest bei Twitter, Facebook, Direct Messages, Mails oder in persönlichen Gesprächen am Trainingsplatz (die ja jetzt wieder möglich sind): Wie funktioniert eigentlich der Job des Reporters in einem Trainingslager?

Schon vor einem Jahr nach der Tour nach Längenfeld habe ich Euch geschildert, wie das ablief – jetzt werde ich es auf Euren Wunsch noch präzisieren. Ich finde es immer klasse, wenn Ihr Transparenz fordert; auch wenn ich die Euch natürlich nicht bis ins letzte (Quellen-)detail präsentieren kann.

Was ich kann: Euch grob auflisten, was vom 28. Juni bis 10. Juli – ungewöhnlich lange 13 Tage, elf davon gemeinsam mit der Mannschaft – geschah. Für mich nicht nur beruflich eine große Herausforderung. Seit ich verheiratet bin und zwei Kinder habe, war ich nie so lange von meiner Familie weg, nicht einmal bei meinen beiden NFL-Touren im Jahr 2018.

Zur Übersicht / mit Erklärungen zu Beginn

Vorab zum Begriff „Tagesplan / erste Absprache“: Damit der Innendienst Bescheid weiß, ist es wichtig, schon ganz früh mitzuteilen, was die einzelnen Bereiche – a) digital inkl. Social Media, b) Mantelsport, c) Lokalsport Gelsenkirchen – erwarten können und welches Layout ich vorschlage (inkl. Zeilenlänge). Es erforderte schon ein wenig Selbstdisziplin, jeden Tag gegen 8.30 Uhr den Tag mit dem Aufklappen des Laptops zu beginnen. Und um die Routine perfekt zu machen, war ich exakt von 9.15 bis 9.45 Uhr beim Frühstück – fragt mal die Hotel-Angestellten: so viel preußische Pünktlichkeit hätte niemand von mir erwartet 🙂

Heimstadion für 13 Tage - und das vor malerischer Kulisse. Ganz oben zu sehen: das Mannschaftsquartier Schloss Mittersill.

Heimstadion für 13 Tage – und das vor malerischer Kulisse. Ganz oben zu sehen: das Mannschaftsquartier Schloss Mittersill.

Zu den Terminen: Es sind alle Termine genannt, die Schalke selbst in dieser Zeit gepostet hat und an denen ich teilnahm (Trainingseinheiten, Spiele, Fan-Talks) oder durch meine Tweets (Interviews), Eindrücke der Fans vor Ort (Mixed Zones) oder Texte der Konkurrenz-Portale (siehe unten) offensichtlich sind. Fest verabredete Hintergrundgespräche beim Mittag-/Abendessen oder ausführliche Hintergrundtelefonate haben natürlich auch stattgefunden, werden aber von mir nicht erwähnt. Die Sammlung der Termine ergibt, denke ich, einen guten Eindruck über mein Programm in Mittersill. Und nicht vergessen: Zwischen all den Terminen habe ich all diese Texte geschrieben, die als Link zugefügt sind.

Montag, 28. Juni, Tag 1 – Absprache für die ersten beiden Tage, Mietwagen abholen, Abfahrt um 18 Uhr, Übernachtung irgendwo an der A3 nach etwa fünf Stunden Fahrt

Die Vorbereitung eines Trainingslagers beginnt nicht erst mit dem Tag der Abfahrt – wie das bei jeder Reise so ist. Es geht um einfache Dinge wie die Wahl des Verkehrsmittels oder die Hotelsuche, aber auch um inhaltliche Dinge wie eine detaillierte Planung der Tage (um einen groben Rahmen zu haben) und genaue, ausführliche Absprachen mit der Redaktionsleitung (inhaltlich, organisatorisch). Einige Dinge sind noch nicht zu planen, beispielsweise Interviews (Anzahl, Personen, Zeitpunkt des Gesprächs) oder Trainingstermine (entscheiden sich erst im Trainingslager am Abend zuvor). Es ist z. B. möglich, sich Interviewpartner zu wünschen – aber ohne Gewähr. Mir wurde in diesem Jahr kein Wunsch erfüllt, aber mit den drei Ersatz-Interviews war ich sehr zufrieden, vor allem mit Danny Latza.

Jedenfalls begann das Trainingslager für mich am Abend vor der Ankunft der Mannschaft in Österreich, nachdem ich den Mietwagen (ein Ford) abgeholt hatte und mit meiner Familie noch einmal zu Abend gegessen hatte. Damit ich nicht volle neun Stunden am kommenden Tag durchfahren muss, beschloss ich, die Hinfahrt nach etwa fünf Stunden gegen 23 Uhr zu unterbrechen (irgendwo bei Nürnberg). Die Fahrt wird als schlimmste Gewitterfahrt in mein Autofahrer-Leben eingehen (zwischen Frankfurt und Würzburg mit Warnblinker auf der rechten Spur bei 20 km/h). Im Autobahnhotel direkt an der A3 (zu günstig, um wahr zu sein) hatte ich ein Nichtraucher-Zimmer gebucht, in dem es bestialisch nach kaltem Rauch stank. Hatte schon bessere Nächte.

Dienstag, 29. Juni, Tag 2 – Ankunft & Check-In / Tagesplan unterwegs telefonisch mitteilen, 15.40 Uhr: Erstes Training (bis etwa 17 Uhr), anschließend Mixed Zone mit Reinhold Ranftl

Am Abend im Zentrum von Mittersill - EM gucken!

Am Abend im Zentrum von Mittersill – EM gucken mit den Kollegen!

Der klassische Anreisetag: Früh (aber nicht zu früh, ausgeschlafen sein ist wichtig) am Autobahnhotel los, ab über die Grenze, Hotel finden, einchecken, im Ort zurechtfinden (Sportplatz, Mannschaftshotel, Supermarkt, Restaurants / immer meine erste Amtshandlung, damit ich später nicht suchen muss), kurz Mittagessen. Inhaltlich war der erste „ganze“ Tag noch überschaubar – wir fingen die Print-Berichterstattung über Fotos der Bus-Ankunft und des ersten Trainings und eine Personal-Info ab. Wir S04-Reporter der verschiedensten Medien schauten am Abend das deutsche EM-Achtelfinale gemeinsam – unsere ganz persönliche Opening Ceremony. Um es vorwegzunehmen: Wir waren trotz der Konkurrenz der Verlage eine wirklich tolle Gruppe. Dass unser Verständnis so gut war, hat die 13 Tage enorm erleichtert. Denn man verbringt im Reporterkreis schon sehr viel Zeit zusammen, allein durch die festgelegten Journalistenplätze.

Der (finde ich) immer wieder besonders anstrengende Anreisetag endete für mich jedenfalls zeitnah nach dem EM-Spiel in meinem Hotel. Müüüde.

Link:

„Schalke reist ohne Ahmed Kutucu und Rabbi Matondo nach Mittersill“ – hier.

Mittwoch, 30. Juni, Tag 3 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, 10.30 Uhr: Training (bis etwa 11.50 Uhr), anschließend erst Fan-Talk mit Dimitrios Grammozis und Rouven Schröder sowie dann Mixed Zone mit Schröder // zweites Training wegen eines Unwetters abgesagt

Am ersten „ganzen“ Tag hatte sich Mittersill noch von der schönsten Seite gezeigt: sonnig, wunderbar, 30 Grad im Schatten. Am zweiten aber zeigte sich ab dem frühen Nachmittag, was es auch bedeuten kann, in den Bergen zu sein. Gibt es dort ein Gewitter, hält es sich. Stundenlang. Deshalb fiel die für den Nachmittag geplante Einheit buchstäblich ins Wasser.

Also verbrachte ich sehr ungewollt den 30. Juni, abgesehen von einem Abendessen, ab 12.30 Uhr auf meinem Hotelzimmer und dem dazugehörigen Balkon. Es entstanden dabei aber u. a. viele Online-Stücke und eine Lokalsport-Schalke-Seite.

Links:

„Warum Harit gegen den HSV nicht spielen soll“ – hier.

„Plakat-Panne: Schalke muss neues Trikot früher präsentieren“ – hier.

„Schröder sieht von E-Sport-Erlös keinen Cent“ – hier.

„Für Kabak liegen Anfragen aus In- und Ausland vor“ – hier.

„Danny Latza ist Favorit auf das Amt des Kapitäns“ – hier.

„Ranftl will Terodde zum Torschützenkönig machen“ – hier.

Donnerstag, 1. Juli, Tag 4 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, 10 Uhr: Erstes Training (bis etwa 12.25 Uhr), anschließend Mixed Zone mit Marvin Pieringer, 13 Uhr: Podcast „Fußball Inside“ aus dem Hotelzimmer plus Vor- und Nachbereitung, 16 Uhr: Zweites Training (bis etwa 18.25 Uhr), 20 Uhr: Interview mit Marcin Kaminski im Schloss Mittersill / anschließend abtippen und aufbereiten

Ich glaube, ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für alle Spieler, wenn ich sage: Wow, was ein Höllentrip…

Interview mit Marcin Kaminski. (Foto: Tim Rehbein / RHR-Foto)

Interview mit Marcin Kaminski im Schloss Mittersill. (Foto: Tim Rehbein / RHR-Foto)

So richtig klasse war das Wetter nach dem Gewitter-Horror des Vortages zwar immer noch nicht (Seahawks-Hoodie-Zeit) – aber das Training dafür umso anstrengender. An zwei Einheiten (von mir in den Tagen danach häufig erwähnt) quälte Trainer Grammozis die Spieler insgesamt fast fünf Stunden lang. Mit Athletik, Taktik, einem Trainingsspiel und, und, und. Was eine Tortur.

Für mich hieß es an diesem vierten Tag: der erste Podcast „Fußball Inside“ mit meiner Beteiligung. Themen waren aber nicht nur Schalke, sondern auch das EM-Aus der DFB-Elf und Borussia Dortmund. Zudem stand am Abend das erste Interview auf dem Programm – mit Abwehr-Zugang Marcin Kaminski im Mannschaftshotel „Schloss Mittersill“ (mit dem Auto etwa zehn Minuten entfernt). Kein Profi, über den ich besonders viel wusste bisher. Training 1 plus Podcast plus eine Seite Lokalsport plus digitale Berichterstattung plus Training 2 plus Interview… Das Motto: in die Vollen.

Aber eins kann ich noch hinzufügen: Wenn ich mich daran erinnere, wie langsam Marcin Kaminski die Treppenstufen zum Rittersaal hinunterging – so schlecht hatte ich es dann doch nicht erwischt, trotz eines Arbeitstages von 8.30 bis 22.30 Uhr.

Links:

„Die ersten Gewinner und Verlierer in Mittersill“ – hier.

„US-Nominierung: Schalke muss lange auf Hoppe verzichten“ – hier.

„Pieringer: Das unterscheidet mich von Terodde“ – hier.

„Podcast: EM-Aus – und Neuanfang bei Schalke und dem BVB“ – zur aktuellen Ausgabe des Podcasts „Fußball Inside“ geht es hier.

Freitag, 2. Juli, Tag 5 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan für Freitag & Samstag / erste Absprache, 11 Uhr: Interview mit Michael Langer im Schloss Mittersill / anschließend abtippen und aufbereiten, 16.30 Uhr: Training (bis etwa 18.45 Uhr), vorher Mixed Zone mit Rouven Schröder

Interview mit Michael Langer auf der Schloss-Terrasse.

Interview mit Michael Langer auf der Schloss-Terrasse. (Foto: Tim Rehbein / RHR-Foto)

Ein Interview kommt selten allein. Die Profis durften morgens etwas länger schlafen – ich nicht. Bei diesmal etwas besseren Temperaturen konnte ich auf der Schloss-Terrasse mit Michael Langer sprechen. Er ist zwar „nur“ der dritte Torwart, hat aber doch sehr viel zu sagen. Schönes Gespräch!

Im Gegensatz zum Tag davor blieb diesmal genug Zeit, um bis zum Training und danach alles erledigen zu können – um 21 Uhr war ich pünktlich in einem italienischen Restaurant am Marktplatz zum Abendessen mit den Kollegen. Einmal Lasagne bitte.

Links:

„Ahmed Kutucu vor Istanbul-Wechsel: So viel Ablöse kassiert Schalke“ – hier.

„Fan-Ärger über hohe Trikotpreise ist verständlich“ – zum Kommentar hier.

„So denkt Schröder über Gastspieler Mikhailov“ – hier.

„Training zu hart: Salif Sané muss abreisen“ – hier.

„Wie Schalke-Trainer Grammozis die 26 Profis quält“ – hier.

Samstag, 3. Juli, Tag 6 – 16 Uhr: Testspiel in Kufstein (etwa 1:30 h Autofahrt entfernt) gegen Zenit St. Petersburg, anschließend Gespräche mit Dimitrios Grammozis, Marius Bülter und Blendi Idrizi

Kennt Ihr den Film „Happy Gilmore“ noch? Irgendeine 90er-Komödie mit Adam Sandler über einen rüpelhaften Golfspieler, der mit seltsamen Methoden den weltbesten Profi besiegt? Immer, wenn es dem Hauptdarsteller nicht gut geht, denkt er an irgendeinen „Happy Place“ – so hat er die Orte abgespeichert, die für ihn die schönsten sind. Auf dem Weg zum Testspiel in Kufstein (etwa 90 Minuten mit dem Auto pro Fahrt) hielten wir zum Mittagessen auf der Müllneralm mit großartigem Blick auf die Kitzbüheler Alpen bei über 30 Grad. Eindeutig ein Anwärter für einen Happy Place. Lange blieben wir leider nicht, die Pflicht…

Mittagessen auf dem Weg zum Testspiel auf der Müllneralm bei Kitzbühel.

Mittagessen auf dem Weg zum Testspiel in Kufstein auf der Müllneralm bei Kitzbühel.

War am Abend ein nettes Spiel in einem netten kleinen Stadion bei unglaublich wundervollem Wetter. Endete 0:0. Für den Lokalsport (erscheint nicht am Sonntag) musste ich diesmal sogar nicht mitarbeiten. Erleichterte den Abend etwas.

Links:

„Schalke-Zugang Kaminski: Ich bin eher Waldoch als Hajto“ – zum Interview geht es hier.

„Schalke holt 0:0 gegen Zenit – Pieringer vergibt den Sieg“ – zum Spielbericht geht es hier.

„Schalke-Trainer Grammozis: Darum habe ich Sané nicht geschont“ – hier.

„So bewertet Marius Bülter sein erstes Schalke-Spiel“ – hier.

Sonntag, 4. Juli, Tag 7 – trainingsfrei, Zeit am Vormittag für eine private, ausgiebige Wanderung nach Rettenbach // bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, Themen am späten Nachmittag: Transfer von Ahmed Kutucu wird offiziell (17 Uhr), Auslosung der ersten DFB-Pokalrunde (18 Uhr)

Ein trainingsfreier Tag – gut, endlich einmal nicht zum Stadion laufen und zurück. Auch keine Interviews oder sonstige offizielle Gespräche mit Klubvertretern standen auf dem Terminplan. Nur: „18 Uhr Pokal-Auslosung“.

Wanderung von Mittersill nach Rettenbach und zurück - Frühsport.

Wanderung von Mittersill nach Rettenbach und zurück – Frühsport.

Deshalb nahm ich mir am Vormittag zweieinhalb Stunden, um bei 28 Grad durch die Berge und Wälder zum Nachbarort Rettenbach zu wandern. Naja, eher zu spazieren als zu wandern. Kühe standen im Weg, nachdem ich mich verlaufen hatte, musste ich eine steile Wiese hochkraxeln – all inclusive eben. Herrlich. Könnte noch mehr schildern, bin aber kein Reisejournalist.

Ab 14 Uhr begann ich diesmal meine Produktionszeit im Hotel, dann aber durch bis zum späten Abend – Ahmed Kutucu & dem DFB-Pokal sei dank…

Links:

„Offiziell: Schalke verkauft Ahmed Kutucu nach Istanbul“ – hier.

„Kutucu geht: Nachvollziehbar – aber schmerzhaft“ – zum Kommentar geht es hier.

„DFB-Pokal: Wer sich in Villingen freut und was Schröder sagt“ – hier.

Kuh-Begleitung während der Wanderung bei 28 Grad.

Kuh-Begleitung während der Wanderung bei 28 Grad.

„Schalke im Trainingslager: Grammozis zieht Zwischenbilanz“ – hier (veröffentlicht am 5. Juli um 6 Uhr).

Montag, 5. Juli, Tag 8 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, 10 Uhr: Erstes Training (bis etwa 12 Uhr), anschließend Mixed Zone mit Marcin Kaminski und Fan-Talk mit Gerald Asamoah, 13 Uhr: Podcast-Sonderfolge „Fußball Inside“ aus dem Hotelzimmer plus Vor- und Nachbereitung, 16 Uhr: Zweites Training (bis etwa 18 Uhr)

Schon die Hälfte des Trainingslagers rum, kaum zu fassen. Nach drei Tagen mit nur einer „Aktivität“ nun wieder zwei volle Trainingseinheiten. Weiter ging’s mit der Belastung, dazu kam die Aufzeichnung einer Sonderfolge „Podcast aus Mittersill“.

An diesem Tag hatte ich mich an das Pensum endlich gewöhnt – und es erschien normal, von morgens früh bis in den späten Abend hinein unterwegs zu sein und die beiden Handys zweimal am Tag aufzuladen.

Links:

„Wie Langer über den Torwarttrainer-Wechsel denkt“ – zum Interview mit Michael Langer geht es hier.

„Schalke-Podcast: Neue Abwehrspieler gesucht“ – zur Sonderfolge des Podcasts geht es hier.

„Nach Sané reist auch Raman vorzeitig ab“ – hier.

Dienstag, 6. Juli, Tag 9 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, Vorbereitung, 10 Uhr: Erstes Training (bis etwa 12.15 Uhr), 13 Uhr: Live-Fan-Talk aus dem Hotelzimmer plus Vor- und Nachbereitung, 15 Uhr: Zweites Training (bis etwa 17.30 Uhr) inkl. Kurzgespräch mit Peter Knäbel

Finde es sehr erstaunlich, wie selbstverständlich die TV-Reporter oft am Tag live zugeschaltet werden und wie auf Kommando lächeln und eine grammatikalisch blitzsaubere Eine-Minuten-Analyse in die Kamera sagen können. Mein persönlicher Höhepunkt heute war der WAZ-Live-Talk. Was gut war: Alles klappte gut und zum ersten Mal in der Geschichte konnten wir nicht alle Fragen beantworten. Was schwierig war: Ist alles live. Nicht im Gesicht kratzen, deutlich sprechen (immer!), nicht nuscheln, auf die verabredete Kameraposition achten und, und, und.

WAZ-Live-Talk aus Mittersill!

WAZ-Live-Talk aus Mittersill!

Zwei Trainingseinheiten, Talk, Produktion plus eine Verabredung mit den übrigen Reportern zum EM-Public-Viewing mit Blick auf die Berge – ein schöner Tag.

Links:

„WAZ-Leser fragen Reporter“ – wer sich den Live-Talk ansehen möchte, hier entlang.

„So viele Neue haben bereits einen Stammplatz sicher“ – hier.

„Schrecksekunde um Ralf Fährmann – Mascarell überzeugt“ – hier.

„Harit bricht Training ab – Sonderschicht für Mendyl“ – hier.

„Schalke-Torhüter: Warum Fährmann einen Vorsprung hat“ – hier.

Mittwoch, 7. Juli, Tag 10 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, 10 bis 14.30 Uhr: Journalisten-Wanderung via Schösswendklamm und Hintersee zur Meilinger Alm, 16 Uhr: Training (bis etwa 18.20 Uhr), anschließend Mixed Zone mit Florian Flick, 19.04 Uhr: Fan-Talk mit Christina Rühl-Hamers und Peter Knäbel (bis etwa 19.50 Uhr)

So eine Aktivität des Klubs mit Journalisten ist keine ultrageheime Sache, vielmehr üblich in allen Trainingslagern wahrscheinlich europa-, fast weltweit… Ich gehe damit nicht offensiv um, schon gar nicht in den sozialen Medien – weil es sich stets um Hintergrundgespräche handelt. Da es Kollege Frank Leszinski aber in den Ruhr Nachrichten öffentlich gemacht hat, möchte ich ihn zitieren: „Zu den angenehmen Terminen in einem Schalker Trainingslager gehört die Einladung des Vereins, etwas gemeinsam mit den Medienvertretern zu unternehmen. Da Schalke in Österreich zu Gast ist, lag es nahe, diesmal eine Bergwanderung zu machen. (…)  Dass beim Start die Smartphones und Handys eingesammelt wurden, fand meinen uneingeschränkten Beifall. Ohne solche digitale Ablenkung lässt sich die Natur rund um Mittersill einfach viel besser genießen. Allerdings gab es eine Ausnahme. Sportdirektor Rouven Schröder musste unbedingt erreichbar bleiben. Ab und zu musste er telefonieren.“

Traumziel: der Hintersee ein paar Kilometer hinter Mitttersill.

Traumziel: der Hintersee ein paar Kilometer hinter Mitttersill.

Und meine private Einschätzung nach über zwei Stunden Wanderung über etwa 4,9 Kilometer und über 350 Höhenmetern: Der Hintersee gehört zu den Top-10-Zielen, die ich in meinem Leben bereist habe – eindeutig auch ein Happy Place.

Links:

„Schalke erwartet Ozan Kabak am Montag zum Training“ – hier.

„Flick fühlt sich auch für Abwehrrolle bereit“ – hier.

„Grevelhörster wird Asamoahs Assistent“ – hier.

Donnerstag, 8. Juli, Tag 11 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / erste Absprache, 10 Uhr: Erstes Training (bis etwa 12 Uhr), anschließend Mixed Zone mit Thomas Ouwejan, 16 Uhr: Zweites Training (bis etwa 17.50 Uhr), inklusive Mixed Zone mit Rouven Schröder zur Torwartfrage, 18.45 Uhr: Interview mit Danny Latza im Schloss Mittersill, 20.30 Uhr: Kamingespräch mit Dimitrios Grammozis im Schloss Mittersill / anschließend Latza-Interview abtippen und aufbereiten

Und direkt das nächste Ereignis, das Frank Leszinski verraten hat, ich aber nirgendwo offiziell erwähne… Auch ein Hintergrundgespräch (Fachjargon: Kamingespräch) mit dem Cheftrainer (der am Journalisten-Event nie teilnimmt) ist in einem Trainingslager üblich. Es fand diesmal am vorletzten Abend statt, während es draußen lautstark gewitterte. Frank schreibt hierzu: „(…) und am Abend traf sich der Schalker Trainer noch mit den mitgereisten Journalisten. Da gab es wie üblich bei solchen Terminen Hintergrundinformationen aus erster Hand, die ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind. Das ist ein ehernes Gesetz – und deshalb ist hier Schluss.“ Daran halte ich mich auch.

Interview mit Kapitän Danny Latza. (Foto: Tim Rehbein / RHR-Foto)

Interview mit Kapitän Danny Latza. (Foto: Tim Rehbein / RHR-Foto)

Der Tag bis zum Kamingespräch war einer der härteren – zwei lange Trainingseinheiten, dazu ein Interview mit Danny Latza (abtippen in der Nacht) plus Produktion. Und das Ganze bei einem Hintergrundgeräusch, das mit „Dauergewitter“ am besten zusammengefasst ist: toll.

Links:

„Schröder eröffnet Torwart-Baustelle – ein Fehler“ – zum viel diskutierten Kommentar geht es hier.

„Ouwejan: Härtestes Trainingslager meines Lebens“ – hier.

„Bleibt Schalke Mittersill treu? Entscheidung wohl im August“ – hier.

Freitag, 9. Juli, Tag 12 – bis 9.15 Uhr: Tagesplan / Absprachen für Freitag, Samstag & Sonntag, eigentlich Check-Out (der Hotelbesitzer gab mir aber kostenfrei bis 16 Uhr mein Zimmer samt Schreibtisch, DANKE!), 18.15 Uhr: Testspiel gegen Schachtjor Donezk in Mittersill, anschließend Gespräche mit Dimitrios Grammozis, Simon Terodde und Mehmet Can Aydin, ab 21 Uhr Rückfahrt

Einmal mit der Kitzbühler Panoramabahn hoch und wieder runter.

Einmal mit der Kitzbühler Panoramabahn hoch und wieder runter.

Letzte Tage sind immer blöd – ob bei einem Urlaub oder auch in einem Trainingslager. In diesem Fall fühlte ich mich fast an den Super Bowl erinnert. Auch da waren die Koffer nach anstrengenden Tagen bereits gepackt, viele Höhepunkte bereits erlebt – doch ein Highlight stand zum Abschluss der Reise, unmittelbar vor der Rückreise noch auf dem Programm. Naja, hier enden die Gemeinsamkeiten. Ein Super Bowl ist nicht vergleichbar mit einem Testspiel von Schalke gegen Schachtjor Donezk.

Die Besitzer meines Hotels erleichterten mir den Tag enorm, da sie mir mein Hotelzimmer unentgeltlich bis 16 Uhr zur Verfügung stellten. Deshalb war mein Output an diesem Tag ohne Vormittagstermin noch höher als an den übrigen Tagen. Und ein wenig Glück hatte ich auch an diesem Tag: Ich hatte das erste Interview mit dem neuen Kapitän Danny Latza.

Links:

„Schalkes neuer Kapitän Danny Latza: Diese Entscheidung ehrt mich“ – zum Interview geht es hier.

„Wie erwartet: Danny Latza neuer Kapitän“ – hier.

„Danny Latza ist Kapitän: Eine logische Entscheidung“ – hier.

„Warum Naldo nicht mehr unter Vertrag steht“ – hier.

„Schalke-Faktencheck: Will der AC Florenz Matija Nastasic holen?“ – hier.

„Schalke bleibt bei Test gegen Donezk erneut ohne Gegentor“ – der Spielbericht hier.

Trainer Dimitrios Grammozis nach dem letzten Testspiel.

Trainer Dimitrios Grammozis nach dem letzten Testspiel.

„Schalke-Trainer Grammozis: Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht“ – hier.

Samstag, 10. Juli, Tag 13 – Ankunft im Ruhrgebiet, Nachbereitung

Mit der Ankunft zu Hause nach einer bis auf zwei Blitzer ereignislosen Nachtfahrt bis morgens um halb sechs (abgesehen vom Geisterfahrer am Offenbacher Kreuz, der eine erheblichen Umweg zur Folge hatte) ist alles vorbei? Mitnichten, und damit ist nicht nur das Koffer auspacken gemeint. Der Mietwagen muss nach sehr wenigen Stunden Schlaf noch zurückgebracht werden – und die Redaktionen benötigen für die zwei Tage nach dem Trainingslager auch noch Schalke-Texte. Also noch einmal im Pott ab an die Tastatur…

Links:

„Startelf gegen HSV: Mehmet Can Aydin hat gute Chancen“ – hier.

„Schalke-Fazit: Wer gesetzt ist, wer ins Team drängt“ – hier (veröffentlicht am 11. Juli um 9 Uhr).

Das letzte Foto nach 13 anstrengenden Tagen und vor der langen Rückfahrt.

Das letzte Foto nach 13 anstrengenden Tagen und vor der langen Rückfahrt.

Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball, Gelsenkirchen, Reisen, Ruhrgebiet | Kommentare deaktiviert für 13 Tage Trainingslager – wie es für mich als Schalke-Reporter ablief

Link-Tipp: Live-Talk mit mir zum FC Schalke 04

Heute gibt es einen ganz, ganz winzigen Eintrag, da ich Euch eigentlich nur einen Link anreichen möchte: Für unser neues Live-Talk-Format „WAZ live auf Schalke“ stand ich unserem Online-Redakteur Christopher Kremer 30 Minuten lang Rede und Antwort, Fragen hatten wir zuvor via Mail oder Social Media angefragt.

Einfach HIER klicken und los geht’s! Viel Spaß!

Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball | Kommentare deaktiviert für Link-Tipp: Live-Talk mit mir zum FC Schalke 04

Inside-Report: Wie die Arbeit während eines Spiels aussieht

Es wird mal wieder Zeit für einen Inside-Report – viele von Euch fragen mich auf allen möglichen Wegen, wie meine Arbeit während eines Spiels laufen würde. Meist enthalten diese Fragen einen ironischen Unterton, und dazu Begriffe wie „Füße hochlegen“ und  „locker quatschen“. Meist werden auch Kaltgetränke erwähnt. Doch ganz so einfach ist das – natürlich – nicht. Was ich Euch hier schildere, ist ein Bruchteil meiner Arbeit – und natürlich nur mein Ansatz. Jeder Reporter hat seine eigene Strategie, je nach Medium und Auftrag. Da ich Transparenz mag und mich nicht verkriechen will: So läuft ein Spiel grob ab – auch wenn sich je nach Wochentag, Anstoßzeit oder heim/auswärts Nuancen verschieben.

1. Die Spielvorbereitung

a) Bevor ich zu Hause losfahre, sind natürlich einige Sachen zu tun und zu klären. Da wäre zum einen die Spielvorbereitung (für Auswärtsspiele zusätzlich die Reisevorbereitung…), die natürlich in der Vorberichterstattung während der Woche begonnen hat, die ich aber am Vormittag vor einem Spiel intensiviere – das heißt natürlich: lesen, lesen, lesen. Spielberichte, Interviews, Reportagen, Analysen, taktische Details des Gegners etc. Findet das Spiel auswärts statt, bereite ich mich im Zug vor.

"Der" Zettel nach dem Derby zwischen Schalke und Borussia Dortmund am 20. Februar 2021.

„Der“ Zettel nach dem Derby zwischen Schalke und Borussia Dortmund am 20. Februar 2021.

b) Dann gibt es mit der Redaktion einige Dinge abzusprechen – zum Beispiel: Welche Texte werden zu welcher Uhrzeit in welcher Länge verlangt? Von Medium zu Medium ist dies höchst unterschiedlich – manche benötigen z. B. für die Arbeit im Stadion nur einen Notizblock und ihr Handy. Mindestens drei Texte von mir – vielleicht habt Ihr das online an Spieltagen schon verfolgt – entstehen in einem Zeitraum zwischen eine Stunde vor dem Spielbeginn und Schlusspfiff. Zum einen ein „Warm up“ mit den wichtigsten Informationen zur Aufstellung – und mit dem Abpfiff ein Spielbericht und die Einzelkritik. Doch damit endet die Arbeit nicht. Die Online-Berichterstattung wird um Analysen und Stimmen ergänzt – und je nach Uhrzeit und Wochentag sind zusätzliche Texte für die Print-Produkte vorgesehen. Social Media (Twitter / Facebook / Instagram) bediene ich automatisch nebenher. Dazu aber später mehr.

c) Die wichtigste Frage, die ich kläre: Wer ist mein Kontakt im Innendienst? Ohne den geht es nicht. Mit dieser Person spreche ich bei besonderen Ereignissen (z. B. schwere Verletzung, Fan-Plakate / -Proteste) ab, wer den aktuellen Online-Text während des Spiels schreibt – auch die Einzelkritik entsteht in Kooperation. Zudem bekomme ich vom Innendienst die wichtigsten TV-Stimmen mitgeteilt. In einigen Stadien gibt es Fernseher auf der Pressetribüne (z. B. Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen), in anderen (z. B. Schalke) nicht.

2. Meine Arbeitstasche

Ja, es haben einige nach dem Inhalt meiner Tasche gefragt 🙂 🙂 Die Details sind wirklich uninteressant – ich habe immer mein an vielen Ecken kaputtes iPad (runtergefallen, oft) und mein Laptop (plus Ladekabel) dabei. Falls eins von beiden ausfällt (vor allem bei Kälte streikt das iPad oft), habe ich noch Ersatz… Dazu (für den Winter) Handschuhe, ein Block, ein paar Stifte, ein bisschen Verpflegung und sämtliche Unterlagen fürs Spiel (aktuell z. B. der Covid-19-Fragebogen).

3. Arbeitsablauf auf der Pressetribüne

a) Ich bemühe mich, etwa 75 Minuten vor dem Anpfiff auf meinem Platz zu sitzen. In Corona-Zeiten ist das nicht einfach. Union Berlin lässt Journalisten erst 60 Minuten vor dem Anstoß ins Stadion. Ich beginne dann den Warm-up-Text, finalisiere ihn, nachdem die Aufstellungen gekommen sind (die sind ja aktuell recht simpel vorherzusehen), schicke ihn in die Redaktion. Ein bisschen Social Media, die erste telefonische Absprache – und dann: Konzentration aufs Spiel. Beispiele: Beobachtungen während des Aufwärmprogramms, kurzer Smalltalk mit den Kollegen (wir verstehen uns ja gut) und – meine Strategie – „den“ Zettel vorbereiten, der am Spieltag für meine Berichterstattung maßgeblich ist. Ich vermerke dann die von mir erwartete taktische Struktur mit ein paar Notizen zum jeweiligen Spieler. Das erleichtert Formulierungen. Viele Zusatzinfos muss ich nicht mehr vermerken – die Biographien der S04-Spieler habe ich weitgehend im Kopf.

b) Während des Spiels habe ich beide Rechner (so sie funktionieren und aufgeladen sind) aufgeklappt: Laptop zum Schreiben und Chatten mit der Redaktion, auf dem iPad schaue ich bei Twitter nach und rufe regelmäßig die wichtigsten Statistiken ab. Früher hatte ich dort regelmäßig SkyGo laufen, inzwischen habe ich aber festgestellt, dass irgendwo in unmittelbarer Nähe ein Bildschirm zu finden ist. Gibt es eine strittige Szene, muss ich mich dann einfach nur strecken 🙂 SkyGo auf meinem eigenen iPad hat mich immer nur abgelenkt. Auch mein Handy liegt dort und wird rege bedient…

c) In der ersten Halbzeit schaue ich, so simpel das klingt, Fußball. Ich telefoniere dann nur im Notfall mit der Redaktion, twittere selten. Die Text-Dateien „Spielbericht“ und „Einzelkritik“ bleiben komplett leer – mögliche Formulierungen, rhetorischen Kniffe etc. habe ich maximal schon im Kopf. Dafür sammeln sich die Striche auf meinem Zettel. Ich sortiere z. B. die Spieler um, so wie sie taktisch „wirklich“ auf dem Platz stehen. Notiere mir Details zur Strategie, Torchancen (für den Bericht), einzelne Aktionen (für die Einzelkritik).

d) Die Pause fällt für mich dann aus. Ich telefoniere erst fünf bis zehn Minuten bzgl. der Einzelkritik, schildere meine Eindrücke, die dann der Innendienst zusammenschreibt. Dann schreibe ich für den Spielbericht bis zum Wiederanpfiff durch – Details zur Aufstellung, zur Taktik, Zusammenfassung der ersten Halbzeit. Häufig kommen noch WhatsApps von verschiedensten Personen, die ich schnell beantworte.

e) Zwischen der 45. und 65. Minute schaue ich dann wieder Fußball – den Kontakt zum Innendienst halte ich ab dann nur noch schriftlich, wenn es z. B. um wichtige Aktionen für die Einzelkritik geht. „Der“ Zettel ist dann so gut gefüllt, dass nur noch ich durchblicke, was wo steht.

f) Ab etwa der 65. Minute wird es stressig. In 25 Minuten plus Nachspielzeit muss der Spielbericht finalisiert werden, der stets grob 4000 Zeichen umfassen soll. Mit einem Auge zu schreiben und auf Daten zu schauen und dem anderen weiter auf den Platz zu sehen ist schwierig, aber Übungssache. Ein Spielverlauf // 0:0 bis zur 65. Minute, Endstand 2:2 (alles schon vorgekommen) mit vielen taktischen Änderungen // ist deshalb der Horror für mich.

Das Weserstadion in Bremen - Blick von der Pressetribüne.

Das Weserstadion in Bremen – Blick von der Pressetribüne.

Es gibt auch die sogenannten „Laptop-Spiele“, den Begriff habe ich häufiger schon getwittert. Agentur-Kollegen nennen sie „Agentur-Spiele“. Das sind Partien wie die meisten von Schalke in dieser Saison: sehr früh entschieden, der Spielbericht steht schon weit vor dem Abpfiff. Etwas spöttisch benutzen wir den Begriff „Laptop-Spiel“, wenn z. B. in der 94. Minute das 1:1 fällt und man den soeben in die Redaktion geschickten Text noch an vielen Stellen umbauen muss. In ganz kurzer Zeit. Verlängerungen und Elfmeterschießen sind für aktuelle Schreiber auch ganz besonders kacke. Da ich schon über knapp 1200 Spiele berichtet habe, dann fast 450 aus der Bundesliga, bedeutet diese aktuelle Arbeitsweise für mich immer noch eine Menge Stress, aber ich habe mich daran gewöhnt. Mein Geschwindigkeitsrekord war übrigens das Champions-League-Spiel von Schalke bei Manchester City. Da habe ich unmittelbar nach dem 5:0 (71. Minute) den Text geschickt – und die Mail mit dem Hinweis versehen: „Weitere Tore einfach ergänzen“.

g) Die auch nach meinen telefonischen und schriftlichen Hinweisen fertig geschriebene Einzelkritik bekomme ich vom Innendienst zwischen der 85. und 90. Minute zugeschickt, mache ganz kurz Korrekturen und meine Noten-Vorschläge. Passiert danach nichts Entscheidendes mehr, ist dieser Text fertig und kann schnell online gestellt werden.

h) In der aktuellen Saison konnte ich den Bericht fast immer kurz vor dem Abpfiff schicken, aber spätestens zwei, drei Minuten nach dem Schlusspfiff. Dazu noch ein wenig Social Media – und durchatmen.

4. Nach dem Spiel

Erst einmal trinke ich meist etwas und verstaue dann „den“ Zettel in meiner Arbeitstasche… Wenn Bericht und Noten online stehen und die aktuellsten TV-Stimmen gesammelt sind, telefoniere ich mit unserem Innendienst. Fragen: Wie hast Du das Spiel gesehen? Wer hat bei den Stimmen was gesagt? Gab es umstrittene Szenen? Welche „Nachdreher“ brauchen wir? Hast Du Ergänzungen ggf. zu meinen Fragen in der Pressekonferenz?

In Vor- (und hoffentlich bald Nach-) Corona-Zeiten gibt es nach dem Spiel die Mixed Zone. Das heißt: Auf Spieler warten, Fragen stellen, Stimmen sammeln. Aktuell sind Reporter im Stadion auf TV-Spielerstimmen angewiesen. Die Pressekonferenz ist virtuell, oft über Zoom oder Microsoft Teams. Meist schreibe ich aus dem Stadion noch einen Online-Text – und der kann wirklich alles sein: Kommentar (meistens), Trainer-Stimme (oft), ausführliche Taktik-Analyse (wenn etwas besonders gut oder schlecht war), Personal-Update nach einer Verletzung, Kommentare zu strittigen VAR- oder Schiedsrichter-Entscheidungen oder, oder, oder. Dann sind nach Abpfiff anderthalb Stunden vergangen und ich fliege meist aus dem Stadion.

5. Wieder in der Redaktion / im Homeoffice

Auf der Rückfahrt telefoniere ich meistens durch. Es gibt unterschiedliche Gesprächspartner. Auf jeden Fall ist zum letzten Mal der Innendienst dabei, zwecks Absprache für den Rest-Abend und/oder den folgenden Tag. In der Redaktion (oder aktuell: im Homeoffice) angekommen, lese ich erst einmal quer, wie und was die Kollegen berichten, welche Akzente sie gesetzt haben. In Ruhe scrolle ich durch alle wichtigen Foren und sozialen Netzwerke, neuerdings höre ich natürlich auch bei Clubhouse rein. Das Sportstudio und die TV-Fußballtalkshows sind auch Pflichtprogramm.

Und dann klappe ich den Rechner meistens noch einmal hoch, hole „den“ Zettel aus der Tasche und bearbeite das mit dem Innendienst abgesprochene. Je nach Anstoßzeit ist (selten) kein Text mehr nötig, manchmal einer, manchmal zwei.

Und dann endet so ein Tag. Die Füße habe ich dann kein einziges Mal hochgelegt 😉

Veröffentlicht unter Allgemein, FC Schalke 04, Fußball | Kommentare deaktiviert für Inside-Report: Wie die Arbeit während eines Spiels aussieht