Die Es-wird-eng-Tour

Am 19. November 2007 schrieb ich erstmals eine Konzertkritik für den Kulturteil im WAZ-„Mantel“ – Die Ärzte spielten in der Dortmunder Westfalenhalle. Ich bekam eine Akkreditierung für den ersten von drei Konzertabenden.

37 500 Zuschauer sahen an drei Tagen „Die Ärzte“ in der Dortmunder Westfalenhalle. Drei Rocker im Midlife-Crisis-Alter spielten im Rahmen der „Es wird eng“-Tour Songs aus 25 Jahren Bandgeschichte
Ein riesiger schwarzer Vorhang verdeckt die Bühne. Ein weißes „a“ mit drei Punkten kündigt „Die Ärzte“ an. Dreimal füllte das Berliner Punkrock-Trio von Freitag bis Sonntag die Dortmunder Westfalenhalle, bespaßte insgesamt 37 500 Fans. 37 500! Die ersten Gitarrenklänge, die erste Zeile von „Himmelblau“, Opener des aktuellen Albums. Nach einer Minute fällt der Vorhang, und Juuuubel im Rund. Sie sind da. Wieder da. Endlich da.

Schwarze Kleidung tragen die drei, aber himmelblau ist die Atmosphäre. „Jetzt stehst du hier und du hörst nicht auf zu lachen, die Welt gehört dir – und der Rest deines Lebens beginnt, yeah“. YEAH! Farin Urlaub mit blond gefärbten Haaren wie vor 25 Jahren bedient die Gitarre. In der Mitte steht Bela B. am Schlagzeug, Rodrigo Gonzales am Bass platziert sich rechts. Im Anzug. Sie sind zwischen 39 und 44 Jahre alt, im reifen Rock-Alter. Von den Klassikern spielen sie die bekanntesten wie „Zu spät“ und „Westerland“, lassen aber auch einige wie „Elke“ weg. Rocken ohne Unterbrechung?

Jedes Ärzte-Konzert besteht aus Verschnaufpausen. Zwölf der 16 Songs des aktuellen Albums „Jazz ist anders“ spielt das Trio, doch nicht alle sind konzerttauglich. Die Klasse eines Ärzte-Konzertes lässt sich an der Länge der Band-Unterhaltungen zwischen den Songs ablesen. Diesmal reden Farin, Bela und Rod nicht viel. Vor „Nie wieder Krieg, nie wieder Las Vegas“ sagt Farin: „Dieses Lied hätte Blixa Bargeld gern geschrieben.“ Diese Anmerkung hat noch Niveau. Nach einer Handy-La Ola – alle Fans halten ihre beleuchteten Displays in die Höhe – flüstert Farin aber: „Vielen Dank für die sinnlose Batterieverschwendung“ und fügt hinzu: „Sollen wir noch stumpfer werden?“ Die Fans brüllen: „JAAAA!“

Doch nicht alles ist Nonsens. In seltenen Momenten wird’s politisch. Als Bela vor dem Song „Tu das nicht“ laut die „Todesstrafe für illegale Downloader“ verlangt, klatschen nur wenige aus der Generation Internet. Textsicher sind die Fans bei „Deine Schuld“, grölen „Geht mal wieder auf die Straße, geht mal wieder demonstrieren!“ Nach dem Anti-Nazi-Song „Schrei nach Liebe“ fordert Farin Demos gegen NPD-Aufmärsche.

Doch der Höhepunkt ist das noch nicht. Nach fast zweieinhalb Stunden folgt Lied Nummer 30 auf der Setlist, „Junge“, die aktuelle Single. Gänsehaut, laut, lauter, am lautesten. „Junge, warum hast du nichts gelernt?“ Das können alle. Auch den Refrain: „Und wie du wieder aussiehst!“ Das ist gut, fantastisch, Schweißperlen tropfen – doch . . . die letzte Strophe beginnt Farin mit dem falschen Text, bricht das Lied sofort ab und beginnt die Strophe von vorn. Hoch, runter, laut, leise, hüpfen, still stehen. Ein typischer Moment.

38 Songs in drei Stunden, davon zwölf Zugaben. Drei Männer im Midlife-Crisis-Alter erklären Dortmund für „rockbar“. Die Fans schwitzen, gehen zufrieden heim.

Nicht nur am ersten Abend.

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