Speldorfer stehen wieder an der Spitze

Am 14. April 2005 berichtete ich für die WAZ/NRZ Mülheim aus Straelen über den knappen 1:0-Erfolg des VfB Speldorf im Fußball-Verbandsligaspiel beim SV Straelen. Ich kann mich daran erinnern, dass sich der Vertreter des Speldorfer Hauptsponsors am Veröffentlichungstag über den negativen Unterton des Berichts beschwert hat und dass der VfB deutlich besser gespielt hätte… Wer’s glaubt …

Rein in den Text:

Kurz vor der Pressekonferenz warf Piero Lussu einen Blick auf das TV-Gerät im Klubhaus des SV Straelen. Als der Trainer des VfB Speldorf den WDR-Videotext erblickte, da sah er es schwarz auf weiß: Sein Team ist nach dem glücklichen 1:0 (1:0)-Auswärtssieg wieder Tabellenführer in der Fußball-Verbandsliga. So sehr wie diesmal hatten sich die Spieler des VfB in dieser Saison noch nicht über einen Sieg gefreut. Unmittelbar nach dem Abpfiff bildeten sie einen Kreis laut: „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“ Der 1:0-Erfolg war ein wichtiger Schritt Richtung Oberliga. Die 750 Zuschauer sahen kein hochklassiges, aber jederzeit spannendes Spitzenspiel. „Beide Mannschaften haben ihr spielerisches Potenzial nicht ausgeschöpft. Die nervliche Anspannung war zu groß“, meinte Trainer Lussu.

Lussu setzte auf dieselbe Startelf wie beim 1:3 bei den Amateuren von Rot-Weiß Oberhausen. Und die VfB-Formation wollte die Schlappe wiedergutmachen. Nach drei Minuten lief Dirk Roenz alleine auf das Straelener Tor zu, schoss jedoch Torwart Marian Gbur an. Vier Minuten später ließ Birkan Yilmaz drei Straelener ins Leere laufen – aber auch er schoss Gbur in die Arme. In der 10. Minute rissen alle Speldorfer die Arme hoch. Eine eigentlich harmlose Flanke von Andreas Przybilla konnte Gbur erst knapp hinter der Linie festhalten – 1:0.

Nach dem Torjubel mussten die Speldorfer 80 Minuten lang zittern. Denn ab der 11. Minute waren die Straelener feldüberlegen, während sich der VfB in die eigene Hälfte zurückzog und auf Konter lauerte. Diese Taktik ging jedoch lange Zeit nicht auf, weil den Speldorfern zu viele Abspielfehler unterliefen. Die Straelener wurden bis zur 79. Minute aber nur bei Standardsituationen gefährlich – vor allem, wenn Damir Knezovic den Ball vor das VfB-Tor schlug. In der Eckball-Statistik lag Straelen am Ende mit 9:2 vorn.

Für Przybilla war das Spiel schon zur Pause beendet. Nach einer Schwalbe hatte er in der 42. Minute „Gelb“ gesehen. Das brachte Lussu auf die Palme. Bei Przybilla lagen Licht und Schatten wieder eng beieinander. In der zweiten Halbzeit passierte in den Strafräumen ganz lange nichts. In der 64. Minute stockte den Speldorfern trotzdem der Atem. Christian Flöth, der Straelens Torjäger Ercan Aydogmus vorher in Zusammenarbeit mit Stefan Janßen gut beschattet hatte, musste mit einer Oberschenkelzerrung raus. Rafael Synowiec übernahm die Aydogmus-Bewachung.

Nun wurde es eine Abwehrschlacht. Zweimal kam Straelen noch gefährlich vor das Tor, doch weder Björn Tebart (79.) noch Amir Sogoli (87.) konnten den starken Keeper Gregor Nijhuis überwinden. Neben Nijhuis und Flöth überzeugten vor allem Stefan Janßen und Yasar Kurt. Auch der VfB hatte noch Chancen, beide durch Cemal Kelle (71./81.).

Das intensive Spitzenspiel endete in einem Handgemenge. Nach einer vermeintlichen Tätlichkeit an Marco Ferreira sah Straelens Björn Tebart „Rot“ – zu hart. Nach vier Minuten Nachspielzeit hatten es die Speldorfer dann geschafft: Sie stehen wieder ganz oben. „Wir haben es nun selbst in der Hand“, sagte Piero Lussu.

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Oberliga-Aufstieg rückt näher

Am 18. April 2005 berichtete ich für die WAZ/NRZ Mülheim über das Fußball-Verbandsligaspiel zwischen dem VfB Speldorf und Ratingen 04/19 (2:1).

Rein in den Text:

Das große Ziel rückt immer näher. Nur noch fünf Spiele trennen den Fußball-Verbandsligisten VfB Speldorf vom Aufstieg in die Oberliga. Doch ein Spaziergang wird die Endphase nicht, denn die Grün-Weißen bekommen nichts geschenkt. Um Ratingen 04/19 mit 2:1 (1:1) Toren zu bezwingen, brauchte der VfB viel Kampfgeist und Glück.

So langsam scheint auch das Speldorfer Publikum zu begreifen, dass ihre Mannschaft der Oberliga zuletzt vor 20 Jahren so nah war. 700 Zuschauer kamen zum Blötter Weg. Direkt nach 2:17 Minuten brauste ein Jubelschrei durch Speldorf. Nach einem tollen Pass des fleißigen Andreas Przybilla erzielte Jens Schulz ganz abgeklärt das 1:0 – ein Traumstart.

VfB-Trainer Piero Lussu musste seine Wunschelf umbauen. Anstelle des verletzten Christian Flöth verteidigte Michael Baum. Mit dem ersten Tor beruhigte sich das Spiel. Die Speldorfer verwalteten die Führung, die Ratinger waren harmlos. Auch auf der Tribüne war es leise. Zwischen der 29. und 32. Minute ging es dann ganz schnell. Dennis Wienhusen (29.) und Samuel Sibilski (30.) vergaben zwei gute Chancen für Ratingen, und zwei Minuten später hieß es plötzlich 1:1. Nach einer Flanke von Sibilski hatte Michael Baum seinen eigenen Torwart Gregor Nijhuis per Kopf überwunden – Pech für den VfB.

Nun war allen Zuschauern klar, dass den Grün-Weißen ein Zitterspiel bevorstand. Denn die Ratinger präsentierten sich nicht wie ein Team, für das es um nichts mehr geht. Sie waren stets gefährlich. „Schade, dass meine Mannschaft gegen schlechtere Gegner nicht auch eine solche Leistung gebracht hat“, sagte Ratingens Trainer Tim Kamp.
Die Speldorfer waren feldüberlegen. Sie kämpften um jeden Zentimeter, doch der letzte Pass kam meist nicht an. Torchancen gab es auf beiden Seiten, für Speldorf gleich dreimal durch Marco Ferreira (55./59./63.). Die Ratinger Stanislav Tesic (64.) und Dirk Wallrafen (77.) scheiterten an Speldorfs Torwart Gregor Nijhuis.
VfB-Trainer Piero Lussu ging volles Risiko. Als sich Abwehrchef Stefan Janßen verletzte (61.), brachte er nicht Verteidiger Björn Rohpeter, sondern Stürmer Frank Cho. Das Spiel hätte in beide Richtungen kippen können. Das Happyend gab es für die VfB-Fans. Nach einer Traumflanke von Dirk Roenz köpfte Cemal Kelle das glückliche, aber verdiente 2:1-Siegtor (79.). Fünf Minuten später sah der Ratinger Benjamin Schäfer nach einem Foul noch „Gelb-Rot“.

Nach dem Abpfiff atmeten alle tief durch. Lussu hatte nur eine Bitte an die Zuschauer: „Wir brauchen mehr Unterstützung vom zwölften Mann auf den Rängen. Dann können wir unser Ziel erreichen.“

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Schützenfest begann bereits nach 99 Sekunden

Am 30. April 2005 berichtete ich für die WAZ/NRZ Mülheim über das Fußball-Verbandsligaspiel zwischen dem VfB Speldorf und dem SC Kapellen-Erft (8:1).

Rein in den Text:

An diesen Freitagabend werden sich die Fans des Fußball-Verbandsligisten VfB Speldorf noch lange erinnern. Mit einer fantastischen und oberligareifen Leistung deklassierte der Spitzenreiter gestern Abend den SC Kapellen-Erft mit 8:1 (3:0) Toren. Die Szenen direkt nach dem Abpfiff glichen fast schon einer Aufstiegsparty. Die Spieler waren kaum zu halten, jubelten mit den Fans, der Beifall kannte keine Grenzen. Alle 770 Zuschauer gingen begeistert nach Hause. Mitten auf dem Rasen stand Trainer Piero Lussu, auch außer Rand und Band. „Das war perfekter Fußball“, sagte der Coach. Doch noch sind drei Spiele zu absolvieren. Wenn die Grün-Weißen den Schwung aus dem gestrigen Fußballrausch mitnehmen, dann brennt nichts mehr an.

Bereits nach 99 Sekunden ging das Schützenfest los. Nach einem Foul von Torsten Müllers an Marco Ferreira gab es zurecht Elfmeter. Andreas Przybilla verwandelte sicher zum 1:0 – und das war der Startschuss für eine Fußball-Demonstration.

Das Speldorfer Angriffsspiel war so variabel, dass den bedauernswerten Gästen schwindelig wurde. Häufig knackten die Grün-Weißen die SC-Abwehr mit langen Pässen. Michael Klauß brillierte mit seiner tollen Übersicht. Aber auch mit Doppelpässen kam der VfB oft vor das SC-Tor. Hier zeichneten sich Jens Schulz und Andreas Przybilla aus. Für sehenswerte Einzelaktionen war Marco Ferreira auf der linken Angriffsseite zuständig. Bärenstark spielte auch Rafael Synowiec im defensiven Mittelfeld. Das Chancenverhältnis betrug am Ende 16:3 für die Speldorfer.

Weil die ersatzgeschwächten Gäste sich fast wehrlos ergaben, fielen die Tore zwangsläufig. Und zwei gehörten sogar zur Kategorie „Tor des Monats“. Beim 2:0 verwandelte Jens Schulz eine Traumvorlage von Klauß (15.). Das 5:0 durch Marco Ferreira (59.) war die Krönung des Spiels. Nach einer Ecke von Przybilla leitete Stefan Janßen den Ball auf Ferreira weiter, und der traf mit einem Volleyschuss aus 16 Metern Entfernung in den Winkel.

Zwei Spieler erzielten ihr erstes Saisontor. Verteidiger Christian Flöth küsste nach dem 3:0 (25.) erst einmal seine Frau. Der A-Jugendliche Volkan Onur traf zum 7:1 (75.). Die übrigen Tore verteilten sich auf Cemal Kelle (4:0, 53.) und Birkan Yilmaz (6:0, 75./8:1, 89.). Einziger Schönheitsfleck war der Ehrentreffer durch Thomas Tröster zum 1:6 (72.). Doch der störte die Jubelparty am Blötter Weg nur kurz.

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8.-10. Oktober 2004. Turku-Mülheim – mit Zug und Schiff.

Meine ungewöhnlichste Urlaubs-Rückfahrt absolvierte ich vom 8. bis 10. Oktober 2004 – und ich möchte in diesem Zusammenhang wirklich von „absolvieren“ schreiben… Vom finnischen Turku (dort hatte ich ein paar Tage meinen alten Schulfreund Björn besucht, der mit dem Erasmus-Programm ein durchaus gemächliches Semester Medizin hinter sich brachte) bis Mülheim reiste ich erst mit dem Schiff und dann mit dem Zug – 29 Stunden lang.

Auf meiner „ersten“ Homepage schrieb ich das hier:

Diese Rückfahrt war meine letzte große Prüfung im Jahr 2004. Fünf verschiedene Stationen, 29 Stunden insgesamt, und das nach 25 zum großen Teil sehr anstrengenden Tagen. Als ich die ganze Rückfahrt Anfang August buchte, wusste ich wirklich nicht, ob das die richtige Entscheidung sein würde.

Es war richtig.

Ich habe es genossen.

Ja, diese Tour war genauso geplant und genauso gewollt. Hin ging es noch ganz schmucklos und unromantisch mit der Billig-Fluglinie „Germanwings“, für geschmeidige 29,99 Euro von Köln/Bonn bis Helsinki und von dort für fast genauso viel mit dem Bus bis zum Busbahnhof von Turku. Und zurück wollte ich was Besonderes, Bleibendes, Irres, NIE dagewesenes… und ganz alleine insgesamt 29 Stunden reisen, nee, das hatte ich wirklich noch nicht, und vor allem durch insgesamt drei Länder.

So sah die Rückfahrt aus:

Station 1 – FÄHRE VON TURKU NACH STOCKHOLM, Freitag, 8. Oktober 2004
Abfahrt: 21 Uhr, ab Turku (VIKING LINE)
Ankunft in Stockholm: 6.30 Uhr Ortszeit

Ich meisterte nicht zum ersten Mal die Strecke Finnland/Schweden per Nachtfähre – was sich als unschätzbarer Vorteil erweisen sollte. Denn mit den Gegebenheiten auf diesen nicht großen, aber wahrlich auch nicht kleinen Gefährten umzugehen, ist für Unwissende und nicht geübte Touristen etwas schwierig. Meine insgesamt vierte Fahrt (zweimal Stockholm/Helsinki und einmal Helsinki/Stockholm vorher) war die einsamste – logisch, weil ich ja auch alleine reiste; und doch prallgefüllteste, weil ich nämlich erstmals von Freitag auf Samstag fuhr und eine ganz eigene skandinavische Art der Wochenendgestaltung kennenlernte, die da nämlich lautet: freitags um 21 Uhr die Fähre in Turku nehmen, dann dort am Viking Buffet volllaufen lassen (für 20 Euro Essen und Trinken in ausreichender Menge umsonst) – und das bis 23 Uhr. Dann einkaufen im Duty-free-Shop und das dort eingekaufte sowie das ohnehin mitgebrachte auf irgendeinem Gang vertilgen, und anschließend in einer der wenig vorhandenen Lokalitäten auf dem 11-Stockwerke-Dampfer versacken. Am nächsten Tag um 6.30 Uhr Ortszeit lautet das Ziel dann Stockholm, und genau zweieinhalb Stunden später geht es mit derselben Fähre zurück und dann wird erst einmal der Rausch ausgeschlafen. So geht’s, oder?

Meine Baby-Kabine auf der "Isabella"Was mich am meisten störte, war die Lage meiner Kabine. Wenn das Schiff abgesoffen wäre, hätte es mich als erstes oder ganz am Schluss erwischt. Meine Kabine lag im untersten Deck (noch unter den beiden Autodecks) und dort in der hintersten Ecke. Die Gewissheit, mich gerade mindestens zehn Meter unter dem Meer und unter Massen an Autos zu befinden, beruhigte mich nicht wirklich. Ausschlafen konnte ich nicht.

 

Station 2 – ZUG (X2000) VON STOCKHOLM NACH KOPENHAGEN, Samstag, 9. Oktober 2004, Abfart 10.20 Uhr
Stockholm 10.20 Uhr
Stockholm-Flemingsborg 10.31 Uhr
Norrköping Central 11.36 Uhr
Linköping Central 12.01 Uhr
Mjölby Station 12.16 Uhr
Nässjö Central 12.54 Uhr
Alvesta Station 13.28 Uhr
Hässleholm Central 14.02 Uhr
Lund Central 14.26 Uhr
Malmö Central 14.42 Uhr
Kastrup / Koebenhavn Lufthavn 15.08 Uhr
Koebenhavn H 15.23 Uhr

Dass Stockholm meine Traumstadt ist, habe ich an diversen Stellen dieser Homepage schon betont. Dementsprechend bereue ich zutiefst, nur vier ganz müde Stunden im Anschluss an eine anstrengende Schiffsreise verbracht zu haben. Aber allein die halbe Stunde, in der ich im Morgengrauen durch Gamla Stan (die Altstadt) in die Innenstadt spazierte, ganz langsam, genießend, immer wieder anhaltend, allein dafür hat sich die ganze Rückreise-Mühe gelohnt.
Ansonsten erlebte ich von Stockholm an diesem kalten Vormittag nicht viel. Aber doch genug, um mir selbst zu schwören: Hier bist du nicht zum letzten Mal gewesen. Hier kommst du auch ein fünftes, sechstes und siebtes Mal noch hin. Und wirst immer wieder etwas Neues entdecken. Es ist ein unerklärliches Phänomen: Jeder Mensch hat seine eigenen Lieblingsecken. Und meist ist die Sympathie schon beim ersten Schritt da. So war es 1994 auch bei mir und Stockholm. Meine Liebe zu Stockholm hat mich seitdem nie losgelassen, nicht 1996, bei meiner zweimaligen Rückkehr im Rahmen der Finnland-Freizeit, und erst recht nicht 2001, als Björn und ich im Rahmen unseres Nordkapp-Urlaubs hier drei volle Tage verbrachten.
Jedes Mal, wenn ich Stockholm besuche, habe ich das Gefühl, in einer Weltstadt, in DER Weltstadt zu sein, und doch gleichzeitig weiß ich, dass ich im kleinsten Dorf Europas bin. Das Wasser, die Seen, die Ausläufer der Ostsee unterteilen Stockholm in ganz ganz viele kleine Stadtteilchen und beruhigen ungemein. Eine Stadt ohne großen Fluss, ohne „Wasseranschluss“, ist für mich keine Stadt, das weiß ich seit Stockholm. Das liberale Schweden zeigt sich besonders in der Hauptstadt, eben in Stockholm. Die Leute sind freundlich, zuvorkommend, die kulturellen Möglichkeiten enorm, die alternative Szene ordentlich. Langweilig wird es in dieser Stadt nie. Jeder Abend, jeder Sonnenuntergang unter einer der unzählbaren Brücken, wäre ein Lebenshöhepunkt. Natürlich ist Stockholm auch eine touristisch hochinteressante Stadt, mit sehr sehenswerten Museen (Beispiel: Wasa-Museum mit dem gleichnamigen Schiff, ich war 2001 dort) und der überaus sehenswerten Altstadt (Gamla Stan). Dort liegt unter anderem das (auch zu besichtigende) königliche Schloss. Für jugendliche Reisende ist Stockholm aufgrund der interessanten Jugendherbergen eine Reise wert: Die erste liegt auf einem still gelegten Segelschiff (dort nächtigte ich 2001), das zweite in einem nicht mehr genutzten Gefängnis.

Vielleicht – als Appetizer – noch ein kurzer Ausschnitt aus dem „Baedeker Skandinavien, Seite 421“:

„Die Stadt liegt auf Inseln und Halbinseln an der Mündung des Mälarsees in die Ostsee. Die See bildet hier eine tiefe Bucht: Die Schären und hochaufragenden Felsen sowie die zahlreichen Wasserarme dieser küstennahen Region machen die reizvolle Lage Stockholms aus. Schön ist auch die Umgebung mit Wäldern und Gewässern, Schlössern und Küstenorten.

Stockholm ist die Hauptstadt Schwedens. Über Seen und Kanäle steht sie mit dem Binnenland in Verbindung. Ihre Vorstädte sind zum Teil aus Villenvierteln hervorgegangen. Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden in den Außengebieten Wohnvororte mit Einkaufszentren und Satellitenstädte.“

 

Station 3 – ZUG (EC 32) VON KOPENHAGEN NACH HAMBURG, Samstag, 9. Oktober 2004, Abfahrt 15.47 Uhr
Koebenhavn H 15.47 Uhr
Hoeje Taastrup 16.01 Uhr
Ringsted 16.25 Uhr
Naestved 16.40 Uhr
Nykoeping F 17.16 Uhr
Roedby 17.36 Uhr
FÄHRE NACH PUTTGARDEN (Netto-Fahrtzeit: 45 Minuten)
Puttgarden 18.35 Uhr
Oldenburg (Holstein) 19.06 Uhr
Lübeck Hbf 19.47 Uhr
Hamburg Hbf 20.17 Uhr

Nach der anstrengenden Schiffsfahrt und der megakurzen Nacht brachte ich die mehr als dreieinhalb Stockholm-Stunden mit einem ausgedehnten Spaziergang vom Hafen bis zum Bahnhof und einem ausgiebigen Frühstück samt Buchführung in einem dortigen Café hinter mich. Als ich im Zug „X 2000“ Richtung Kopenhagen abfuhr, als die fünfeinhalbstündige Fahrt begann, fiel ich sofort in einen tiefen einstündigen Schlaf.

 

Sonnenuntergang - das Foto entstand auf der Fähre von Rödby nach PuttgardenStation 4 – ZUG (IC 2309) VON HAMBURG NACH DORTMUND, Samstag, 9. Oktober 2004, Abfahrt 20.45 Uhr
Hamburg Hbf 20.45 Uhr
Hamburg-Harburg 20.56 Uhr
Bremen Hbf 21.47 Uhr
Diepholz 22.15 Uhr
Osnabrück Hbf 22.42 Uhr
Münster Hbf 23.06 Uhr
Dortmund Hbf 23.37 Uhr

Zwangsläufig etwas wacher war ich von 15.30 Uhr bis 0.30 Uhr, den verbleibenden neun Reisestunden. In Kopenhagen hatte ich gar keine Zeit, der EuroCity wartete schon am Bahnsteig gegenüber. Die Zeit im EC war sehr abwechslungsreich. Erst zwei Stunden Zugfahrt, dann eine Stunde auf der Fähre von Rödby bis Puttgarden (mit der Fußball-Übertragung des Länderspiels Iran gegen Deutschland… ich sah das Tor von Fabian ERNST!) und dann wieder ne Stunde im Zug. In Hamburg angekommen, war ich froh, dass es bald vorbei ist. Die restlichen vier Stunden bis Mülheim verbrachte ich vor meinem Laptop und bearbeitete Bilder. Finnische und schwedische Bilder.

 

Station 5 – ZUG (RE 10142) VON DORTMUND NACH MÜLHEIM – Samstag, 9. Oktober 2004, Abfahrt 23.45 Uhr
Dortmund Hbf 23.45 Uhr
Bochum Hbf 23.56 Uhr
Wattenscheid 0.01 Uhr
Essen Hbf 0.09 Uhr
Mülheim Hbf 0.15 Uhr

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Wenn der Morgen graut

Am 21. September 2002 bloggte ich über das 2:2 des VfL im Auswärtsspiel bei Hannover 96. Am Rande des Spiels traf ich Domi, mit dem ich einst, 1997 in Mülheim-Broich, die Abiprüfungen bestand. Domi studierte 2002 in Hannover Landschaftsarchitektur. Der VfL glich in der Nachspielzeit aus, und doch war es nach einem Saisonstart auf der linken Spur ein lahmer Kick. Ein 2:2, das müsst Ihr Euch mal vorstellen…

Ich nannte den Text „Wenn der Morgen graut – Über die schätzungsweisegemäße 97. Minute und eine sanfte, depressive Gitarre“:

„Kurz vor der ersten Straßenbahn, sind alle Wege öde und leer“, hat Sven Regener mit seiner Band Element of Crime gesungen. Dazu eine sanfte, depressive Gitarre, der Hauch einer durchgefeierten Nacht als nicht hörbares Instrument im Hinterkopf. Die erste Straßenbahn hat ihre Strecke längst schon dreimal hin- und zurück abgefahren, okay, das gebe ich zu. Aber morgens um 10.10 Uhr sind Ende September die Wege in Mülheim öde und leer. Ich verlasse das Haus Richtung Hannover, wieder ein Auswärtsspiel, man muss ich irre sein, zupfe mir den Rollkragen meines Pullis zurecht, lege den Schal um, diesmal nicht zur Dekoration, sondern zum Wärmezweck. Und dieses Lied schwebt mir im Kopf rum. Das mit der Zeile von den Wegen, die öde und leer sind. Es heißt „Wenn der Morgen graut“ und passt zu meiner Stimmung wie meine Mutter zu meinem Vater. „Wo ist der Gott, der uns liebt/Ist der Mensch, der uns traut/Ist die Flasche, die uns wärmt/Wenn der Morgen graut“. Und die zweite Zeile beginnt „Kurz vor der ersten Straßenbahn, sind die Gedanken müde und schwer“. Dazu eine sanfte, depressive Gitarre, der Hauch einer… siehe oben. Meine Backen plustern sich auf. Wenn in den Hosentaschen nebst Block, Portmonee, Tageszeitungen und Digitalkamera noch Platz wäre, würde ich meine Hände darin vergraben. Meine Augen sind so dunkel wie Finnland im Winter, die Ringe darunter so groß wie die von Derrick.

„Ich bin 30 Jahre nicht Bahn gefahren. Muss das erst wieder lernen“, brüllt eine etwa 175-jährige Frau kurz vor dem Essener Hauptbahnhof. Ey Frau es ist viertelvorelf, an einem Samstagmorgen, ich war gestern spät im Bett. GEH MIR NICHT AUF DEN ZEIGER!!! Was ist an Bahn fahren schwer? Auf den Knopf drücken, einsteigen, bis zur gewünschten Haltestelle fahren, auf den Knopf drücken, aussteigen, FERTIG! Manmanmanmanman… Unentspannt bin ich heute, du liebe Güte. Der ICE Richtung Berlin Ostbahnhof wartet am Bahnsteig gegenüber, den reservierten Platz suchen. Irgendwie werden Auswärtsspiele mit der Bahn mehr und mehr Routine.

Früher, ja früher hatte ich noch das Auto. Über die Autobahnen Deutschlands brezeln, die Musik laut aufdrehen. Hatte auch was. Aber jetzt Bahn fahren; für so einen ruhigen Zeitgenossen und Hobby-„Schilderer“ wie mich das Paradies. Mir gegenüber grinst mich ein FAZ-Leser an, der nach Stettin in Polen fährt. Direkt hinter mir sitzt eine Mutter mit ihrem etwa dreijährigen Kind, dem ich während der zweistündigen Fahrt den Spitznamen „Sirene“ verpasse. Huh, der Morgen graut, und meine Gedanken sind noch schwerer. Was muss es dem Kind schlecht gegangen sein. Oh ja, Kaffee, wär nett. Bimmelimm, da kommt der Wagen angefahren. Ja super, 0,2-l-Becher für (!) 2,35 Euro! Nee, lieber nicht. Dann doch den in Mülheim gekauften Kamps-Kakao besser einteilen. Mein Highlight der Hinfahrt: Eindeutig das T-Shirt der ziemlich hübschen Bimmelimm-Dame. Vorne und hinten mit allen Preisen drauf. Man sieht das bescheuert aus. Will sie mir aber nicht verkaufen. Links neben mir zwei – sagen wir – Machos, die die zwei – sagen wir – etwas aufgebrezelten 25-jährigen Tussis (die zwei Reihen vor mir sitzen) angraben. Am Ende rückt eine „Silvia“ ihre „0163“-Nummer raus, aber so, dass diese direkt der ganze Großraumwagen erfährt. Muss die es nötig haben. Ich werd nicht anrufen. Die Fahrt geht an Ostwestfalen (…-Idioten, Scheiß Arminia Bielefeld – siehe Bericht aus der Saison 2001/2002) vorbei, an der Platzanlage vom RSV Seelze (direkt an einer fünf- oder achtgleisigen Bahnstrecke. Ich möchte da nicht übers Tor schießen). Dirk aus München – der an dieser Stelle oft zitierte – schreibt ne SMS: „Du bist wirklich in Hannover? Du Wahnsinniger!“ Was wäre ein Auswärtsspiel, ohne einmal der Wahnsinnigkeit bezichtigt zu werden!?! Hannover Hauptbahnhof, der Zug hält, das ging ja schnell.

Hannover, das letzte Mal war ich im Oktober 2000 hier, bei der Expo, als sich Hannover als Weltstadt profilieren wollte. Das ging absolut und total in die Hose (hätte ich auch vorher schwören können), aber getreu dem in der Werbung vorgetragenen Motto „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder“ bin ich halt dort gewesen. Übrigens haben wir mit ein paar Mann bei Domi gepennt, der just in diesem Monat anfing, in Hannover „Landschaftsarchitektur“ zu studieren. Wir haben zusammen Abi gemacht, 1997, im Bildungsbunker Broich, nie so richtig viel miteinander zu tun gehabt, aber so ein Fußballspiel ist doch ein willkommener Anlass für ein kleines Pläuschchen, zumal er eine 96-Dauerkarte hat. Lange Vorrede, kurzer Sinn: Der Morgen graut immer noch, als wir uns um 13 Uhr vor dem Bahnhof, vor dem komischen Reiterstandbild von König August (sind die Hannoveraner auf so eine Scheiße wirklich stolz?) treffen. Auch das scheint wohl zu einer – wie ich finde sehr angenehmen – Tradition zu werden: Kein Auswärtsspiel allein zu verbringen. In Leverkusen mit Thommy, in Hannover mit Domi, bald in München bei Dirk. Klasse. Es geht vorbei am Aegidientorplatz. „Und – was machste so?“ „Oh je, muss am Montag ne Klausur schreiben!“ „Hab ich hinter mir!“ „Und würde bald gern ein Jahr ins Ausland gehen!“ Vorbei am alten Rathaus. „Ach, Hannover ist ja Schröder-Stadt!“ „Ich hab den schon zweimal gesehen, privat. Einmal stand der so nah neben mir, da hätte ich dem ein Messer in den Rücken rammen können!“ Vorbei am naturwissenschaftlichen Museum (in dem eine (!) Hochzeit (!!), wirklich (!!!), stattfindet), auf zum Maschsee. Stadion in Sichtweite.

„Ein Pils, eine Cola!“ „Wie schmeckt das Pils denn?“ „Herrenhäuser ist gar nicht schlecht. Aber in Mülheim kommt nur KöPi ins Glas!“ Wir pflanzen uns auf eine der weißen Bänke, die einen Blick auf den See erlauben. Domi, aufgrund seines Nachnamens auch gern „Pilsmann“ gerufen, steckt sich eine Zigarette an, pustet den Rauch aus. Ein Hund springt kraftvoll einem Stock in den Maschsee hinterher. „Andi, da gibt’s Karpfen, die sind genauso groß wie der Hund!“ Ein Rundfahrtschiff dreht seine Runden. Die Ruhe vor dem Spiel. Kein Fußball ist das Thema. Nettes Gespräch. 14.30 Uhr. Vorbei an einer Kirmes. „Ist drei Wochen Schützenfest hier!“ Die Hannover-Kurve. „Schönes Spiel Andi“ „Schönes Spiel Domi. Ich mach mir keine großen Hoffnungen!“

Das Stadion ist groß, der Weg bis zur Gästekurve weit. Dann mal rein mit der gefüllten Pizza, die mich stark an jene bei „Rock am Ring“ erinnert, die ich mir täglich zweimal reinfegte. Auf der Eintrittskarte steht „Block G 26“, am „Block G 26“ steht „heute geschlossen“! Hä? Gut, ab in „Block G 28“, hat 11 Euro gekostet, ist komplett besitzplatzt. Ach ja, und wie ich diese Köppe vermisst habe, die als einziges Wort nur „Hurensohn“ kennen und als einziges Lied dieses Onkelz-Gebrülle von „Senioritas im Arm, Tequila lauwarm“. Siehe Fürth, im Ruhrstadion sehe ich die Deppen nie. Zum Glück gibt’s davon in Bochum nur 20, in Aachen ist da ne ganze Kurve voll von. Trotzdem, an einem ergrauten Nachmittag stören die ein wenig. Das Stadion füllt sich langsam, ein paar Millisekunden lugt die Sonne hinter dem Grauingrau hervor, Bochumer brüllen „Bochum ist ne tolle Stadt, da lässt es sich gut leben, nun fahren wir zum Auswärtsspiel und benehmen uns daneben!“ Jemand zeigt den Hannover-Fans seinen nackten Arsch. Ne is klar! Es scheint, als berechtige ein Fanschal dazu, seinen Charakter komplett zu wechseln. Irgendwie ist das bei mir gar nicht anders. So apathisch ich auch im ICE gesessen haben mag, 15.20 Uhr, heißa kathereinerle, jetzt steigt der Adrenalin-Spiegel. Völlig zurecht. „Ich kenn meine Jungs, das geht schief“, gab ich Domi mit auf den Weg. Und Hannover kommt. Zwar nicht zwingend, aber doch überlegen. Nur ein Gegenangriff, dann Fahrenhorst-Kopfball, Tor! Nennt man das abgezockt? 1:0-Führung, danach geschieht nicht mehr viel. Bochum hält die Führung. Bis, ja bis Bobic ausgleicht. So ein Gurkentor, Äppelken. 1:1 zur Halbzeit, verdient. Adrenalinspiegel hoch, aber nicht am Siedepunkt. Spielnote vier.

Aber es sind ja noch 45 Minuten zu spielen. Und es wird heftig. Wieder ein Herzinfarkt-Spiel, der Kick, den ein Fußballspiel mit sich bringen kann. Wie in den Abstiegsjahren ist Bochum dem Gegner hoffnungslos unterlegen. Seitdem Neururer Trainer ist (nicht einmal beim 1:6 in Oberhausen, das Spiel zählt nur halb), war mein VfL noch nie so hilflos. Der Druck der Hannoveraner wird so stark, dass einem in der eigenen Fankurve die Luft wegbleibt. Ich greife mir an den Hals, schnappe nach Sauerstoff, ähnlich wie 1000 andere. Keine Anfeuerungsrufe mehr drin, nicht mal von den Ultras. Noch hat Rein van Duijnhoven 1000 Arme. Noch fegt der Kalla wenigstens in der Luft alles weg. 1:1, 55. Minute; 1:1, 65. Minute, aber dann: Ein Freistoß, ein Kopfball von Linke, 2:1. Proteste, Abseits? „Aber drei Meter“, rufe ich laut, wie alle Bochumer. „Ich hab den Linienrichter bis hierhin schlafen gehört!“ Er steht 150 Meter weg. Verdient ist das, hochverdient. Und wenigstens Linke – den hab ich im Kicker-Manager-Spiel. Gut, 1:2-Auswärtsniederlage, vielleicht noch 1:3. Die Hannoveraner haben das verdient. Jetzt rennen unsere vermutlich noch wild an, aber das gibt eh nix mehr. Eine Hashemian-Chance (vielleicht doch das 2:2), dann aber einige Konter. Das Herz schlägt schneller. Ein letzter VfL-Angriff, 90. Minute. Bemben über rechts, Flanke, Tapalovic, TOR, Trikot vom Leib, jubeln. Abgezockt?

Abpfiff, doch noch Spielnote drei. Vier Tore, einen Punkt mitgenommen, da kann ich mit leben. Ich schlurfe Richtung Ausgang, äußere murmelnd meinen Unmut über die völlig übermotivierte Hannoveraner Polizei (erst stürmt sie ohne Grund mit zwanzig Mann den Bochumer Block, dann kesseln die nur so genannten Ordnungshüter die VfL-Fans nach dem Abpfiff ein, auch mich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon keinen Schal mehr trage, sondern ihn in der Tasche verstaut habe), schleiche um die Bullen-Pferde rum, sehe Domi. Hihi. „Wie blöd muss man sein?“, frage ich. „Wenn ihr nicht gewinnen wollt, dann nehmen wir halt den Punkt mit“, antworte ich selbst. Rückweg. Vorbei am Maschsee. Am Museum. Am Rathaus. „Tschüss Domi!“ „Andi, ich muss noch lernen!“ Ab zum Hauptbahnhof. 30 Kinder (wirklich Kinder, so 14/15 Jahre alt) haben sich versammelt, brüllen eine halbe Stunde lang „Bochumer Hurensöhne“ (wie ich schon mal sagte, irgendwann in der letzten Saison: Ich glaub, die 20 VfL-Fans, über die ich mich manchmal aufrege, sind im Liga-Vergleich total harmlos). Die zwei Sonderwaggons für die VfL-Fans sind an meinen IC angekoppelt – das heißt, sie werden den ganzen Zug bevölkern. Jippiiii! „Wir sind die Ruhrpott-Kanaken“, rufen einige vor der Abfahrt. „Ich möchte Ruhe beim Kacken!“, brüllt jemand vom Klo. Der Zug hält diesmal häufiger. Minden, Bad Oeynhausen. „Ker ist datt schwer zu laufen!“, säuselt ein besoffener blau-weiß angezogener Mensch vor sich hin, dem der Zuggang wie ein Labyrinth vorzukommen scheint. „Boah bin ich müde. Ich muss gleich mal wieder oben pennen!“, sagt ein zweiter, fünf Minuten später. Er wird sich auf die Gepäckablage legen. Ein Fanclub schleppt palettenweise verschiedenste Biersorten mit. Moritz Fiege, Köpi, Becks, Veltins, Krombacher, Hansa. Herford, Bielefeld. Wieder taumelt ein Besoffener durch den Zug. Jemand fragt nach dem Ergebnis (warum eigentlich erst jetzt?). „Schätzungsweisegemäß in der … äh … 97. Minute das 2:2 gemacht!“, bringt er heraus. Aha. Gütersloh, es regnet ein wenig. Die Tropfen klopfen so sachte an die Fensterscheibe wie ein Angestellter an die Tür beim Vorstellungsgespräch. Ich nicke sanft ein. Hamm. Eine Durchsage, dieselbe zweimal, dreimal. „Aufgrund einer Geiselnahme am Bochumer Hauptbahnhof wird dieser Zug von Dortmund umgeleitet. Er fährt Bochum nicht an und hält erst wieder in Essen!“ „Scheiß Geiselnehmer! Wir singen Scheiß Geiselnehmer“ ist laut und deutlich aus dem hinteren Zugteil zu vernehmen. Dortmund. Essen. Schon in Dortmund sind viele ausgesteigen. Ich warte bis Essen, steige um in die S-Bahn. Nett war’s. Nicht überragend gut, aber nett.

„Kurz vor der ersten Straßenbahn, sind alle Wege öde und leer!“ Jetzt kann ich das singen. Es ist mitten in der Nacht. Stockfinster. Eins hat sich seit meiner Abfahrt vor 14 Stunden nicht geändert. Noch immer habe ich die sanfte, depressive Gitarre im Hirn, dazu den Hauch der durchfeierten Nacht als nicht hörbares Instrument. „Wo ist der Gott, der uns liebt/ist der Mensch, der uns traut/ist die Flasche, die uns wärmt/wenn der Morgen graut!“

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